Prolog
Der Riss
Der Schmerz kommt zuerst. Nicht neu. Nicht überraschend. Nur dichter als sonst – als hätte die Luft beschlossen, schwer zu werden.
Trafalgar Law fängt Blackbeards Schlag im letzten Moment ab. Metall kreischt, als Klinge auf Klinge trifft. Die Wucht läuft ihm durch den Arm bis in die Schulter, so sauber, dass sie fast klinisch wirkt – ein Befund, den man nicht diskutiert. Blackbeard lacht.
„Zehahahaha! Was ist, Doktor? Keine Luft mehr?“
Law presst die Zähne zusammen. Sein Atem geht kurz, hart – aber kontrolliert. Er zwingt seine Hände ruhig zu bleiben. Er zwingt seinen Blick ruhig zu bleiben. Nicht zeigen, dass es weh tut. Wenn ich jetzt nachgebe, ist es vorbei. Er hebt Kikoku erneut, als wäre der nächste Schnitt nur eine Frage von Winkel und Timing.
Blackbeard holt aus. Zu nah. Zu viel. Law setzt an, um den Schlag abzuwehren—
Und die Welt knickt. Nicht wie Wetter. Nicht wie ein Riss. Wie Papier.
Als hätte jemand die Realität an einer Kante gefasst und sie gefaltet: ohne Geräusch, ohne Widerstand. Kein Licht. Kein Knall. Nur ein Zug – ein Sog, der nicht nach außen zieht, sondern durch ihn hindurch, hinter die Rippen, hinter die Augen, dorthin, wo Körper normalerweise nicht berührt werden.
Blackbeards Grinsen verzerrt sich. Nicht zu Wut. Zu Überraschung.
„Was zum—“
Der Satz erreicht Law nicht mehr.
Der Kampf verschwindet.
-
Auf dem Deck der Sunny lehnt Monkey D. Ruffy mit dem Strohhut im Nacken an der Reling. Sonne im Gesicht, Wind im Hemd, Salz in der Luft – vertraut, lebendig, als könnte diese Welt gar nicht anders als weitergehen.
„Also echt“, sagt er grinsend, „Kaido war zäh—“
Der Himmel knickt über ihm. Nicht verdunkelt. Nicht reißend. Er faltet sich, als wäre das Blau nur eine Fläche, die jemand zusammenlegt.
„Oi?!“
Ein Herzschlag später ist da kein Deck mehr.
—
Shanks hebt gerade sein Glas. Ben Beckman sagt etwas – halb beiläufig, halb wachsam. Shanks’ Lächeln sitzt noch, so selbstverständlich, als hätten sie schon Schlimmeres überstanden.
Dann löst sich der Boden unter ihnen auf, als hätte jemand die Szene abgewählt. Kein Krachen, kein Splittern. Nur ein Aussetzen – und dann nichts.
—
Eustass Kid flucht laut, als Metall unter seinen Füßen plötzlich keinen Widerstand mehr hat.
„Scheiße—!“
Killer sagt nichts. Aber seine Hand zuckt bereits zum Griff, bevor sein Körper überhaupt versteht, dass es nichts gibt, worauf man reagieren kann.
—
Silvers Rayleigh spürt es sofort. Nicht als Angst. Eher wie ein Regelbruch, der in den Knochen vibriert.
„Hm.“
Mehr sagt er nicht, bevor der Horizont stillsteht – nicht weit weg, nicht nah, einfach… angehalten.
-
Dracule Mihawk steht allein, das Schwert an der Schulter, als die Welt vor ihm flach wird. Für einen Atemzug wirkt es, als würde jemand mit einem nassen Pinsel über den Rand der Realität streichen, Kontur nehmen, Farbe verwischen.
Dann ist auch er weg.
Zivil
Kein Lärm
Der Morgen im Krankenhaus hatte dieses sterile Gewicht, das alles, was privat ist, kurz klein macht. Türen gingen auf, Türen gingen zu. Schritte. Monitorpiepen. Stimmen, die sich an Routine festhielten. Lia Lethal ging durch den Flur wie jemand, der jeden Meter kennt. Weißes Hosenbein unter dem Kittel, rosa Hemd darunter, die rosa Haare im Dutt – fest genug, dass beim Arbeiten nichts nachgibt.
Ihr Handy vibrierte. Kein normaler Alarm. Dieses kurze, harte Signal, das bedeutete: sofort. Eine Nachricht. Kurz.
L: „Innenstadt. Viele Personen. Bewaffnet. Polizei in Bewegung.“
Lia schloss die Augen für einen Herzschlag. Zu viele Augen. Zu schnell. Sie tippte nur: „Ich komme.“ Dann ging noch eine Nachricht in die OMEGA‑Gruppe: „Innenstadt. Jetzt. Zivil. Kein Lärm.“
Sie steckte das Handy weg und bog ab. Nicht Richtung Ausgang. Richtung Spind. Nicht aus Eitelkeit. Aus Logik. Draußen ist Klinikkleidung ein Schild. Und Schilde sind sichtbar. Ich brauche Beweglichkeit – nicht Aufmerksamkeit.
Der Kittel blieb zurück. Sie zog sich um: weißes Top, rosa Rock, Gürtel, Schuhe, die man tragen kann, wenn man rennen muss. Unter dem Rock – wie immer – die kurze Hose. Sie löste den Dutt. Rosa Haare fielen schwer über ihre Schultern, als wäre das ein anderes Kapitel von ihr. Nicht die Ärztin weniger. Nur… die Version, die draußen handeln kann.
Lia atmete einmal ruhig ein, nahm den Kaffee mit und ging.
Asphalt
Der Rahmen
Asphalt. Hart. Echt.
Law schlägt auf, rollt ab, kommt auf einem Knie zum Stillstand. Eine Hand auf dem Boden, als müsste er prüfen, ob dieser Untergrund tatsächlich existiert. Sein Atem geht schwer, aber er lebt. Das ist das Erste, was er überprüft.
Er hebt den Kopf.
Keine Insel. Kein Meer. Keine vertraute Linie am Horizont. Stattdessen: Straßenmarkierungen. Glas und Beton. Autos, Schaufenster, Menschen – und überall Gestalten, die ebenso wenig hierher gehören wie er.
„Hä?! Wo sind wir denn jetzt?!“ Ruffy sitzt ein paar Meter weiter auf dem Boden und blinzelt, als wäre er aus einem Traum gefallen.
Zorro richtet sich auf, die Hand automatisch am Griff. „Das ist keine Insel.“
Nami zieht scharf die Luft ein, Finger an der Brust. „Die… Welt fühlt sich komisch an.“
Sanji dreht sich so, dass Nami und Robin in seinem Blickfeld bleiben. „Okay“, sagt er leise. „Das ist sehr nicht normal.“
„Das… das sind Autos… und—“ Usopp klingt, als hätte ihm jemand die Knie weich gemacht.
Franky starrt auf ein Straßenschild. „SUPER… das ist nicht Franky-friendly.“
Brook hebt eine Hand, höflich wie immer. „Yohoho… ich fühle mich… erstaunlich… illegal?“
Chopper klammert sich an seine Tasche. „Ich… ich spür meine—“ Er bricht ab.
