Kennenlernen

Mittwoch, 06. September 2017

 

Von außen wirkt die Werkstatt wie eine ruhige Festung: breites Rolltor, grauer Beton, warmes Licht über der Einfahrt, das den nassen Asphalt golden macht. Drinnen riecht es nach Metall, Öl und Kaffee, und alles steht so, dass man im Notfall blind zugreifen könnte. Hier wird nicht posiert – hier wird gearbeitet.

 

Draken steht am Werkbankrand, Arme verschränkt, Blick wachsam. Ditoj kommt rein, Undercut, kleiner Zopf, Jacke halb offen, und lächelt so, als wäre er schon drei Wochen hier – easy, aber nicht respektlos. „Ich bin wegen dem Problem mit dem Setup da“, sagt er, als wäre das ein normaler Mittwoch. Der Typ hat keine Angst vor Räumen.

 

Mikey sitzt ein paar Meter weiter, still, fast zu still, als würde er nur zufällig hier sein. Er schaut Ditojs Hände an, nicht sein Gesicht: wie er das Werkzeug nimmt, wie er prüft, wie er schon vor dem ersten Handgriff weiß, wo es klemmt. Wenn jemand so anfasst, ist er gut. Oder gefährlich.

 

Ditoj arbeitet schnell, aber sauber. Keine hektischen Bewegungen, nur präzise Schritte. Draken wirft ihm ein Teil zu – Test. Ditoj fängt es, ohne hinzusehen, setzt es an, dreht, stoppt, korrigiert. „Da“, sagt er ruhig. „Das war’s.“ Er redet, wie Leute reden, die liefern.

 

Als der Motor wieder rund klingt, hebt Mikey minimal den Kopf. Draken grinst kaum sichtbar, dieses seltene „okay“-Grinsen. Ditoj wischt sich die Hände ab und nickt, als wäre das Ergebnis selbstverständlich. Der ist ab heute kein Besucher mehr.


Routine

Montag, 18. September 2017

 

Die Tage sind in der Werkstatt nicht leise, aber gleichmäßig: Ketten rasseln, Schrauben klacken, Reifen rollen über Beton. Ditoj ist inzwischen einfach da, so normal, als hätte man ihn nie anders gekannt – und genau das fällt auf. Normalität ist in Mikeys Welt ein Siegel.

 

Draken sieht die Bandagen an Ditojs Handgelenken, als Ditoj seine Tasche abstellt. „Boxen?“ fragt er, nicht neugierig, eher wie ein Check. Ditoj zuckt die Schulter. „Ja. Regional. Zwei bis fünf Fights im Jahr, wenn’s passt.“ Er grinst. „Manchmal mehr. Manchmal weniger. Kommt drauf an, wie sehr ich mich benehme.“ Disziplin, versteckt hinter Humor.

 

Mikey sagt nichts, aber sein Blick bleibt einen Atemzug zu lange an den Bandagen hängen. Ditoj merkt es und sagt nebenbei: „Mein Exfreund hat mir damals die ersten Handschuhe gekauft. Beste Investition, die der je gemacht hat.“ Er lacht kurz. Draken nickt nur: „Okay.“ Mikey macht ein leises „Hm“. Ende. Keiner hier macht Drama aus Wahrheit.

 

Später, als Ditoj einen Hebel nachzieht, sagt er wie aus Versehen: „Meine beste Freundin ist Unfallchirurgin. Wenn die wüsste, wie ich manchmal trainiere, würd sie mich erschlagen.“ Er sagt keinen Namen, nur diesen Ton, der verrät: wichtig. Beste Freundin. Unfallchirurgie. Merken.


Einrasten

Freitag, 20. Oktober 2017

Draußen ist Herbst, die Luft klar, und das Garagentor steht halb offen. Vorne glimmt die Straßenlaterne schon, obwohl es erst später Nachmittag ist, und das Licht macht die Einfahrt weich. Draken reicht Ditoj einen Schlüsselbund, als wäre das das Normalste der Welt. Das ist kein Job-Detail. Das ist Vertrauen.

 

„Du machst das Setup heute“, sagt Draken, trocken. Ditoj hebt beide Brauen. „Aha. Und du guckst nur zu?“ Draken grinst: „Ja.“ Ditoj lacht leise, stellt sich ans Bike, und ab da wird er stiller – Fokus wie ein Schalter. Wenn Ditoj ruhig wird, wird’s gut.

 

Mikey kommt näher, schaut kurz über das Bike, nicht über Ditoj. Ditoj arbeitet, stoppt, prüft, justiert. Kein unnötiger Satz. Als er fertig ist, sagt Mikey nur: „Passt.“ Kein Lob-Feuerwerk – aber Ditoj blinzelt einmal und grinst, weil er weiß, was das bedeutet. Bei Mikey ist „passt“ ein Ritterschlag.


