Der Wald

Neustart

 

Der Wald war nicht romantisch. Der Wald war funktional.

 

Dunkle Stämme, ein schmaler Trampelpfad, irgendwo in der Ferne Straßenrauschen – nah genug, dass man wusste: Zivilisation ist da. Weit genug, dass man hier verschwinden konnte, ohne dass jemand Fragen stellte.

 

Dabi stand in einer kleinen Lichtung, den Mantelkragen hoch. Die Luft war kalt, aber um seine Hände herum war sie… falsch. Nicht warm. Fieberwarm. Blaue Flammen flackerten kurz auf, nur ein Test, dann erstickte er sie wieder.

 

Zu sichtbar.

 

Er hatte einen Treffpunkt. Ein Name. Ein „Broker“, der Leute wie ihn einsammelte und weiterreichte.

Noch keine Bindung. Noch kein Schwur. Nur diese Phase, in der man entscheidet, ob man sich in ein System verkauft – oder weiter allein bleibt.

 

Allein war sicher.
Allein war leer.

 

Er hasste, dass der zweite Satz überhaupt existierte.

 

Ein Knacken im Unterholz.

 

Dabi drehte den Kopf nicht sofort. Er ließ den Ton erst „reinlaufen“, als würde er die Entfernung messen.

Ein Schritt. Leicht. Kontrolliert.

 

Nicht wie ein Held, der ihn jagen will. Nicht wie ein Räuber. Eher wie jemand, der Angst hat, ihn zu erschrecken.

Sein Blick wurde schmal.

 

„Wenn du ein Held bist…“, murmelte er, „bist du dumm.“

 

Er hob die Hand, und diesmal ließ er die Flamme sichtbar werden. Nur groß genug, dass jeder verstand: Stopp.

Noch ein Schritt.

 

Dann trat sie ins fahle Licht zwischen den Bäumen.

 

Rosa Haare, lang, weich, als hätte sogar der Wald kurz aufgehört, dreckig zu sein. Sommersprossen, die in der Dämmerung wie kleine Lichtpunkte wirkten. Goldene Creolen. Tattoos wie Blumenranken über Hals, Arme, Beine – nicht „böse“, nicht „tough“ als Maske, sondern… als hätte sie sich selbst zu einem Kunstwerk gemacht.

 

Und ihr Blick.

 

Nicht ängstlich.


Nicht naiv.

 

Wiedererkennen.

 

Dabis Magen zog sich zusammen, als hätte ihn jemand an einer alten Narbe gepackt.

 

„…Nein“, dachte er sofort.
Nein. Das ist nicht möglich.

 

Sie atmete einmal ein, als würde sie sich zwingen, nicht zu weinen, bevor sie überhaupt sprechen kann.

Dann sagte sie leise, ohne zu wackeln:

 

„Toya.“

 

Der Name traf ihn härter als jede Flamme.

 

Seine Augen wurden eiskalt.

 

„Sag den Namen nicht.“

 

Sie blieb stehen.

 

Keine Heldengeste. Keine Waffe gezogen. Kein Funkspruch. Nur sie – und diese verdammte Ruhe, die ihn schon als Kind wahnsinnig gemacht hatte, weil sie ihn entlarvte.

 

„Ich hab dich gefunden“, flüsterte sie.

 

Dabi lachte trocken. „Du hast niemanden gefunden.“

 

Er ließ die Flamme nach vorn zucken – ein Warnstoß. Blau, heiß, brutal.

 

Und genau da passierte es:

 

Die Flamme traf sie nicht.

 

Nicht, weil sie ausgewichen wäre. Nicht, weil er daneben gezielt hätte.

 

Zwischen ihnen lag plötzlich etwas Unsichtbares, aber Spürbares – wie eine Wand aus Druck, die Feuer weich macht, bevor es beißen kann.

 

Die Flamme brach. Verlor Zähne. Starb.

 

Dabi starrte.

 

„Was… ist das?“

 

„Schutz“, sagte Lia ruhig. Ihre Stimme zitterte am Rand, aber sie hielt sie fest. „Ich kann Felder legen.“

 

Sie machte einen winzigen Schritt näher – nur bis an die Grenze dieses Feldes, nicht weiter.

 

„Dein Feuer kann mir nichts. Und ich kann dich vor deinem Feuer schützen.“

 

Dabi wollte etwas Giftiges sagen. Etwas, das sie zurück in die Realität prügelt. Weg. In Sicherheit.

Aber sein Blick hing an ihrem Gesicht.

 

Sommersprossen.

 

Und plötzlich war da ein Bild in seinem Kopf, das er nie absichtlich hochgeholt hatte:

 

Kindergarten. Ein viel zu ernster Junge. Ein Mädchen mit rosa Haaren, das sich vor ihn stellt, als wäre „vor ihm stehen“ das Normalste der Welt.

 

Und dann dieser kleine Kuss auf seine Wange, so selbstverständlich, als wäre Liebe einfach nur… Anwesenheit.

 

Dabi presste die Zähne zusammen.

 

„Du bist nicht echt“, knurrte er.

 

Lia schüttelte den Kopf. Einmal. Klar.

 

„Ich lüge nie“, sagte sie. „Du weißt das.“

 

Verdammt.


Natürlich wusste er das.

 

Sie hob die Hand minimal, als würde sie zeigen: keine Falle.

 

„Ich kenne dich seit dem Kindergarten“, sagte sie. „Und als du verschwunden bist… hab ich dich gesucht. Jeden Tag. Jahre.“

Ihre Stimme wurde leiser, aber nicht schwächer.

 

„Ich habe nie aufgehört.“

 

Dabi starrte sie an, als müsste er entscheiden, ob er sie verbrennt oder küsst oder weggeht. Nichts davon passte. Alles davon war zu nah.

 

„Du solltest mich vergessen“, sagte er.

 

„Kann ich nicht“, sagte Lia sofort.

 

„Und Toya…“ Sie schluckte. „Jetzt ist es noch nicht zu spät.“

 

Dabi hob den Blick. „Red keinen Scheiß.“

 

Lia blieb ruhig.

 

„Du bist noch nicht… festgeschrieben“, sagte sie. „Du bist noch nicht der, den sie der Öffentlichkeit als Monster verkaufen können – wenn du nicht zu ihnen gehst.“

 

(Und irgendwo im Hinterkopf klickte etwas: Genau so hatte dieser Broker das im Versteck später formuliert – keine auffälligen Verbrechen, Stain-Ideologie, Rekrut.

 

Lia trat einen halben Schritt näher.

 

„Wenn du jetzt zu denen gehst, dann ziehen sie dich tiefer rein. Dann kommt irgendwann der Punkt, an dem sie dich einsperren oder jemand dich tötet.“ Ihre Augen glänzten. „Das will ich nicht. Ich will ein Leben mit dir.“

 

Dabi spürte, wie Hoffnung in ihm hochkroch wie eine Flamme unter der Haut.

 

Er hasste Hoffnung.

 

Weil Hoffnung bedeutet: wieder verlieren.

 

Und trotzdem… brauchte er sie so sehr, dass er am liebsten alles angezündet hätte, nur um dieses Gefühl zu stoppen.

 

„Du willst mich retten“, knurrte er.

 

„Nein“, sagte Lia. „Ich will dich behalten.“

 

Sie atmete aus.

 

„Und ich bin nicht mehr das Kind von früher. Ich habe trainiert.“

 

Sie drehte sich leicht zur Seite – nicht bedrohlich, eher als Beweis – und zog das Katana aus der Scheide, kurz, sauber, kontrolliert. Keine Show. Kompetenz.

 

Dann steckte sie es wieder ein.

 

„Ich bin stark“, sagte sie. „Und ich bin vorbereitet.“

 

Dabi starrte auf die Klinge, dann auf sie.

 

„Du bist komplett irre“, murmelte er – und ja: das ist bei ihm Angst um sie, nicht „Beleidigung“.

 

Lia nickte einfach. „Ja.“

 

Ein Summen.

 

Ein Handy in Dabis Manteltasche vibrierte kurz.

 

Einmal.

 

Dann nochmal.

 

Dabi wurde sofort anders. Kälter. Wach. Die Flamme in ihm sprang an, ohne sichtbar zu sein.

 

Lia sah es an seinem Blick.

 

„Wer ist das“, fragte sie leise.

 

Dabi zog das Gerät nicht sofort raus. Aber seine Finger legten sich darum, als wäre es eine Waffe.

 

Giran.
Timing.
Natürlich.

 

Er sah Lia an.

 

Und in seinem Kopf schob sich alles übereinander:

 

Wenn ich bleibe, wird sie ein Ziel.

Wenn ich gehe, verliere ich sie wieder.

Und wenn ich sie verliere… gibt’s nur noch Feuer.

 

Lia machte keinen Schritt zurück.

 

Sie sagte nur, ruhig und klar:

 

„Komm mit mir. Jetzt. Nicht morgen. Jetzt.“

 

Dabi hielt den Atem an.

 

Hoffnung brannte.

 

Er hasste sie.

 

Und er brauchte sie gleichzeitig.

 

Dann—ein winziger, wütender Ruck im Kinn.

 

„…Zeig mir den Weg“, knurrte er.

 

Und Lia nickte, als hätte sie genau darauf ihr ganzes Leben gewartet – ohne es wie einen Sieg aussehen zu lassen.

 

Sie ging los.

 

Neben ihm.

 

Nicht vor ihm.

 

So wie früher.

 

Lia ging los, ohne zu rennen. Nicht panisch. Nur schnell genug, dass der Wald merkte: Das hier ist keine Begegnung – das ist eine Entscheidung.

Dabi ging neben ihr, einen halben Schritt versetzt, so dass er sie sieht und trotzdem alles andere auch. Mantelkragen hoch, Hände tief in den Taschen, Körper im „fliehen oder brennen“-Modus.

In seiner Manteltasche vibrierte ein Handy. Einmal. Dann nochmal. Dabi tat erst so, als würde ihn das nicht interessieren. Als könnte Ignorieren die Welt ruhig halten.

„Nicht reden“, knurrte er leise. Es klang wie Kontrolle, war aber Angst: Wenn man redet, wird man echt. Wenn man echt wird, kann man getroffen werden.

„Okay“, sagte Lia sofort. Kein Trotz. Kein „Warum“. Nur: verstanden. Sie hob die Hand minimal, und der Wald wurde einen Tick leiser – als würde ein unsichtbarer Mantel Geräusche dämpfen und Schatten dichter machen.

Dabi spürte es sofort. Nicht als Wärme, sondern als Druck. Als würde die Luft sich ordnen. Sein Blick schoss zu ihr. „Das… machst du einfach so?“

„Ja“, sagte Lia. „Ich habe geübt.“ Ihre Stimme war warm, aber fest – wie jemand, der nicht bittet, sondern hält.

Dabi schnaubte. Natürlich. Lia war nie nur Gefühl gewesen. Lia war Plan. Lia war Konsequenz.

Das Handy vibrierte wieder. Diesmal länger. Dabi fluchte leise, zog es raus, drehte den Screen weg von ihr – Reflex, auch wenn sie schon längst mehr wusste als er wollte.

Eine Nachricht. Kurz. Kalt. Ohne Namen, ohne Höflichkeit.

„Treffpunkt. Heute. Nicht fehlen.“

Dabis Kiefer spannte sich. Für einen Herzschlag war da dieses Flackern in ihm – Hoffnung, die sofort wieder verbrannt werden will.

Lia sah nicht auf den Screen. Sie sah auf sein Gesicht. „Liga?“ fragte sie leise.

„Misch dich nicht ein.“ Seine Stimme war scharf, als könnte er damit eine Grenze ziehen, die ihn schützt.

„Ich mische mich nicht ein“, sagte Lia ruhig. „Ich bleibe nur bei dir.“

Das traf ihn härter als ein Schlag, weil es nicht dramatisch war. Es war wahr. Und Lia log nie.

Er drückte das Handy aus. Nicht elegant. Einfach aus. Dann steckte er es wieder weg, als wäre es giftig.

„Du schaust nicht zurück“, sagte er.

„Okay“, sagte Lia wieder, als wäre „Okay“ eine Brücke, auf der man nicht ausrutscht.

Sie verließen den Trampelpfad, nahmen einen schmaleren Weg zwischen dichtem Unterholz. Lia bewegte sich schnell, aber nicht hektisch – und Dabi merkte, dass sie nicht nur mutig war. Sie war vorbereitet.

Je näher sie dem Waldrand kamen, desto mehr drang die Welt rein: ferne Reifen auf Asphalt, ein Hund, der irgendwo bellte, ein dumpfes Geräusch von Stadt.

Dabi blieb trotzdem im Waldmodus. Jede Bewegung ein möglicher Angriff. Jeder Schatten ein möglicher Blick.

Und dann sah er es: nicht direkt, eher am Rand des Sehens. Ein Flackern in der Luft, als hätte jemand die Realität kurz geknickt und wieder glatt gestrichen.

Dabi packte Lia am Handgelenk und zog sie abrupt in den Schatten eines dicken Stamms. Nicht brutal – aber so schnell, dass es keine Diskussion gab. „Stopp.“

Lia blieb sofort stehen. Sie riss sich nicht los. Sie vertraute ihm – nicht blind, sondern bewusst. „Was ist es?“ flüsterte sie.

Dabi lauschte. Kein Schritt. Kein Rascheln. Nur dieses Gefühl, beobachtet zu werden, ohne dass Augen da sind.

„Portal“, presste er heraus. Das Wort schmeckte nach Gefahr. „Oder ein Scout.“

Lia hob die Hand, das Schutzfeld wurde dichter, wie eine Kuppel, die Geräusche verschluckt. „Dann sehen sie uns nicht“, sagte sie leise. Keine Prahlerei. Nur Technik.

Dabi warf ihr einen Blick zu, der gleichzeitig Wut und Respekt war. Sie kann das wirklich.

„Wir gehen anders“, knurrte er, und diesmal führte er sie – nicht weil er der Boss ist, sondern weil er der ist, der seit Jahren nur noch Wege kennt, die niemand sieht.

Sie machten einen Bogen, tiefer in die Schatten, bis das Flackern hinter ihnen blieb und die Luft wieder „normal“ wirkte – so normal, wie es für jemanden wie ihn eben werden konnte.

Als sie schließlich die letzten Bäume hinter sich ließen, war da eine Straße, ein Gehweg, ein bisschen Licht. Lia hielt ihr Tempo ruhig, als könnte sie die Welt damit überreden, nicht hinzuschauen.

Dabi ging neben ihr, Kopf leicht gesenkt, Blick überall. Er hasste, wie schnell sein Körper sich daran erinnerte, wie sich „mit jemandem gehen“ anfühlt. Nicht kämpfen. Nicht fliehen. Einfach gehen.

Nach einer Weile tauchte es vor ihnen auf: Lias Haus. Groß, modern, Glas und Holz, zu offen für jemanden wie ihn.

Dabi blieb automatisch stehen. „Viel zu offen“, murmelte er.

„Ich weiß“, sagte Lia. Sie schob den Schlüssel ins Schloss. „Ich habe genug, um die Fenster zu verdecken. Du brauchst keine Angst haben.“

„Ich hab keine Angst.“

„Du hast Vorsicht“, korrigierte Lia ruhig und trat ein. Das Haus schluckte sie beide wie ein sicherer Bauch: warm, sauber, still.

Dabi blieb an der Schwelle stehen, als würde er noch entscheiden, ob er wirklich reingeht. Dann trat er ein – und stellte sich sofort so, dass er Eingang, Flur und Fenster im Blick hatte.

Lia ging ohne Zögern zu den großen Glasfronten und zog Verdunkelungen herunter. Dicke Bahnen, eine zweite Schicht dahinter – Folie oder Paneele, die das Licht schluckte. Fenster für Fenster. Klack. Klack. Klack.

Das Haus verwandelte sich. Aus „offen“ wurde „fest“. Aus „Glas“ wurde „Bunker mit Stil“.

Dabi sah sie an, als würde er sie neu rechnen. „Du hast das vorbereitet.“

„Ich habe dich gesucht“, sagte Lia. „Und ich habe geplant.“

Sie legte Schlüssel und Handy sichtbar auf einen Tisch, als wolle sie ihm beweisen: keine Tricks. Dann drehte sie sich zu ihm.

„Ich will Regeln“, sagte sie.

Dabi hob eine Augenbraue. „Regeln.“

„Ja“, sagte Lia. „Damit du nicht wieder verschwindest, und damit du dich nicht verbrennst.“

Sie hielt den Blick ruhig, wie in einem OP. „Eins: Du kannst immer herkommen. Und auch bleiben.“

Dabi lachte trocken. „Großzügig.“

„Zwei: Wenn du dein Feuer rauslassen musst, gehen wir in den Keller. Und du sagst es mir.“

„Ich brauch keine Aufpasserin.“

„Du bekommst keine“, sagte Lia. „Du bekommst eine Abmachung.“

Sie atmete einmal durch. „Drei: Ich will, dass du keine Unschuldigen tötest. Wenn du bei mir sein willst, ziehst du keine Unschuldigen rein. Du tötest nicht.“

Dabi wurde still. So still, dass die Luft kurz schwerer wirkte.

„Du willst mir Moral predigen“, knurrte er schließlich.

„Nein“, sagte Lia. „Ich will dir eine Chance geben, dass es nicht endgültig wird.“

Ein Herzschlag lang flackerte etwas in Dabis Blick. Hass auf Hoffnung – und das Bedürfnis nach ihr wie nach Luft.

„…Keine Unschuldigen“, presste er raus. Nicht sanft. Aber echt genug, dass es zählt.

Lia nickte. Kein Jubel. Nur: verstanden. „Gut. Dann Keller.“

Sie führte ihn in den Flur, öffnete eine schwere Tür, dahinter eine Treppe nach unten. Beton, Metall, sauberer Geruch, als wäre dieser Raum gebaut worden, um Eskalation zu überleben.

Unten zeigte sie ihm den Feuerraum: hitzebeständige Platten, Markierungen am Boden, Belüftung, Notfall-Setup, Wasser, Verbandszeug.

Dabi blieb auf der letzten Stufe stehen. „Du hast… einen Raum für mich gebaut.“

„Ja“, sagte Lia. „Damit du nicht alleine gegen dich kämpfen musst.“

Sie ging an eine Wand, die wie normaler Beton aussah, legte die Hand an eine unscheinbare Stelle. Ein Klick. Ein leises Surren.

Die Wand glitt zur Seite. Dahinter öffnete sich ein weiterer Bereich – wie eine kleine Wohnung im Keller: Sofa, Tisch, Regal mit Decken, Küchenzeile, Bad, eine Tür zu einem Schlafzimmer.

Dabi erstarrte. Sein Gehirn suchte sofort nach dem Haken. Er fand keinen.

Lia sah ihn an. Ruhig. Unerschütterlich. „Ich bin mehr als vorbereitet“, sagte sie leise.

Dabi schluckte. Das Wort „Zuhause“ wollte sich in seinen Kopf drängen, und er hasste es.

„Warum…“, brachte er raus, als wäre schon die Frage eine Schwäche.

„Weil ich wusste, dass du irgendwann auftauchst“, sagte Lia. „Und weil ich wollte, dass du dann einen Ort hast, an dem du nicht wieder weg musst.“

Stille.

Dann hob Dabi langsam die Hand, ließ eine winzige blaue Flamme aufflackern – ein Test, mehr Reflex als Absicht.

Lia hob ebenfalls die Hand, kaum sichtbar, und das Schutzfeld spannte sich vor ihm auf. Die Flamme blieb blau, blieb heiß – aber sie biss nicht zurück in seine Haut. Sie durfte existieren, ohne ihn zu zerstören.

Dabis Augen wurden schmal. „…Das fühlt sich falsch an.“

„Weil du nicht gewohnt bist, dass es nicht weh tut“, sagte Lia sofort.

Dabi erstickte die Flamme abrupt. Sein Atem war rau, als hätte er gerade etwas zugelassen, das gefährlicher ist als Feuer.

Lia trat keinen Schritt näher. Sie ließ ihm Raum, damit er nicht flieht.

„Jetzt“, sagte sie leise, „ist es noch nicht zu spät. Wenn du bleibst.“

Dabi sah sie an, als würde er sie hassen müssen, damit er nicht bleibt.

Hoffnung brannte in ihm wie ein heißer Stein. Er hasste sie. Und er brauchte sie gleichzeitig.

„…Eine Nacht“, knurrte er.

Lia nickte sofort. „Eine Nacht.“

Und als er nicht ging – nicht zurück in den Wald, nicht zurück zum Treffpunkt – wusste Lia: Das war der erste echte Riss in dem Weg, der ihn sonst zur Liga gezogen hätte.

Ein Zuhause

Hoffnung

Lia stand noch einen Moment im Flur, als hätte sie gerade erst verstanden, dass er wirklich im Haus ist und nicht gleich wieder verschwindet.

Dann nahm sie ihr Handy vom Tisch. Nicht hektisch, nicht heimlich. Einfach offen, so wie sie alles machte.

Dabi beobachtete jede Bewegung, als wäre selbst ein Telefonat ein Risiko. Er lehnte an der Wand, Blick auf Tür, Fenster, Flur – und trotzdem immer wieder auf ihre Hände.

„Ich rufe im Krankenhaus an“, sagte Lia ruhig. „Ich nehme zwei Wochen Urlaub.“

Dabi blinzelte langsam. „…Was?“

Lia sah ihn an, als wäre das die logischste Sache der Welt. „Ich bleibe hier. Bei dir. Damit du nicht alleine bist und damit du nicht zurück in den Wald musst.“

Dabi stieß leise Luft aus, scharf, fast genervt. Zwei Wochen. Zu lang. Zu sichtbar. Zu viel Nähe.

„Du kannst nicht einfach—“

„Doch“, sagte Lia, ohne härter zu werden. „Ich leite das Krankenhaus. Ich habe Stellvertretung. Und ich lüge nicht: Ich brauche Zeit für private Gründe.“

Sie drückte auf Anrufen. Lautsprecher nicht an. Keine Show. Nur ein normales Gespräch, bei dem Dabi trotzdem jedes Wort mitlas, als würde er eine Falle suchen.

„Ja, hier Lethal…“ Lia sprach klar, professionell. „Ich nehme ab heute zwei Wochen Urlaub. Ich bin erreichbar, aber nicht vor Ort. Die Vertretung übernimmt wie besprochen.“

Kurze Pause. Man hörte nur ihr Atmen, dann ihr ruhiges „Ja“, „Nein“, „Danke“. Keine Ausreden. Keine Lügen. Nur Struktur.

„Bitte informieren Sie die Leitungen. Und… nein, keine Details. Privat.“

Sie legte auf und ließ das Handy sofort wieder sichtbar auf den Tisch, als würde sie ihm beweisen: Nichts ist versteckt.

Dabi starrte sie an, als hätte sie gerade etwas Unmögliches getan. „Du bist… komplett irre.“

Lia nickte. „Ja.“ Dann, leiser: „Aber ich bin auch vorbereitet. Und ich bleibe.“

Dabi wollte etwas Schneidendes sagen. Etwas, das Abstand schafft. Aber sein Körper blieb stehen, als hätte er schon entschieden, bevor sein Kopf fertig war.

Lia ging in die Küche, band sich nebenbei die Haare hoch und öffnete Schränke, als wäre es der normalste Abend der Welt.

„Ich mache Essen“, sagte sie. „Ich habe Hunger.“

„Ich brauch nichts“, knurrte Dabi automatisch.

Lia drehte den Kopf nur minimal. „Du musst nicht viel essen. Aber du isst etwas.“ Keine Drohung. Eher eine Regel wie „Wunde desinfizieren“.

Dabi blieb im Türrahmen stehen. Er mochte Küchen nicht. Küchen rochen nach Alltag. Alltag roch nach „Zuhause“.

Lia arbeitete ruhig: Messer, Brett, Pfanne. Nichts Übertriebenes. Etwas Warmes, Sättigendes. Etwas, das nicht nach „Gäste“ schmeckt, sondern nach „bleib“.

Dabi merkte, wie sein Magen sich meldete, und hasste sich dafür.

Als sie die Teller hinstellte, setzte sie sich nicht sofort. Sie ließ ihm die Wahl.

Dabi setzte sich schließlich – schräg, so dass er den Raum im Blick hatte. Nicht gegenüber wie ein Date. Eher wie jemand, der jederzeit aufspringen muss.

Lia setzte sich ihm schräg gegenüber, so dass es weniger Konfrontation war, mehr Nähe ohne Druck.

Sie aßen. Stille, die nicht peinlich war. Lia stellte keine Fragen, nur weil sie’s wollte. Sie wartete, bis er Raum hatte.

Dabi nahm ein paar Bissen. Langsam. Wachsam. Und trotzdem: warm.

Lia nahm einen Schluck Wasser, schaute ihn einen Moment an – so wie früher, wenn sie etwas sagen musste, das wichtig ist.

„Darf ich dich was fragen?“

Dabi hob kaum den Blick. „Du fragst sowieso.“

„Ja“, sagte Lia, fast ein kleines Lächeln. „Wenn ich deinen Namen nicht sagen soll… wie soll ich dich nennen?“

Dabi hielt mitten im Kauen kurz inne. Ein winziger Fehler in seiner Kontrolle.

Name ist Bindung.
Bindung ist Zielscheibe.

„Gar nicht“, knurrte er. „Du redest zu viel.“

Lia blieb ruhig. „Ich muss dich irgendwie ansprechen. ‘Hey du’ ist…“ Sie suchte das Wort und blieb ehrlich: „…komisch.“

Dabi schnaubte leise. Sein Blick glitt kurz über ihren Mund, weg, wieder hin. Ärger. Unsicherheit. Und etwas, das er nicht benennen wollte.