Law spürt es auch. Nicht das, was da ist. Das, was fehlt.
Er hebt die Hand, kaum sichtbar. „Room.“
Nichts.
Kein innerer Raum. Kein Echo. Keine Resonanz. Nicht wie Seestein – Seestein ist Widerstand. Das hier ist Leere, als hätte es nie existiert. Also komplett. Nicht gedämpft. Weg.
Verdammt.
Nebenan knirscht Kid mit den Zähnen. „Meine Kräfte…“
Killer ergänzt leise: „Weg.“
Shanks steht ruhig, als wäre er nicht eben aus einer anderen Welt gefallen. Seine Crew sammelt sich instinktiv – Beckman, Lucky Roux, Yasopp – jeder in einer Position, die eher nach Instinkt als nach Zufall aussieht. Rayleigh steht etwas abseits, Blick wie stilles Meer. Mihawk sagt nichts. Sein Schwert ruht an der Schulter, als wäre es nicht schwer.
Law macht zwei Schritte zur Seite, stellt sich so, dass er mehr sieht und weniger gesehen wird. Zu viele Augen. Ein Kind zeigt auf Zorro. Eine Frau hebt ihr Handy höher.
„Sind das… Schauspieler?“, sagt jemand.
Am Ende der Straße bremst ein Polizeiauto. Ein Beamter steigt aus, Blick auf Klingen, Blick auf Menschenmenge, Hand ans Funkgerät.
Noch drei falsche Bewegungen, und das hier wird ein Einsatz.
Dann stehen sie da.
Drei Gestalten zwischen ihnen und der Straße. Nicht mit Knall. Nicht mit Licht. Einfach da – als hätte die Realität sie nachträglich eingesetzt. Vorne eine junge Frau in dunkler, praktischer Kleidung. Stabiler Stand. Wach. Der Blick nicht aggressiv – aber bereit. Neben ihr ein Mann mit orangefarbenen Haaren und auffällig hellen, lilafarbenen Augen, der die Szene nicht anschaut, sondern wie ein System abliest. Und etwas versetzt ein älterer Mann, der konsequent keine Gesichter fixiert: Blick auf Hände, Schritte, Winkel.
Die junge Frau spricht zuerst, ruhig und klar: „Bitte bleibt stehen.“
Shanks hebt eine Augenbraue. „Und wenn nicht?“
Der Mann mit den lilafarbenen Augen antwortet sachlich, ohne Härte: „Dann verletzt ihr euch selbst.“
Kid lacht scharf. „Wer bist du, dass du—“
Die junge Frau hebt die Hand – nicht drohend. Nur eindeutig. „Hört zu.“ Ihr Kinn kippt minimal Richtung Menge. „Die da filmen. Das sind kleine Kameras. Wenn ihr hier bleibt, seid ihr in Minuten überall – und dann kommt ihr hier nicht mehr raus, ohne dass es eskaliert.“
Nami blinzelt. „Die… machen Bilder? Von uns?“
Robin folgt ihrem Blick. „Aufzeichnen“, sagt sie leise. „Beweise.“
Franky beugt sich kurz vor. „Ohne Schnecke…? SUPER…“
Sanji zieht die Brauen zusammen. „Das hier ist ’ne normale Stadt. Mit Gesetzen.“
Der ältere Mann sagt ruhig, ohne jemanden anzusehen: „Und mit Waffenrecht.“
Neben ihnen öffnet sich ein Riss in der Luft. Kein Licht. Kein Tor. Ein dunkler Schnitt – still, glatt, sauber. Ein Portal.
Ruffy reißt die Augen auf. „Was ist das denn?!“
Law registriert den älteren Mann sofort. Er vermeidet Blickkontakt. Absicht. Regel. Warum?
Nami macht einen Schritt nach vorn, nicht aggressiv – aber wachsam. „Wartet. Seid ihr Polizei? Was passiert, wenn wir da reingehen?“
Der Mann mit den lilafarbenen Augen antwortet sofort, bevor irgendwer anders überhaupt Luft holt. „Nein. Ihr werdet nicht festgenommen.“ Seine Stimme bleibt ruhig, präzise. „Wir bringen euch weg von Kameras, Polizei und Panik. Ihr habt hier Sekunden.“
Nami blinzelt. „…Panik?“
Die junge Frau nickt nur leicht. „Sobald einer schreit oder eine Waffe hebt, sind hier in zwei Minuten zehn Wagen.“
Zorro packt Ruffy am Kragen, als der schon los will. „Nicht reinrennen.“
Ruffy grinst. „Doch.“
Rayleigh geht als Erster, ohne Diskussion. Mihawk folgt, als wäre es ihm egal, wo er steht – solange es sinnvoll ist. Shanks nickt Beckman einmal zu. Beckman nickt zurück.
Kid knurrt, aber Killer legt ihm eine Hand auf den Arm. „Nicht jetzt.“
Kid spuckt zur Seite. „Tch.“ Dann geht er.
Law bleibt einen Herzschlag länger stehen, scannt Haltung, Positionen, Blickrichtungen.
Kein Käfig. Ein Rahmen.
Er geht zu seiner Crew, ohne zu rennen. „Bleibt nah bei mir“, sagt er kurz.
Bepo schluckt. „Captain…“
Law nickt einmal. Nicht auffallen. Nicht eskalieren.
Dann tritt er hinein.
Am Rand
Kontrolle
Am Rand der Menge drängt Lia sich nicht nach vorn. Sie bleibt außen. In der Mitte ist Lärm. Am Rand sitzt Kontrolle.
Sie sieht das Portal. Sie sieht die Polizei, die Handys, die wachsenden Kreise aus Neugier und Angst. Und sie sieht ihr Team. Gut.
Die junge Frau hält die Öffnung stabil, ohne zu wackeln. Viola. Der Mann mit den auffälligen Augen steht so, dass er Winkel und Bewegungen lesen kann, bevor sie passieren. Yahiko. Und der Ältere… hält seinen Blick konsequent weg von Gesichtern, als wäre Augenkontakt etwas, das man sich verdient – oder etwas, das man vermeiden muss, solange es nicht nötig ist. Viktor.
Lia gibt ihnen kein sichtbares Zeichen. Nur einen Blick; kurz genug, dass niemand es als Absprache liest, lang genug, dass sie wissen: Ich bin da.
Dann spürt sie ihn.
Nicht wie Angst. Eher wie Farbe an einer Stelle, wo keine Farbe sein dürfte.
Am Rand des Gehwegs steht ein Mann mit Barett, langem weißem Haar und einem Mantel voller Farbflecken, als hätte er sich in seine eigene Palette gelehnt. In einer Hand hält er eine Malerpalette, in der anderen einen Pinsel – locker, fast elegant. Aber seine Hände sind nicht künstlerisch. Sie sind ruhig. Präzise. Wie die Hände eines Chirurgen.
Nur dass er nicht heilt.
Er radiert.
Der Geruch von Terpentin hängt um ihn wie ein Beweis. Und Lia weiß: Er hat sie aus dem Bild gerissen. Nicht weil er barmherzig war – sondern weil er den Ort nicht bestimmen konnte, an dem sie landen. Also ist er gekommen, um zuzusehen. Um zu prüfen, ob Polizei und Panik den Rest erledigen.