Respekt

Freitag, 10. November 2017

 

Die Werkstatt ist spät noch warm, obwohl draußen Regen gegen die Fenster klatscht. Das Rolltor ist runter, nur die Seitenlampe brennt, und drinnen ist es still genug, dass man den Kühlschrank summen hört. Ditoj sitzt auf dem Boden, Werkzeug um sich verteilt, als wäre er im Wohnzimmer. Er fühlt sich hier zu sicher, um „Gast“ zu sein.

 

Ein Problem taucht auf, kurz vor knapp. Draken flucht leise, nicht laut – eher genervt. Ditoj hebt nur die Hand. „Gib’s her.“ Er löst es in Minuten, nicht weil er zaubert, sondern weil er sauber denkt. Draken atmet aus und lacht einmal richtig. „Du bist krank.“ Drakens Lachen ist selten. Das ist mehr als Lob.

 

Ditoj winkt ab, als wäre es nichts. „Ich hasse es, Dinge zweimal zu machen.“ Dann, als würde er sich selbst erinnern: „Und ich hab jemanden, der mich dafür hassen würde, wenn ich’s unsauber lasse.“ Draken: „Deine Ärztin?“ Ditoj: „Meine beste Freundin.“ Kein Name. Er schützt sie. Ohne es groß zu machen.

 

Mikey schaut kurz hoch, Augen ruhig. Ditoj trifft seinen Blick und grinst nur, als würde er sagen: später. Mikey sagt nichts – aber er vergisst auch nichts. Später heißt bei Mikey: gespeichert.


Normal

Dienstag, 28. November 2017

 

Vor dem Konbini flackert kaltes Neon, die Straße ist leerer als sonst, und der Atem steht kurz in der Luft. Draken hält die Tür auf, Ditoj schiebt sich rein, holt Onigiri, Wasser, irgendwas Süßes, und legt ohne Nachdenken ein zweites Getränk dazu. „Für Mikey“, sagt er, als wäre das Routine. Er denkt an andere wie an Reflexe.

 

Draken sieht ihn an, halb amüsiert. „Du bist echt zu nett.“ Ditoj zuckt die Schulter. „Ich bin nur praktisch.“ Dann grinst er: „Außerdem, wenn er umkippt, muss ich ihn tragen. Keine Lust.“ Draken lacht leise. Das ist Familie-Sprache, nur anders verpackt.

 

Als sie zurück zur Werkstatt laufen, sagt Ditoj nebenbei: „Ich hab morgen Training. Fight ist im Dezember.“ Draken nickt. Keine große Sache – aber er merkt es sich. Respekt heißt: man fragt nicht zehnmal, man merkt’s.


Dazwischen

 

Mit der Zeit hörte Draken auf zu fragen, ob Ditoj morgen wieder auftaucht – er stellte ihm einfach einen Kaffee hin. Ditojs Tasche bekam einen festen Platz neben der Werkbank, als wäre das schon immer so gewesen.
Manche Freundschaften wachsen leise.

 

Irgendwann tauchte Takemichi kurz in der Garage auf, weil er Draken was bringen sollte, und Hina stand draußen im Türrahmen, höflich, aufmerksam. Ditoj grüßte, freundlich und easy. Hina lächelte, als hätte sie sofort verstanden, dass Ditoj keiner ist, der Stress macht. Takemichi nickte unsicher zurück – und Draken behandelte Ditoj dabei wie jemanden, der selbstverständlich dazugehört.
Wenn Draken dich so stehen lässt, bist du drin.

 

Später kam Mitsuya einmal wegen irgendwas Praktischem vorbei – Teile, Helm, irgendwas, das man nicht dramatisiert. Hakkai stand neben ihm, ruhig, höflich. Mitsuya musterte Ditoj nur kurz, dieses stille, respektvolle Scannen. Ditoj machte einen trockenen Spruch, Hakkai musste leise lachen. Mehr passierte nicht – aber es reichte, um zu zeigen: Gesichter sind bekannt, ohne dass daraus Theater wird.

„Kreis“ heißt nicht, dass alle jeden Tag zusammen kleben. Es heißt nur: man kennt sich.

 

Die Tage wurden kürzer, die Abende in der Werkstatt länger – und Ditoj blieb, bis es fertig war. Und wenn er einmal „Privat“ sagte, fragte keiner nach.
Grenzen sind hier kein Angriff. Sie sind normal.