„Nenn mich Dabi“, sagte er schließlich. Kurz, hart, als wäre das Ende der Diskussion.

Lia nickte sofort. Kein „aber“. Kein Drama. „Okay. Dabi.“

Das Wort hing einen Moment zwischen ihnen. Nicht wie ein Fremdname. Eher wie eine Maske, die er ihr freiwillig gibt, weil er noch nicht bereit ist, mehr zu erlauben.

Lia sagte es noch einmal, leiser, um es sauber zu setzen: „Dabi.“

Dabi presste die Lippen zusammen. „Mach’s nicht so weich.“

„Ich mache es nicht weich“, sagte Lia ruhig. „Ich mache es nur echt.“

Dabi starrte auf seinen Teller, als wäre der plötzlich interessanter. „Tch.“

Lia aß weiter, aber man sah an ihren Augen: Sie war glücklich. Nicht laut. Nicht kitschig. Einfach… erleichtert bis in die Knochen.

Und Dabi – der so tat, als wäre alles egal – blieb sitzen, aß weiter und ließ den Abend passieren, ohne zu verschwinden.

 

Lia räumte die Teller ab, stellte alles ordentlich zusammen und wischte sich die Hände an einem Tuch trocken.

„Ich geh kurz duschen“, sagte sie, als wäre das normal. Als wäre Dabi nicht der unmöglichste Teil ihrer Realität. „Du kannst dich hier frei bewegen.“

Dabi hob nur minimal den Blick. „Mhm.“

Lia zögerte einen Herzschlag – als würde sie überlegen, ob sie noch was sagen soll – dann ging sie die Treppe hoch. Ihre Schritte waren ruhig, nicht hastig. Sie wollte ihm zeigen: Hier flieht niemand.

Als die Badezimmertür ins Schloss fiel und kurz darauf Wasser rauschte, blieb Dabi allein im gedämpften Haus stehen.

Er bewegte sich erst nicht. Hörte. Zählte Geräusche. Das Rauschen der Dusche oben, das leise Summen irgendwo in den Wänden, das eigene Atmen.

Wenn das eine Falle ist, ist sie verdammt geduldig.

Er ging los. Lautlos. Nicht wie ein Gast, eher wie jemand, der sich vergewissert, dass keine Klinge im Dunkeln wartet.

Im Flur fiel sein Blick auf eine Ecke, die nicht „Wohn-Deko“ war. Keine hübschen Bilder. Keine Pflanzen.

Notizen. Ordner. Zettel mit Datum. Handschrift. Karten. Ausgedruckte Artikel, alte Suchen, Markierungen.

Dabi blieb stehen, als hätte ihn jemand festgenagelt.

Da waren Seiten, die schon abgenutzt waren. Ecken eingerissen, Tinte verblasst. Dinge, die man nur so oft in der Hand hat, wenn man nicht loslässt.

Er sah seinen Namen nicht groß. Nicht als Überschrift. Eher so, als hätte sie ihn nie laut aussprechen wollen, aber trotzdem immer gebraucht: in kleinen Notizen, Pfeilen, „vielleicht“, „prüfen“, „war da?“

Sein Magen zog sich zusammen.

Sie hat wirklich…

Er wandte den Blick ab, als wäre es ein Fehler, zu lange hinzuschauen.

Ein paar Schritte weiter war eine Wand. Erst dachte er, es sei einfach ein Flur. Dann merkte er, dass die Wand voll war – voll mit Rahmen.

Kinderfotos. Viele. Zu viele.

Dabi trat näher, langsam, als würde er sich selbst dafür hassen.

Da war er. Kleiner. Viel zu ernst. Und Lia neben ihm, rosa Haare, Sommersprossen, dieses offene Lächeln, als hätte sie damals schon beschlossen, dass er nicht allein sein darf.

Ein Foto, auf dem sie ihm etwas in die Hand drückt – ein Bonbon, ein Pflaster, irgendwas Kleines – und er schaut weg, als würde er es nicht wollen, aber seine Finger halten es trotzdem fest.

Ein anderes, auf dem sie ihm einen schnellen Kuss auf die Wange gibt. Seine Augen halb zusammengekniffen, als wäre er genervt… und seine Ohren knallrot.

Dabi starrte so lange drauf, bis seine Kiefermuskeln wehtaten.

Idiotin.

Er hob die Hand und stoppte kurz vor dem Glas. Berührte es nicht. Als wäre schon das zu viel.

Oben rauschte die Dusche weiter. Lia war wirklich da. Kein Geräusch von Türen, kein heimliches Telefonat, kein zweiter Mensch. Nur Wasser.

Dabi zwang sich, weiterzugehen. Wenn er stehen blieb, wurde er weich. Und weich war gefährlich.

In einem Regal, etwas tiefer, halb hinter ein paar neutralen Büchern geschoben, lag ein kleines, altes Buch. Die Kanten waren rund, das Cover leicht abgerieben. Nicht neu. Nicht ausgestellt. Eher… versteckt.

Dabi griff danach, ohne zu wissen warum.

Als er es in der Hand hatte, wusste er es sofort.

Dieses Papier. Diese Art, wie Kinderseiten riechen, selbst nach Jahren.

Er klappte es auf. Und da war es: ein „Meine Freunde“-Buch.

Seine eigenen Kritzeleien waren drin. Seine Handschrift von damals – kantig, zu fest aufgedrückt, als hätte er schon als Kind versucht, durch Papier zu schneiden.

Er sah seinen Namen. Nicht Dabi. Toya.

Sein Herz machte etwas Dummes. So ein kurzer, hässlicher Schlag, als hätte ihn jemand überrascht.

Er blätterte weiter. Langsam.

Die nächste Seite war Lia. Sie hatte sich selbst eingetragen – so ernsthaft, als wäre dieses Buch ein Vertrag.

Name: Lia

Lieblingsfarbe: (natürlich) Rosa – in einer Art, die aussah, als hätte sie extra stark gemalt, damit es auch ja niemand übersieht.

Hobbys: irgendwas mit Zeichnen, Erinnerungen sammeln, vielleicht schon damals „Menschen helfen“ – so eine Kinderantwort, die sich später wie Schicksal liest.

Und dann die Stelle: Träume.

Dabi’s Blick blieb daran hängen, als hätte er plötzlich vergessen, wie man blinzelt.

In Lias sauberer Schrift stand da, unverschämt ehrlich:

„Ich will Toya heiraten.“

Dabi hielt mitten im Atmen an.

Für einen Moment war alles still in seinem Kopf. Keine Liga. Kein Treffpunkt. Kein Feuer. Nur dieses eine Kinderwort, das jetzt plötzlich schwer war wie Beton.

Heiraten.

Als wären sie nie auseinandergerissen worden. Als wären Jahre nur eine Pause gewesen.

Dabi klappte das Buch fast zu schnell zu – Reflex. Weg damit. Nicht fühlen. Nicht denken.

Seine Finger zitterten kurz. Er hasste es. Er zwang sie ruhig.

Er öffnete es wieder. Nur ein bisschen. Als müsste er sich vergewissern, dass er sich das nicht eingebildet hat.

Da waren noch mehr Fragen. Gemeinsame Erlebnisse. Kleine Wünsche. Irgendwo ein Spruch, vielleicht kitschig, vielleicht schief – aber echt.

Dabi schluckte. Sein Hals war plötzlich trocken.

Sie hat nie aufgehört.

Nicht als dramatische Behauptung. Sondern als Fakt, den man anfassen kann. Papier. Fotos. Tinte. Jahre.

Oben hörte das Wasser kurz anders klingen. Als würde Lia sich bewegen, Shampoo auswaschen, den Hahn verstellen.

Dabi schloss das Buch diesmal langsam. Nicht panisch. Eher… kontrolliert, als würde er etwas Wertvolles weglegen, obwohl er’s nicht besitzen darf.

Er schob es zurück an seinen Platz, genau so, wie es vorher lag – leicht versteckt, als hätte es dort auf ihn gewartet und er hätte es nicht sehen sollen.

Dann trat er einen Schritt zurück und sah nochmal zur Fotowand.

Sein Blick blieb an einem Bild hängen, auf dem Lia lacht und er… nicht lächelt, aber da bleibt.

Dabi presste die Zähne zusammen.

Hoffnung ist ein Fehler.

Und trotzdem fühlte es sich an, als hätte dieses Haus genau dafür einen Raum gebaut.

Er ging zurück Richtung Küche, stellte sich in den Schatten eines Türrahmens und wartete, als wäre Warten seine einzige Art, nicht zu fliehen.

Wenn ich ganz reingehe, bin ich Teil davon.

 

Und als er oben die Dusche leiser werden hörte, blieb er trotzdem stehen.

 

Oben brummte der Föhn. Ein gleichmäßiges, warmes Rauschen, das das Haus kurz wie „normal“ klingen ließ.

Dabi stand unten im Halbschatten des Flurs und merkte, wie sehr ihn genau das nervte. Normal war eine Falle. Normal machte unvorsichtig.

Er hörte, wie Lia Schubladen schloss, wie sie sich durch den Raum bewegte, wie sie danach kurz still war – wahrscheinlich Haare hochbinden, dann wieder der Föhn.

Sie ist wirklich allein.
Der Gedanke war beruhigend und gleichzeitig gefährlich.

Dabi ging los. Nicht laut. Nicht wie ein Besucher, eher wie jemand, der wissen muss, wo jede Tür hinführt, bevor er überhaupt atmen kann.

Er kam wieder an der Pinnwand vorbei und zwang sich, nicht hinzusehen. Es war wie auf eine offene Wunde schauen, nur dass die Wunde Jahre lang gewesen war.

Stattdessen nahm er die Treppe runter. Keller. Beton. Luft, die nicht nach „Haus“ roch, sondern nach „Plan“.

Er ging an dem Feuerraum vorbei, als würde er ihn bewusst ignorieren, weil er sonst wieder fühlen müsste, wie möglich das eben gewesen war – ohne Schmerz, ohne Rückbrand.

Hinter einer weiteren Tür, die er vorher nicht bemerkt hatte, war ein Raum, der nicht zu den anderen passte. Nicht versteckt wie die kleine Kellerwohnung, sondern… funktional.

Er drückte die Klinke. Offen. Natürlich offen – Lia hatte gesagt, er dürfe sich frei bewegen.

Der Trainingsraum roch nach Matte, Holz und Metall. Nicht nach Fitnessstudio. Nach Disziplin.

Markierungen am Boden – Linien, Kreise, Winkel. Als hätte jemand die Wege einer Klinge in den Raum geschrieben.

An einer Wand hing ein Katana-Halter, daneben Holzschwerter, Gewichte, Widerstandsbänder. Und ganz oben: eine Uhr, die nicht „Zeit“ zeigte, sondern Intervalle. Trainingstakt.

Dabi trat rein und blieb stehen. Sein Blick scannte wie immer: Ecken, Flucht, tote Winkel. Es gab kaum welche. Der Raum war so gebaut, dass man gesehen wird – und trotzdem sicher bleibt.

Dann sah er die Notizen.

Nicht hübsch. Nicht dekorativ. Post-its, Zettel, Seiten aus einem Notizbuch, sauber beschriftet, manche mehrfach überarbeitet.

„Schutzfeld: Dichte vs. Dauer.“
„Übergänge: Feld aufbauen ohne sichtbare Kante.“
„Reaktion auf Hitze: Stabilität bei hoher Temperatur.“

Daneben: Bewegungsabläufe, Fußarbeit, Klingenwinkel.

Und dazwischen Schulunterlagen. Leistungsblätter. Auszeichnungen. Zeugnisse, bei denen überall dasselbe Muster stand: Beste. Schnellste. Kontrollierteste.

Nicht dieses „Talent“-Gefühl. Eher: jemand hat sich das erarbeitet, bis es in die Knochen ging.

Dabi schluckte. Sie hat das nicht für sich gemacht. Das war der Teil, der ihn wütend machte.

Ein weiterer Ordner lag offen. „Zusatztraining – Ausland“.

Er blätterte nicht sofort. Er sah erst nur die Kanten, die Stempel, die Unterschriften. Orte, die nach „weit weg“ aussahen. Programme, die nach „nicht für normale Leute“ klangen.

Dann ein Foto. Lia in Trainingskleidung, Katana in der Hand, Haltung perfekt. Neben ihr ein älterer Mann, Gesicht halb im Schatten, als würde er nicht fotografiert werden wollen.

Dabi’s Blick wurde schmal. Ein Meister.

Darunter ein kurzer Satz in Lias Schrift: „Der Beste, den ich finden konnte.“

Er blätterte weiter und stieß auf eine Auszeichnung, die nicht wie eine Medaille aussah, sondern wie ein Siegel. Minimalistisches Dokument, schweres Papier, offizieller Ton.

Er las langsam. Nicht alles stand da. Gerade so viel, dass es ihm den Magen umdrehte.

„Geheime Technik – erlernt.“
„Zugang streng limitiert.“
„Vier Personen weltweit.“

Und dann der Satz, der wie Eis über seine Wirbelsäule lief:

„Mit Fluch belegt bei falscher Anwendung.“

Dabi starrte darauf, als würde sich das Papier gleich selbst entzünden.

Fluch.
In seiner Welt war ein Fluch meist nur ein anderes Wort für: „Du bezahlst mit deinem Körper.“

Er sah weiter unten eine Notiz – Lias Schrift, klein und sauber: „Meister überzeugt. Erlaubnis erhalten.“

Kein Prahlen. Kein „ich bin so krass“. Nur ein Fakt. Wie bei einer OP: „Zugang genehmigt.“

Dabi’s Kiefer spannte sich.

Sie hat sich so weit hochgearbeitet, dass sie in Räume kommt, in die kaum jemand kommt.

Und sie hat dabei akzeptiert, dass ein Fehler sie töten könnte.

Er spürte, wie Wut hochkam. Heiß. Hässlich. Schutzwut. Schuldwut.

Das ist Endeavor-Scheiße.
Nur dass Lia sich selbst angetrieben hatte. Für ihn. Damit er nicht wieder „zu heiß“ wird. Damit man ihn nicht einfach mitnimmt.

Er schloss den Ordner zu hart. Nicht zerstörend, aber deutlich. Als müsste er das Geräusch hören, um sich zu beweisen, dass er noch Kontrolle hat.

Der Föhn oben wurde leiser. Dann wieder kurz lauter. Lia bewegte sich.

Dabi stand mitten im Trainingsraum und merkte, dass sein Atem zu laut war.

Sie hat sich eine Technik geholt, die sie umbringen kann, wenn sie sie falsch benutzt.

Und er wusste sofort, wie das enden würde, wenn er nichts sagt: Sie würde sie irgendwann einsetzen, um ihn zu schützen. Und er würde damit leben müssen, dass sie dafür bezahlt.

Sein Blick glitt zurück zur Stelle „vier Personen weltweit“.

Er dachte an ihr Gesicht, als sie „Ich bin stark“ gesagt hatte. Nicht als Pose. Als Versprechen.

Sie meint das.

Dabi trat einen Schritt zurück, als würde er Abstand brauchen, um nicht zu kippen.

Er legte die Unterlagen genauso zurück, wie sie gelegen hatten. Nicht, weil er brav war – sondern weil er instinktiv verstand: Das ist ihr Leben. Ihr System. Ihr Opfer.

Dann blieb er an der Tür stehen, hörte oben, wie der Föhn ausging.

Und in seinem Kopf war nur ein einziger, wütender Satz, den er niemals laut sagen würde, weil er zu viel verrät:

Warum riskierst du dich so… für mich?

 

Dabi ließ die Tür zum Trainingsraum leise ins Schloss fallen, als würde er damit verhindern, dass das, was er gerade gesehen hatte, ihm nach oben folgt.

Oben war der Föhn inzwischen aus. Nur noch Schritte. Das leise Klacken einer Schublade. Lia war im Haus – und trotzdem fühlte es sich an, als müsste er jeden Meter sichern.

Er ging die Treppe hoch, langsam, ohne Eile, aber mit diesem Blick, der immer schon eine Sekunde voraus ist.

Im Flur fiel ihm etwas auf, das vorher im Dunkeln untergegangen war: ein schmales Regalstück, fast wie eine kleine „Arbeits-Ecke“. Nicht dekoriert. Eher organisiert.

Ordner mit sauberen Rückenbeschriftungen. Unterlagen. Zertifikate. Und dazwischen: ein Emblem, das er sofort erkannte, ohne es erkennen zu wollen.

Helden.

Nicht Endeavor. Nicht sein Symbol. Andere. Offizielle Stempel, Formulierungen wie „Kooperation“, „Einsatznachbereitung“, „Notfalltraining“, „Selbstschutz“.

Dabi blieb stehen. Sein Körper machte diesen kurzen, gefährlichen Sprung nach innen, als würde jemand einen Draht stramm ziehen.

Warum.

Er griff nach einem Ordner, zog ihn halb heraus, als würde er damit eine Mine entschärfen. Das Papier roch nach Büro. Nach System. Nach Regeln, die ihn schon als Kind erstickt hatten.

Innen waren Fotos. Nicht „Fan“-Fotos. Arbeitsfotos. Lia in Trainingskleidung, Katana nicht als Show, sondern als Werkzeug. In einer Halle, die nicht nach Privatunterricht aussah, sondern nach professionellem Training.

Daneben: Unterschriften. Bestätigungen. Namen, die wie Protokoll klangen.

Er blätterte weiter. Ein Einsatzbericht – Lia als Ärztin, als Leiterin, als jemand, der „Heros medizinisch unterstützt“ hatte. Ein Abschnitt über Verletzungsversorgung. Ein anderer über Evakuierung.

Er spürte, wie sein Kiefer sich verhärtete.

Sie war bei denen.

Nicht „zufällig“. Nicht einmal. Mehrfach. Regelmäßig.

Dabi’s Finger zuckten. Eine winzige Flamme wollte kommen – nicht aus Angriff, sondern aus Reflex: weg damit, bevor es weh tut.

Er zwang die Hitze runter. Blick scharf, kalt.

Haben sie dich trainiert?
Haben sie dich benutzt?
Hast du ihnen… von mir erzählt?

Der Gedanke war wie ein Schlag. Er hasste, wie schnell sein Kopf daraus ein Szenario baute: Helden vor der Tür, Lia als Lockvogel, er im Käfig.

Und dann erinnerte er sich an ihr Gesicht. An die Art, wie sie den Urlaub angerufen hatte: offen, sichtbar, keine Lüge.

Sie lügt nie.

Das machte es nicht leichter. Das machte es nur gefährlicher, weil es bedeutete: Wenn sie mit Helden gearbeitet hatte, dann war das ihre Entscheidung gewesen.

Er fand eine Seite mit handschriftlichen Notizen zwischen den offiziellen Papieren. Lias Schrift. Klein, sauber, sachlich.

„Heldentraining: nur Technik. Keine Nähe. Keine Abhängigkeit.“

„Endeavor meiden. Keine Kontaktaufnahme.“

„Ziel: Schutz. Evakuierung. Überleben.“

Dabi starrte auf die Worte „Endeavor meiden“, als hätte sie ihm gerade wortlos die Kehle gehalten.

Sie mag ihn wirklich nicht.

Das half. Ein bisschen. Nicht viel.

Er blätterte weiter und sah, dass es nicht nur „Training“ war. Da waren Dankesbriefe, nüchterne, offizielle – für medizinische Hilfe nach Einsätzen, für chirurgische Versorgung, für Organisation.

Lia hatte ihnen geholfen. Nicht weil sie Helden anbetete. Sondern weil sie Ärztin war. Weil sie Menschen rettete, egal, welche Uniform sie trugen.

Und das machte Dabi wütend, weil es so verdammt „Lia“ war.

Sie rettet auch die, die sie nicht leiden kann.

Er schob den Ordner zurück, zu hart. Das Regal vibrierte leise.

Oben im Flur knarrte eine Tür. Schritte. Lia kam raus, Haare hochgebunden, noch leicht feucht, als hätte sie sie gerade geföhnt.

Sie blieb stehen, als sie ihn am Regal sah. Ihre Augen glitten sofort auf den Ordner, dann auf sein Gesicht. Kein Erschrecken. Eher ein stilles „Okay, jetzt ist es passiert.“

„Du hast das gesehen“, sagte sie ruhig.

Dabi antwortete nicht sofort. Seine Stimme war tief, gefährlich leise, als würde er sich zwingen, nicht laut zu werden.

„Du warst bei den Helden.“

Lia nickte einmal. „Ja. Training und Einsätze. Medizinische Hilfe. Selbstschutz.“

„Warum“, knurrte er. Das Wort war kein echtes „Warum“. Es war: Wie konntest du das riskieren? Wie konntest du sie so nah an dich lassen?

Lia hielt stand. „Weil ich stärker werden musste.“

Sie trat einen halben Schritt näher, nicht in ihn rein, nur näher genug, dass er ihr die Wahrheit ansehen konnte.

„Ich habe ihnen geholfen, weil ich Ärztin bin“, sagte sie. „Und ich habe mit ihnen trainiert, weil ich mich vorbereiten wollte.“

Dabi’s Blick wurde schmal. „Auf mich.“

„Auf die Welt“, korrigierte Lia. „Auf Situationen. Auf Leute, die dich benutzen wollen. Auf Leute, die dich einsperren wollen.“

Er schluckte Wut runter. „Wissen sie von mir?“

Lia antwortete sofort. Ohne Zögern. Ohne Umweg.

„Nein“, sagte sie. „Niemand weiß von dir. Und niemand wird es von mir erfahren.“

Dabi hielt ihren Blick fest, als würde er nach dem kleinsten Wackeln suchen.

Da war keins.

„Ich habe nie über dich gesprochen“, fügte Lia hinzu, leiser. „Nie. Auch nicht in Andeutungen. Auch nicht als ‘Vermisster’. Du warst… mein Privates. Mein Ziel. Nicht ihr Thema.“

Dabi’s Brust blieb eng. Aber ein Teil in ihm ließ minimal nach. Nicht Vertrauen. Eher: Okay. Keine unmittelbare Falle.

Lia atmete aus. „Ich weiß, dass es sich für dich falsch anfühlt“, sagte sie. „Aber ich habe das nicht gemacht, weil ich Helden liebe. Ich habe das gemacht, weil ich dich liebe. Und weil ich nicht mehr das Kind bin, das nur warten kann.“

Dabi sah weg, als würde ihm das Wort „liebe“ im Hals stecken bleiben.

„Wenn irgendwer von denen hier auftaucht…“ begann er, Stimme schneidend.

„Dann sag ich es dir sofort“, sagte Lia. „Und ich lasse niemanden rein.“

Sie hielt kurz inne. „Und wenn du willst, setze ich eine Regel dazu.“

Dabi’s Mundwinkel zuckte, bitter. „Noch eine Regel.“

„Ja“, sagte Lia. „Keine Helden in diesem Haus. Nicht ohne deine Zustimmung. Nie überraschend.“

Dabi schwieg einen Moment. Dann ein raues: „Gut.“

Lia nickte. Kein Sieg. Nur Stabilität.

Und obwohl Dabi noch immer hart aussah, war da in seinem Blick etwas, das vorher nicht da gewesen war: das dumpfe, wütende Wissen, dass sie sich wirklich überall durchgekämpft hatte – sogar durch Heldenhallen – nur um irgendwann vor ihm stehen zu können und zu sagen:

Jetzt ist es noch nicht zu spät.

 

Lia blieb im Flur stehen, Haare hochgebunden, noch leicht feucht an den Spitzen, als hätte der Föhn sie gerade eben erst „zurück in den Körper“ geholt.

Sie sah den Ordner in seiner Hand, dann sein Gesicht. Kein Ausweichen. Kein Schauspiel. Nur dieser ruhige Blick, der schon als Kind gefährlich gewesen war, weil er alles ernst nahm.

„Ich helfe gelegentlich den Helden“, sagte sie. „Aber ich war eher… Lehrerin. Kurz. Für Technik, Selbstschutz, Notfallabläufe. Nicht ständig.“

Dabi antwortete nicht sofort. Seine Augen blieben schmal. Sein Körper stand wie vor einem Alarm, auch wenn im Haus nichts klingelte.

„Ein paar Helden sind gut“, fuhr Lia fort, als würde sie die Wahrheit sauber sortieren. „Nicht alle. Aber sie schützen die Welt. Und das ist, was zählt.“

Dabi stieß leise Luft aus. „Du klingst wie ein Poster.“

Lia zuckte nicht. „Ich klinge wie ich.“

Sie deutete auf die Ordner, nicht entschuldigend, eher erklärend. „Alle kennen mich. Ich bin Ärztin. Wenn irgendwo was eskaliert, wenn es viele Verletzte gibt oder eine Lage kippt, werde ich ab und an angerufen. Nicht ständig – ich habe ein Krankenhaus. Aber… manchmal.“

Dabi’s Kiefer arbeitete. Manchmal war in seinem Kopf gleichbedeutend mit: Irgendwann stehen sie hier.

Lia blieb ehrlich. „Ich habe Kontakt zu Hawks. Manchmal.“

Dabi’s Blick wurde einen Tick härter. „Hawks.“

„Ja“, sagte Lia. „Und Izuku Midoriya… Deku. Weil er wichtig ist. Weil All For One besiegt werden muss.“

Dabi ließ den Ordner fast knacken, so fest wurde sein Griff. All For One. Das Wort hing im Raum wie ein Schatten, der größer ist als jeder Held.