Er dreht den Kopf zu ihr und lächelt. Nicht freundlich. Eher wie jemand, der glaubt, er habe das letzte Wort.
„Da bist du ja.“
Lias Stimme bleibt warm – aber fest, wie eine Hand, die eine Klinge stoppt, bevor sie trifft. „Du wolltest sehen, ob sie erschossen werden.“
Er hebt eine Braue, als wäre das harmlos. „Schwerter in einer Stadt, die sowas nicht kennt.“ Die Pinselspitze tippt einmal gegen die Palette; ein winziger Farbklecks fällt auf den Asphalt. „Menschen sind zuverlässig. Angst macht den Rest.“
Lia stellt sich so hin, dass er an ihr vorbei müsste, um näher an die Gruppe zu kommen. Nicht aggressiv. Nur ein Nein als Körper.
„Du nimmst mir schon wieder mein Spielzeug weg“, sagt er leise.
„Sie sind keine Spielzeuge“, sagt Lia.
Er lacht trocken. „Natürlich sind sie das.“
Sein Blick wandert über die Straße, als würde er zählen, wer noch da ist – wer filmt, wer schreit, wer gleich läuft – dann zurück zu ihr. „OMEGA war schon bei mir. Mehr als einmal. Ihr habt mir Bilder genommen, Lia. Ihr habt meine Kunst verstümmelt.“
Lia antwortet nicht mit Wut. Sie antwortet mit Klarheit. „Wir haben verhindert, dass du Menschen auslöschst.“
Der Maler hebt den Pinsel. Nur eine kleine Bewegung – und Lia spürt, wie die Luft kippt, wie sich etwas Unsichtbares zusammenzieht, dieser Moment, in dem Realität sich plötzlich wieder wie Papier anfühlt.
„Schnipp.“
Lia schaltet nicht laut. Sie schaltet, wie sie immer schaltet: unauffällig, präzise.
Ein Druck legt sich zwischen ihn und die Straße, als wäre dort plötzlich eine Glaswand – nicht sichtbar, nur fühlbar. Widerstand im Atem. Und an Lias Handgelenk erscheint ein erster, zarter rosafarbener Ring, wie eine Markierung unter der Haut.
Der Pinselstrich trifft etwas, das nicht weicht. Ein leises Knistern.
Der Maler blinzelt. „…Ah.“
Er versucht es noch einmal, härter. Wieder prallt es ab.
Sein Blick wird schmal. „Du hältst das nicht lange.“
Lia bleibt warm – nicht weich. „Lang genug.“
In ihrer Rocktasche vibriert das Handy. Lia schaut nicht hin. Noch nicht. Erst wenn sie weg sind.
Der Maler beugt sich minimal vor. „Warum mischst du dich ein?“
„Weil sie leben.“
„Sie sind Farbe“, zischt er.
Lia hält seinen Blick. „Dann erklär mir, warum du so wütend bist.“
Für einen Herzschlag sitzt sein Lächeln nicht.
Dann macht er den Fehler, den Menschen machen, wenn sie glauben, sie könnten sich an einem Rahmen vorbeidrücken: Er setzt an, um an ihr vorbei zu kommen. Schnell. Direkt.
Lia bewegt sich früher, nicht schneller.
Ein kurzer, kontrollierter Kick gegen sein Schienbein – nicht um ihn zu zerstören, nur um ihm eine Sekunde zu nehmen.
Er stolpert zurück, verzieht das Gesicht.
„Tch.“
Parallel
Haus des Malers
Das Haus ist zu ruhig. Nicht leer – kontrolliert. Jede Oberfläche wirkt, als hätte jemand sie absichtlich so gelassen: nichts Zufälliges, nichts Lebendiges.
L bewegt sich darin wie ein Schatten, barfuß, lautlos, die Augen wach. Er sagt fast nichts. Neben ihm ist Hanma wie eine Wand, die laufen kann – gefährlich entspannt, als wäre ein fremdes Haus nur ein weiterer Raum, in dem er entscheidet, was gelten darf.
L öffnet eine Schublade. Kein Zögern, kein Suchen. Er zieht eine Leinwandrolle heraus, als hätte er sie schon vor dem ersten Griff gefunden.
Schon beim Anblick verändert sich die Luft. Nicht sichtbar – aber spürbar, als hätte etwas darin zu lange auf „festgehalten“ gestanden.
Hanma beugt sich vor. „Das ist es.“
L nickt nur. „Sichern.“
Hanma rollt es ein. Fest. Sauber. Ohne Hast. Die Bewegung wirkt fast zu ruhig für etwas, das gefährlich ist.
L tippt auf dem Handy.
L: „Bild gesichert.“
Noch ein Satz, ohne Emotion.
L: „Er kann nicht nachziehen.“
Hanma sieht ihn an. „Und snip?“
L zuckt minimal mit den Schultern. „Wenn Lia nicht da ist“, sagt er ruhig, „ja.“
Hanma grinst, als wäre das die einzige Antwort, die er hören wollte. „Dann ist sie da.“
Zurück
Rand der Menge
Lias Handy vibriert noch einmal. Jetzt schaut sie hin.
Auf dem Display stehen nur zwei Sätze – kurz, trocken, typisch L: „Bild gesichert. Er kann nicht nachziehen.“
Lia atmet leise aus. Nicht triumphierend. Erleichtert. Gut. Keine weiteren Ziehungen. Keine neuen Opfer.
Der Maler merkt es an ihrem Gesicht, an diesem winzigen Nachlassen im Kiefer, das sie selbst kaum zulässt. „Ihr habt es.“
Lia antwortet nicht. Sie tippt nur ein einziges Wort in den internen Kanal: „Jetzt.“
Und in genau diesem Moment bewegt sich ihr Team so sauber, dass es aussieht wie Routine. Das Portal ist wieder da – eine dunkle, glatte Öffnung im Raum, als hätte jemand die Realität mit einem sauberen Schnitt geöffnet.
Lia dreht sich nicht zum Maler um. Sie geht einfach.
Hinter ihr faucht er, und jetzt ist in seiner Stimme keine Eleganz mehr: „Du kannst sie nicht ewig in deiner Nähe halten!“
Lia bleibt einen Herzschlag stehen, schaut über die Schulter – nicht kalt, nur klar. „Dann musst du schneller sein als ich.“
Und dann tritt sie in den Schnitt.
Die Bar
erste Ruhe
Der Geruch nach Holz kommt zuerst. Warm. Alt. Gepflegt. Law tritt aus dem Portal und registriert automatisch: dunkler Boden, schwere Tische, gedämpftes Licht. Keine Musik – aber auch keine Stille, die drückt. Ein Raum, der so gebaut ist, dass Menschen nicht explodieren: Rückzugsorte, Sichtlinien, keine toten Winkel.
Ruffy dreht sich einmal im Kreis. „Woah… das ist ja richtig normal hier!“
Zorro schnaubt. „Gefällt mir nicht.“
Nami bleibt nah bei Robin. Sanji steht so, dass er beide im Blick hat, ohne es wie Besitz wirken zu lassen.