 

Irgendwann lief aus Ditojs Handy kein Rock, kein Pop, sondern ein harter Beat, schnell und sauber, als wäre das auch ein Werkzeug. „Shuffle“, sagte er nur, als Draken die Braue hob. Mikey schaute kurz hoch, Mundwinkel zuckte. „Lauter.“
Und plötzlich war klar: Ditoj bringt nicht nur Skill. Er bringt Vibe.


Fightnight

Freitag, 08. Dezember 2017

 

Die Werkstatt ist spät, nur eine Lampe brennt. Ditoj kommt rein, Hoodie, Tasche, Bandagen, ein kleiner Schnitt über der Braue. Er wirkt nicht angeschlagen, eher ruhig – dieses „Job erledigt“-Gefühl. So sehen Leute aus, die gewonnen haben.

 

Mikey sitzt auf der Werkbankkante, Beine locker, Blick direkt. „Gewonnen?“ Ein Wort. Ditoj grinst schief. „Ja.“ Draken hebt die Hand zum Fistbump, Ditoj schlägt ein. Mikey nickt nur, minimal. Bei Mikey ist das Nicken Applaus.

 

Ditoj setzt sich, atmet aus. „Zwei Runden waren nervig, dann war’s okay.“ Er sagt es, als würde er über Reifen reden. Draken: „Du bist echt krank.“ Ditoj: „Danke, Ken.“ Sie reden über Dinge, ohne sie groß zu machen. Das ist ihr Stil.


Auszeit

Freitag, 08. Dezember 2017

 

Lias Haus liegt ruhig zurückgesetzt, modern und warm zugleich: helle Putzflächen, dunkler Stein, Holzdetails am Balkon, dazu eine breite Einfahrt zur abschließbaren Garage. Vorne stehen der gelb-schwarze Camaro und das gelbe Motorrad wie zwei klare Aussagen – nicht protzig, nur… Lia.

Ich mag Dinge, die funktionieren. Und Dinge, die bleiben.

 

Drinnen ist es gemütlich, weil es nach Essen riecht, nicht nach Luxus. Mochi sitzt mitten im Flur wie ein Türsteher, beobachtet Ditoj mit halb zugekniffenen Augen, als hätte er ihn schon geprüft. Ditoj zieht die Schuhe aus, stellt sie ordentlich hin und grinst zu der Katze. „Okay, Boss. Ich benehm mich.“
Wenn jemand Mochi respektiert, ist er automatisch willkommen.

 

In der Küche steht Lia am Herd, Ärmel hoch, Haare locker, Blick ruhig – bis sie Ditoj sieht und für eine Sekunde weich wird. „Du hast wieder Sparring gemacht.“ Sie sagt es nicht als Vorwurf, eher als Feststellung, und ihr Blick streift die Bandagen an seinen Handgelenken.
Ich vergesse nichts. Vor allem nicht, wenn es um meine Leute geht.

 

„Nur ein bisschen“, sagt Ditoj und hebt die Hände, als wäre er unschuldig. „Ich hab gewonnen.“ Dann lehnt er sich zu nah über die Arbeitsplatte, klaut eine kleine Kostprobe und macht dieses zufriedene Geräusch, das jeden Raum heller macht. „Boah. Brutal. Du bist krank.“
Wenn Ditoj „brutal“ sagt, ist es das höchste Kompliment.

 

Lia wirft ihm ein Geschirrtuch zu, das er ohne Hinsehen fängt. „Iss erst. Dann redest du.“ Ditoj lacht, formt aus dem Tuch einen Ball und wirft ihn in ihre Richtung – nicht hart, nur frech. Lia weicht aus, völlig übertrieben, und kontert mit einem Papierknüllchen. „Oha. Halt mal die Klappe, du Frechdachs.“
Mit ihnen darf ich kurz wieder Kind sein.

 

Ditoj hält sich dramatisch die Brust. „Sie hat mich beleidigt, Mochi.“ Mochi blinzelt langsam, entscheidet sich dann dafür, Lia zu ignorieren und Ditoj anzustupsen. Lia schnaubt, dreht sich wieder zum Herd – und Ditoj steht plötzlich hinter ihr, nimmt ihr wortlos die Schüssel ab, weil er weiß, wie das bei ihr läuft: sie würde sonst vergessen zu essen.
Liebe ist manchmal einfach: jemand nimmt dir die Schüssel aus der Hand.

 

„Und?“ fragt Lia nach einem Moment, ohne sich umzudrehen. Ditoj versteht sofort, was gemeint ist. „Garage läuft. Draken ist wie immer Draken. Mikey…“ Er zögert kurz, nur einen Atemzug. „…sagt wenig. Aber er sieht alles.“
Wenn Ditoj bei einem Namen kurz langsamer wird, ist das wichtig.