„Und Bakugo ab und zu“, sagte Lia weiter, „Best Jeanist. Shota Aizawa.“

Dabi’s Augen zuckten. „Aizawa.“


„Ja.“ Lia blieb ruhig. „Wenn’s um Training oder Notfall-Logistik ging. Wenn’s darum ging, dass Menschen nicht sterben.“

Sie atmete einmal aus. Dann sagte sie den Teil, der ihm am meisten wehtun würde, weil er so sauber war:

„Deinen Bruder Shōto Todoroki habe ich neutral behandelt.“

Dabi erstarrte kurz. Nicht dramatisch. Nur dieses winzige, gefährliche Stillwerden, das man eher spürt als sieht.

Lia hob sofort eine Hand, nicht als Schutzfeld, eher als ich halte die Situation ruhig. „Neutral heißt: wie jeden Patienten. Keine Extra-Nähe, keine Gespräche über Familie, kein Endeavor. Ich mag Endeavor nicht. Du weißt das.“

Dabi’s Blick blieb scharf. „Hat er je—“

„Nein“, unterbrach Lia ihn sofort. „Kein Kontakt. Kein Training. Kein ‘Zusammenarbeit’. Ich habe ihn gemieden, wo es ging.“

Ein Moment, in dem Dabi sie anstarrte, als würde er nach dem kleinsten Wackeln suchen.

Da war keins.

Lia sah ihn direkt an. „Ich lüge nie, Dabi.“

Dabi knurrte leise. „Und trotzdem kennen sie dich.“

„Ja“, sagte Lia. „Weil ich Ärztin bin. Das ist normal.“

Dann kam der Satz, den sie bewusst aussprach, weil sie wusste, dass er in seinem Kopf sonst zu einem Gift wird:

„Und ja: Wenn man nichts sagt oder Informationen weglässt, ist das keine Lüge. Das ist Weglassen. Ich werde dich nicht ausliefern. Aber ich werde auch nicht jedem alles erzählen, was mich und mein Zuhause betrifft.“

Dabi’s Augen verengten sich. Weglassen. In seiner Welt war das oft die Vorstufe zu Verrat. In ihrer Welt war es eine Sicherheitsmaßnahme.

Lia trat einen halben Schritt näher. Nicht in seinen Raum rein—nur nah genug, dass er ihren Ernst sieht.

„Schau dich um“, sagte sie leise. „Ich habe dieses Haus so gebaut, dass du hier sicher bist. Verdunkelung. Keller. Versteck. Regeln.“

Sie ließ eine kurze Pause, damit es nicht wie ein Monolog klingt.

„Und du kennst mich seit der Kindheit“, sagte Lia. „Ich würde dir das nie antun. Nie.“

Dabi’s Blick flackerte – einmal zur Fotowand, einmal zu der Stelle, wo das Freunde-Buch lag, als würde sein Kopf das alles gegen ihr Jetzt abgleichen.

Sie könnte mich zerstören, wenn sie wollte.
Und genau das machte es so schwer, ihr zu glauben—weil sie es nicht tut.

„Die wissen, wo du wohnst“, sagte Dabi schließlich, Stimme tief. Nicht laut. Gefährlich leise.

Lia nickte. „Sie wissen, dass ich existiere. Ja. Aber sie kommen nicht einfach hier rein. Und wenn jemand klingelt, wenn jemand fragt—dann ist die Antwort: Urlaub. Privat. Keine Details.“

Dabi hielt ihren Blick fest. „Und wenn sie dich ‘für einen Notfall’ holen?“

„Dann entscheide ich“, sagte Lia ruhig. „Und ich entscheide nicht gegen dich.“

Dabi’s Mundwinkel zuckte bitter. „Du willst mich wirklich behalten.“

„Ja“, sagte Lia. Ohne Zögern. „Ich will ein Leben mit dir. Und ich will, dass du nicht zurückgehst.“

Stille.

Dabi atmete einmal scharf aus, als müsste er das Gefühl aus dem Brustkorb drücken. Hoffnung war wieder da. Und er hasste sie, weil sie so leicht brennt.

„Regel“, knurrte er dann.

Lia sofort: „Okay. Welche?“

„Keine Helden hier.“ Er sagte es wie ein Messer. „Keine Anrufe in meiner Nähe. Kein ‘kurz raus’, ohne dass ich’s weiß.“

Lia nickte, ohne Diskussion. „Okay. Keine Helden im Haus. Und Anrufe nehme ich nicht hier unten an. Wenn was ist, sage ich es dir.“

Dabi starrte sie noch einen Moment an. Dann schob er den Ordner zurück an seinen Platz—nicht sanft, aber ordentlich, als hätte er entschieden, dass er ihn heute nicht verbrennt.

„Gut“, murmelte er.

Lia’s Stimme wurde leiser. „Und Dabi…“

Er hob den Blick.

„Ich habe dir als Kind schon gezeigt, dass ich bleibe“, sagte sie. „Das hat sich nicht geändert.“

Dabi sagte nichts. Aber er ging nicht weg.

Und bei ihm war genau das der Beweis, dass ihre Worte wenigstens eine Chance hatten, wahr zu bleiben.

 

Lia hielt seinen Blick fest, bis er nicht mehr ausweichen konnte, ohne dass es wie Flucht wirkt.

„Eins noch“, sagte sie leise. Nicht als Drohung. Eher als die nächste Regel, die man braucht, damit etwas überlebt.

Dabi zog die Augenbrauen minimal zusammen. „Was.“

Lia atmete einmal durch. „Irgendwann – wenn das vorbei ist. Wenn All For One und die Liga nicht mehr über allem hängen – musst du dich stellen.“

Dabi erstarrte so abrupt, als hätte sie ihm eine Klinge an den Hals gesetzt. „Stellen“, wiederholte er kalt. „Du willst mich einsperren lassen.“

„Nein“, sagte Lia sofort. „Ich will, dass du existierst. Offiziell. Dass du nicht für immer in Schatten leben musst.“

Dabi lachte einmal hart, ohne Humor. „Die Welt macht kurzen Prozess mit Leuten wie mir.“

„Nur, wenn du ihnen den Grund gibst“, sagte Lia ruhig. „Und nur, wenn du alleine bist.“

Dabi fauchte leise. „Ich bin immer alleine.“

Lia schüttelte den Kopf. „Nicht mehr.“

Sie hielt kurz inne, als würde sie ihre Worte bewusst wählen. „Ich weiß, dass du deinen…“ Sie verzog den Mund, als würde es sich falsch anfühlen. „…Erzeuger bestrafen willst.“

Dabi zuckte kaum merklich. Das Wort „Vater“ lag wie ein Fremdkörper im Raum, und Lia hatte es gespürt.

„Du kannst das auch“, fuhr Lia fort. „Aber nicht mit Menschen töten. Nicht mit illegalem Scheiß. Nicht so, dass du dich selbst endgültig wegwirfst.“

Dabi starrte sie an, als würde er entscheiden, ob er sie anschreit oder küsst oder einfach verschwindet. Seine Stimme blieb gefährlich ruhig. „Du willst mir vorschreiben, wie ich hasse.“

„Nein“, sagte Lia. „Ich will dir zeigen, wie du überlebst, während du hasst.“

Ein Moment Stille. Oben knarrte irgendwo das Haus, als würde es zuhören.

„Wenn der Krieg vorbei ist“, sagte Lia weiter, „dann solltest du wenigstens sagen: ‘Ich bin da.’ Du kannst dich nicht für immer verstecken. Nur, dass du’s weißt.“

Dabi presste die Zähne zusammen. „Und dann? Dann kommen sie. Dann nehmen sie mich.“

„Dann komme ich mit“, sagte Lia, ohne zu wackeln. „Ich helfe dir. Ich regle das mit dir. Schritt für Schritt. Nicht blind. Nicht naiv.“

Dabi schnaubte. „Du glaubst wirklich an ein ‘danach’.“

Lia sah ihn an, und in ihren Augen war kein naives Leuchten. Nur Entschlossenheit. „Ja. Weil ich es will. Weil ich will, dass du irgendwann normal rausgehen kannst, ohne dass du gejagt wirst. Dass du atmest. Dass du lebst.“

Dabi’s Blick flackerte. Für einen Sekundenbruchteil war da etwas wie Panik, als hätte sie ihm gerade eine Zukunft angeboten und sein Körper wüsste nicht, wohin damit.

„Normal“, murmelte er, als wäre es ein Schimpfwort.

„Du kannst die Welt hassen“, sagte Lia leise. „Und die Helden auch. Aber irgendwann ist es gut, wenn du leben darfst, ohne ständig angegriffen zu werden.“

Sie trat einen halben Schritt näher. Nicht drängend. Nur präsent. „Solange verstecke ich dich. So lange, wie es nötig ist. Aber nicht, damit du verschwindest – sondern damit du irgendwann wieder auftauchst.“

Dabi starrte sie an. Sein Atem ging rau. In seinem Kopf stritten zwei Stimmen: Sie versteht’s nicht und Sie ist die Einzige, die’s versteht.

„Wenn ich mich zeige…“, begann er, und seine Stimme klang plötzlich heiserer, als er wollte, „…dann nehmen sie dich als Hebel.“

„Dann gebe ich ihnen keinen“, sagte Lia ruhig. „Ich lüge nicht – aber ich muss auch nicht jedem alles sagen. Weglassen ist keine Lüge. Und schützen ist mein Job.“

Dabi’s Kiefer arbeitete. Er hasste, wie sehr er ihr glauben wollte.

„Du willst mich ‘retten’“, knurrte er.

„Nein“, sagte Lia. „Ich will dich behalten. Und ich will, dass du am Ende nicht tot bist oder eingesperrt, nur weil du dachtest, du darfst nicht existieren.“

Stille.

Dann, rau, widerwillig, sagte Dabi: „Red nicht von Ende. Red nicht von ‘nach dem Krieg’.“

Lia nickte sofort. „Okay. Dann reden wir von heute.“

Sie hielt seinen Blick. „Heute bleibst du hier. Und heute gibst du ihnen keinen Schritt. Nicht der Liga. Nicht deinem Erzeuger. Nicht dem Reflex, dich selbst zu verbrennen.“

Dabi atmete scharf aus. „Tch.“

Er sah kurz weg, dann wieder zu ihr. „Und wenn du irgendwann versuchst, mich einfach abzugeben—“

„Werde ich nicht“, sagte Lia sofort. „Du kennst mich seit dem Kindergarten. Ich würde dir das nie antun.“

Dabi blieb stehen. Nicht weich. Nicht freundlich. Aber er blieb.

Und in diesem Bleiben lag seine einzige Antwort auf das Wort „Zukunft“: kein Ja – aber auch kein Nein.

 

Lia ließ die Stille nicht kippen. Sie nahm sie, wie man ein Skalpell nimmt: ruhig, sicher, ohne Zittern.

Dann ging sie näher an Dabi heran – nicht stürmisch, nicht klammernd. Ein Schritt. Noch einer. Bis sie in der Nähe war, in der er ihre Wärme spüren musste, ob er wollte oder nicht.

Dabi spannte sich automatisch an. Nicht aggressiv – bereit. Nähe war bei ihm immer Alarm.

Lia hob den Blick zu ihm. „Weißt du, warum ich Kontakt zu den Helden habe, Dabi?“

Dabi antwortete nicht. Seine Augen wurden schmal, als würde er bereits den Angriff erwarten.

„Damit man dich nicht einsperrt“, sagte Lia ruhig. „Damit mein Wort Gewicht hat.“

Sie tippte sich mit zwei Fingern kurz an die Brust – nicht stolz, eher faktisch. „Wenn ich sage: ‘Er ist bei mir. Ich passe auf.’ Dann glauben sie mir das.“

Dabi’s Kiefer verhärtete sich. „Du glaubst, du kannst das entscheiden.“

„Ich glaube nicht“, sagte Lia. „Ich weiß, wie Systeme funktionieren. Und ich weiß, wie Menschen zuhören, wenn sie mich kennen.“

Sie hielt einen Herzschlag inne, damit es nicht wie Druck wirkt. Dann fügte sie hinzu – klar, ohne weichspülen:

„Aber danach darfst du keinen Scheiß machen.“

Dabi stieß leise Luft aus. Ein knapper, bitterer Laut. „Also doch Bedingungen.“

„Ja“, sagte Lia. „Weil ich dich behalten will. Nicht begraben.“

Sie trat noch ein kleines Stück näher, so dass ihre Stimme automatisch leiser wurde und trotzdem alles traf.

„Ich habe nicht all die Jahre trainiert und nach dir gesucht, um dich auszuliefern.“

Dabi’s Blick flackerte kurz – wie ein Fehler in seiner Maske.

Lia ließ ihn nicht aus dem Blick. „Ich will dich behalten, weil ich dich liebe.“

Ein kurzer Atemzug, dann der Teil, der ihn immer trifft: diese kompromisslose Loyalität, die nicht fragt, ob er’s verdient.

„Egal mit welchem Namen“, sagte Lia. „Egal ob Dabi oder… der andere. Ich liebe dich.“

Dabi’s Brust wurde eng. In seinem Kopf schrie alles nach Flucht, nach Abstand, nach irgendwas, das das Gefühl kleiner macht.

Sie sagt das so, als wäre es einfach.

Er zwang seine Stimme ruhig, aber sie klang trotzdem wie ein Messer. „Und du meinst, das reicht.“

„Nein“, sagte Lia. „Es reicht nicht. Es ist nur der Anfang.“

Sie blieb stehen, direkt vor ihm, und ließ ihm die Wahl: wegdrücken oder stehen bleiben.

Dabi bewegte sich nicht. Sein Körper verriet ihn, bevor sein Mund es konnte.

Lia sah das und machte es ihm nicht schwerer. Sie senkte ihre Stimme noch ein Stück.

„Ich will, dass du lebst“, sagte sie. „Nicht als Schatten. Nicht als Gerücht. Als Mensch.“

Dabi schluckte. Ein winziger, wütender Laut blieb in seinem Hals stecken.

Er brachte nur ein raues: „Tch.“

Aber diesmal klang es nicht wie Ablehnung.

Es klang wie jemand, der sich gerade mit aller Kraft dagegen wehrt, Hoffnung zuzulassen – und sie trotzdem nicht mehr ganz loswird.

 

„Okay… das reicht für heute“, sagte Lia leise. Ihre Stimme klang ruhig, aber man hörte, wie viel Kraft sie gerade kostet. „Wir gehen schlafen.“

Dabi stand im Flur, als wäre „schlafen“ ein Wort aus einem anderen Leben. Sein Blick blieb wach, seine Schultern gespannt. „Mhm.“

Lia ging voran, nicht zu schnell, nicht zu vorsichtig. Sie wollte, dass es normal wirkt, damit er nicht wegläuft. „Ich zeig dir das Gästezimmer.“

Oben war es still. Gedämpftes Licht, weiche Teppiche, zu viel Ordnung. Dabi registrierte automatisch Fenster, Tür, Fluchtwege, Schatten. Sein Körper konnte das nicht abstellen.

Das Gästezimmer war schlicht, sauber, vorbereitet wie alles bei ihr. Bett, ein kleiner Schrank, Wasser auf dem Nachttisch, eine zweite Decke ordentlich gefaltet.

„Hier“, sagte Lia. „Wenn du was brauchst… sag’s. Und wenn’s zu viel wird, Keller.“

Dabi schnaubte leise. „Ich find den Weg.“


Lia nickte. Kein gekränktes „Okay“. Nur Verständnis. Sie blieb einen Herzschlag im Türrahmen stehen, sah ihn an, als würde sie sich zwingen, nicht zu viel zu wollen.

Für einen Moment wirkte es, als würde sie näher gehen – als würde sie ihn küssen wollen. Dann hielt sie sich zurück. Nicht weil sie es nicht wollte. Sondern weil sie wusste, dass er danach vielleicht wieder wegkalt wird.

„Gute Nacht, Dabi“, sagte sie leise.

„Tch.“ Seine Stimme war rau, aber nicht abweisend genug, um sie wegzuschicken. Eher… ein Schutzschild, das schon Risse hat.

Lia drehte sich um und ging zu ihrem Schlafzimmer. Kurz bevor sie die Tür öffnete, blieb sie stehen, sah noch einmal über die Schulter zu ihm.

„Bitte geh nicht“, sagte sie leise. „Nicht wieder.“

Dabi reagierte sofort mit Härte, weil er’s nicht anders konnte. „Schlaf.“

Lia nickte, als hätte sie genau das gebraucht. Dann schloss sie die Tür hinter sich.

Im Gästezimmer blieb Dabi stehen. Er setzte sich nicht. Er legte sich nicht. Er hörte. Zählte Geräusche. Wasserleitungen. Holz. Wind.

Zu ruhig.

Er ging schließlich zum Fenster, prüfte die Verdunkelung, zog sie einen Tick fester. Als hätte er damit Kontrolle über die Welt.

Dann setzte er sich aufs Bett – nicht bequem, mehr wie jemand, der nur kurz wartet, bevor er wieder aufstehen muss.

Minuten vergingen. Vielleicht mehr.

Und dann hörte er es.

Nicht laut. Nicht dramatisch. Ein ersticktes Geräusch hinter einer Tür. Ein Atemzug, der bricht. Dann wieder.

Dabi erstarrte.

Nein.

Er hörte noch einmal hin, als hätte er gehofft, es wäre Einbildung.

Es war Lia.

Leise, aber bitterlich. So, wie man weint, wenn man jahrelang nicht durfte. Wenn Glück und Angst gleichzeitig zu schwer sind.

Dabi’s Kiefer spannte sich, als würde er gleich etwas zerstören müssen, nur um dieses Geräusch zu stoppen.

Sie weint wegen mir.

Sein erster Reflex war Flucht: raus, weg, bevor er irgendwas fühlt, was ihn bindet.

Sein zweiter Reflex war schlimmer: hin, dazwischen, schützen.

Er stand auf, als hätte sein Körper entschieden, bevor sein Kopf fertig war.

Leise ging er aus dem Gästezimmer, in den dunklen Flur. Keine Schritte zu laut. Keine Türen knallen. Er bewegte sich wie in Feindgebiet – nur dass der Feind diesmal sein eigenes Herz war.

Vor Lias Tür blieb er stehen.

Das Weinen dahinter war gedämpft, aber es stach. Nicht weil es laut war. Sondern weil es ehrlich war.

Dabi hob die Hand, als wollte er klopfen.

Er stoppte.

Wenn ich klopfe, macht sie auf.
Wenn sie aufmacht, umarmt sie mich.
Wenn sie mich umarmt…

Er presste die Hand wieder zur Faust und ließ sie sinken.

Die Tränen wurden stärker, dann wieder leiser, als würde Lia sich schämen, dass er es hören könnte.

Dabi fluchte lautlos. Ein Wort ohne Ton.

Dann tat er das Einzige, was er konnte, ohne die Kontrolle zu verlieren: Er setzte sich auf den Boden, direkt gegenüber von ihrer Tür, Rücken an die Wand, Knie angewinkelt.

Wache.

Nicht romantisch. Nicht „ich tröste dich“. Nur: Wenn irgendwer kommt, kommt er zuerst an mir vorbei.

Dabi starrte ins Dunkel und hörte, wie Lia langsam wieder Luft fand. Wie das Weinen nach und nach weniger wurde, bis nur noch dieses zittrige Atmen blieb.

Leise, gerade so, dass es durch die Tür gehen konnte, murmelte er: „Heul leiser.“

Nicht nett. Nicht weich. Aber da drin lag etwas, das er nicht sagen konnte: Bitte zerbrich nicht.

Hinter der Tür wurde es stiller.

Ein paar Minuten später hörte er, wie Lia sich bewegte, wie sie sich ins Kissen drückte, als würde sie sich selbst festhalten. Dann wurde ihr Atem gleichmäßiger. Schlaf – oder etwas, das wenigstens so tut.

Dabi blieb sitzen.

Er hätte ins Gästezimmer zurückgehen können. Er hätte verschwinden können. Er hätte alles tun können, was er immer tut.

Er tat nichts davon.

Er saß da, bis sein Nacken schmerzte, bis seine Augen schwer wurden, und selbst dann ließ er den Flur nicht los.

Weil es in dieser Nacht nur eine Sache gab, die stärker war als sein Fluchtinstinkt:

Lia hatte ihn gefunden.

Und er konnte ihr nicht antun, dass sie ihn nochmal verliert.


Haus am Morgen

Frühstück – Regeln – erstes echtes Bleiben


Am nächsten Morgen war das Haus wieder still. Nicht gemütlich still – eher dieses vorsichtige Still, das entsteht, wenn man Angst hat, ein Geräusch könnte alles kaputt machen.

Lia wachte mit schweren Augen auf. Die Haut um ihre Lider war noch warm vom Weinen, aber ihr Kopf war klar: Er ist hier. Ich muss es richtig machen.

Sie setzte sich auf, atmete einmal tief durch und öffnete die Tür.

Dabi saß gegenüber im Flur, Rücken an der Wand, Knie angewinkelt, Blick sofort wach, als hätte er die ganze Nacht nur so getan, als würde er die Augen schließen.

Lia blieb einen Moment stehen, weil ihr Herz kurz nicht wusste, wohin mit dem Gefühl. Er ist nicht weg.

„Du sitzt hier“, flüsterte sie.

Dabi blinzelte langsam. „War laut.“

Lia schluckte. Ein winziges Lächeln zuckte durch, wurde aber sofort wieder ernst, damit es ihn nicht triggert. „Ich… mach Kaffee. Und Frühstück.“

„Ich brauch nichts.“

„Du isst was“, sagte Lia ruhig, als wäre das eine medizinische Anordnung. Dann ging sie los, nicht hastig, aber schnell genug, dass er merkt: sie fällt nicht auseinander.

In der Küche stellte sie die Maschine an, holte Tassen, Teller, Brot, irgendwas Warmes. Routine. Normalität als Pflaster auf eine Situation, die eigentlich schreit.

Dabi stand irgendwann im Türrahmen, so wie gestern. Nicht im Raum, nicht weg. Genau dazwischen.

Lia stellte ihm eine Tasse hin, ohne ihm die Hand hinzuhalten. Keine Nähe-Falle. Nur Angebot. Dann stellte sie zwei Teller hin. Seiner war genauso fertig wie ihrer.

Sie setzten sich schräg gegenüber. Nicht wie ein Date. Eher wie zwei Menschen, die gerade lernen, dass ein Tisch auch ohne Kampf existieren kann.

Ein paar Bissen lang sagte Lia nichts. Sie ließ ihn essen, ohne ihn anzusehen, als würde sie ihn damit nicht aus dem Gleichgewicht bringen.

Dann nahm sie einen Schluck Kaffee und sagte ruhig: „Ich hab nachgedacht.“

Dabi’s Blick hob sich minimal. „Über was.“

„Über einen Plan“, sagte Lia. „Und über das, was du gestern gesagt hast… wegen Liga, wegen Krieg, wegen ‘wenn ich gehe’.“

Dabi’s Kiefer spannte sich. Plan heißt Kontrolle. Kontrolle heißt Falle.

Lia blieb sachlich. „Erstens: Polizei und Helden suchen dich nicht ‘richtig’. Nicht, weil sie nett wären – sondern weil du gestern nichts gemacht hast. Es gab keinen Vorfall. Keine Zeugen. Kein Grund.“

Dabi starrte in seine Tasse, als würde er prüfen, ob sie irgendwo einen Haken versteckt hat.

„Aber“, fuhr Lia fort, „die, die dich rekrutieren wollten… die merken, dass du nicht zum Treffpunkt gekommen bist.“

Dabi’s Blick wurde scharf. „Ja.“

„Und genau deswegen bleibst du jetzt hier“, sagte Lia. „Versteckt. Damit sie dich nicht finden.“

Dabi lachte kurz, bitter. „Du willst mich einsperren.“

„Nein“, sagte Lia sofort. „Du kannst jederzeit gehen. Aber ich will, dass du verstehst, was dann passiert.“

Sie sah ihn direkt an. „Wenn du rausgehst, suchen sie dich auf. Sie finden dich auf irgendeine Art. Und ich will nicht, dass du wieder in dieses System rutschst, nur weil du dich allein fühlst oder weil du denkst, du musst.“

Dabi schwieg. Seine Finger spannten sich um die Tasse. Sie hat recht. Und ich hasse es.

Lia lehnte sich minimal vor, nicht zu nah, nur präsenter. „Wenn du bei mir bleibst, helfe ich dir. Und wir machen uns einen Plan fürs Wiederauftauchen – später. Nicht jetzt.“

Dabi’s Augen verengten sich. „Wiederauftauchen.“

„Ja“, sagte Lia. „Nicht für die Liga. Für dein Leben. Für einen Punkt, an dem du nicht mehr wegrennen musst. Aber bis dahin… verstecken wir dich.“

Dabi’s Stimme wurde tiefer. „Du redest, als könntest du das einfach entscheiden.“

„Ich entscheide nur, was ich kann“, sagte Lia ruhig. „Und ich kann dieses Haus sichern. Ich kann den Keller sichern. Ich kann dich schützen. Und ich kann verhindern, dass du leicht gefunden wirst.“

Sie hob kurz die Hand, und das Schutzfeld flackerte kaum merklich auf – nicht als Show, eher als Erinnerung: Hier unten gelten andere Regeln als draußen.

Dabi starrte sie an. Er hasste, dass es funktioniert. Er hasste noch mehr, dass es sich gut anfühlt.

Lia senkte die Hand wieder. „Wir machen das praktisch: Handy aus. Keine Treffpunkte. Keine Wege nach draußen ohne Grund. Wenn du raus musst, dann nur mit Plan. Und ich will es wissen.“

Dabi knurrte leise. „Du willst alles wissen.“

„Ich will dich lebendig“, sagte Lia einfach. „Und ich will nicht, dass dich irgendwer zurückzieht.“

Ein Moment Stille. Dann wurde Lias Stimme weicher, ohne kitschig zu werden: „Ich hab gestern geweint, weil ich glücklich war… und weil ich Angst hatte, du gehst.“

Dabi’s Blick zuckte kurz weg. „Heul nicht.“

„Ich versuch’s“, sagte Lia ehrlich. Dann, fest: „Aber ich sag dir die Wahrheit: Wenn du weg bist, such ich wieder. Und ich will das nicht nochmal. Ich will, dass du hier bleibst.“

Dabi atmete scharf aus. Hoffnung kroch in ihm hoch wie etwas Verbotenes. Er hasste sie. Und er brauchte sie gleichzeitig.