Kid lässt sich auf einen Stuhl fallen, als würde er ihm weh tun wollen.
Shanks bleibt ruhig stehen. Beckman lehnt sich an die Wand, Blick wach.
Rayleigh setzt sich, als hätte er Zeit.
Mihawk steht einen Moment länger – dann setzt auch er sich, das Schwert so platziert, dass niemand es „zufällig“ greift.
Law setzt sich nicht sofort. Sein Blick geht zur Tür.
Die drei stehen dort, wie sie standen, seit sie sie von der Straße geholt haben: die junge Frau mittig, der orangehaarige Mann seitlich, der ältere Mann etwas versetzt. Nicht drohend. Aber eindeutig. Rahmen.
Dann öffnet sich die Luft am Rand des Raumes erneut. Ein sauberer Schnitt – als würde die Realität kurz die Zähne zeigen.
Und Lia tritt hinein.
Privatkleidung. Rosa Haare offen. Und für einen Moment ist da etwas, das Law nicht einordnen will: Der Raum ordnet sich um sie. Nicht durch Lautstärke. Durch Präsenz.
Ruffy blinzelt – und dann reißt er die Augen auf. „SHANKS?!“
Shanks’ Mundwinkel zucken. „Hey, Ruffy.“
„Du bist auch hier!!“ Ruffy grinst so breit, als hätte ihm jemand die Welt zurückgegeben.
Beckman seufzt leise. „Natürlich kennt er ihn.“
Kid knirscht. „Tch. Selbst hier kriegt der Strohhut seine Fanclub-Momente.“
Law sagt trocken, ohne aufzustehen: „Strohhut… du schreist zu laut.“
„TRAFO!“ Ruffy zeigt sofort auf ihn, als wäre das das Normalste. „Du bist auch da!“
Sie sieht einmal durch den Raum – nicht Menschen, Zustände. Ihr Blick bleibt einen Atemzug zu lange auf Law liegen. Nicht starrend. Nur… ehrlich.
Verdammt. Er ist noch attraktiver als in meinem Kopf. Lia spürt, wie Wärme in ihre Wangen steigt. Nicht peinlich, nicht etwas, das sie „hasst“ – einfach menschlich. Konzentrier dich. Später.
Law merkt es. Natürlich merkt er es. Sie wirkt nicht unsicher. Sie wirkt… echt. Und sie reagiert ausgerechnet bei mir.
Lia spricht ruhig: „Guten Tag.“
Ein paar Sekunden lang sagt niemand etwas – nicht aus Einschüchterung, sondern weil der Raum erst fertig wird.
Dann tritt Lia einen Schritt weiter vor. „Damit wir hier nicht aneinander vorbei reden: Wir stellen uns vor.“
Die junge Frau an der Tür nickt. „Viola Rosenfeld“, sagt sie. „Krankenschwester. Und ich kümmere mich um Übergänge.“
Der orangehaarige Mann spricht knapp, ruhig: „Dr. Yahiko Pain Lethal. Neurologe.“
Der ältere Mann sagt, leise, sachlich: „Dr. Viktor Winter. Therapeut und Psychiater.“
Dann Lia: „Dr. Lia Lethal.“
Sie lässt den Blick ruhig durch die Gruppe gehen – Strawhats, Heart Pirates, Kid Pirates, Red Hair Pirates, Rayleigh, Mihawk – ohne jemanden herauszugreifen, ohne jemanden zu fixieren.
„Ihr habt Fragen“, sagt sie. „Und ihr habt Grund dafür.“
Ein Atemzug.
„Aber eins ist sofort wichtig: Ihr habt keine Kräfte. Und hier draußen gelten Regeln, die ihr noch nicht kennt.“
Law hört genau hin. Sie droht nicht. Sie setzt Rahmen. Und irgendwo ganz hinten in ihm sitzt der kalte Gedanke: Wenn sie auf der Straße nicht dagewesen wäre… wären wir jetzt entweder im Gefängnis. Oder tot.
Lia sieht Law nicht direkt an, als sie den nächsten Satz sagt – und trotzdem hat er das Gefühl, er wäre gemeint.
„Wir gehen gleich an einen Ort, der wirklich schützt“, sagt sie. „Nicht diese Bar. Das hier ist nur ein Übergang.“
Der Raum wird still genug, dass man hört, wie jemand schluckt.
„Ich erkläre euch alles“, sagt Lia. „In der richtigen Reihenfolge.“
„Setzt euch bitte kurz“, sagt sie dann ruhig. „Das, was ich euch jetzt sage, hat Gewicht.“
Kein Theater. Kein Druck. Nur Klarheit.
Stühle rücken. Ruffy plumpst sofort auf einen Stuhl. „Okay! Erklär’s!“
Zorro setzt sich langsam, als würde er der Sitzfläche misstrauen.
Nami bleibt aufrecht, Hände nah am Körper, wachsam.
Sanji stellt sich so, dass Robin und Nami nicht in einer Linie mit der Tür sind.
Law setzt sich schließlich so, dass er die Tür sieht – und Lia. Immer die Tür. Immer der Rahmen.
Lia steht einen Moment still. Nicht, um sie zappeln zu lassen. Sondern weil sie prüft. Nicht mit Augen. Mit etwas Tieferem. Ein feines, inneres Abtasten, das nicht nach Spionage wirkt, sondern nach Instinkt: Wer trägt echte böse Absicht? Wer will Schaden – aus Freude am Schaden?
Sie spürt Wut. Misstrauen. Verletzten Stolz. Angst. Trauer. Aber keine Absicht, die nach Zerstören schmeckt.
Gut. Dann kann ich offen reden.
Sie hebt den Blick.
„Eure Kräfte kommen nicht morgen zurück“, sagt sie ruhig. „Und auch nicht in ein paar Stunden.“
Ein Raunen geht durch den Raum. Kid lacht trocken. „Was soll das heißen?“
Lia bleibt ruhig. „Zwei Wochen“, sagt sie. „Dann kommt alles auf einmal zurück. Komplett.“
Law spürt, wie der Satz in der Luft hängen bleibt. Zwei Wochen ohne Teufelskräfte. Ohne Haki. Ohne… unsere Regeln.
Ruffy reißt die Augen auf. „ZWEI WOCHEN?!“
„Ja“, sagt Lia einfach.
Und bevor sich falsche Hoffnungen bilden können, setzt sie nach – nicht hart, aber klar.
„Ihr seid aus einem Bild gerissen worden.“
Stille. Nicht, weil niemand die Worte versteht. Sondern weil sie zu groß sind, um sofort einen Platz zu finden.
„Gemalt“, sagt Lia. „Wie eine Zeichnung auf Papier.“
Usopp macht ein Geräusch, das irgendwo zwischen Lachen und Panik hängt. „Das… das ist doch—“
Robin sagt erst nichts. Sie schaut nur, als würde sie in einer sehr alten Bibliothek eine Tür finden, von der sie nicht wusste, dass sie existiert.
Shanks’ Blick wird schärfer. Rayleigh atmet leise aus. Mihawk bewegt sich nicht – aber die Luft um ihn wird einen Tick kälter.