Winter

Freitag, 22. Dezember 2017

 

Draußen ist es kalt genug, dass die Einfahrt glänzt. Die Werkstatt wirkt von außen wie ein warmer Block: Licht über dem Tor, ein dunkler Schatten von Bikes hinter dem Glas. Draken schließt ab, Ditoj steht neben ihm, Hände in den Taschen, grinst in die Nacht. So steht man nicht neben Kollegen. So steht man neben Leuten, die dazugehören.

 

„Kommst du morgen mit?“ fragt Draken, als wäre es klar. Ditoj hebt eine Braue. „Wohin?“ Draken: „Essen. Emma ist da.“ Ditoj lächelt, aber sein Ton bleibt leicht. „Morgen geht nicht. Hab was Privates.“ Keine Erklärung. Kein Rechtfertigen. Er trennt Kreise. Nicht aus Distanz, aus Schutz.

 

Mikey sagt nur: „Okay.“ Kein Nachhaken. Ditoj nickt dankbar, als hätte Mikey ihm gerade Raum gegeben. Mikey respektiert Grenzen, wenn sie echt sind.


Auslöser

Dienstag, 23. Januar 2018

 

Die Kälte hängt in den Wänden, und die Garage atmet bei jedem Öffnen des Tors kurz Winterluft aus. Draken schaut auf eine Liste, Ditoj schaut auf ein Bike, Mikey schaut auf beides – als würde er die Prioritäten im Raum sortieren. Wenn Mikey still wird, rechnet er.

 

Ditoj sagt irgendwann nebenbei: „Ihr braucht ein richtiges Erste-Hilfe-Kit fürs Racing. Nicht diesen Convenience-Store-Kram.“ Draken: „Du kennst wen?“ Ditoj grinst. „Ja.“ Mehr nicht. Er gibt nur so viel, wie nötig.

 

Mikey hebt minimal den Kopf. „Kann der’s?“ Ditoj tippt sich an die Schläfe. „Die kann’s.“ Draken zieht eine Braue hoch, aber Ditoj bleibt lässig, als wäre das selbstverständlich. Kein Name. Nur Gewissheit. „Die“ ist für ihn kein „irgendwer“.


Beweis

Sonntag, 25. Februar 2018

 

Am Morgen liegt die Werkstatt ruhig da, als hätte sie noch nicht entschieden, ob sie schon wach ist. Draußen sind die Straßen leer, drinnen ist das Licht warm, und irgendwo läuft leise Musik. Ditoj steht am Werkbankrand und verteilt Kaffee, als wäre das sein Job. Er tut Dinge, ohne dafür Applaus zu wollen.

 

Draken nimmt den Becher, Emma sitzt auf einem Hocker und zieht sich die Jacke enger. „Du machst also wirklich alles“, sagt sie, halb amüsiert. Ditoj grinst. „Nur das, was nötig ist.“ Draken schnaubt: „Er macht mehr als nötig.“ Mikey sagt nichts – aber er trinkt. Wenn Mikey etwas annimmt, ist das Vertrauen.

 

Ditoj bleibt bei „Mikey-Kreis“: keine Namen, kein Privatleben. Nur dieser stabile, gute-Laune-Vibe, der den Raum leichter macht. Als Draken einen Spruch drückt, kontert Ditoj sofort, und sogar Mikeys Mundwinkel zucken kurz. Freundschaft bei Mikey sieht so aus: ein Zucken.


Termin

Dienstag, 27. Februar 2018

 

Die Werkstatt ist voll mit Planungszetteln, als würde die Saison schon im Raum stehen. Ditoj klappt eine Mappe auf, Draken schaut drüber, Mikey lehnt an der Wand, Blick ruhig, aber wach. Wenn’s um Vorbereitung geht, wird Mikey sehr leise.

 

„Ich hab am Dienstag einen Slot im Krankenhaus“, sagt Ditoj, als wäre es ein Ölwechsel. Draken hebt die Braue. „Krankenhaus?“ Ditoj nickt. „Kit-Liste. Empfehlungen. Kurze Safety-Einweisung.“ Dann, endlich, fällt der Name: „Lia.“ Jetzt ist es echt. Jetzt hat es einen Namen.

 

Draken grinst breit, sofort. „Und du hattest so ’ne Ärztin die ganze Zeit vor uns versteckt?“ Ditoj schnaubt. „Ich hab euch nicht versteckt. Ihr seid einfach nie da, wo normale Menschen sind.“ Er stichelt, aber es ist Liebe, nicht Spott.

 

Mikey schaut hoch, und dieses seltene, echte Augenlächeln zieht seine Augen zu schmalen Bögen. „Krass.“ Ein Beat. „Zeig.“ Er will keinen Smalltalk. Er will den Kontaktpunkt.