„…Wie lange“, murmelte er schließlich.

Lia antwortete sofort, weil sie vorbereitet war: „Kurzfristig: zwei Wochen sind gesichert, weil ich Urlaub genommen habe. In der Zeit ordnen wir alles: Regeln, Routine, Feuerraum, Training, Sicherheit.“

Sie sah ihn an. „Und danach schauen wir weiter. Schritt für Schritt. Ohne Panik.“

Dabi starrte sie an, als würde er den Moment suchen, in dem sie einknickt. Sie knickte nicht.

Lia nahm noch einen Schluck Kaffee. „Und Dabi… wenn die Rekrutierung dich sucht – dann finden sie dich hier nicht. Nicht, wenn du dich an den Plan hältst.“

Dabi’s Mundwinkel zuckte bitter. „Und wenn sie’s trotzdem versuchen?“

Lia’s Stimme blieb ruhig. „Dann sehen sie mich. Und dann sehen sie ein Haus, das nicht offen ist. Und dann entscheiden wir. Gemeinsam.“

Dabi sagte nichts. Aber er aß weiter. Und er stand nicht auf, um zu gehen.

Und Lia merkte: Das war heute Morgen sein erstes echtes Ja – nicht als Wort, sondern als Bleiben.

 

Lia stellte ihre Tasse ab, so kontrolliert, dass es fast zu kontrolliert wirkte.

Dann sah sie Dabi an – und diesmal war da weniger Sanftheit, mehr Kante. Nicht, weil sie ihn nicht liebte. Sondern weil sie es ernst meinte.

„Hör mir jetzt genau zu“, sagte sie.

Dabi zog die Augenbrauen minimal zusammen. „Du—“

„Nein“, unterbrach Lia ihn sofort. Ruhig, aber scharf. „Du hörst zu.“

Ein Herzschlag Stille. Dabi blieb sitzen. Nicht, weil er brav ist – sondern weil ihre Stimme gerade so klang, dass selbst sein Fluchtinstinkt kurz stoppt.

„Die, die ich dir gestern genannt habe“, sagte Lia, „die helfen auch. Und ja—“ Sie atmete ein, als würde sie das jetzt sauber in Worte pressen müssen. „—manche von ihnen sind auch meine Freunde.“

Dabi’s Blick wurde einen Tick dunkler. Nicht laut. Nicht aggressiv. Aber kalt genug, dass man es spürt.

Lia hob sofort eine Hand. Nicht als Schutzfeld. Als Grenze. „Warte. Hör zu.“

Sie schluckte. Und dann kam es, roh und ehrlich:

„Ich habe auch ein Leben, Dabi, okay?“

Ihre Stimme zitterte kurz vor Wut, nicht vor Angst. „Ich konnte nicht die ganze Zeit alleine sein und mich selbst zerstören.“

Dabi sagte nichts. Aber seine Finger spannten sich um den Tassenrand, als hätte er gerade zu viele Informationen auf einmal im Körper.

„Ich liebe mein Leben“, fuhr Lia fort. „Ich liebe meine Arbeit. Ich will helfen. Ich will die Welt auf meine Art retten.“

Sie hielt kurz inne, und ihre Augen wurden weicher – gerade so, dass es ihn trifft.

„Und du wolltest das auch mal.“

Dabi’s Kiefer zuckte. Ein winziger Reflex, als würde ihn das Wort „mal“ schneiden.

Lia ließ ihm nicht die Flucht. „Ich sage dir das, weil ich ehrlich zu dir bin. Damit du mir vertrauen kannst.“

Sie atmete einmal aus. „Verachte mich nicht dafür.“

Ihre Stimme wurde fester. „Ich bin ein Mensch, der weitergelebt hat. Aber ich habe dich nicht aufgegeben.“

Dabi’s Blick flackerte kurz – ein Bild von der Fotowand, der Pinnwand, dem Freunde-Buch. Er hasste, dass sein Kopf das sofort verbindet.

„Und ich halte, was ich sage“, sagte Lia. „Ich liefere dich nicht aus.“

Dann wurde sie wieder hart, wie eine Ärztin, die eine klare Regel setzt:

„Aber du darfst nichts Dummes machen. Kein Hass auf Unschuldige. Nicht einfach angreifen, weil du’s kannst oder weil’s weh tut.“

Dabi atmete scharf aus. „Du stellst Bedingungen.“

„Ja“, sagte Lia. „Weil ich dich behalten will. Und weil ich nicht mit Blut leben will, das nicht sein müsste.“

Ihre Augen blitzten. „Wenn dir das zu viel ist, was ich dir sage—“ Sie machte eine kurze Pause. „—dann kannst du gehen.“

Dabi wurde still. Das Wort gehen hing zwischen ihnen wie ein Messer.

Lia blieb stehen, aber man sah, dass es sie Kraft kostet. „Oder du bleibst“, sagte sie leiser, „und wir machen uns ein Leben.“

Dabi öffnete den Mund, als würde er etwas schneiden wollen. Etwas Kaltes, um wieder Kontrolle zu kriegen.

Lia kam ihm zuvor – jetzt wirklich wütend:

„Und noch was: Wenn die Liga angreift oder wenn draußen etwas eskaliert, muss ich vielleicht raus.“

Sie zeigte auf den Keller, nicht dramatisch, eher taktisch. „Und du bleibst hier. Weil ich dich nicht verliere. Nicht wieder.“

Dabi’s Blick wurde schmal. In seinem Kopf sofort: Dann stirbst du. Dann nehmen sie dich. Dann…

„Du gehst nirgendwohin“, knurrte er.

Lia lachte kurz, hart. „Siehst du? Genau das ist es.“

Ihre Stimme brach nicht, aber sie war heiß vor Gefühl. „Du bist immer schroff. Immer so, als wäre ich ein Risiko, das man wegschubsen muss. Ich bin nicht aus Glas.“

Sie schob den Stuhl zurück und stand auf. „Wenn dir das nicht passt“, sagte sie, „dann geh.“

Dabi erstarrte. Nicht, weil er Angst vor ihr hatte. Sondern weil er plötzlich merkte, dass er ihr gerade wirklich weh getan hatte, ohne es zu wollen.

Lia drehte sich um, ging aus der Küche, die Schritte schneller als vorher. Nicht fliehen – aber weg, bevor sie etwas sagt, das sie bereut.

Dabi blieb stehen, als hätte man ihn an den Boden genagelt. Er hörte, wie sie die Treppe hochging. Eine Tür. Ihr Schlafzimmer.

Dann Stille.

Oben setzte sie sich an die Bettkante. Nicht dramatisch auf’s Bett fallen. Nur sitzen, den Kopf einen Tick gesenkt, als würde sie ihren Puls runterdrücken.

Unten in der Küche stand Dabi im Türrahmen, starrte auf den Tisch, auf die halb getrunkenen Tassen, auf das Frühstück, das jetzt plötzlich kalt wirkte.

Freunde.

In ihm brannte sofort der Reflex: Helden = Gefahr. Helden = Käfig. Helden = Endeavor.

Und direkt darunter, schlimmer:

Sie hat recht.

Sie hatte weitergelebt. Sie musste weiterleben. Und trotzdem hatte sie ihn gesucht. Jahre.

Dabi schluckte, als wäre plötzlich zu wenig Luft im Haus.

Wenn ich jetzt gehe, bestätigt ich jede Angst, die sie hatte.

Er dachte an ihr Weinen gestern Nacht. An seinen Körper, der sich vor ihre Tür gesetzt hatte, ohne Erlaubnis zu fragen.

Seine Hände ballten sich. Dann lösten sie sich wieder.

Er ging los. Langsam. Nicht wie jemand, der tröstet. Wie jemand, der kontrolliert, ob die Welt noch da ist.

Oben blieb er vor ihrer Tür stehen.

Er hob die Hand – stoppte.

Wenn ich klopfe, wird’s weich.

Er hasste weich.

Trotzdem sagte er, leise, fast nur Atem durch Holz:

„…Ich verachte dich nicht.“

Das war kein „Sorry“. Dabi kann kein „Sorry“ wie normale Menschen.

Aber es war das Maximum, das er gerade aus sich rausbekam, ohne wieder zu fliehen.

Er blieb stehen.

Und egal, ob Lia sofort antwortete oder nicht – er ging nicht weg.

 

„Dann sei nicht so zu mir“, kam Lias Stimme durch die Tür. Leise – aber nicht weich. Das war die Stimme, die sie benutzt, wenn sie nicht mehr schluckt.

„Ich will dir nur helfen“, sagte sie weiter. „Und nur weil ich gelebt habe…“ Man hörte, wie sie kurz Luft holte, als müsste sie das Wort runterdrücken. „…heißt das nicht, dass ich dich aufgegeben habe.“

Dabi stand reglos vor der Tür. Die Stirn gegen das Holz hätte zu viel Nähe gewesen. Also blieb er einen Schritt weg und hörte zu, als wäre Zuhören schon eine Form von Schmerz.

„Ich weiß, dass du Helden hasst wegen Endeavor“, sagte Lia. Ihre Stimme wurde härter bei dem Namen, als hätte sie ihn selbst nie gemocht. „Aber nicht alle sind scheiße.“

Dabi’s Kiefer spannte sich. Nicht alle. In seinem Kopf klang das wie eine Lüge, die man sich erzählt, damit man schlafen kann.

„Und selbst wenn ich es… meinen Freunden erzählen würde“, fuhr Lia fort, „würden sie dich nicht ausliefern. Ganz im Gegenteil. Du hättest einen Vorteil.“

Ein trockenes, gefährliches Lachen stieg in Dabi hoch und blieb stecken. Vorteil.

„Du hast noch nichts gemacht“, sagte Lia. „Und du weißt Dinge. Das heißt: Du würdest helfen. Und du hättest noch mehr Vorteil.“

Stille. Dann ein Ruck.

Die Tür wurde aufgerissen.

Lia stand im Türrahmen, Augen noch feucht, Kiefer angespannt, Haare oben zusammengebunden. Sie sah nicht aus wie jemand, der kaputt ist – eher wie jemand, der gerade entschieden hat, nicht mehr klein zu sein.

„Ich sag dir hier wirklich alles“, sagte sie, und jetzt war sie wütend. „Und du traust mir nicht.“

Dabi zuckte kaum merklich zurück. Nicht vor ihr – vor dem Gefühl, das in ihrer Nähe immer zu groß wird.

„Ich müsste dir das nicht sagen“, fuhr Lia fort. „Ich könnte einfach schweigen und dich verstecken und fertig. Aber ich tu’s. Weil ich ehrlich bin. Damit du mir vertrauen kannst.“

Dabi starrte sie an. In seinem Kopf flackerte sofort dieses alte Programm: Wenn jemand zu viel gibt, nimmt er später alles.

„Du verstehst nicht—“ begann er, schneidend.

„Doch“, schnitt Lia ihn ab. Ihre Hand blieb am Türrahmen, als wäre das ihre Grenze. „Ich verstehe, dass du Angst hast. Aber ich bin nicht dein Feind.“

Dabi’s Blick wurde dunkler. „Es geht nicht um dich.“

„Doch“, sagte Lia sofort. „Es geht um mich, weil du mich mit deinen Worten triffst, wenn du so tust, als wäre alles, was ich gemacht habe, Verrat.“

Ein Herzschlag.

Dann, leiser – aber noch immer fest: „Ich habe ein Leben geführt. Ich durfte das. Und ich habe dich trotzdem gesucht.“

Dabi schluckte. Sein Hals war plötzlich zu eng.

Sie hat recht.
Und er hasste, wie sehr das weh tat, weil es bedeutete: Er hatte sie gerade bestraft für das, was sie überlebt hat.

„Ich—“ Er brach ab. Worte waren gefährlich. Worte machten Dinge real.

Lia sah ihn an, als würde sie auf genau diesen Moment gewartet haben – nicht auf ein perfektes Sorry, sondern auf irgendein Zeichen, dass er’s überhaupt versucht.

Dabi presste die Zähne zusammen und zwang die einzige Form von Rückzug raus, die nicht Flucht ist: „…Pause.“

Lia blinzelte. Wut in den Augen, aber sie hielt sich an die Regel. Sie atmete aus. „Okay“, sagte sie leise. „Pause.“

Dabi blieb stehen. Er ging nicht weg. Das war sein Teil.

Nach drei Atemzügen hob er den Blick wieder. Seine Stimme war rau, tiefer als vorher. „Ich verachte dich nicht.“

Lia’s Augen wurden sofort weicher – aber sie ließ es nicht sofort als Sieg stehen. „Dann hör auf, mich so zu behandeln.“

Dabi’s Kiefer arbeitete. „Ich traue dir.“ Das kam raus wie ein Stein, den man aus dem Hals zieht. „Ich traue ihnen nicht.“

Lia nickte langsam, als wäre das immerhin ehrlich. „Okay. Dann sag das so. Nicht…“ Sie machte eine kleine, wütende Bewegung mit der Hand. „…nicht so, als wäre ich schuld.“

Dabi’s Blick zuckte kurz weg. Schuld. Das Wort war Gift bei ihm. Alles war immer Schuld. Seine, Endeavors, der Welt.

„Und was du da gesagt hast“, knurrte er leiser, „von wegen ‘ich erzähl’s meinen Freunden’—mach das nicht.“

„Ich werde dich nicht ausliefern“, sagte Lia sofort. „Und ich werde es jetzt niemandem erzählen. Ich habe es dir nur gesagt, damit du verstehst, warum mein Kontakt zu ihnen nicht automatisch Gefahr ist.“

Dabi atmete scharf aus. „Es ist immer Gefahr.“

„Dann reduzieren wir die Gefahr“, sagte Lia. „Regel: Keine Helden in diesem Haus. Keine Anrufe hier. Ich kann draußen ‘privat’ sein, ohne Details. Und du bleibst unten, wenn irgendwas komisch ist.“

Dabi’s Blick blieb hart, aber da war ein kleiner, unfreiwilliger Respekt: Sie diskutierte nicht, um zu gewinnen. Sie baute eine Lösung.

„Gut“, murmelte er.

Lia hielt ihn noch einen Moment im Blick. „Und du“, sagte sie, „machst keinen Scheiß. Keine Unschuldigen. Keine impulsiven Angriffe. Wenn’s zu viel wird: Keller. ‘Pause’. Du bleibst.“

Dabi schluckte. Hoffnung war wieder da, eklig warm in der Brust. Er hasste sie. Und er brauchte sie gleichzeitig.

„Wenn dir das zu viel ist“, sagte Lia leiser, „kannst du gehen. Ich halte dich nicht fest.“

Dabi’s Blick schoss zu ihr. Das Wort „gehen“ war wie ein Abgrund.

Er antwortete nicht sofort. Dann, rau: „Ich geh nicht.“

Lia’s Gesicht zuckte – fast Tränen, fast Erleichterung. Sie hielt es im Griff. „Okay“, sagte sie nur.

Dabi stand immer noch im Flur, immer noch angespannt. Dann machte er eine winzige Bewegung, so klein, dass man sie fast übersehen konnte: Er trat einen halben Schritt näher – nicht um sie zu umarmen, nur um nicht mehr so weit weg zu sein.

„Und…“, presste er heraus, als würde ihn jedes Wort kosten, „du hast recht. Du durftest leben.“

Lia atmete aus, als hätte man ihr etwas Schweres aus den Rippen gezogen. „Danke.“

Dabi verzog den Mund. „Mach’s nicht groß.“

„Mach ich nicht“, sagte Lia. „Komm. Der Kaffee wird kalt.“

Dabi blieb einen Herzschlag stehen, Blick auf ihr Gesicht, als müsste er sich vergewissern, dass sie nicht gleich wieder wegbricht.

Dann ging er mit ihr zurück die Treppe runter. Nicht weich. Nicht freundlich. Aber da.

 

Lia saß wieder in der Küche, rosa Haare offen über den Schultern, noch leicht feucht an den Spitzen. Die Luft roch nach Kaffee und dem Frühstück, das eigentlich längst kalt sein müsste – aber irgendwie war nichts in diesem Haus „eigentlich“ gerade normal.

Dabi stand erst im Türrahmen, wie immer halb drin, halb draußen. Dann setzte er sich wieder schräg, so dass er den Raum im Blick hatte. Seine Tasse blieb in seiner Hand, als wäre sie weniger Getränk als Ausrede, die Hände beschäftigt zu halten.

Lia nahm einen Schluck und sagte, möglichst ruhig: „Ich muss heute einkaufen. Ich geh gleich. Du kannst hier bleiben.“

Dabi’s Blick zuckte sofort hoch. „Nein.“

Lia blinzelte. „Nein?“

„Du gehst nicht alleine“, knurrte er. Es klang hart, aber darunter lag dieses alte, krank wachsame Beschützen, das er nicht wegkriegt.

Lia atmete einmal aus. „Ich gehe nicht in den Krieg. Ich gehe einkaufen.“

„Genau“, sagte Dabi. „Das ist der Moment, wo Leute unaufmerksam sind.“

Lia schob die Tasse beiseite, blieb aber ruhig. „Ich kann auch liefern lassen.“

Dabi schnaubte. „Und dann kommt irgendein Typ an die Tür, klingelt, redet, guckt.“

Lia hielt inne. Er hatte nicht Unrecht.

Sie nickte langsam. „Okay. Dann mache ich es so: Ich fahre schnell, ich nehme das Nötigste, ich bin in 20 Minuten wieder da. Kein Umweg, keine Gespräche, kein Heldentelefon. Und ich sage dir vorher genau, wann ich gehe und wann ich wieder da bin.“

Dabi starrte in seine Tasse, als würde er das „nein“ nochmal aufbauen wollen. Er brachte es nicht sofort raus.

Lia sah ihn an – sanft, aber fest. „Und du bleibst unten, wenn irgendwas komisch ist. Keller, versteckte Wohnung. Das ist der Plan.“

Dabi’s Mundwinkel zuckte bitter. „Du willst planen, als wäre das alles… normal.“

„Ich will überleben“, sagte Lia schlicht.

Ein Moment verging. Dabi sagte nichts.

Lia lehnte sich leicht vor, ihre Stimme wurde leiser. „Und… bevor ich gehe: Was meintest du vorhin?“

Dabi hob den Blick nicht.

„Du hast gesagt: ‘Du verstehst nicht—’“, fuhr Lia fort. „Was wolltest du mir sagen? Ich will es wirklich verstehen.“

Stille.

Dabi’s Finger trommelten einmal an die Tasse, als würde sein Körper ein Ventil suchen. Dann stoppte er damit, weil es ihn selbst nervte.

„Du willst’s wirklich hören?“, fragte er rau.

„Ja“, sagte Lia sofort. „Ich lüge nicht: Ja.“

Dabi atmete scharf aus, als würde er sich selbst dafür hassen, dass er das jetzt sagt.

„Du verstehst nicht, wie schnell… Leute dich zu etwas machen“, sagte er leise. Nicht schreien, nicht knurren – leise war bei ihm immer das Gefährlichste. „Wie schnell du ‘nützlich’ bist, bis du’s nicht mehr bist.“

Lia hielt still.

„Und du verstehst nicht, wie es ist, wenn dein ganzes Leben daraus besteht, dass andere entscheiden, was du wert bist“, fuhr er fort, Blick starr irgendwo an die Wand. „Helden. Nicht-Helden. Egal. System ist System.“

Lia schluckte. „Ich—“

„Warte“, sagte Dabi sofort, scharf, aber nicht böse. Er brauchte den Satz zu Ende, sonst würde er wieder zumachen. „Und… du verstehst nicht, was passiert, wenn die merken, dass du jemanden schützt, den sie nicht mögen.“

Lia’s Stimme war leise. „Sie nehmen mich als Hebel.“

Dabi’s Blick schoss zu ihr. Ein kurzer, harter Moment.

„Ja“, sagte er. „Genau das.“

Lia nickte einmal. Kein Drama. Nur Einsicht.

Dabi schluckte. Seine Stimme wurde rauer. „Und wenn du dann sagst ‘die sind meine Freunde’…“ Er brach ab, als hätte ihn schon der Gedanke wütend gemacht. „…das macht’s nicht sicherer. Das macht’s nur komplizierter.“

Lia hielt seinen Blick. „Ich wollte dich nicht damit verletzen.“

„Du hast mich nicht verletzt“, knurrte Dabi sofort – Reflex. Dann, nach einem Herzschlag, leiser: „Du hast mich… nervös gemacht.“

Das war, für Dabi, fast ein Geständnis.

Lia’s Gesicht wurde weicher. „Okay.“

Dabi sah wieder weg. „Und bevor du jetzt wieder denkst, ich bin sauer, weil du gelebt hast…“ Er presste die Zähne zusammen. „Nein. Du durftest leben.“

Lia atmete aus, als hätte sie genau das gebraucht.

„Ich bin sauer“, sagte Dabi, „weil du dich in Reichweite von denen stellst. Und weil du’s auch noch ‘normal’ nennst.“

Lia nickte. „Verstanden.“

Dann setzte sie ihre Tasse ab und sprach weiter, bevor er wieder dicht macht – ruhig, klar, vollständig:

„Hör zu: Ja, manche Helden sind meine Freunde. Weil sie mich seit Jahren als Ärztin kennen. Und weil ich ab und an helfe – Notfälle, Einsätze, manchmal Training, kurz als Lehrerin.“

„Alle kennen mich“, fügte sie hinzu, ohne Stolz, nur als Fakt. „Wenn irgendwo was eskaliert, ruft man mich. Nicht ständig – ich habe ein Krankenhaus. Aber oft genug, dass mein Wort Gewicht hat.“

Dabi’s Blick wurde schmal. „Gewicht.“

„Ja“, sagte Lia. „Damit, wenn es irgendwann soweit ist, ich sagen kann: ‘Er ist bei mir. Ich passe auf.’ Und sie nehmen es ernst.“

Sie hielt einen Beat inne, dann: „Aber dafür darfst du keinen Scheiß machen. Keine Unschuldigen. Keine impulsiven Angriffe. Sonst kann ich dich nicht schützen.“

Dabi schwieg.

Lia atmete einmal durch. „Und Aizawa…“

Dabi’s Blick zuckte minimal.

„Aizawa kennt mich schon länger“, sagte Lia. „Er ist misstrauisch. Pragmatiker. Er wollte mich schon vor einer Weile ‘persönlich einschätzen’, weil er wissen will, ob ich stabil bin – Risiko oder Plus.“

Sie sagte es ohne Koketterie, eher wie eine Akte. Dann, ehrlich: „Und ja… er hat auch mal versucht, mich privat auf einen Kaffee einzuladen. Nicht dienstlich.“

Dabi bewegte sich nicht – aber die Luft um ihn wurde kälter.

Lia blieb ruhig. „Ich sag dir das, weil ich ehrlich bin. Damit du mir vertrauen kannst. Und weil ich nichts Verdecktes will.“

Dabi’s Kiefer arbeitete. Er sagte nichts, weil er nur redet, wenn er’s will.

Lia ließ ihm den Moment – und fügte dann das hinzu, was für sie genauso wichtig war:

„Und noch etwas: Ich habe eine Fähigkeit. Ich werde kämpfen müssen. Es ist sicher, dass ich irgendwann gegen Tomura Shigaraki mit rein muss.“

Dabi’s Blick schoss hoch. „Nein.“

„Doch“, sagte Lia, ruhig wie ein Schnitt. „Das ist Realität. Und wenn es soweit ist, bleibst du hier. Unten. Versteckt. Damit ich dich nicht verliere.“

Dabi’s Stimme kam tief. „Du gehst nicht.“

„Ich sterbe nicht“, sagte Lia leise, aber fest. „Weil ich nicht alleine bin. Meine Freunde haben mir oft genug geholfen. Hawks, Deku, Bakugo, Best Jeanist, Aizawa… die haben mich schon aus Lagen rausgezogen, in denen ich allein nicht sauber rausgekommen wäre. Und ich ihnen.“

Sie sah ihn direkt an. „Ich sag das nicht, um dich zu überzeugen. Ich sag es, weil es wahr ist.“

Dabi hielt einen Moment inne. Dann sagte er, kaum hörbar: „Ich will nicht, dass du stirbst.“

Lia blinzelte. Das war kein hübscher Satz bei ihm, aber er war echt.

„Ich auch nicht“, sagte sie leise. „Deswegen der Plan.“


Dabi schnaubte. „Und deswegen bleibst du nicht lange weg.“

„Okay“, sagte Lia.

Sie stand auf, ging zu ihm rüber – nicht zu nah, nur nah genug, dass er sieht: sie läuft nicht weg, nur weil er Gefühle hat, die er nicht schön sagen kann.

„Ich gehe einkaufen“, sagte Lia ruhig. „Und ich komme zurück. Und wenn du willst, schreiben wir danach die Regeln auf. Ganz konkret. Damit du nicht die ganze Zeit denken musst, du musst alles alleine tragen.“

Dabi’s Blick zuckte kurz über ihr Gesicht, dann weg. „Schreib.“

Lia nickte. „Mach ich.“

Sie nahm ihren Schlüssel, zog eine Jacke über, Haare weiter offen, und blieb noch einmal stehen.

„Dabi“, sagte sie.