Law sagt nichts. Das erklärt zu viel.
Lia hält den Blick ruhig in der Runde. „Bevor ihr euch daran aufhängt“, sagt sie leise, „müsst ihr etwas verstehen.“
„Dass ihr gemalt wart, bedeutet nicht, dass ihr nicht echt seid.“
Ruffy presst die Lippen zusammen. „Ace…“, sagt er nur.
Lia nickt, als hätte sie den Namen erwartet. „Was du gefühlt hast, war deins“, sagt sie ruhig. „Eure Entscheidungen waren eure. Euer Charakter war eurer. Eure Bindungen… waren real.“
Sie sagt das wie eine medizinische Wahrheit, denkt Law. Nicht als Trost.
„Der Maler ist wütend“, fährt Lia fort, „weil ihr euch entwickelt habt. Weil ihr Dinge getan habt, die er nicht mehr kontrollieren konnte.“
Kid knirscht mit den Zähnen. „Er denkt also, wir gehören ihm.“
„Ja“, sagt Lia.
„Und deshalb hat er euch aus dem Bild gerissen. Nicht, um euch zu retten. Sondern um euch zu töten.“
Der Raum wird merklich stiller. Selbst Ruffy ist still. Zorro schiebt das Kinn minimal nach vorn. „Und warum leben wir dann noch?“
„Weil er euch nicht sofort vernichten konnte, ohne dass es auffällt“, sagt Lia, „und weil ich ihn daran gehindert habe.“
Law merkt, wie seine Finger sich unbewusst fester ineinander legen. Sie sagt das nicht stolz. Sie sagt es wie: Fakt.
„Ich halte euch hier nicht fest“, sagt Lia ruhig. „Ihr seid nicht gefangen.“
Sie dreht den Kopf leicht. „Die Tür ist da.“
Viola steht sofort auf, ohne Hast, ohne Show, und öffnet die Tür. Draußen: normale Straße. Kühle Luft. Unwissen.
„Wenn ihr gehen wollt, geht ihr“, sagt Lia. „Ich halte euch nicht auf.“
Ein Atemzug.
„Aber außerhalb meines Schutzrahmens kann ich nicht garantieren, dass er euch nicht findet.“
Ruffy blinzelt. „Schutzrahmen…?“
Lia bleibt bei dem, was zählt. „Solange ihr in meiner Nähe bleibt“, sagt sie ruhig, „kann er euch nicht einfach… auslöschen.“
Law spürt, wie sie das Wort nicht ausspielt. Nicht verniedlicht. Nur verständlich gemacht.
Shanks lehnt sich minimal zurück. „Und wenn wir bleiben?“
„Dann halte ich, was ich gesagt habe“, sagt Lia ruhig. „Ich bringe euch an einen Ort, der wirklich schützt. Mein Krankenhaus.“
Nami hebt den Blick. „Und was genau… bedeutet bleiben?“
„Zwei Wochen unter Schutz“, sagt Lia. „Bis eure Kräfte wieder da sind – und bis ihr versteht, wie diese Welt funktioniert.“
Ein kurzer Moment, in dem man merkt, dass sie nicht ausweicht.
„Zurück könnt ihr nicht“, sagt sie dann. Nicht kalt. Nicht grausam. Nur ehrlich.
Dann, ruhig, ohne Pathos: „Wenn ihr bleibt, dann mache ich euch zu echten Menschen in dieser Welt.“
Ein leises, scharfes Einatmen geht durch den Raum.
Ruffy blinzelt. „Echte… Menschen? Heißt das, wir sind jetzt keine?“
Lia schüttelt den Kopf sofort – klar und erstaunlich warm. „Doch. Ihr seid real. Eure Gefühle sind real. Eure Entscheidungen sind real.“
Ein Atemzug.
„Aber ihr seid im Moment nicht verankert“, sagt sie. „Ihr hängt noch am Bild. Und genau das macht euch angreifbar.“
Verankert, denkt Law. Kein religiöses Wort. Technisch. Medizinisch.
„Wenn ich euch verankere“, sagt Lia ruhig, „seid ihr nicht mehr etwas, das man einfach ausradieren kann, nur weil es gemalt wurde.“
Rayleighs Stimme ist leise, fast beiläufig – aber sie trifft. „Und was verlieren wir dabei?“
„Nichts von dem, was ihr seid“, antwortet Lia ohne Zögern. „Nur die Bindung an das, was euch festhalten soll.“
„Gehen heißt: ihr seid allein – und ihr bleibt angreifbar“, sagt Lia. „Bleiben heißt: ich verankere euch.“
Dann, sachlich, ohne Drohung: „Das ist der Deal.“
Existenz als Angebot. Und sie verlangt keinen Gehorsam dafür, denkt Law. Ungewöhnlich.
Lia sieht einmal kurz zu Yahiko. „Dreißig Minuten.“
Yahiko hebt nur eine Hand, und auf dem Tisch entsteht eine Sanduhr, die nicht ganz materiell wirkt – als wäre sie aus Zeit geformt: Glas, das leicht schimmert, Sand, der nicht klingt und trotzdem fällt.
„Wenn die Zeit abgelaufen ist“, sagt Lia ruhig, „und ihr noch hier seid, gehen wir ins Krankenhaus.“
„Wenn ihr Fragen habt – stellt sie in diesen dreißig Minuten.“
Ruffy hebt sofort die Hand, als wäre Schule. „Warum du?“
„Weil ich diejenige bin, die euch jetzt schützen kann“, sagt Lia, „und weil ich entschieden habe, dass ich es tue.“
Kid lehnt sich vor. „Und was ist, wenn wir nicht nett sind?“
Viola antwortet, bevor Lia es muss – direkt, ehrlich, ohne Angst. „Dann seid ihr immer noch Menschen. Aber dann seid ihr in einer Welt, die auf Gewalt anders reagiert. Glaub mir – du willst das hier nicht testen.“
Kid fletscht die Zähne. „Tch.“ Er sagt nichts mehr, aber er hört zu.
Nami fragt leiser: „Und… Geld? Wohnung? Wie sollen wir… leben?“
Yahiko antwortet sofort, bevor jemand anders überhaupt Luft holt. „Wohnraum für die zwei Wochen“, sagt er ruhig. „Danach Optionen. Krankenhaus. Restaurant. OMEGA. Oder ihr sucht euch selbst etwas.“
Nami blinzelt. „Restaurant?“
Yahiko nickt einmal. „Ich leite es.“
Lia nickt. „Ja. Aber das erkläre ich euch im Krankenhaus in Ruhe. Heute geht’s erst um: lebend bleiben.“
Robin stellt ihre Frage wie einen Gedanken, der gesprochen wird. „Wenn wir… gemalt waren – was sind wir dann jetzt?“
Viktor hebt den Kopf minimal. Seine Stimme ist warm, sachlich. „Im Moment seid ihr etwas, das keine Verankerung hat. Das ist nicht weniger. Das ist nur… gefährlich.“
Robin nickt langsam.
Law beobachtet das alles: wie Lia nicht drängt, wie sie die Tür offen lässt, wie sie keine Angst benutzt, um Loyalität zu kaufen. Und wie sie ihm, wenn sie ihn ansieht, ganz kurz eine Wärme schenkt, die nicht gespielt ist.