„Was.“

„Danke, dass du’s gesagt hast. Jetzt verstehe ich mehr.“

Dabi antwortete nicht sofort. Dann kam ein raues: „Mach’s nicht groß.“

„Mach ich nicht“, sagte Lia. 

 

Lia zog ihre Jacke an, steckte den Schlüssel ein und blieb noch einmal im Flur stehen, als würde sie den Moment festnageln.

„Zwanzig Minuten“, sagte sie ruhig. „Ich fahre direkt, kaufe nur das Nötigste, komme direkt zurück. Wenn irgendwas komisch ist: Keller. Versteckte Wohnung.“

Dabi sagte nichts. Er stand im Türrahmen, als wäre er Teil der Wand. Aber seine Augen waren auf der Tür, auf dem Fenster, auf der Welt draußen – und auf ihr.

Lia öffnete die Haustür. Kalte Luft kam rein. Sie ging raus, zog die Tür hinter sich zu.

Das Klick vom Schloss klang im Haus lauter als es sollte.

 

Lia zog ihre Jacke an, steckte den Schlüssel ein und blieb noch einmal im Flur stehen, als würde sie den Moment festnageln.

„Zwanzig Minuten“, sagte sie ruhig. „Ich fahre direkt, kaufe nur das Nötigste, komme direkt zurück. Wenn irgendwas komisch ist: Keller. Versteckte Wohnung.“

Dabi sagte nichts. Er stand im Türrahmen, als wäre er Teil der Wand. Aber seine Augen waren auf der Tür, auf dem Fenster, auf der Welt draußen – und auf ihr.

Lia öffnete die Haustür. Kalte Luft kam rein. Sie ging raus, zog die Tür hinter sich zu.

Das Klick vom Schloss klang im Haus lauter als es sollte.

Dabi blieb noch drei Herzschläge stehen, als würde sein Körper darauf warten, dass gleich etwas passiert. Dann ging er los. Nicht hektisch – schnell und lautlos.

Er ging nicht ins Wohnzimmer, nicht ans Fenster. Fenster waren Verrat. Licht war Verrat. Er nahm die Treppe runter, in den Keller, dahin, wo Beton und Planung waren.

Die versteckte Wand glitt noch nicht von allein auf. Er wusste inzwischen, wo Lia sie öffnet – und er brauchte keine Wand, die sich bewegt, wenn er nervös ist. Also blieb er im „normalen“ Kellerbereich, direkt zwischen Feuerraum und der Stelle, wo er im Notfall in das Versteck könnte.

Er setzte sich nicht. Er stand. Hörte.

Oben: nichts. Keine Schritte. Kein Handy. Kein Gespräch. Nur das Haus.

Zwanzig Minuten.
Zeit ist gefährlich. In Zeit kann alles passieren.

Er zog sein ausgeschaltetes Handy aus der Tasche, wog es kurz in der Hand. Sein Daumen wollte es anmachen. Nur einmal schauen. Nur sehen, ob noch eine Nachricht kommt.

Er zwang die Hand still. Schob es zurück weg.

Wenn ich’s anmache, wissen sie, dass ich da bin.

Dabi ging in den Feuerraum und stellte sich auf die Platten, als wäre das sein „Startpunkt“. Er ließ keine Flamme kommen. Er atmete nur. Einmal tief. Einmal flach. Kontrolle testen.

Dann drehte er sich um und prüfte die Belüftung, den Notaus-Schalter, das Wasser, die Verbandskiste. Nicht weil er’s braucht – weil er wissen muss, dass er’s kann.

Oben rollte irgendwo ein Auto vorbei. Reifen auf Asphalt. Ein Geräusch, das normal ist – und trotzdem ließ es seinen Nacken hart werden.

Er hörte genauer hin.

Kein Portalflackern. Kein „Fehler“ in der Luft. Nur Welt.

Dabi ging wieder hoch, aber nicht ganz. Er blieb auf halber Treppe stehen, so dass er beides hat: oben hören, unten verschwinden.

Er merkte, wie sein Blick automatisch zur Fotowand wollte. Zu dem Ort, der weh tut.

Er ging nicht hin.

Stattdessen ging er in die Küche, stand im Schatten des Türrahmens – wieder dieser Zwischenraum, den er mag, weil man da nicht „drin“ ist.

Auf dem Tisch lag Lias Notizzettel, den sie vermutlich für den Einkauf gemacht hatte. Saubere Handschrift. Klare Liste. Kein Chaos.

Dabi starrte kurz drauf und dachte etwas, das ihn wütend machte, weil es zu weich war:

Sie kommt wirklich wieder.

Sein Blick glitt zur Haustür. Dann zur Uhr. Dann wieder zur Tür.

Jede Minute dehnte sich.

Bei Minute acht hörte er draußen Stimmen. Nur zwei Leute, die irgendwo vorbeigingen. Normal.

Dabi war in einer Sekunde unten. Nicht rennen – gleiten. Lautlos. Er stand wieder im Kellerflur, bereit, die Wand zu öffnen, bereit, Feuer zu werfen, bereit zu verschwinden.

Die Stimmen gingen vorbei. Wurden leiser. Weg.

Dabi blieb trotzdem unten, bis sein Puls wieder normal war.

So sieht mein Leben aus.
Und jetzt ist Lia darin.

Bei Minute vierzehn vibrierte irgendwo ein Gerät ganz kurz – nicht sein Handy, eher das Haus: eine kleine Statusanzeige, irgendwas Technikmäßiges, das Lia eingebaut hatte. Dabi zuckte sofort, als hätte ihn jemand berührt.

Er zwang sich, still zu bleiben.

Wenn ich jedes Geräusch als Angriff behandle, werde ich wahnsinnig.

Bei Minute neunzehn hörte er das, worauf sein Körper die ganze Zeit gewartet hatte: das entfernte Geräusch eines Autos, das langsamer wird. Reifen auf Kies. Ein kurzes Abrollen.

Dabi blieb im Keller. Er ging nicht hoch wie ein normaler Mensch, der „sie ist da“ denkt. Normal ist gefährlich.

Dann: Schritte vor der Tür. Schlüssel. Das ganz bestimmte Rhythmus-Klicken von jemandem, der hier wohnt.

Dabi ging erst hoch, als die Tür bereits wieder zu war. Als er Lias Atem im Haus hören konnte.

Lia stand im Flur mit zwei Taschen, Wangen leicht kaltgerötet, Haare offen, Blick sofort suchend – nicht nach einem Ort, sondern nach ihm.

Als sie ihn sah, fiel eine Spannung aus ihren Schultern. Nur ein bisschen. Aber genug.

„Ich bin wieder da“, sagte sie leise.

Dabi sah auf die Uhr. Dann auf sie.

„Dreiundzwanzig Minuten“, murmelte er.

Lia blinzelte. Dann lächelte sie minimal. „Ich bin schnell gefahren.“

Dabi schnaubte, als wäre das alles nur ein logistisches Problem. Aber seine Augen waren wach, und in ihnen lag etwas, das er nicht sagen würde:

Gut.

Lia stellte die Taschen ab. „Es ist nichts passiert. Niemand hat angerufen, niemand war da.“

Dabi nickte kaum merklich. Mehr gab er nicht her.

Lia sah ihn an, warm, aber vorsichtig. „Und? Hast du… alles okay gehabt?“

Dabi ließ die Sekunde stehen.

„War ruhig“, sagte er. Kurz. Roh.

Und Lia verstand trotzdem alles, was dahinter steckt.

 

Lia stellte die Einkaufstaschen in die Küche, räumte das Nötigste weg und atmete einmal durch, als hätte sie damit erst jetzt wirklich wieder Boden unter den Füßen.

Dann drehte sie sich zu Dabi um, rosa Haare offen, ein bisschen zerzaust vom Wind. „Ich geh jetzt aufs Sofa“, sagte sie ruhig. „Ich schaue Fernsehen.“

Sie hielt kurz inne, damit es nicht wie eine Bitte klingt. „Du kannst mitkommen, wenn du willst.“

Dabi stand im Flur, als wäre „Fernsehen“ ein Wort aus einem anderen Universum. Sein Blick glitt über Fenster, Türen, Schatten. Routine.

„Mach“, murmelte er. Nicht Ja. Nicht Nein. Nur: mach du.

 

Normalität ist eine Falle.

Lia nickte, als wäre das okay. Sie ging ins Wohnzimmer und zog die Vorhänge noch einmal minimal nach – nicht aus Angst, sondern aus Gewohnheit. Dann ließ sie sich aufs Sofa sinken, nicht elegant, eher erschöpft.

Der Fernseher ging an. Irgendein Geräusch füllte den Raum, eine Stimme, Musik, Bilder, die nichts mit ihnen zu tun hatten. Normalität als Geräuschkulisse.

Lia nahm eine Decke, zog sie über die Beine, und für einen Moment sah sie einfach nur geradeaus, als würde sie sich selbst erlauben zu atmen.

Dabi blieb im Türrahmen stehen. Natürlich. Zwischenraum. Sein Lieblingsplatz. Von dort aus konnte er alles sehen und trotzdem so tun, als wäre er nicht „dabei“.

Lia schaute nicht zu ihm, um ihn nicht zu ziehen. Sie ließ das Angebot im Raum stehen, wie eine offene Tür.

Nach ein paar Minuten ging Dabi langsam rein. Nicht zum Sofa. Erst einmal an die Wand, in den Schatten, so dass er Fenster und Eingang im Blick hatte.

Er blieb stehen. Dann setzte er sich auf die Sesselkante—als hätte er sich selbst verboten, sich bequem zu machen.

 

Bequem heißt sicher. Sicher heißt angreifbar

Lia merkte es im Augenwinkel und lächelte minimal, ohne es groß zu machen. „Wenn du was schauen willst, sag’s“, sagte sie leise.


Dabi schnaubte. „Ist mir egal.“


„Okay“, sagte Lia, als wäre auch das normal. Sie zog die Decke ein Stück höher und ließ den Fernseher laufen.

Ein paar Szenen flackerten vorbei. Irgendein Drama, irgendein Krimi. Nichts, was Dabi wirklich interessiert – aber es gab ihm etwas anderes: ein Geräusch, in dem man nicht hören muss, wie laut die eigenen Gedanken sind.

Lia drehte den Kopf ein Stück zu ihm, vorsichtig. „Du kannst auch hier sitzen“, sagte sie. „Nicht weil du musst. Nur wenn du willst.“

Dabi antwortete erst nach einem Moment. „Ich sitz hier.“

„Okay“, sagte Lia. Kein beleidigtes Lächeln. Kein Druck.

Dann, ganz ruhig: „Danke, dass du nicht gegangen bist.“


Dabi’s Blick blieb auf dem Bildschirm. Seine Stimme kam rau, ohne ihn anzusehen: „Mach’s nicht groß.“

 

Wenn ich gehe, bricht etwas.

Lia nickte. „Mach ich nicht.“

Sie sah weiter fern, aber ein Teil von ihr war nur froh, dass er im selben Raum war.

Und Dabi – schroff wie immer – blieb. Still. Wach. In der Nähe.

Für jemanden wie ihn war das schon fast Zärtlichkeit.

 

Lia schaute zwei Stunden lang – erst konzentriert, dann nur noch halb, weil der Fernseher mehr Geräuschkulisse als Inhalt war.

Dabi blieb die ersten zehn Minuten genau da, wo er sich hingesetzt hatte: nicht bequem, eher auf Spannung, Blick auf Eingang, Fenster, Flur – und trotzdem mit Lia im Augenwinkel.

Er tat so, als würde ihn der Bildschirm nicht interessieren. Aber er hörte alles: die Lautstärke, die Stimmen, jedes Knacken im Haus, jedes Auto draußen.

 

Wenn etwas kommt, will ich’s zuerst hören.

Nach einer Weile stand er auf. Nicht abrupt – eher so, als wäre Sitzen zu lang schon ein Risiko. Er ging einmal durch den Raum, prüfte ohne Worte die Vorhänge, zog eine Kante einen Tick fester, drückte kurz den Rahmen der Terrassentür, als müsste er sicher sein, dass sie wirklich zu ist.

Lia sagte nichts. Sie ließ ihn. Keine Kommentare, kein „ist alles okay?“ – sie wusste, dass Fragen ihn wieder hart machen würden.

Dabi blieb kurz im Flur stehen, lauschte, dann ging er in die Küche, nahm ein Glas Wasser und stellte es auf den Couchtisch, ohne sie anzusehen.

„Trink“, murmelte er. Ein Wort, fast ein Befehl. Nicht nett. Aber Fürsorge.

 

Wenn sie schwächelt, raste ich aus.

Lia griff danach, lächelte klein. „Danke.“

„Mach’s nicht groß“, kam sofort, rau, und er war schon wieder auf dem Weg zurück in seinen Schattenplatz.

Die nächste halbe Stunde wechselte er zwischen zwei Positionen: einmal Türrahmen, einmal Ecke neben dem Fenster, wo er alles sehen konnte. Er setzte sich kurz, stand wieder auf, als wäre sein Körper nicht gemacht für Ruhe.

Einmal hob er die Fernbedienung an, drückte die Lautstärke zwei Stufen runter. Nicht weil es ihn störte – sondern weil zu laut bedeutet, man hört draußen weniger.

 

Zu laut = zu blind.

Lia schaute ihn kurz an. Dabi sagte nichts. Er gab ihr nicht den Blick zurück, der „ja, ich passe auf“ sagen würde. Aber er blieb da.

Irgendwann – nach etwa einer Stunde – verschwand er für zwei Minuten in den Keller. Nicht dramatisch, nicht mit Ankündigung. Nur weg.

Unten stand er im Flur zwischen Feuerraum und der versteckten Wand, atmete einmal tief durch, ließ keine Flamme kommen. Nicht weich werden. Du bist nicht allein. Das ist genau das Problem.

Dann kam er wieder hoch, lautlos, und stellte sich wieder so hin, dass er Lia sieht und gleichzeitig die ganze Etage kontrolliert.

Als Lia einmal leise lachte über irgendwas im Fernsehen, zuckte sein Blick ganz kurz zu ihr – sofort wieder weg, als hätte ihn das Geräusch erwischt.

 

So klang sie früher.

In der letzten halben Stunde rutschte Lia tiefer ins Sofa, Decke etwas verrutscht. Dabi blieb erst stehen, starr, als würde er mit sich kämpfen.

Dann ging er hin, zog die Decke wortlos ein Stück höher über ihre Beine und trat wieder zurück, als hätte ihn das selbst überrascht.

 

Nicht frieren. Nicht heute.

Lia sagte nichts – nur ein leises „mmh“, zufrieden, ohne ihn festzunageln.

Dabi blieb die restliche Zeit im Raum. Wach. Still. Unbequem. Aber da. Und jedes Mal, wenn draußen ein Geräusch zu nah klang, war er sofort eine Sekunde schneller als der Rest der Welt.

 

Lia hatte die ganze Zeit nur halb auf den Fernseher geachtet.

Das Bild lief, Stimmen kamen und gingen, aber in ihr war nur ein Gedanke, der immer wieder hochstieg, egal wie sehr sie versuchte, ihn leise zu halten: Er ist da. Ich hab ihn gefunden. Er ist wirklich da.

Sie hatte es zwei Stunden lang „vernünftig“ gemacht. Nicht ziehen. Nicht drängen. Ihm Raum lassen. So wie sie es sich vorgenommen hatte.

Aber irgendwann wurde dieses Gefühl zu groß, um es weiter sauber zu falten. Es saß ihr in der Brust wie etwas, das endlich raus durfte.

Lia schaute kurz zu Dabi. Er stand wieder im Schattenbereich, Blick wach, Körper halb bereit.

Für einen Moment hielten ihre Augen an ihm fest. Nicht fordernd. Eher… ungläubig.

Dann stand sie auf. Langsam, damit es ihn nicht erschreckt. Die Decke rutschte von ihren Knien, der Fernseher spielte weiter, aber der Raum wurde plötzlich viel stiller.

Dabi merkte es sofort. Sein Blick zuckte zu ihr, schmal, kontrolliert. „Was.“

„Nichts Schlimmes“, sagte Lia leise. Sie ging einfach auf ihn zu. Nicht schnell. Nicht wie eine Attacke. Wie jemand, der nur Nähe braucht, um nicht zu platzen.

Dabi blieb stehen. Er wich nicht zurück – aber man sah, wie sich seine Schultern minimal anspannten, als würde sein Körper entscheiden, ob Berührung Gefahr ist.

 

Nicht zurückweichen. Nicht wieder.

Lia blieb in einem Abstand stehen, der ihm Luft ließ. Sie sah ihn an, offen, warm, und ihre Stimme war ruhig genug, dass sie nicht zitterte.

„Wenn du runter musst“, sagte sie leise, „sag es mir.“

Dabi blinzelte, als hätte er nicht erwartet, dass sie ausgerechnet das sagt.

Lia machte einen winzigen Schritt näher, aber nicht in ihn hinein. Nur präsenter. „Dann gehen wir runter“, fuhr sie fort. „Damit du’s rauslassen kannst. Und damit du dich nicht verbrennst.“

Dabi’s Kiefer spannte sich. „Ich brauch—“

Lia hob die Hand minimal, nicht als Stopp, eher als sanfte Erinnerung an die Regeln. „Du musst nicht sagen, du brauchst niemanden. Du musst nur sagen: ‘zu viel’. Oder ‘Keller’. Oder ‘Pause’. Ich verstehe das.“

Dabi starrte sie an. Sein Blick war hart, aber darunter lag etwas Unruhiges. Als hätte sie gerade einen Teil von ihm angesprochen, den er sonst nur mit Feuer ruhig kriegt.

„…Mhm“, murmelte er schließlich.

Lia nickte, als wäre das genug. Sie machte es nicht groß. Kein „Danke“, kein „Oh mein Gott“.

Sie blieb einfach einen Moment stehen, nah genug, dass er sie spürt, aber nicht nah genug, dass er sich gefangen fühlt.

Und in diesem einen stillen Moment war klar: Sie konnte es nicht mehr unterdrücken, dass er da ist.

Aber sie zeigte es nicht als Klammern. Sie zeigte es als etwas, das Dabi überhaupt annehmen kann: Struktur. Schutz. Bleiben.

 

Lia trat noch einen halben Schritt, bis sie neben ihm stand – nicht vor ihm, nicht in seinem Weg. Einfach neben ihn, so wie früher, wenn sie ihm Nähe geben wollte, ohne ihn zu überfahren.

Der Fernseher lief irgendwo im Hintergrund weiter, aber das Geräusch war nur noch Kulisse.

Dabi spürte sie sofort. Ihre Wärme, ihr Geruch, dieses leise „da“-Gefühl, das ihn gleichzeitig beruhigt und nervös macht. Seine Schultern wurden minimal härter. Nicht Angriff. Abwehr.

Lia sagte erst nichts. Sie stand nur da, Blick nach vorn, als würde sie ihm zeigen: Ich bin da, ohne dich zu ziehen.

Dann atmete sie einmal aus – und es klang wie eine Entscheidung.

„Weißt du…“, sagte sie schließlich leise, „wie schwer es ist, dich nicht zu berühren?“

Dabi blinzelte langsam. Sein Kopf wollte sofort Gift ausspucken, um Abstand zu schaffen. Sag was Kaltes. Mach’s kaputt.

„…Tch“, machte er nur. Ein Laut, der alles bedeuten konnte.

Lia lächelte nicht. Sie machte es nicht süß. Sie blieb ehrlich. „Ich versuche es“, sagte sie leise. „Weil ich weiß, dass du sonst vielleicht wieder weggehst.“

Dabi’s Blick zuckte zu ihr, kurz, scharf. „Ich geh nicht wegen…“

Er brach ab, weil er selbst nicht wusste, wie man den Satz beendet, ohne sich zu verraten.

Lia nickte, als hätte sie den Rest trotzdem verstanden. „Okay“, flüsterte sie.

Sie hob ihre Hand nur ein kleines Stück, blieb aber stehen, bevor sie ihn berührte – als würde sie ihm die Wahl lassen, nicht ihm sie nehmen.

„Wenn es zu viel wird, sag ‘Pause’“, sagte Lia leise. „Ich halte dich nicht fest. Ich bleibe nur in der Nähe.“

Dabi’s Kiefer arbeitete. Er atmete einmal scharf aus, als würde allein ihr Ton ihn in eine Ecke drängen, die er nicht kennt.

„Du redest zu viel“, murmelte er.

„Ja“, gab Lia zu. „Aber ich lüge nicht.“

Ein Moment Stille. Dann, rau, fast widerwillig: „…Bleib stehen.“

Lia’s Augen wurden sofort weich, aber sie blieb ruhig. „Okay“, sagte sie. Und sie bewegte sich keinen Millimeter mehr.

Dabi stand da, neben ihr, und es sah nicht aus wie ein Liebespaar. Es sah aus wie jemand, der zum ersten Mal seit Jahren aushält, dass Nähe nicht automatisch Gefahr ist.

Und Lia – die ihn am liebsten umarmt hätte – hielt es aus, weil sie wusste: Für Dabi ist aushalten manchmal schon Liebe.

 

Lia ließ den Moment neben ihm nicht kippen. Kein weiterer Satz, kein Versuch, ihn „zu öffnen“. Sie nahm nur den stillen Befehl an – bleib stehen – als wäre es ein Geschenk.

Dann löste sie sich langsam, ohne Hast, damit es nicht nach Rückzug aussieht. „Ich koche“, sagte sie leise. Nicht als Frage. Als Plan.

Dabi antwortete nicht. Er blieb im Schatten, Blick wach, als würde er sie begleiten, ohne sich zu bewegen.

In der Küche band Lia sich die Haare zusammen – nur für das Kochen – und zog eine Schürze über, nicht kitschig, eher praktisch. Dann fing sie an.

Sie sagte nichts mehr. Kein Smalltalk. Keine Fragen. Kein „Wie fühlst du dich?“ Sie wusste, dass Worte manchmal mehr Druck machen als Stille.

Das Haus füllte sich mit Geräuschen, die nicht gefährlich waren: das Klacken eines Messers auf dem Brett, das leise Zischen einer Pfanne, Wasser, das kurz aufkocht. Gewürze. Wärme.

Dabi stand im Türrahmen der Küche, wie immer. Halb drin, halb draußen. Er beobachtete alles: ihre Hände, die Wege, die sie nimmt, den Blick, den sie nicht zu oft zu ihm wirft, damit er sich nicht gefangen fühlt.

Lia kochte etwas, das nicht „schnell“ war. Etwas, das Zeit braucht. Als würde sie dem Haus damit sagen: Wir bleiben.

Sie rührte, schmeckte ab, schnitt Gemüse fein, nahm sich Zeit, als wäre das hier ein Ritual – nicht romantisch, eher beruhigend.

Dabi merkte nach einer Weile, dass er den Geruch mochte. Das ärgerte ihn. Essen war Normalität. Normalität war Hoffnung.

Lia stellte zwei Gläser Wasser auf den Tisch, ohne ein Wort. Dann ging sie wieder zurück an den Herd.

Dabi sah die Gläser an. Für beide. Natürlich. Immer „für beide“.

Er setzte sich nicht. Noch nicht. Er blieb stehen, weil Sitzen bedeutet, dass man sich sicher fühlt. Und sicher fühlen war für ihn ein Risiko.

Lia war die ganze Zeit still. Kein Blick, der fragt. Keine Stimme, die zieht. Nur Bewegungen, die sagen: Ich bin da.

Als es endlich fertig war, stellte sie die Teller hin. Nicht vorsichtig, nicht ängstlich. Selbstverständlich. Sein Teller war genauso fertig wie ihrer.

Sie setzte sich zuerst – nicht um ihn zu dominieren, sondern um zu zeigen: Du darfst auch.

Dabi blieb noch einen Moment im Türrahmen stehen, als würde er gegen einen Reflex kämpfen.

Dann setzte er sich schräg hin, so dass er den Raum im Blick hatte. Nicht gegenüber wie ein Date. Mehr wie ein Waffenstillstand am Tisch.

Lia nahm die Gabel in die Hand und aß den ersten Bissen, ohne ihn anzusehen. Damit er nicht das Gefühl hat, bewertet zu werden.

Stille. Nur Besteck. Nur Essen.

Und trotzdem war es nicht kalt. Es war die erste Art von Frieden, die Dabi ertragen konnte: kein Gerede, keine Erwartungen – nur ein warmer Teller und jemand, der geblieben war, ohne ihn festzubinden.

 

Lia aß den letzten Bissen und stellte die Gabel ab, als hätte sie gerade erst gemerkt, wie ruhig es am Tisch geworden war.

Dabi saß schräg, Blick nicht auf sie, aber immer irgendwo zwischen Fenster, Tür und ihren Händen. Er hatte gegessen. Nicht viel. Aber genug, dass es zählte.

Lia sagte nichts dazu. Sie räumte einfach ab, Teller für Teller, als wäre das der normalste Abend ihres Lebens.

Das Wasser lief, Geschirr klirrte leise, und für ein paar Minuten war das Haus nur: Küche, Wärme, Routine.

Als sie fertig war, stellte Lia zwei Tassen zurück an ihren Platz, wischte sich die Hände ab und atmete einmal tief durch.

Dabi stand wieder im Türrahmen, halb drin, halb draußen. „Fertig?“

„Ja“, sagte Lia leise. „Danke, dass du gegessen hast.“

„Mach’s nicht groß“, knurrte er sofort.

Lia nickte nur. „Mach ich nicht.“

Genau in dem Moment vibrierte ihr Handy auf dem Tisch. Einmal. Dann nochmal.

Dabi wurde sofort anders. Nicht laut – aber das ganze Haus fühlte sich für einen Herzschlag kälter an.