Sie ist kontrolliert, denkt Law. Aber nicht kalt.
Lia merkt, dass er sie beobachtet, und dass ihr Körper darauf reagiert. Atmen. Du bist nicht hier, um rot zu werden.
„Ihr habt dreißig Minuten“, sagt Lia ruhig. „Danach entscheidet ihr – durch Gehen oder Bleiben.“
Und die Sanduhr fällt.
Die Zeit läuft still. Fragen kommen, Antworten fallen. Und irgendwann kippt die Stimmung nicht in Panik, sondern in Denken.
Zorro steht auf, geht zwei Schritte bleibt stehen, schaut in den Raum, als hätte er gerade beschlossen, dass er den Ausgang finden will, ohne zu fragen.
Law wirft ihm einen kurzen Blick zu. „Wenn du dich gleich verläufst: Nicht wir sind weg. Du bist es.“
Zorro dreht den Kopf nur einen Tick. „Halt die Klappe, Doktor.“
„Gern“, sagt Law. „Dann bleib wenigstens stehen.“
Zorro setzt sich wieder. „Ich bleib“, sagt er trocken.
Ruffy schaut ihn an, dann Lia, dann die Tür. „Wenn du lügst, hau ich dir später eine rein.“
„Das ist fair“, sagt Lia.
Shanks lächelt leise. „Dann bleiben wir wohl auch.“
Kid rollt die Schultern. „Tch…“ Ein Blick zu Killer, ein kaum sichtbares Nicken. „Wir bleiben.“
Law sagt nichts. Nicht zu gehen ist auch eine Entscheidung.
Und trotzdem spürt er die Tür im Blick wie einen Reflex, wie eine alte Regel: Nähe ist Risiko. Bleiben ist Bindung.
Lia sieht kurz zu Law. Nicht fordernd. Nur da. Wenn du gehst, gehe ich dir nicht hinterher. Aber ich hoffe, du bleibst.
Yahiko sagt ruhig: „Fünf Minuten.“
Und Law atmet aus, ohne es zu merken. Ich bleibe.
Als die letzten Minuten fast weg sind, steht Lia auf. Nicht dramatisch. Einfach, weil der Moment da ist.
Sie geht zur offenen Tür, bleibt einen Atemzug im Rahmen stehen, dann schließt sie sie. Nicht laut. Aber endgültig genug, dass jeder versteht: Entscheidung getroffen.
Kein Käfig, denkt Law. Ein Schnitt. Vorher. Nachher.
Lia dreht sich um, sieht durch die Runde – und lächelt. Nicht groß. Aber ehrlich.
„Danke“, sagt sie. „Danke, dass ihr geblieben seid.“
Dann wird ihre Stimme wieder ruhig. „Gut. Dann gehen wir jetzt zu meinem Krankenhaus.“
„Bevor wir losgehen“, sagt Lia, „muss ich euch noch etwas erklären.“
„Ich habe eine Teufelsfrucht.“
Law spürt, wie seine Aufmerksamkeit schärfer wird. Sie sagt es freiwillig.
„In dieser Welt sind Teufelskräfte selten“, sagt Lia. „Und meine ist… besonders. Man nennt sie bei uns die Welt‑Frucht. Sie ist eine Schutz‑Frucht. Sie wählt ihren Träger.“
„Wählt?“, wiederholt Ruffy.
„Sie nimmt niemanden, der böse Absicht hat“, sagt Lia. „Keine Freude am Leid. Kein Wunsch, andere zu kontrollieren. Kein Wille, zu zerstören, nur weil man es kann.“
Funktional. Nicht emotional, denkt Law. Wie eine Definition, die man nicht diskutiert.
„Diese Frucht lässt mich Rahmen setzen“, sagt Lia ruhig. „Schutz aufbauen. Stabilität geben.“
„Und ich habe mein Krankenhaus – ein Restaurant – als feste Schutzorte verankert.“
„Restaurant?!“, platzt es aus Sanji heraus.
Lia lächelt kurz. „Später.“
Dann wieder ernst: „Diese Orte sind wie ein unsichtbarer Schild. Wer mit echter böser Absicht hinein will, kommt nicht einfach rein.“
Zorro hebt eine Augenbraue. „Und wenn er trotzdem kommt?“
Lia öffnet den Mund—
Und stockt.
Nicht, weil sie nicht weiß, was sie sagen will. Sondern weil in ihr etwas anspringt. Wie ein Alarm. Kein Geräusch. Kein Licht. Nur dieses Gefühl: Etwas Fremdes ist nah.
Law sieht es sofort. An der Millisekunde, in der sie nicht flüssig weiterredet. Da ist was.
Yahiko steht auf. Viktor auch. Viola hebt schon den Blick.
„Wenn wir gleich durch das Portal gehen“, sagt Lia ruhig, „bleibt ihr genau da stehen, wo ihr rauskommt.“
„Warum?“, fragt Ruffy.
„Weil Bewegung draußen eure größte Gefahr ist“, sagt Lia. „Nicht Angst. Nicht Mut. Bewegung.“
„Ihr bleibt bei der Gruppe“, sagt Lia zu Yahiko, Viktor und Viola. „Ihr schützt sie.“
Viola sieht Lia an – einen Atemzug – und sagt dann, was Lia selbst schon denkt: „Lia… ruf Yūjirō Hanma an. Hol ihn dazu.“
Kid murmelt: „Hanma…?“
Lia nickt. „Ja.“
Dann hebt sie den Blick wieder zur Gruppe.
„Der Maler ist vor dem Krankenhaus.“
Ruffy richtet sich auf. „DER TYP?!“
„Ja“, sagt Lia.
Law spürt, wie sein Puls steigt. Nicht Panik. Alarm.
„Mach ein Portal für sie“, sagt Lia zu Viola. „Direkt in meinen Schild.“
Dann, ohne Zeit zu verlieren: „Und eins davor. Für mich.“
Viola nickt. „Alles klar.“
Ein Portal öffnet sich. Viola steht daneben wie eine Einweiserin. „Los. Alle rein hier.“
Die Gruppe bewegt sich. Zorro sofort. Sanji dicht bei Nami und Robin. Chopper eng bei den Strawhats. Usopp murmelt etwas, das nach „nicht sterben“ klingt. Franky grinst, als wäre Gefahr ein Hobby. Brook verbeugt sich einmal, als wäre selbst ein Portal ein Bühnenauftritt wert.
Shanks’ Crew geht geordnet. Kid knurrt, aber Killer sagt leise: „Geh.“
Rayleigh geht ohne Eile. Mihawk geht wie jemand, der nicht glaubt, dass ein Portal ihm gefährlich werden kann – und doch bleibt er aufmerksam.
Law bleibt als einer der Letzten. Sein Blick geht zu Lia. Sie steht da, ruhig, als hätte sie Zeit, aber Law sieht den Unterschied: Sie hat den Maler bereits „in der Luft“.
Sie stellt sich da raus. Absichtlich.
Lia sieht ihn kurz an. Und wieder dieser Hauch Wärme, den sie nicht bestellt hat. Bitte jetzt nicht.
Law registriert es. Das ist echt. Und sie steht trotzdem vorne.
Er sagt nichts. Er geht.
Bepo folgt ihm. „Captain…“
„Ich weiß“, sagt Law kurz.
Als Law durch das Portal tritt, spürt er es sofort. Nicht wie eine Wand – wie eine Grenze. Ruhiger. Stabiler. Ihr Schild.
Hinter ihnen bleibt Lia noch einen Moment stehen. Yahiko und Viktor gehen als Erste durch, um den Ankunftsbereich zu sichern. Viola bleibt wie vereinbart nah genug, um zu ziehen, falls jemand reflexhaft ausbricht.
Neben Lia öffnet sich das zweite Portal.
Lia sieht noch einmal zur Gruppe. „Bleibt zusammen“, sagt sie ruhig. „Und bleibt drin.“
Eine Bitte, die wie eine medizinische Anweisung klingt.
Dann tritt Lia durch das zweite Portal.
Für einen Herzschlag ist es, als wäre das Portal ein Fenster. Sie sehen das Krankenhaus: Glas, Stein, klare Linien. Ein Vorplatz. Ein Eingang, so normal, dass es fast weh tut.
Aber die Luft davor ist es nicht. Ein feines Flimmern, als würde Hitze aufsteigen, obwohl es kalt ist. Ein Druck im Brustkorb, der sagt: bis hierhin.
Und draußen – jenseits der Grenze – steht er.
Der Maler.
Nicht in Eile. Nicht suchend. Als hätte er genau gewusst, dass sie hier auftauchen würden. Pinsel in der Hand, Farbflecken am Mantel, das Barett schief genug, um wie Absicht zu wirken. Seine Präsenz legt sich über den Platz wie ein Gewicht – nicht Lautstärke, eher dieses Gefühl, das Law von Kaido kennt: Wenn der will, stirbst du, und die Welt macht dabei keine Geräusche.
Ruffy saugt Luft ein. „Der Typ…!“
Zorro stellt sich anders hin. Kid grinst nicht mehr. Shanks’ Blick bleibt ruhig – gefährlich ruhig. Mihawk bewegt sich kein Stück. Und gerade das macht ihn deutlich.
Und wir stehen hier… ohne Kräfte, denkt Law.
Viktor und Yahiko stehen so, dass keiner aus Reflex losrennt. Viola am Rand, Hand halb gehoben, bereit, jeden zurückzuziehen.
Und dann kommt Lia.
Nicht zu ihnen. Nach vorn. Über die Kante der Linie hinaus.
Sie stellt sich zwischen ihn und die Gruppe.
Law sieht es – und hasst, wie eindeutig es ist. Sie macht sich zur Grenze.
Das Portal schließt sich.
Drinnen stehen sie – alle – so, wie Lia es gesagt hat. Still. Genau da, wo sie rausgekommen sind.
Weil jetzt jeder verstanden hat: Das hier ist kein Ort. Das ist ein Schutz.
Und Lia ist die Linie davor.
Krankenhaus
Vorderer Bereich
Vor dem Eingang hängt der Schutz wie ein unsichtbarer Druck in der Luft – nicht sichtbar, aber spürbar, als würde man vor einer Glasscheibe stehen, die nicht reflektiert, sondern hält. Lia steht ein paar Meter davor; Privatkleidung, Bewegungsfreiheit: rosa Rock, darunter eine kurze Hose, damit im Kampf nichts verrutscht, weißes Top, Gürtel. Die Haare sind noch offen, aber ihre Finger sind bereits auf dem Weg zum Haargummi. Rechts von ihr Yahiko, links Viola, Viktor einen halben Schritt hinter Lia, so dass er alles überblickt, ohne jemandem im Weg zu stehen. Hinter dem Schild: die Gruppen aus der anderen Welt, instinktiv zusammen, so wie sie es immer tun, wenn etwas nicht stimmt.
Law steht nicht ganz vorne, aber so, dass er alles sieht. Zu viele Variablen. Zu wenig Kontrolle. Und sie ist der einzige Grund, warum wir nicht verschwinden.
Dann bewegt sich etwas am Rand, nicht laut, nicht dramatisch: Ein Mann tritt aus dem Schatten, als hätte er dort schon die ganze Zeit gestanden. Ein Mantel, an dessen Saum dunkle Flecken kleben – Farbe, getrocknet, wie alte Wunden – und in seiner Hand ein Pinsel, dessen Spitze feucht ist, obwohl es nicht regnet. Über die Distanz hängt etwas in der Luft, das hier nicht hingehört: Terpentin, beißend, chemisch. Der Maler lächelt, als er Lia sieht, nicht freundlich, eher wie jemand, der ein verlorenes Werkzeug wiedergefunden hat.
„Da bist du ja“, sagt er leise. „Mit meinem Spielzeug.“
„Menschen sind das“, kreuzt Lia ihm sofort ins Wort, ruhig und klar.
Der Maler lacht kurz, trocken. „Menschen?“ Er kippt den Kopf. „Nein.“ Sein Blick gleitet über die Gruppe hinter dem Schild, als würde er sie katalogisieren. „Ich habe euch gesucht“, sagt er. „Ihr seid aus meinem Zugriff verschwunden.“
Ruffy macht einen Schritt nach vorn und wird sofort von Zorro am Shirt gehalten. „Was soll das?!“
Der Maler hört es, aber er gibt dem Ton keinen Platz: Er hebt die Hand und schnipst.
Law spürt es in der Sekunde, in der es passieren müsste – nicht als Schmerz, sondern als Zug, als würde jemand versuchen, ihm die Existenz unter den Füßen wegzuziehen. Ein kurzer Kälteschub, Papierkanten in der Luft, und dann… nichts. Niemand verschwindet. Der Maler blinzelt, sein Lächeln bleibt, wird aber dünner. Er schnipst noch einmal. Wieder nichts. Und jetzt sieht man es: seine Augen werden kalt.
Lia bindet sich ruhig die Haare zusammen, schnell, sauber, als hätte sie das tausendmal unter Druck gemacht. Der Maler atmet einmal aus, taucht den Pinsel in die Luft, als wäre sie Farbe, zieht einen Strich, noch einen – und binnen Sekunden steht eine Gestalt da: eine grobe, menschliche Form, wie aus nasser Tinte gezogen, Gesicht nicht richtig, Körper nur angedeutet. Er schnipst, und die Gestalt zerfällt sofort: nicht in Blut, nicht in Staub, sondern in helle Papierfetzen, als würde jemand ein Blatt zerreißen und in den Wind werfen. Einige Fetzen treiben kurz – und lösen sich dann einfach auf.
Chopper zieht scharf die Luft ein.
„Das ist…“ Mehr bringt er nicht raus.
Usopp wird sichtbar blass.
Brook macht einen winzigen Schritt zurück. „Yohoho…“ Seine Stimme klingt plötzlich sehr klein.
Nami presst die Lippen zusammen, als hätte ihr Magen einen Knoten gemacht.
Robin sagt nichts, aber ihr Blick wird hart.