Lia sah aufs Display und erstarrte kurz nicht vor Angst, sondern vor dem Timing.

Midoriya Izuku.

Sie hob den Blick zu Dabi. „Das ist Deku“, sagte sie ruhig. „Medizinisch. Wahrscheinlich eine Frage.“

Dabi’s Augen wurden schmal. „Nicht hier.“

„Ich weiß“, sagte Lia sofort. Kein Streit. Kein „aber“. Sie griff nach dem Handy, stand auf und zeigte mit einer kleinen Kopfbewegung Richtung Keller. „Du gehst runter. Versteckte Wohnung. Ich geh kurz nach draußen und nehme den Anruf. Drei Minuten.“

Dabi zögerte einen Herzschlag. Nicht, weil er nicht wollte – weil jede Bewegung sich anfühlt wie Risiko.


Dann knurrte er: „Wenn’s komisch wird—“

„Sagst du ‘Keller’. Und du bleibst unten“, beendete Lia ruhig. „Und ich sage nichts über dich. Nie.“

Dabi sah sie an, hart, prüfend. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand die Treppe runter.

Lia ging zur Hintertür, zog sie leise auf und trat raus, nur weit genug, dass ihre Stimme nicht durchs Haus trägt. Kalte Luft schnitt ihr kurz in die Lunge.

Sie nahm ab. „Midoriya.“

Am anderen Ende klang Deku sofort zu höflich, zu angespannt. „Dr. Lethal—! Es tut mir leid, ich… ich weiß, Sie sind im Urlaub.“

Lia blieb ruhig. „Ich höre zu. Was ist passiert?“

„Es ist— also— niemand ist in Lebensgefahr!“, schoss es aus ihm raus, als würde er das unbedingt zuerst klarstellen. „Aber wir hatten Training, und jemand hat sich verletzt. Ich wollte nur… sicher sein, was richtig ist.“

Lia schloss kurz die Augen. Natürlich du.

„Okay“, sagte sie. „Sag mir kurz: was für eine Verletzung, wie schlimm, und ob Bewusstsein/Atmung normal sind.“

Man hörte ihn schlucken, dann wurde er sachlicher. „Atmung normal. Bewusstsein normal. Es ist eine Verbrennung am Unterarm— nicht groß, aber schmerzhaft. Wir haben Wasser, sterile Kompressen, aber ich… ich will nichts falsch machen.“

Lia antwortete direkt, klar, ohne Panik. „Kühlen mit kühlem Wasser, nicht eiskalt. Sauber halten, nichts draufschmieren, nicht aufmachen, wenn Blasen entstehen. Locker abdecken. Wenn die Schmerzen stark sind oder die Stelle größer wirkt als sie zuerst aussieht: ab in die Versorgung. Und wenn irgendwas ungewöhnlich wird: Rettung rufen. Verstanden?“

„Ja!“, sagte Deku sofort. Man hörte richtig, wie sehr ihn das beruhigte. „Danke. Wirklich. Und… sorry nochmal, dass ich—“

„Du entschuldigst dich nicht fürs Hilfe holen“, unterbrach Lia ihn ruhig. „Du machst es richtig.“

Kurze Stille am anderen Ende, dann leiser: „Danke, Dr. Lethal.“

„Lia reicht“, sagte sie automatisch, dann fing sie sich. „Und Midoriya: Ich bin heute nicht vor Ort. Wenn es eskaliert, geh über die offiziellen Wege. Ich kann telefonische Einschätzung geben, aber keine Wunder.“

„Verstanden“, sagte Deku ernst. „Und… danke. Ich melde mich nur, wenn’s nötig ist.“

„Gut“, sagte Lia. „Pass auf euch auf.“

Sie legte auf und blieb einen Moment draußen stehen, Handy in der Hand, Herz ruhig, Kopf schon wieder bei unten im Keller.

Lia ging rein, schloss die Tür leise und blieb im Flur stehen. „Dabi?“, rief sie nicht laut, eher in den Raum hinein – so, dass es nach unten trägt, aber nicht nach draußen.

Von unten kam erst nichts. Dann ein raues, knurriges: „Was.“

„Nur Deku“, sagte Lia. „Eine medizinische Frage. Ich hab nichts gesagt. Es ist alles okay.“

Stille. Dann Schritte auf der Treppe – nicht ganz hoch, nur bis zur Hälfte, so dass Dabi sie sehen konnte und trotzdem den Rückzug hatte.

„Wie lange?“ fragte er.

„Zwei Minuten“, sagte Lia. „Ich hab mich an die Regel gehalten.“

Dabi sah sie an, als würde er prüfen, ob irgendwo eine Lüge hängt. Er fand keine.

„Gut“, murmelte er. Mehr gab er nicht her.

Lia nickte. „Gut.“

Und obwohl er schon wieder nach unten wollte, blieb er einen Herzschlag länger stehen – als würde selbst das ein kleiner Beweis sein, dass er nicht verschwindet, nur weil die Außenwelt kurz angeklopft hat.

 

Lia legte das Handy weg, atmete einmal durch und schaute kurz zum Fenster, als würde sie innerlich eine Entscheidung festziehen.

„Ich gehe spazieren“, sagte sie ruhig. „Kurz.“

Dabi, der halb auf der Treppe stand, wurde sofort hart im Blick. „Nein.“

Lia blinzelte. „Nein?“

„Du gehst nicht raus“, knurrte er. „Nicht ohne Grund.“

Lia stellte die Hände an die Hüften – nicht dramatisch, aber man sah, dass ihr Geduldsfaden gerade kurz ist. „Doch“, sagte sie. „Und das ist ein Grund.“

Dabi’s Augen wurden schmal. „Was soll das jetzt sein, ein Trotzspaziergang?“

Lia atmete einmal scharf aus. „Nein. Das ist mein Leben.“

Sie trat ein paar Schritte näher, nicht um ihn zu bedrängen, sondern damit er sie hören muss. „Ich mache das öfter. Ich gehe raus, ich bewege mich, ich bekomme Luft. Wenn ich zwei Wochen nur drinnen bleibe, mit verdunkelten Fenstern, dann wirkt das merkwürdig.“

Dabi fauchte leise. „Dann soll’s merkwürdig wirken.“

„Nein“, sagte Lia fester. „Weil merkwürdig Aufmerksamkeit zieht. Und Aufmerksamkeit ist das, was du nicht willst.“

Dabi hielt inne. Das saß.

Lia wurde ruhiger, aber die Kante blieb. „Ich werde nicht zwei Wochen im Haus eingesperrt sitzen, Dabi. Nicht von dir, nicht von Angst, nicht von irgendwem.“

Dabi’s Stimme wurde tief. „Es geht nicht um Kontrolle. Es geht darum, dass—“

„Dass du Angst hast“, beendete Lia ruhig. „Ich weiß.“

Sie hob die Hand, als würde sie eine Regel in die Luft schreiben. „Deshalb machen wir es so: Ich gehe nicht weit. Zehn Minuten. Ich nehme eine Route, die ich kenne. Ich rede mit niemandem. Keine Stops. Kein Café. Kein Heldentelefon. Und ich sage dir exakt, wann ich rausgehe und wann ich wieder drin bin.“

Dabi starrte sie an. Sein Kopf suchte nach Einwänden, aber sie hatte sie schon vorher weggenommen.

„Und du“, sagte Lia, „bleibst unten, wenn du willst. Oder du bleibst oben und hörst. Aber du bleibst hier. Verstanden?“

Dabi’s Kiefer spannte sich. „Du willst, dass ich einfach—“

„Ich will, dass du lernst, dass ich nicht sofort sterbe, wenn ich Luft hole“, sagte Lia, jetzt ehrlich wütend. „Ich bin stark. Ich habe trainiert. Ich habe Freunde. Und ich habe Schutz.“

Dabi knurrte. „Und wenn jemand dir folgt?“

Lia nickte, als hätte sie genau auf diese Frage gewartet. „Dann gehe ich nicht nach Hause. Dann gehe ich eine Runde mehr, wechsle Route, rufe von draußen Hilfe – und nicht vom Haus aus. Und wenn’s ernst ist, setze ich Schutz und gehe direkt in den Keller, ohne dass jemand mich bis zur Haustür sieht.“

Dabi schwieg.

Lia sah ihn an, und ihre Stimme wurde wieder weicher, ohne nachzugeben. „Ich mache das nicht, um dich zu provozieren. Ich mache das, weil Sicherheit auch bedeutet, normal zu wirken.“

Ein Moment.

Dabi presste raus: „Fünf Minuten.“

Lia schüttelte den Kopf. „Zehn.“

Dabi’s Blick wurde hart.

Lia hielt stand. „Zehn. Ich komme zurück. Und du gehst nicht in Panik.“

Dabi schnaubte. „Ich geh nicht in Panik.“

„Gut“, sagte Lia. „Dann sind zehn Minuten kein Problem.“

Sie zog Schuhe an, nahm keine Tasche, nur Schlüssel. Haare offen. Jacke zu.

Dabi stand im Flur wie ein Schatten, und man sah, wie sehr er kämpfen musste, sie nicht einfach festzuhalten.

„Ich gehe jetzt“, sagte Lia. „Uhrzeit: …“

„Ich kann die Uhr lesen“, knurrte er.

Lia nickte. „Trotzdem. Damit du weißt: Ich komme um … wieder rein.“

Sie ging zur Tür, hielt kurz inne, schaute ihn an. „Bleib.“

Dabi antwortete nicht. Aber er blieb stehen.

Lia öffnete die Tür und trat raus – ruhig, als wäre das normal.

Und Dabi stand im dunklen Flur und merkte, wie verdammt schwer zehn Minuten sein können, wenn man jemanden gefunden hat, den man nicht wieder verlieren will.


Drinnen blieb Dabi einen Herzschlag lang reglos, als hätte das Klicken des Schlosses ihm etwas aus der Hand gerissen. Dann bewegte er sich. Schnell, lautlos.

Nicht zur Tür, nicht direkt ans Fenster. Erst in den Flur, an den Punkt, von dem aus er beide Ebenen hören konnte. Er zählte Schritte – ihre, die sich entfernten. Dann die Stille, die zurückblieb.

Draußen ging Lia mit normalem Tempo. Nicht joggen, nicht schleichen. Schultern locker, Blick nach vorn – so, wie jemand läuft, der hier wohnt und einfach Luft holen will.

Trotzdem registrierte sie alles: das Auto, das an der Kreuzung langsamer wurde; den Mann mit dem Hund auf der anderen Straßenseite; das Geräusch eines Fahrrads, das näherkam und dann vorbeizog.

Sie war nicht paranoid. Sie war vorbereitet.

Dabi schob ein Stück Vorhang im Wohnzimmer so minimal zur Seite, dass kaum Licht reinfiel. Gerade genug, um rauszusehen, ohne selbst sichtbar zu sein. Sein Blick folgte ihr, bis sie hinter der Hecke am Gehweg verschwand.

Sein Brustkorb zog sich zusammen. Zehn Minuten waren lächerlich. Zehn Minuten waren ewig.

Lia bog am Parkrand entlang. Ein paar Leute gingen spazieren, normaler Abend. Sie nickte einer älteren Nachbarin kurz zu, nur ein neutrales „Guten Abend“ ohne stehenzubleiben.

 

Keine Gespräche. Keine langen Blickkontakte. Keine neue Information für irgendwen.

Sie hielt das Tempo konstant.

Drinnen ging Dabi in den Keller, als wäre das der Ort, an dem er denken darf, ohne dass es ihn zerreißt. Er blieb im Flur zwischen Feuerraum und der versteckten Wand stehen.

Wenn irgendwer kommt, bin ich hier unten schneller weg.

Er hörte auf das Haus. Auf die Welt. Auf jedes Geräusch, das nicht reinpasste.

Draußen hörte Lia kurz ein Auto hinter sich, das zu langsam fuhr. Ihr Körper blieb ruhig, aber ihr Kopf wurde scharf. Sie spiegelte in einer Fensterscheibe: Kennzeichen? Gesicht? Blick?

Das Auto fuhr weiter. Kein Stop. Kein Fenster runter. Nur Zufall.

Lia ließ sich nichts anmerken. Sie wechselte trotzdem die Straßenseite an der nächsten Ecke – nicht panisch, sondern so, wie man eben manchmal die Seite wechselt. Normalität als Tarnung.

Im Keller spürte Dabi diese eine Sekunde, in der sein Kopf anfängt, Horrorfilme zu drehen. Er ballte die Hand, ließ die Hitze aber nicht hochkommen. Keine Flamme. Nicht jetzt. Nicht, während sie draußen ist.

Er zog sein ausgeschaltetes Handy aus der Tasche, starrte es an, als könnte es ihm Sicherheit geben. Dann schob er es wieder weg.

Wenn ich’s anmache, bin ich auffindbar.

Draußen war Lia fast schon wieder auf dem Rückweg. Sie ging am Zaun entlang, an dem ein paar Kinderzeichnungen hingen – irgendein Nachbarschaftsding. Sie ließ den Blick nicht hängen. Alles, was hängen bleibt, ist Zeit.

Sie spürte, wie ihre Brust sich entspannte, weil sie Luft hatte. Weil sie sich nicht wie eine Gefangene bewegte.

Und weil sie wusste: Drinnen sitzt ein Mann, der zehn Minuten nicht aushält, ohne in Alarm zu gehen – und der es trotzdem versucht.

Dabi ging wieder nach oben, leise, stellte sich an die Stelle, von der aus er den Flur und die Haustür gleichzeitig sehen konnte. Er war nicht am Fenster. Er war nicht „wartend“. Er war… bereit.

Ein Geräusch draußen. Schritte. Schlüssel.

Dabi stand sofort gerade.

Die Tür ging auf. Lia trat rein, Wangen kaltgerötet, Atem ruhig. Sie schloss ab. Einmal, zweimal. Sauber.

Für einen Herzschlag sahen sie sich nur an.

„Zehn Minuten“, sagte Dabi, als müsste er das Wort ausspucken.

Lia zog die Jacke aus, hängte sie auf. „Neun“, sagte sie ruhig. Dann, leiser: „Ich bin da.“

Dabi’s Blick glitt über sie, als würde er prüfen, ob sie verletzt ist, ob sie verfolgt wurde, ob irgendwas an ihr „anders“ ist.

Er fand nichts.

„Gut“, murmelte er schließlich. Nicht freundlich. Aber echt genug.

Lia nickte. „Siehst du? Normal wirken ist auch Schutz.“

Dabi antwortete erst nicht. Dann kam, rau und widerwillig: „Nächstes Mal sagst du mir die genaue Route.“

Lia hob eine Augenbraue. „Hab ich.“

Dabi schnaubte. „Noch genauer.“

Lia lächelte klein. „Okay.“

Und obwohl er es nie so nennen würde, war das sein erster Schritt: Nicht mehr „du gehst nicht“, sondern „geh – aber so, dass ich dich wiederkriege.“

 

Lia atmete einmal tief durch, als sie die Jacke aufhängte. Nicht, weil der Spaziergang schlimm war – sondern weil Dabis Alarmmodus selbst nach „nichts passiert“ immer noch wie ein Echo im Haus hing.

„Okay“, sagte sie knapp. Kein Streit. Nur dieses kleine, genervte „Ich kann nicht ständig erklären, dass ich atme.“

Sie ging zurück ins Wohnzimmer, ließ sich aufs Sofa fallen und zog die Decke wieder über die Beine. Die Haare blieben offen, wie immer, als würde sie sich damit selbst beweisen, dass sie nicht im Kampfmodus ist.

Der Fernseher ging an. Irgendeine Serie. Irgendein Geräusch, das die Spannung im Raum ein kleines bisschen runterdrückte.

Lia sagte nichts mehr. Sie schaute einfach. Zwei Stunden lang. Nicht aus Begeisterung – eher aus Trotz gegen den Stress.

Dabi blieb zuerst im Flur stehen, als wüsste er nicht, ob er rein darf, wenn sie genervt ist. Er hasste Konflikt nicht, weil er ihn scheut – sondern weil er ihn mit Verlust verbindet.

Wenn sie genervt ist, geht sie irgendwann.
Der Gedanke machte ihn wütend. Und still.

Er kam in den Türrahmen des Wohnzimmers, blieb dort stehen. Wie immer: halb drin, halb draußen.

Lia schaute nicht zu ihm. Absichtlich. Sie wollte nicht, dass er denkt, er muss reagieren.

Die ersten zwanzig Minuten passierte nichts. Nur Fernsehlautstärke, nur Licht, das über seine Gesichtskanten flackerte.

Dabi machte einmal einen Schritt näher, blieb dann wieder stehen. Als hätte sein Körper beschlossen: „Zu nah ist gefährlich.“

Lia zog die Decke höher, ohne ihn anzusehen. Kleine Bewegung, die sagt: Ich bin noch da.

Dabi ging kurz in die Küche, holte Wasser. Er stellte das Glas auf den Couchtisch, ohne Kommentar.

Lia griff danach, trank einen Schluck. „Danke“, sagte sie leise.

„Tch“, kam zurück, aber er ging nicht weg.

Die Stunde verging. Lia blieb still, aber man merkte: Sie war genervt, weil sie ständig „Sicherheit“ erklären muss, obwohl sie selbst die Starke ist.

Dabi merkte es auch. Er sagte nichts, weil er nur spricht, wenn er’s wirklich will – und weil er nicht weiß, wie man sowas repariert, ohne es schlimmer zu machen.

Stattdessen wurde er praktisch: Er prüfte noch einmal die Verdunkelung, aber diesmal nicht nervös, sondern automatisch. Er setzte sich in die Ecke, von der aus er Tür und Fenster sieht. Nicht auf Spannung wie vorher. Eher… Routine.

Lia schaltete irgendwann um, weil sie die Serie nicht interessierte. Das Klicken der Fernbedienung klang genervter als nötig.

Dabi’s Blick zuckte zu ihr, kurz. Er sagte nichts. Aber er blieb im Raum. Und blieb.

Nach etwa zwei Stunden war Lia nicht mehr so angespannt. Ihr Atem war ruhiger, ihr Blick weicher. Der Fernseher lief noch, aber sie war mehr bei sich als bei den Bildern.

Dabi stand schließlich auf, ging ein paar Schritte, blieb hinter dem Sofa stehen – nicht dicht, aber nah genug, dass sie ihn spürt.

Er sagte nichts.

Und genau das war sein „Sorry“: keine Worte, keine Diskussion – nur Präsenz.

Lia drehte den Kopf minimal, nur einen kurzen Blick. Nicht liebevoll, nicht böse. Einfach feststellend: Du bist noch da.

Dabi hielt den Blick eine Sekunde zu lange – dann sah er wieder weg.

Aber er blieb stehen.

Und in diesem kleinen, stillen Moment war die Genervtheit nicht weg – aber sie wurde leichter, weil Lia merkte: Er lernt. Langsam. Auf Dabi-Art.

 

Lia sagte nicht viel. Nicht, weil sie beleidigt war – eher, weil ihr Kopf müde war vom „ständig erklären“, vom Planen, vom Stabil-sein.

Sie drückte die Fernbedienung, der Fernseher wurde leiser, dann ganz aus. Das Wohnzimmer wurde sofort stiller, als hätte jemand die Luft aus dem Raum genommen.

„Ich geh ins Bett“, sagte sie schließlich. Kurz. Ruhig.

Dabi stand im Schatten hinter dem Sofa und bewegte sich nicht. „Mhm.“

Lia wartete nicht auf mehr. Sie stand auf, strich die Decke glatt, wie eine Angewohnheit, die ihr hilft, den Kopf zu sortieren, und ging Richtung Treppe.

Oben war es dunkler, leiser. Das Haus fühlte sich größer an, wenn man nicht redet.

Lia ging ins Schlafzimmer, machte das Bett fertig. Nicht perfekt, nur ordentlich: Decke aufschütteln, Kissen richten, als würde sie sich damit selbst beweisen, dass sie Kontrolle hat.

Dann ins Bad. Zahnbürste, Wasser, der ganz normale Ablauf, der trotzdem plötzlich so kostbar wirkte, weil Dabi unten war und sie nicht wusste, wie lange dieses „unten“ bleiben würde.

Sie schaute kurz in den Spiegel. Die Augen waren ruhiger als gestern. Aber in ihnen lag noch dieses dünne Zittern: Angst, dass er geht.

Sie wischte nichts weg. Sie zwang sich nur zu atmen.

Als sie zurück in den Flur trat, blieb sie einen Moment stehen, oben an der Treppe, und hörte nach unten.

Keine Schritte. Keine Stimmen. Nur dieses schwere, wache Schweigen, das zu Dabi gehörte.

Sie ging wieder ins Schlafzimmer, schaltete das Licht aus, ließ nur eine kleine Lampe an. Warm, nicht grell.

Dann blieb sie einen Herzschlag im Türrahmen stehen, als würde sie überlegen, ob sie noch etwas sagen soll.

Unten knarrte nichts. Dabi sagte nichts.

Lia entschied sich für das Einzige, was sie konnte, ohne ihn zu überfordern:

Sie ging noch einmal zur Treppe und rief nicht laut, nur so, dass es nach unten trägt: „Gute Nacht, Dabi.“

Einen Moment kam keine Antwort.

Dann, rau, aus dem Dunkel: „…Ja.“

Es war kein „Gute Nacht“. Aber es war eine Antwort. Und eine Antwort war bei Dabi schon Nähe.

Lia nickte, obwohl er es nicht sehen konnte, und ging zurück ins Schlafzimmer.

Sie legte sich ins Bett, zog die Decke bis zum Kinn und starrte kurz an die Decke, als müsste sie dem Körper erklären, dass er jetzt schlafen darf.

Ihr Atem wurde langsam gleichmäßiger.

Und während das Haus wieder in Nacht fiel, blieb unten ein Mann wach, der nie gelernt hatte, dass „Gute Nacht“ wirklich bedeutet, dass morgen noch jemand da ist.

 

Unten blieb Dabi noch einen Moment stehen, als hätte „Gute Nacht“ ihm eine Aufgabe gegeben, die er nicht bestellt hat.

Er wartete, bis oben kein Schritt mehr zu hören war. Kein Lichtwechsel. Keine Stimme. Nur das Haus, das wieder so klang, als wäre es leer – obwohl es das nicht war.

Dann machte er das, was er immer macht, wenn sein Kopf keine Ruhe kennt: Kontrolle.

Er ging leise durch den Flur, prüfte die Haustür, zog einmal am Griff, als würde er dem Schloss misstrauen. Danach die Terrassentür, dann die Fensterfronten – nicht auf, nicht sichtbar, nur Hand an Rahmen, ob alles sitzt.

Er zog die Verdunkelung an einer Stelle einen Zentimeter nach, bis kein Spalt mehr da war. Kein Licht raus, kein Blick rein.

Im Wohnzimmer blieb er stehen, hörte zwei Atemzüge lang nur auf die Stille – und auf das, was zwischen den Geräuschen liegt.

Wenn die Liga jemanden schickt, kommt’s nicht laut.

Er zog das ausgeschaltete Handy aus der Tasche, starrte es an, als könnte er die Nachricht noch durch den schwarzen Bildschirm sehen. Dann steckte er es weg. Nicht anmachen. Nicht riskieren.

Er ging kurz zur Kellertür, legte die Hand an die Klinke, als würde er sich daran erinnern: Fluchtweg. Sicherer Bereich.

Oben knarrte einmal Holz – nur das Haus, das arbeitet. Dabi’s Nacken wurde trotzdem sofort hart.

Er stand still, bis klar war: kein Schritt, keine Tür, kein fremdes Geräusch.

Dann ging er hoch – nicht ins Gästezimmer, nicht wirklich. Er blieb auf der halben Treppe stehen, genau an dem Punkt, wo er beide Ebenen hören konnte.

Sie ist genervt.
Der Gedanke war wie ein kleiner Stachel, weil er wusste, warum.

Er hätte sich jetzt „normal“ ins Gästezimmer legen können. Decke, Kissen, schlafen wie ein Mensch. Aber sein Körper kannte das nicht mehr. Und sein Kopf erst recht nicht.

Also setzte er sich schließlich oben in den Flur, schräg an die Wand, so dass er die Treppe und Lias Tür gleichzeitig im Blick hatte. Nicht direkt davor wie letzte Nacht – diesmal mit Abstand.

Ich mach sie nicht kleiner. Ich steh nur dazwischen.

Er lauschte. Lias Atem oben war nicht zu hören, aber er wusste, wo ihr Zimmer ist, wo die Schritte wären, wenn jemand kommt, und wo er sein müsste, um zuerst da zu sein.

Minuten vergingen. Dabi schloss die Augen nicht ganz. Nur halb. So, dass er sofort wieder da ist, wenn etwas klickt, knackt oder flackert.

Und irgendwo in diesem Wachzustand, zwischen Wut und Erleichterung, dachte er etwas, das er niemals laut sagen würde:

Wenn ich jetzt gehe, zerbricht sie.

Er blieb sitzen. Wach. Still. Unbequem.

Nicht weil er plötzlich weich ist – sondern weil „bleiben“ gerade die einzige Art ist, wie er überhaupt zeigen kann, dass er’s verstanden hat.


Morgenroutine

Plan statt Angst

 

Lia wachte früh auf. Nicht, weil sie ausgeschlafen war – sondern weil ihr Körper sich noch immer nicht daran gewöhnt hatte, dass „Frieden“ möglich ist, ohne dass gleich etwas passiert.

Sie setzte sich auf, strich sich einmal übers Gesicht und öffnete die Tür.

Dabi saß im Flur, schräg an der Wand, Knie angewinkelt, Blick sofort wach. Als hätte er nie wirklich geschlafen.

Er ist noch da.

„Guten Morgen“, sagte sie leise.

Dabi blinzelte langsam. „…Mhm.“

Kein Weglaufen. Noch nicht.

Sie ging ins Bad, Haare offen, und machte ihre Routine: Zähne putzen, Wasser ins Gesicht, tief atmen. Kein Drama. Nur Funktion.

Als sie runterkam, ging sie direkt in die Küche. Der Tag sollte sich nicht wie ein Gespräch anfühlen – eher wie ein Ablauf, in dem beide überleben können.

Sie setzte Kaffee auf. Das vertraute Brummen der Maschine füllte den Raum mit etwas Normalem.

Dann Eier. Speck. Pfanne heiß, leises Zischen, ein Geruch, der schnell das ganze Haus einnahm.

Nicht zu viel reden. Nicht ziehen.

Sie nahm Teig, den sie vorbereitet hatte, und machte Brötchen. Nicht gekauft. Selbst gemacht. Als würde sie dem Tag damit sagen: Ich baue etwas.

Dabi tauchte irgendwann im Türrahmen auf. Halb drin, halb draußen. Sein Blick ging sofort über Fenster, Tür, Fluchtweg – und dann kurz zu ihren Händen.

Immer bereit. Selbst hier.

Lia stellte zwei Tassen hin. Zwei Teller. Besteck. Sie deckte auch seinen Platz fertig, ohne zu fragen, ob er bleibt. Kein Druck. Nur ein Platz, der existiert.

Als alles fertig war, stellte sie den Teller mit Eiern und Speck hin, dazu die Brötchen, warm, duftend.

Lia setzte sich schräg, so dass es nicht wie Konfrontation wirkt. Sie nahm einen Schluck Kaffee und aß.

Dabi setzte sich nach einem Moment ebenfalls – schräg, wachsam, nicht bequem.

Es war still. Nur Besteck. Kaffee. Das leise Knistern, wenn Speck bricht.

Wenn es so still ist, fühlt es sich fast echt an.

Lia legte die Gabel hin und rieb sich kurz über die Stirn, als würde sie den Druck aus dem Kopf drücken.

„Sag mal“, begann sie, ruhig aber hörbar genervt, „was machst du, wenn ich einen Notfall reinbekomme und sofort losrennen muss?“

Dabi stoppte mitten im Kauen. Sein Blick hob sich langsam. „Dann rennst du nicht.“

Wenn sie weg ist, kann ich nichts kontrollieren.

Lia atmete scharf aus. „Doch. Ich leite ein Krankenhaus. Notfall heißt nicht ‘vielleicht’. Notfall heißt: Menschen sterben, wenn ich nicht komme.“

Dabi’s Kiefer spannte sich. Ein Moment verging, dann kam es tief, hart: „Und wenn dir da draußen was passiert?“

Dann verliere ich dich. Und dann bleibt nur Feuer.

„Dann passiert’s“, sagte Lia trocken. „Aber ich will nicht, dass wir so tun, als wäre mein Job plötzlich weg, nur weil du Angst hast. Ich brauche einen Plan. Für beide.“

Dabi starrte sie an, als würde ihn das Wort Plan beruhigen und gleichzeitig wütend machen.

„…Okay“, knurrte er schließlich.

Plan ist besser als Panik. Aber ich hasse, dass ich ihn brauche.

Lia nickte sofort. „Gut. Dann Regeln.“

Dabi setzte die Tasse ab. „Wenn Notfall: du sagst es nur. Ein Wort.“

„Welches?“

„Notfall“, sagte er. „Kein Erklären. Kein Diskutieren.“

Lia nickte. „Okay.“

„Dann gehst du“, fuhr Dabi fort, Stimme leise und gefährlich ruhig. „Und ich geh runter. Sofort. Versteckte Wohnung. Wand zu.“

„Okay.“

„Handy bleibt aus“, sagte er. „Ich öffne niemandem. Niemandem. Egal wer.“

Lia zog eine Augenbraue hoch. „Auch wenn’s ein Held ist?“

Dabi’s Blick wurde messerscharf. „Erst recht.“

Niemand kommt an sie ran. Über mich schon gar nicht.

Lia nickte. „Okay. Niemand wird reingelassen.“

Dabi tippte einmal mit dem Finger auf den Tisch, als würde er die nächsten Punkte zählen. „Du sagst mir vorher eine Zeit. Wie lange du weg bist. Grob. Und wenn du’s nicht weißt, sagst du: ‘Unklar’.“

Lia atmete aus. „Kann ich machen. Ich sag dir: ‘30 Minuten’, ‘1 Stunde’ oder ‘unklar’.“

„Und du kommst nicht zurück, wenn du verfolgt wirst“, knurrte er. „Nicht mit jemandem im Rücken.“

„Ja“, sagte Lia sofort. „Dann fahre ich vorbei, drehe eine Runde, wechsle Route. Und wenn’s ernst ist, gehe ich über den Keller rein.“

Dabi hielt kurz inne. Sein Blick blieb an ihr hängen, prüfend.

Sie meint das. Sie denkt wirklich mit.

„Und noch was“, sagte er. „Wenn die dich wegen irgendwas ‘privat’ ausquetschen wollen—du sagst nichts. Urlaub. Punkt.“

Lia nickte. „Weglassen ist keine Lüge. Das kann ich.“

Dabi schnaubte. „Gut.“

Lia lehnte sich minimal zurück. „Und was ist, wenn ich Hilfe brauche? Wenn es richtig groß ist?“

Dabi wurde still. Dann presste er raus: „Dann holst du dir Hilfe. Von deinen Leuten. Aber du bringst sie nicht hierher.“

Wenn sie Hilfe braucht, soll sie sie kriegen. Nur nicht vor meine Tür.

Lia sah ihn an. „Okay. Ich rufe sie von draußen. Nicht vom Haus. Und niemand kommt an die Tür.“

Dabi nickte kaum merklich.

Lia atmete einmal durch. Endlich Struktur. „Gut. Dann weiß ich, was du machst. Und du weißt, was ich mache.“

Dabi’s Blick blieb hart, aber ehrlicher. „Ich hasse das.“

Lia nickte. „Ich weiß.“

„Aber ich muss leben, Dabi. Und du musst lernen, dass ich leben kann, ohne dass du mich einsperrst.“

Dabi antwortete erst nach einem Moment. „Lern ich.“

Wenn ich’s nicht lerne, verliere ich sie trotzdem.

Lia stellte ihre Tasse in die Spüle, wischte sich die Hände ab und atmete einmal durch, als würde sie sich selbst einen Startknopf drücken.

„Ich gehe jetzt kurz“, sagte sie. „Fünfzehn Minuten spazieren. Ich komme dann wieder.“

Dabi stand im Flur, Blick sofort scharf. „Nein.“

Lia hob nur kurz die Augenbrauen. „Doch. Fünfzehn.“

Dabi’s Kiefer spannte sich. Sein Blick blieb fest auf ihr, als würde er damit die Welt kontrollieren wollen.

Geh nicht. Bitte geh nicht.

Lia zog ihre Schuhe an, Haare offen, Jacke zu. Kein Handy in der Hand. Normal wirken.

Sie blieb einen Herzschlag an der Tür stehen und schaute Dabi an.

In ihr war dieser Impuls schon die ganze Zeit gewesen: Küss ihn. Nur kurz. Damit du’s fühlst. Damit du’s glaubst.

Aber sie kannte ihn. Ein Kuss vor dem Gehen könnte ihn entweder halten – oder ihn sofort wieder wegkalt machen.

Lia zögerte. Ihre Lippen öffneten sich minimal, als würde sie etwas sagen wollen. Dann drückte sie es runter.

Sie sah kurz weg. Traurig, weil sie mehr wollte, als sie gerade darf.

„Ich komme wieder“, sagte sie leise.

Dabi antwortete nicht.

Lia ging raus, schloss leise, und das Klicken vom Schloss klang im Haus wieder zu laut.

Dabi blieb noch einen Moment stehen, als hätte die Tür ihm etwas aus der Hand gerissen. Dann bewegte er sich. Schnell, lautlos, kontrolliert.

Fünfzehn Minuten. Nur fünfzehn.

Er ging nicht ans Fenster, nicht direkt. Erst in den Kellerflur, dann wieder hoch, als müsste er seinen eigenen Puls finden, bevor er irgendwas anderes aushält.

Fünfzehn Minuten waren kurz – und trotzdem fühlten sie sich ewig an.

Er lief durchs Haus, nicht wie ein Gast, eher wie jemand, der alle Punkte abarbeitet, die Sicherheit machen: Tür, Verdunkelung, Rahmen, Schatten, Fluchtweg.

Und trotzdem zog es ihn – wie ein Magnet, den er hasst – wieder zur Fotowand.

Die Kinderbilder hingen da, zu viele Beweise für etwas, das er sich jahrelang verboten hatte.

Das war ich.

Er blieb davor stehen, zu nah, ohne es zu merken.

Am Regal daneben lag etwas Kleines. Ein Notizbuch. Abgewetzter Einband, Ecken rund, als hätte es jahrelang in Kinderhänden gelegen. Es war nicht ausgestellt, eher wie zufällig dort gelandet.

Dabi griff danach, bevor er sich stoppen konnte.

Das Papier roch nach alt, nach Bleistift, nach Kindheit.

Er klappte es auf.

Da war ein Foto von ihm. Toya. Beim Training. Blick stur nach vorn, Stirn verschwitzt, Kinn hoch, als würde er beweisen müssen, dass er nicht schwach ist.

Dabi’s Brust zog sich zusammen.

Du hast das wirklich aufgehoben.

Er blätterte weiter. Noch ein Foto – Hände oben, Flammen vielleicht kurz zu sehen, Lia am Rand: nicht ängstlich, nur da.

Ein paar weitere Bilder. Unsauber zugeschnitten, wie Kinder das machen, wenn sie unbedingt etwas festhalten wollen.

Dann eine Seite, oben in Lias Schrift: „Die schönsten Sätze, die Toya zu mir gesagt hat.“

Dabi erstarrte.

Seine Augen gingen die Zeilen entlang.

„Bleib bei mir, Lia.“

„Du bist die Einzige, die mich nicht komisch anguckt.“

„Wenn du da bist, ist’s leiser.“

„Ich mag’s, wenn du lachst. Dann… fühlt’s sich nicht so schlimm an.“

„Du darfst mich küssen. Aber nur du.“

„Ich will, dass du mich siehst. Nicht wie er.“

„Wenn ich groß bin, nehm ich dich mit. Weg von hier.“

„Du bist mein Mensch, okay?“

„Versprich, dass du mich nicht vergisst.“

Dabi starrte auf den letzten Satz, als wäre er ein Haken in die Rippen.

Versprich.

Er erinnerte sich nicht an alles. Aber an dieses Gefühl erinnerte er sich: diese kindliche Panik, dass jemand weggeht und man wieder allein ist.

Er klappte das Notizbuch zu, zu schnell, als könnte er die Worte damit auslöschen. Dann hielt er es fest, als hätte er Angst, es fällt.

Nicht anfassen. Nicht besitzen. Nicht kaputt machen.


Dabi stellte es langsam wieder zurück, genau so, wie es gelegen hatte.

Fünfzehn Minuten.

Draußen hörte man irgendwann Schritte. Schlüssel. Das vertraute Klacken, das nur Lia so hatte.

Dabi war in einer Sekunde im Flur – nicht sichtbar wartend, eher zufällig da.

Die Tür ging auf. Lia kam rein, Wangen kalt, Haare offen, Augen sofort auf ihm.

Sie sah ihn kurz an, als würde sie prüfen, ob er noch da ist.

Dabi sagte nichts.

Aber er ging auch nicht weg.


NACH DEM SPAZIERGANG

Alarm im Körper

 

Die Tür fiel leise ins Schloss, als Lia vom Spaziergang zurückkam. Kalte Luft hing noch an ihrer Jacke, an den Haaren, die sie offen trug.

Dabi stand im Flur, als wäre er zufällig da. Nicht wartend, nicht erleichtert – aber seine Augen prüften sie einmal von oben bis unten, zu schnell, zu gründlich.

Heil. Kein Blut. Keine Schritte hinter ihr.
Gut.

Lia stellte die Schlüssel hin, zog die Jacke aus und hängte sie auf. Sie sagte nichts direkt. Sie beobachtete ihn, ruhig, als würde sie etwas an ihm lesen, das er selbst nicht laut machen will.

Sie merkt’s.
Natürlich merkt sie’s.

Dabi’s Kiefer war angespannt. Seine Finger zuckten einmal, als würden sie etwas suchen, das ihn beruhigt. Nicht sichtbar. Nicht Feuer. Aber die Hitze saß unter seiner Haut wie ein zu enger Handschuh.

Fünfzehn Minuten und mein Körper tut so, als wär Krieg.

Lia sah es sofort. Sie ging einen Schritt näher. Ruhig. Keine Hast, damit er nicht dicht macht.

„Komm“, sagte sie leise. Nicht als Bitte. Als klare, sichere Ansage.

Dabi hob den Blick, schmal. „Wohin.“

Sag nein. Halt Abstand. Mach’s nicht weich.

„In den Keller“, sagte Lia. „Ich seh’s dir an. Du musst das rauslassen.“

Dabi schnaubte, abwehrend. „Ich muss gar nichts.“

Ich muss immer.
Ich muss funktionieren.

Lia blieb stehen, ließ ihm Luft, aber ihr Ton blieb fest. „Doch. Du bist kurz davor, es dir wieder in den Körper zu fressen. Und dann wirst du entweder kalt oder du brennst.“

Ein Herzschlag Stille.

Dabi’s Blick zuckte weg. Nicht erwischt. Eher: Verdammt, sie trifft.

Ich will nicht brennen. Nicht vor ihr. Nicht so.

Lia streckte die Hand nicht aus. Sie zog nicht. Sie stand nur da, als wäre sie der ruhigste Punkt im Raum.

„Ich geh zuerst“, sagte sie. „Du kommst hinterher. Kein Druck. Aber du kommst.“

Dabi antwortete nicht sofort. Sein Atem war flacher als normal. Dann ein raues: „Tch.“

Wenn ich jetzt nicht gehe, steht sie da und wartet wieder allein.
Und dieses Bild—

Lia drehte sich um und ging Richtung Kellertür. Sie öffnete sie, schaltete das Licht an und ging die Treppe runter, ohne sich umzusehen.

Dabi blieb oben einen Tick zu lange stehen. Dann setzte er sich in Bewegung. Leise. Schwer.

Sie ist wieder da.
Warum fühlt sich das trotzdem an wie Verlust?

Unten blieb Lia im Flur stehen, nicht im Feuerraum, sondern davor, damit er selbst entscheidet, wie nah er sie lässt.

Dabi ging an ihr vorbei, als würde er sich zwingen, nicht langsamer zu werden. Er trat auf die hitzebeständigen Platten, blieb stehen, Schultern hart.

Hier ist Kontrolle.
Hier kann ich’s rauslassen, ohne dass sie’s abkriegt.

Lia stellte sich an den Rand, wo sie ihn nicht einengt.

„Sag’s“, sagte sie leise.

Dabi lachte kurz, tonlos. „Was.“

„Wie viel“, sagte Lia. „Nicht warum. Nicht wer. Nur: wie viel.“

Dabi starrte auf den Boden. Seine Finger öffneten sich, schlossen sich wieder.

Zu viel.
Weil sie draußen war.
Weil ich sie nicht sehe und mein Kopf sofort in Worst-Case geht.
Weil ich sie jetzt habe und das mich kaputt macht.

„Zu viel“, presste er raus.

Lia nickte sofort. Kein Kommentar, der ihn festnagelt. Nur dieses kleine, klare: verstanden.

Sie hob ihre Hand minimal, und das Schutzfeld legte sich über den Raum wie eine unsichtbare Kuppel – nicht als Käfig, sondern wie ein Puffer zwischen Hitze und Haut.

Sie hält es für mich.
Sie hält mich aus.

„Okay“, sagte Lia. „Dann raus damit. Ich bin hier.“

Dabi hob die Hand. Die blaue Flamme flackerte an den Fingerspitzen auf, erst klein, dann stärker, als würde sie Luft suchen.

Nicht sie.
Nie Sie.

Der Raum wurde warm. Die Flamme leckte über die Platten, aggressiv und schön zugleich, wie etwas, das nur er kontrollieren kann, wenn er gerade noch Kontrolle hat.

Lia blieb ruhig. Kein Zurückweichen. Kein Spruch. Nur Standfestigkeit – als wäre sie ein Anker, der nicht wackelt.

„Atmen“, sagte sie leise. „Nicht überziehen.“

Dabi’s Blick war dunkel. Seine Flamme wuchs, dann hielt er sie. Kontrolliert. Kurz.

Nur so viel, dass es raus ist.
Nicht so viel, dass es mich frisst.

Dann erstickte er sie abrupt wieder, als hätte ihn schon das eigene Gefühl erschreckt.

Stille.

Dabi stand da, Atem rau, Hände leer. Die Hitze in seiner Haut zog sich langsam zurück, widerwillig.

Lia senkte die Hand. Das Feld blieb noch einen Moment wie ein leiser Nachhall, dann wurde die Luft wieder normal.

Sie sagte nur ein Wort, ruhig, ohne Drama: „Gut.“

Dabi starrte sie an, als wäre dieses „gut“ gefährlicher als jede Drohung.

Sie tut nicht so, als wär ich ein Monster.
Sie tut auch nicht so, als wär ich ein Kind.

Er sagte nichts.

Aber er blieb auf den Platten stehen, bis die Wärme aus dem Raum wich. Und das war sein stilles Eingeständnis: Sie hatte recht.

 

Die Wärme hing noch in der Luft, aber sie biss nicht mehr. Dabi stand auf den Platten, Schultern hart, Atem rau, als hätte er gerade etwas aus sich rausgeholt, das zu lange festgesteckt hatte.

Nicht denken. Nur halten. Nur stehen. Wenn ich anfange zu fühlen, wird’s gefährlich.

Lia blieb einen Moment am Rand, sagte nichts, machte kein Lob draus. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen: Ein „gut gemacht“ würde ihn nur wieder wegdrücken.

Dann ging sie langsam näher. Nicht frontal, nicht wie eine Konfrontation – eher wie jemand, der sich vorsichtig an etwas Wertvolles herantastet.

Dabi merkte es sofort. Sein Körper spannte sich, bevor sein Kopf überhaupt entschieden hatte, ob er Nähe zulässt.

Zu nah. Wenn sie mich berührt, kippt was. Wenn es kippt, verliere ich Kontrolle. Kontrolle ist alles, was ich habe.

Lia blieb neben ihm stehen, nicht vor ihm. So, dass er ausweichen könnte. So, dass es sich nicht wie „gefangen“ anfühlt.

„Ich hab dich vermisst“, sagte sie leise.

Dabi atmete scharf aus, als hätte das Wort eine Nadel unter die Haut geschoben. „Red nicht so.“

Wenn sie das ausspricht, wird’s real. Und wenn es real ist, kann man es mir nehmen.

Lia nickte minimal. „Ich kann’s nicht anders sagen. Ich lüge nicht.“

Sie hob die Hand nur ein Stück, stoppte kurz – ließ ihm den letzten Millimeter Entscheidung – und lehnte dann ihren Kopf vorsichtig an seine Schulter. Ganz leicht. Keine Falle. Kein Gewicht.

Dabi erstarrte für einen Herzschlag. Sein Instinkt schrie: weg. Sein Körper blieb.

Verdammt. Ich will, dass sie bleibt. Genau das ist das Problem.

„Ich bin froh, dass du nicht gehst“, flüsterte Lia.

Dabi’s Kiefer arbeitete. „Ich… hab noch nicht entschieden.“ Es klang hart, aber es war mehr Schutzschild als Wahrheit.

Ich hab längst entschieden. Ich tu nur so, als könnte ich noch fliehen.

Lia hob den Kopf ein wenig, sah ihn an. „Du bist noch hier. Das reicht mir für jetzt.“

Dann umarmte sie ihn. Langsam, als würde sie ihm Zeit geben, nicht in Alarm zu springen.

Dabi hob die Hände reflexhaft – in der Luft, unentschlossen – als würde er sich selbst beim Entweder-oder erwischen: wegstoßen oder halten.

Wenn ich sie wegstoße, bricht sie. Wenn ich sie halte, bin ich verloren.

Seine Hände landeten schließlich an ihrem Rücken. Vorsichtig. Rau. Nicht weich – aber eindeutig da.

Lia atmete aus, als hätte sie jahrelang auf genau diesen Moment gewartet.

„Und…“, sagte sie leise, ein bisschen rot, „ich finde dich attraktiv. So wie du jetzt bist. Nicht ‘trotzdem’. Einfach… so.“

Dabi stieß einen kurzen, bitteren Laut aus. „Du bist krank.“

Sag was Gemeines. Mach Abstand. Bevor sie sieht, dass es mich trifft.

Lia blieb ruhig. „Nein. Ich bin loyal.“

Sie löste die Umarmung nicht ganz. Drehte nur den Kopf so, dass ihr Mund nah an seinem war – und stoppte wieder kurz. Noch ein Ausweg. Noch eine Chance, dass er „Pause“ sagt.

Dabi’s Blick flackerte zu ihren Lippen und sofort wieder weg.

Sie war weg. Jahre. Und jetzt steht sie hier und sieht mich an, als wäre ich noch derselbe. Als wäre ich… wert.

Lia küsste ihn.

Kurz zuerst. Nicht fordernd. Eher wie ein Satz ohne Worte: Ich bin da.

Dabi hielt einen Frame lang komplett den Atem an. Dann zog ihn etwas nach vorn, bevor er’s stoppen konnte. Seine Hand packte sie fester an der Taille, und er erwiderte den Kuss – härter als nötig, als müsste er sich vergewissern, dass sie nicht wieder verschwindet.

Ich will das. Ich will sie. Und ich hasse, wie leicht sie mich damit in Stücke kriegt.

Als er sich löste, blieb seine Stirn nah an ihrer, Atem rau.

„Mach das nicht…“, knurrte er leise.

Mach es nicht so, dass ich mehr will. Mach es nicht so, dass ich dich brauche.

Lia blieb ganz ruhig. „Wenn es zu viel ist, sag ‘Pause’. Ich halte dich nicht fest.“

Dabi schluckte. Das Wort saß ihm wie ein Rettungsring im Hals.

„…Pause“, brachte er heiser raus.

Lia nickte sofort und trat nur einen halben Schritt zurück – nicht weg, nur genug, dass er wieder Luft bekommt. „Okay“, flüsterte sie. „Pause.“

Dabi sah sie an, als wäre sie gefährlicher als jede Flamme.

Sie macht’s richtig. Sie zieht nicht. Sie lässt mir Raum. Und genau deswegen… bleib ich.

Er blieb stehen. Und das war sein Ja – auf Dabi-Art.

 

Lia blieb stehen, genau da, wo sie nach „Pause“ stehen sollte. Kein Nachsetzen, kein „nur noch einmal“, obwohl es ihr in der Brust brannte.

Nicht ziehen. Nicht jetzt. Wenn ich ziehe, reißt er sich los.

Dabi hielt den Abstand nur einen halben Schritt. Nicht weg – nur Luft. Seine Hand lag noch einen Moment an ihrer Taille, als hätte sein Körper vergessen, dass er gerade „Pause“ gesagt hat.

Dann löste er sie langsam, rau, als würde er sich selbst wieder einsammeln. Er sah nicht auf ihre Lippen. Er sah an ihr vorbei, irgendwo an die Wand.

Wenn ich jetzt weiter mache, kippt’s. Und wenn’s kippt, renne ich.

Lia atmete leise aus. „Okay“, sagte sie nur. „Pause.“

Dabi nickte kaum merklich. Einmal. Als wäre das alles, was er gerade geben kann, ohne dass es ihn zerlegt.

Er rieb sich kurz mit dem Daumen über den Mundwinkel, als würde er die Spur von dem Kuss wegwischen—nicht weil er’s bereut, sondern weil es ihn zu deutlich macht.

„Komm“, sagte er dann, knapp.

Lia blinzelte. „Wohin?“

Dabi zeigte nur mit dem Kinn zur Wand, hinter der die versteckte Wohnung lag. „Nicht hier.“

Der Feuerraum ist zu nah an dem Teil in mir, der alles löst, wenn’s zu viel wird.

Lia nickte sofort, folgte ihm, aber ließ Abstand, so wie er’s braucht. Sie streckte keine Hand aus, obwohl jeder Muskel in ihr danach schrie.

Die Wand glitt auf. Der versteckte Bereich dahinter war still, warm, gedämpft – Wohnzimmerlicht statt Beton.

Dabi ging rein, als würde er einen Raum betreten, den er nicht verdient. Er blieb kurz stehen, scannte automatisch, dann setzte er sich nicht aufs Sofa, sondern an die Kante, Rücken so, dass er Tür und Treppe im Blick behalten konnte.

Lia blieb im Türrahmen stehen. Nicht weil sie sich nicht traut – sondern weil sie ihn nicht bedrängen will.

„Willst du, dass ich… hier bleibe?“, fragte sie leise. Kein Druck. Nur Wahl.

Dabi sah kurz zu ihr. Sein Blick war scharf, aber müde. „Ja.“

Ein Wort. Aber es traf sie wie ein warmes Gewicht.

Er sagt nicht ‘bleib’, aber er hat gerade ‘ja’ gesagt.

Lia ging langsam rein und setzte sich ans andere Ende des Sofas. Weit genug, dass er nicht das Gefühl hat, sie hängt an ihm. Nah genug, dass er merkt: sie ist da.

Stille. Nur Atem.

Dabi’s Finger trommelten einmal auf seinem Knie, dann hörte er damit auf, als hätte er sich selbst ertappt. Seine Schultern sanken einen Millimeter.

Nicht weglaufen.

Lia hielt es aus. Sie sagte nicht „ich hab dich so vermisst“ nochmal. Sie ließ es im Raum stehen, ohne es zu wiederholen, damit es nicht zur Klammer wird.

Nach ein paar Atemzügen sah Dabi kurz zu ihr. Sein Blick blieb einen Tick zu lang an ihrem Gesicht hängen—und wanderte sofort wieder weg.

„Du…“, begann er, brach ab.

Lia bewegte sich nicht. „Hm?“

Dabi atmete einmal scharf aus. „Du wirst dir wehtun, wenn du mich so ansiehst.“

Lia schluckte. „Ich halte das aus.“

Dabi’s Mundwinkel zuckte bitter. „Tch.“

Dann stand er plötzlich auf, als müsste er Bewegung haben, um nicht zu kippen. Zwei Schritte, einmal wenden, wieder stehen bleiben.

Sie ist hier. Und das ist das Gefährlichste, was mir passieren konnte.

Er blieb vor ihr stehen, nicht direkt über ihr, eher seitlich, so dass es nicht wie Druck wirkt.

„Noch mal“, sagte Lia leise, bevor sie sich bremsen konnte—und sofort biss sie sich innerlich auf die Zunge.

Dabi hob eine Augenbraue.

Lia korrigierte sich sofort: „Nur… wenn du willst.“

Stille.

Dann beugte Dabi sich vor und küsste sie – kurz, fest, als würde er sich selbst beweisen müssen, dass er das entscheidet.

Er löste sich sofort wieder. Der Abstand war klein, aber da.

„Genug“, knurrte er.

Lia nickte, obwohl ihr Körper mehr wollte. „Okay.“

Er ist nicht weg. Das ist mehr als genug.

Dabi sah sie noch einen Moment an, als würde er etwas in ihr Gesicht schreiben, das er später braucht, wenn’s wieder dunkel wird.

Dann setzte er sich wieder hin – nicht weit weg, nur wieder in seine sichere Haltung. Und Lia blieb auf ihrem Platz, ruhig, damit er nicht aus Reflex wieder verschwindet.

 

Lia saß noch einen Moment im versteckten Wohnbereich, die Luft zwischen ihnen warm, aber gespannt. Dabi saß wie immer so, dass er Tür und Treppe im Blick hatte, als wäre Sitzen schon ein Risiko.

Wenn sie jetzt redet, wird’s größer. Wenn es größer wird, verliere ich’s.

Lia schwieg erst. Dann sagte sie ruhig, als würde sie etwas festnageln: „Ich werde mir übrigens nicht weh tun, wenn ich dich ansehe.“

Dabi hob den Blick minimal.

„Ich hätte mir jemand anderen aussuchen können“, fuhr Lia fort. „Habe ich nicht. Ich habe dich gesucht und gewartet, weil ich wusste, dass du irgendwann auftauchen musstest.“

Dabi’s Kiefer spannte sich.

Sie sagt das so, als wäre es leicht. Als wäre es sicher.

„Und es ist meine Entscheidung, ob ich ein Leben mit dir möchte“, sagte Lia. „Und es ist deine Entscheidung, ob du es wählst oder nicht.“

Sie stand auf, ging zwei Schritte durch den Raum, blieb stehen, als würde sie sich selbst Mut machen. Dann drehte sie sich wieder zu ihm.

„Du hast selbst gesagt, dass wir zusammen bleiben“, sagte sie. „Und als Kind hast du gesagt, nur ich darf dich küssen.“

Bei dem Satz zuckte Dabis Blick ganz kurz weg, als hätte ihn etwas an einer alten Stelle getroffen.

Verdammt.

Lia ging noch einen Schritt. Jetzt stand sie neben ihm, nicht vor ihm, nicht in seinem Weg — aber nah genug, dass er sie spürte.

„Ich möchte nicht, dass du mich wegschiebst“, sagte sie, und ihre Stimme wurde härter, klarer. „Nicht aus Angst, mich zu verlieren. Nicht, weil du mich vielleicht doch auch liebst und dir das zu viel ist.“

Dabi’s Hände öffneten sich und schlossen sich wieder, als würde sein Körper etwas greifen wollen, bevor sein Kopf es erlaubt.

„Wenn du mich nicht willst“, sagte Lia hart, „dann sag es mir klar.“

Stille.

„Dann lass ich dich komplett in Ruhe“, fuhr sie fort. „Du kannst machen, was du willst. Oder gehen. Und ich werde dich nicht mehr aufhalten.“

Dann drehte sie sich um und ging Richtung Tür. Nicht schnell — aber entschieden.

Dabi stand so abrupt auf, dass der Stuhl leise schabte.

Wenn sie geht, ist es vorbei.

„Stopp“, knurrte er. Nicht laut, aber so, dass es den Raum sofort füllt.

Lia hielt kurz an, ohne sich umzudrehen.

Dabi war in zwei Schritten bei ihr. Seine Hand griff nach ihrem Handgelenk — fest genug, dass sie es spürt, kontrolliert genug, dass es nicht weh tut.

„Du machst das nicht“, sagte er tief.

Lia drehte den Kopf leicht. „Was?“

„Dieses…“, er presste die Worte raus, als würden sie ihn anekeln, „…Ultimatum.“

Weil wenn sie’s ausspricht, wird’s wahr.

Lia zog nicht weg. „Dann sag mir die Wahrheit.“

Dabi hielt ihren Blick einen Moment zu lange.

„Ich will nicht, dass du gehst“, sagte er schließlich. Rau. Echt.

Lia atmete einmal aus, aber sie blieb ernst. „Und willst du mich?“

Dabi’s Kiefer arbeitete. Sein Griff an ihrem Handgelenk wurde für einen Herzschlag fester — als hätte sein Körper längst geantwortet.

„Ja“, kam es leise. Nicht romantisch. Eher wie ein Geständnis, das ihn wütend macht.

Und genau deshalb schieb ich dich weg.

Lia nickte einmal, langsam. „Dann sag das. So. Nicht ‘du wirst dir wehtun’ als wär ich dumm.“

Dabi zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.

„Ich hab Angst, dass du dafür zahlst“, knurrte er. „Dass sie dich nehmen. Dass du stirbst. Wegen mir.“

Lia drehte sich ganz zu ihm. „Dann machen wir weiter wie bisher: Regeln. Plan. Schutz. Aber kein Wegschubsen.“

Dabi starrte sie an, als würde er kämpfen, nicht wieder dicht zu machen.

Lia ging einen halben Schritt näher, ohne ihn zu bedrängen. „Wenn es zu viel ist, sag ‘Pause’. Aber sag nicht ‘geh’, nur weil du fühlst.“

Dabi atmete scharf aus. „Tch.“

Dann, leiser: „Bleib.“

 

Lia atmete einmal aus, und diesmal klang es nicht nach Bitte, sondern nach Klarstellung.

„Mich kann keiner nehmen“, sagte sie fest. „Du bist der Liga nicht beigetreten. Niemand kennt dich. Du hast nichts gemacht.“

Dabi hielt ihren Blick, die Kiefermuskeln noch hart. Ein Herzschlag, in dem er entscheiden musste, ob er ihr das glauben darf.

„Und behandel mich nicht wie ein kleines Kind“, fuhr Lia scharf fort. „Ich bin stärker, als du denkst. Und kampferfahrener, als du denkst.“

Sie nahm seine Hand. Einfach so. Warm. Direkt.

Dabi zuckte minimal – kein Wegziehen, eher ein Reflex, der sich erinnert, dass Berührung früher immer Konsequenzen hatte.

Zu nah.
Und trotzdem… richtig.

Lia senkte die Stimme. „Wenn du mich wirklich willst – so wie früher – dann sind wir zusammen. Ein Paar.“

Sie strich ihm drei Mal ruhig über den Handrücken, als würde sie ihm damit den Puls runterstreichen.

Dabi’s Finger schlossen sich um ihre Hand, fester als nötig. Nicht weh. Nur Halt. Als müsste er beweisen, dass sie gerade nicht weg kann.

„Und wenn du Nähe möchtest“, sagte Lia leise, „dann komm zu mir.“

Sie strich noch drei Mal über seine Hand. Langsam. Gleichmäßig. Keine Forderung, nur Angebot.

„Ich sag’s niemanden, wenn du Gefühle zeigst“, flüsterte sie. „Nur bei mir. Das konntest du doch schon immer.“

Dabi schluckte. Seine freie Hand hob sich, zögerte einen Moment in der Luft – und landete dann an ihrer Taille. Nicht sanft-romantisch. Eher wie ein Instinkt: hier bleiben.

Wenn ich sie jetzt loslasse, war’s wieder nur ein Moment.

Er zog sie ein Stück näher an sich. Nur so weit, dass ihre Schulter seinen Brustkorb berührte.

Lia hielt still, ließ es zu, ohne zu klammern.

Dabi senkte den Kopf und küsste sie kurz – fest, eindeutig, als würde er damit das Wort „Paar“ nicht sagen müssen.

Als er sich löste, blieb sein Atem rau. Er sagte nichts – aber er ließ ihre Hand nicht los.

Lia sah zu ihm hoch, ein bisschen rot, und ihre Stimme wurde wieder praktischer: „Lass uns was essen gehen.“

Dabi erstarrte. Draußen. Menschen. Zufall. Blickkontakt. Fragen.

Draußen ist, wo man Dinge verliert.

„Nein“, kam es sofort, reflexhaft.

Lia hob die Augenbrauen. „Dabi.“

Er sah sie an, als wäre sie lebensgefährlich. „Da draußen—“

„Da draußen ist auch mein Leben“, schnitt Lia ruhig, aber hart. „Und wenn wir nur im Haus bleiben, fällt das auf. Du weißt das.“

Dabi’s Griff an ihrer Hand wurde fester, als würde er sie damit an den Boden nageln. Dann lockerte er minimal.

Sie hat recht. Und ich hasse es.

„Kurz“, presste er schließlich raus.

„Okay“, sagte Lia sofort. „Kurz.“

Dabi hob den Blick. „Ich entscheide wo. Und wenn ich ‘Pause’ sag, drehen wir um.“

Lia nickte. „Deal.“

Dabi zog sie noch einmal ein kleines Stück näher, Stirn kurz an ihre Schläfe – nicht zärtlich geschniegelt, eher stiller Besitzanspruch. Dann löste er sich wieder, bevor es ihn überholt.

„Hol deine Sachen“, murmelte er. „Und keine Diskussionen unterwegs.“

Lia lächelte nur klein. „Okay.“


Lia kam mit ihren Sachen wieder runter, als hätte sie gerade nur Schuhe gewechselt – nicht ihren ganzen Alltag umgebaut.

Sie hob kurz den Rock an, darunter die weiße Hose. Ein Griff, eine Bewegung, und an ihrem Oberschenkel saß diese flache Tasche – sauber versteckt, als wäre sie Teil ihres Körpers.

Dabi blieb stehen. Sein Blick war sofort wach. Nicht überrascht wie „oh wow“, sondern wie „wo ist die Gefahr“.

Du willst essen gehen… und gehst ausgerüstet.

„Was soll das?“, kam es rau.

Lia ließ den Rock wieder fallen. Von außen sah man nichts. Sie sah ihn an, direkt. „Du hast Angst, dass mir was passiert“, sagte sie ruhig. „Und ich gehe mit dir raus. Also setze ich Maßnahmen, damit – falls was kommen sollte – sie keine Chance haben.“

Sie holte noch etwas aus der Tasche – eine einzelne Nadel, aus Titan, etwas größer als normal – dann verschwand sie ebenfalls so, dass man sie nicht mehr sah.

Dabi’s Kiefer spannte sich.

„Du gehst nicht wie ’n normaler Mensch raus“, knurrte er.

Lia nickte, ohne zu zögern. „Ja. Weil du Angst hast. Und ich nicht zulasse, dass dir dadurch was passiert – oder mir. Ich mach das sicher.“

Dann drückte sie ihm eine Mappe in die Hand. „Schau dir das an“, sagte sie. „Wenn das ein Fremder weiß, ist das nicht gut.“

Dabi nahm sie, als wäre Papier gefährlicher als eine Klinge. Er blätterte nicht sofort. Erst sah er Lia an, als würde er prüfen, ob das hier wieder so ein Moment ist, in dem sie sich selbst als Schild benutzt.

Dann schlug er die erste Seite auf.

Da standen keine „coolen Moves“. Da standen Regeln. Einschränkungen. Notwehr. Dokumentation. Grenzen.

Sie hat’s nicht gelernt, um zu jagen. Sie hat’s gelernt, um zu überleben.

Er las weiter. „Rosa Ringe“ – Belastung, Stufen, Risiko. Nicht „Power-Fantasie“, sondern Preis.

Dabis Blick blieb an den Warnzeilen hängen. Sein Daumen drückte die Kante der Mappe fester.

Sie nimmt sogar einen Fluch in Kauf.

Katana-Qualifikation. Top-Niveau. Kontrolle, Entwaffnung, Deeskalation.

Und dann: Infiltration, Evasion, lautlose Bewegung. Dinge, die nicht nach Heldenschule klangen, sondern nach „wenn du jemanden sicher rausbringen willst, musst du es können“.

Dabi sah kurz auf. Lia stand da, ruhig, Haare offen, als wäre das alles nichts Besonderes.

„Das ist alles… offiziell?“, fragte er leise, gefährlich leise.

„Nicht alles“, sagte Lia. „Ein Teil ist vertraulich. Genau deswegen: Mappe bleibt hier.“

Dabi blätterte zurück, als würde er die Worte nochmal prüfen. Seine Augen blieben an der Nadeltechnik hängen – nicht an der Wirkung, sondern an dem Satz „nur Notwehr“.

Er klappte die Mappe zu. Nicht sanft. Aber sorgfältig.

„Wer außer dir weiß das?“, fragte er.

Lia antwortete sofort, klar. „Dein Erzeuger nicht.“

Sie hielt seinen Blick. „Meine engsten Vertrauten wissen es: Hawks, Aizawa, Deku und Bakugo. Und nur so viel, wie sie wissen müssen.“

Dabi’s Blick wurde schmal. Er mochte den Gedanken nicht, dass irgendwer in seiner Nähe „Vertrauter“ sein könnte.

Lia nahm die Mappe zurück und steckte sie weg, als wäre sie ein Herzschlag, den man nicht rumzeigt. Dann sagte sie ruhig, aber fest: „Und du machst bitte, was ich sage.“

Dabi starrte sie an. Ein Moment, in dem er offensichtlich Widerstand suchen wollte – und gleichzeitig merkte, dass sie gerade nicht spielt.

Sie setzt Grenzen. Auch bei mir.

Er machte einen Schritt näher, griff nach ihrer Hand – diesmal nicht, um sie zu stoppen, sondern um sie festzuhalten.

„Ich will nicht, dass du mich schützen musst“, knurrte er.

„Ich will’s“, sagte Lia ruhig. „So wie ich will, dass du lebst.“

Dabi zog sie einen Tick näher an sich. Nicht Umarmung, eher dieses kontrollierte „bleib hier“.

Verdammt. Sie kann das. Und das macht’s schwer, ihr nicht zu glauben.

Er ließ ihre Hand nicht los. „Kurz essen“, sagte er dann, wie ein Befehl an die Situation. „Und wenn irgendwas komisch ist, drehen wir um.“

Lia nickte sofort. „Deal.“

Dabi hielt ihren Blick einen Moment zu lange – dann zog er sie an sich und küsste sie kurz, fest, als würde er damit sagen: Ich hab’s gehört.

Als er sich löste, war seine Stimme wieder rau: „Und keine Heldentalks draußen.“

„Okay“, sagte Lia.

Und diesmal ging er nicht als Schatten hinter ihr her – er blieb dicht genug, dass jeder, der’s versuchen würde, erst an ihm vorbei müsste.

 

Lia zog Dabis Hand in ihre, als wäre das die normalste Sache der Welt – und gleichzeitig die mutigste.

Dabi ließ es zu, aber seine Finger waren angespannt, als würde er jederzeit loslassen müssen.

Draußen ist, wo Dinge schiefgehen.

„Nicht den Hauptweg“, sagte Lia leise, mehr zu sich als zu ihm, und lenkte ihn in eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern.

Dabi sah kurz über die Schulter, dann wieder nach vorn. Sein Blick arbeitete: Ecken, Spiegelungen, Fenster, Bewegungen.

Lia ging sicher, nicht hektisch. Sie kannte die Abkürzungen. Kleine Wege, wenig Blickkontakt, keine langen Stopps.

Sie läuft nicht wie jemand, der hofft, dass nichts passiert.
Sie läuft wie jemand, der vorbereitet ist.

Als sie das kleine Lokal erreichten, war es kein hipper Laden, eher ein ruhiger Ort, wo Leute kommen und gehen, ohne dass jemand starrt.

Dabi blieb einen Herzschlag vor der Tür stehen, Augen schmal. Lia drückte seine Hand kurz – kein Ziehen, nur „wir gehen rein“.

Drinnen setzte er sich nicht „romantisch“ gegenüber. Er wählte den Platz, von dem aus er Eingang und Raum im Blick hatte.

Lia setzte sich so, dass sie ihn nicht ausstellt – schräg, nah genug, aber nicht wie eine Szene.

Sie bestellte ruhig, ohne Show. Dabi sagte kaum etwas, nur das Nötigste.

Als das Essen kam, roch es warm, fettig, gut – etwas, das nach Alltag schmeckt. Lia aß, als hätte sie das wirklich gebraucht.

Dabi aß langsamer. Wachsam. Und trotzdem: Er aß.

Wenn ich’s mir erlaube, fühlt sich das wie Leben an.

Lia sah ihn nicht an, um ihn nicht festzunageln. Aber sie war da. Die Hand lag manchmal kurz an seiner, nur ein Streifen Kontakt, dann wieder weg.

Als sie fertig waren, stand Lia auf, bezahlte, ohne ein großes Ding draus zu machen. Dann nahm sie wieder seine Hand – und strich mit dem Daumen einmal über seinen Handrücken, ganz kurz, als würde sie etwas beruhigen, das man nicht sieht.

Dabi reagierte sofort: nicht wegziehen, aber fester greifen. Halt statt Wort.

Bleib neben mir.

Sie gingen zurück durch die Gassen. Lia hielt das Tempo ruhig, wechselte die Route einmal, ohne Erklärung – als hätte sie einfach Lust auf eine andere Straße.

Dabi merkte es. Und er verstand: Das war Absicherung, kein Zufall.

Nach ein paar Minuten sah Lia nach vorn – und ihr Körper veränderte sich minimal. Ein Tick langsamer. Ein Tick wacher.

Vor ihnen, auf dem nächsten Stück Straße, waren Helden. Nicht unbedingt „großes Aufgebot“ – aber genug, dass Dabi sofort spürte, wie sich alles in ihm zusammenzieht.

Scheiße.

Lia zog nicht panisch. Sie sagte nichts. Sie zog ihn einfach, selbstverständlich, in eine Seitengasse, als wäre das der geplante Weg gewesen.

Dabi folgte sofort. Kein Nachfragen. Nur Bewegung.

In der Gasse blieb er einen Moment dicht bei der Wand stehen, Blick nach oben, nach hinten, nach vorn. Sein Atem war flacher.

Lia hielt seine Hand weiter, strich noch einmal, drei kleine, gleichmäßige Bewegungen über seine Finger – und ging dann weiter, als wäre das alles.

 

Sie hat’s gesehen. Sie hat’s gelöst. Ohne Drama.

Sie liefen einen Bogen, zwei Abzweigungen, dann wieder eine ruhigere Straße. Kein Blick zurück von Lia, aber Dabi spürte, wie sie lauschte – genau wie er.

Als sie das Haus erreichten, ging Lia nicht direkt frontal rein. Sie blieb einen Herzschlag stehen, schaute einmal die Straße runter, dann erst schob sie den Schlüssel ins Schloss.

Dabi stand dicht hinter ihr, wie ein Schatten, der nicht von ihr weg will.

Drinnen zog Lia die Tür leise zu und schloss ab. Einmal. Zweimal. Dann drehte sie sich zu ihm um.

„Siehst du?“, sagte sie leise. Kein Triumph. Nur Fakt. „Geht.“

Dabi antwortete nicht sofort. Dann kam ein raues: „Kurz.“

Lia nickte. „Kurz.“

Und ihre Hand fand seine wieder, als wäre das jetzt nicht mehr nur eine Rettungsleine 

 

Dabi spannte sich für einen Herzschlag an – und schloss dann die Finger um ihre Hand, fester als nötig. Kein Schmerz. Nur Halt.

Wenn ich loslasse, ist es wieder nur ein Moment.

„Du musst dich nicht schämen“, sagte Lia leise.

Dabi’s Blick zuckte weg, als hätte sie ihn an einer Stelle getroffen, die er sonst mit Härte abdeckt.

„Ich liebe dich wirklich“, fuhr Lia fort, ruhig, als wäre das keine Szene, sondern eine Tatsache. „Nicht als Idee. Nicht als Erinnerung. Jetzt.“

Dabi atmete einmal scharf aus. Seine Hand blieb aber in ihrer, als würde sein Körper sich weigern, das zu verlieren.

Lia trat einen halben Schritt näher, so dass er ihre Wärme spüren musste, ohne dass es nach Druck aussah.

„Liebe ist eine Entscheidung“, sagte sie. „Und ich hab sie damals schon getroffen. Als Kind.“

Dabi machte einen kurzen, trockenen Laut – fast ein Lachen, aber ohne Humor.

„Und ich treffe sie immer noch“, sagte Lia. „Jeden Tag, an dem ich dich nicht aufgegeben habe.“

Sie hob ihre freie Hand und legte sie kurz an seine Brust, nur einen Punkt Kontakt – als würde sie ihn daran erinnern, dass er hier steht. Echt.

Dabi’s Atem ging rauer. Seine Augen waren dunkel, aber nicht kalt.

Sie sagt das, als würde es bleiben. Als wäre es sicher.

Lia hielt seinen Blick. „Du musst nichts beweisen. Du musst nicht ‘besser’ werden, damit ich dich lieben darf.“

Ein kleiner Moment Stille. Dabi’s Daumen strich einmal über ihre Fingerknöchel – unbeholfen, aber bewusst.

Dann zog er sie näher an sich, nicht weich-romantisch, eher entschieden, als würde er sie aus dem Raum „draußen“ zurückholen.

Lia atmete leise aus und blieb still, damit er nicht wieder zurückschreckt.

Dabi senkte den Kopf und küsste sie kurz. Fest. Eindeutig. Kein Drama, kein Spiel – nur ein „Ja“, das er nicht aussprechen muss.

Als er sich löste, blieb er dicht bei ihr stehen. Seine Stirn berührte für einen Sekundenbruchteil ihre Schläfe, als würde er dort kurz Ruhe finden.

„…Nur hier“, murmelte er heiser.

Lia nickte sofort. „Nur hier.“

Und ihre Hand blieb in seiner, als wäre das nicht mehr nur Festhalten gegen die Angst – sondern tatsächlich ein Anfang.

 

Dabi spannte sich für einen Herzschlag an – und schloss dann die Finger um ihre Hand, fester als nötig. Kein Schmerz. Nur Halt.

Wenn ich loslasse, ist es wieder nur ein Moment.

„Du musst dich nicht schämen“, sagte Lia leise.

Dabi’s Blick zuckte weg, als hätte sie ihn an einer Stelle getroffen, die er sonst mit Härte abdeckt.

„Ich liebe dich wirklich“, fuhr Lia fort, ruhig, als wäre das keine Szene, sondern eine Tatsache. „Nicht als Idee. Nicht als Erinnerung. Jetzt.“

Dabi atmete einmal scharf aus. Seine Hand blieb aber in ihrer, als würde sein Körper sich weigern, das zu verlieren.

Lia trat einen halben Schritt näher, so dass er ihre Wärme spüren musste, ohne dass es nach Druck aussah.

„Liebe ist eine Entscheidung“, sagte sie. „Und ich hab sie damals schon getroffen. Als Kind.“

Dabi machte einen kurzen, trockenen Laut – fast ein Lachen, aber ohne Humor.

„Und ich treffe sie immer noch“, sagte Lia. „Jeden Tag, an dem ich dich nicht aufgegeben habe.“

Sie hob ihre freie Hand und legte sie kurz an seine Brust, nur einen Punkt Kontakt – als würde sie ihn daran erinnern, dass er hier steht. Echt.

Dabi’s Atem ging rauer. Seine Augen waren dunkel, aber nicht kalt.

Sie sagt das, als würde es bleiben. Als wäre es sicher.

Lia hielt seinen Blick. „Du musst nichts beweisen. Du musst nicht ‘besser’ werden, damit ich dich lieben darf.“

Ein kleiner Moment Stille. Dabi’s Daumen strich einmal über ihre Fingerknöchel – unbeholfen, aber bewusst.

Dann zog er sie näher an sich, nicht weich-romantisch, eher entschieden, als würde er sie aus dem Raum „draußen“ zurückholen.

Lia atmete leise aus und blieb still, damit er nicht wieder zurückschreckt.

Dabi senkte den Kopf und küsste sie kurz. Fest. Eindeutig. Kein Drama, kein Spiel – nur ein „Ja“, das er nicht aussprechen muss.

Als er sich löste, blieb er dicht bei ihr stehen. Seine Stirn berührte für einen Sekundenbruchteil ihre Schläfe, als würde er dort kurz Ruhe finden.

„…Nur hier“, murmelte er heiser.

Lia nickte sofort. „Nur hier.“

Und ihre Hand blieb in seiner, als wäre das nicht mehr nur Festhalten gegen die Angst – sondern tatsächlich ein Anfang.