Der Maler schaut wieder zur Gruppe und schnipst. Law spürt den Zug erneut, stärker, als würde die Welt an seiner Kontur zerren. Ruffy presst die Zähne zusammen, Kid flucht leise, Killer wird still – und wieder hält das Schild. Nichts passiert. Der Maler starrt einen Moment auf die Luft, als würde er nicht akzeptieren, dass sie nicht gehorcht, dann sieht er zu Lia.
„Du warst das.“
Seine Stimme kippt, nicht mehr spielerisch: „Was auch immer du da machst – gib mir mein Spielzeug zurück!“
Lia ist fertig mit den Haaren; ein fester Zopf, damit nichts ins Gesicht fällt. Sie hebt den Blick. Warm ist sie sonst – jetzt wird sie klar wie Metall. „Genug“, sagt sie, zieht ihr Katana und hält es so, wie Law sein Kikoku hält: ruhig, selbstverständlich, keine Show.
Law sieht das, und in ihm zieht sich etwas zusammen. Sie hält es… wie ich. Nicht gelernt. Gewählt.
Der Maler richtet den Pinsel auf die Gruppe, als könnte er sie trotzdem noch rufen. „Ich bin euer Schöpfer“, sagt er. „Ihr gehört mir.“
Shanks bleibt still, aber die Luft um ihn wird schwerer. Rayleighs Blick ist ruhig wie ein Meer, das gleich kippt. Mihawk sagt nichts – sein Blick sagt genug.
Lia tritt einen Schritt vor, so dass sie genau zwischen dem Maler und der Gruppe steht und seine Sichtlinie zwingt, wieder bei ihr zu landen. „Leonard Falk“, sagt Lia ruhig. Voller Name. Voller Schnitt. „Komm.“
Der Maler lacht einmal, dann kippt sein Gesicht. „Du kleine Schlampe.“
Der erste Schlag kommt hart, nicht aus dem Pinsel, sondern aus einem großen Schwert, das in der Luft auftaucht, als hätte er es gemalt und sofort verdichtet: eine Klinge, zu groß, zu brutal für Kunst.
Lia bewegt sich, bevor der Schlag ankommt – nicht schneller, früher. Sie blockt nicht blind, sie lenkt, nimmt ihm Linien, zwingt ihn ins Leere, als wäre sein Zorn nur ein falscher Winkel. Nach zwei, drei, vier Schlägen ist klar: Er will brechen, sie will nur verhindern – und genau das macht ihn wütender.
„Du bist eine Frau“, spuckt er. „Du richtest nichts aus.“
Lia antwortet nicht. Sie greift an – ein Schnitt, kontrolliert, schnell. Er weicht aus, aber nicht leicht. Man sieht es: Er hat Mühe, ihr Timing zu lesen. Dann trifft sie ihn einmal. Nicht tödlich. Aber sauber.
Der Maler ist geschockt, nicht wegen Schmerz – wegen Kränkung. Lia ist schon wieder bei ihm: ein Tritt gegen den Brustkorb. Er fliegt zurück, prallt hart auf. Bevor er sich sortieren kann, hat Lia den Bogen in der Hand. Ein Pfeil. Schulter. Der Maler reißt die Augen auf und zieht den Pfeil heraus, als wäre er beleidigt worden.
Dann wechselt er die Taktik. Seine Stimme wird plötzlich schmeichelnd, giftig: „Ich kann deine Eltern wieder malen.“ Und in diesem Satz liegt nicht Hoffnung, sondern eine Kette.
Einen Moment hängt die Stille wie Glas.
„Deine drei Brüder“, fährt er fort. „Alles. Du kriegst sie zurück. Wir machen einen Deal.“
Law spürt, wie sein Puls höher schlägt. Wenn sie wankt, sind wir erledigt.
Yahiko macht einen Schritt nach vorn, nicht hektisch, nicht laut, einfach da. „Lass das“, sagt Yahiko ruhig. Ein Satz, der nicht bittet.
Der Maler lacht, und sein Blick findet Yahiko wie ein Messer. „Achso.“ Er zieht die Worte genüsslich. „Es waren ja auch deine Eltern… und Brüder.“ Dann neigt er den Kopf. „Aber du bist nicht die Blutlinie.“ Er lächelt. „Nur adoptiert.“
Bevor das Wort überhaupt ganz im Raum landen kann, schneidet Lia dazwischen, ohne ihre Stimme zu heben: „Yahiko ist mein Bruder.“ Ein Satz – und er ist endgültig.
Der Maler knurrt, weil seine Nadel nicht getroffen hat. Lias Gesicht verändert sich nicht in Schmerz. Es wird kalt. „Du Bastard“, sagt sie leise – und rennt los.
Der Maler wartet, will sie mit der Klinge fangen— aber Lia weicht aus, kreist um ihn herum, als würde sie seine Angriffe lesen wie Text. Sie ist hinter ihm, greift nicht an, rennt weg: Distanz. Bogen hoch. Zweiter Pfeil. Andere Schulter.
Der Maler ist jetzt offen wütend, stürmt los, schneller, brutaler. Lia wirft den Bogen hoch, und ihr Katana kommt ihr in derselben Bewegung zurück in die Hand, als hätte es auf sie gewartet. Der Maler trifft sie mit einem Tritt. Lia fliegt zurück – für einen Moment zieht der Boden unter ihr weg— doch sie stoppt sich kontrolliert, landet, steht wieder, und ist sofort wieder drin. Kein Drama. Nur Entscheidung.
Der Maler versucht tief zu schneiden, Richtung Beine. Lia weiß es vorher. Sie springt, landet kurz auf seiner Klinge wie auf einem Balken, kippt seitlich weg, Salto, sauber.
Law sieht es und denkt nur: Körperintelligenz.
Lia landet mit dem Rücken zu ihm. Der Maler schlägt in den Rücken— für einen Herzschlag sieht es aus, als wäre sie getroffen. Aber Lia hat das Katana bereits hinter sich verlagert: Klinge trifft Klinge. Nicht Lia.
In diesem Moment reißt Viola die Hand hoch; ein Portal öffnet sich, nicht irgendwo, sondern genau dort, wo der Raum es zulässt. „Jetzt“, sagt Viola leise – und der nächste Moment hat Gewicht.
Ein Schritt aus dem Portal, und die Luft wird dicht.
Yūjirō Hanma.
Keine Teufelskraft sichtbar, nur Präsenz, als würde ein Tier in einen Raum treten, in dem es keinen natürlichen Feind hat. Law spürt den Reflex, bevor er denkt. ROOM— Nichts. Nicht, weil er Hanma „angreifen“ will – sondern weil ein Fremder aus einem Portal in Sekunden zur falschen Variable werden kann. Und weil er zu nah an ihr ist.
Hanma verschwendet keine Zeit: ein Schritt, ein Tritt, mitten in den Brustkorb des Malers – und Leonard Falk fliegt nach hinten, hart, als hätte die Welt ihn endlich ernst genommen.
Hanma bleibt stehen, schaut kurz auf Lia; sein Blick streift die feinen rosafarbenen Ringe am Handgelenk und am Schienbein – Markierungen, die nur auftauchen, wenn sie zu viel trägt.
„Genug für heute.“
Lia nickt einmal. Ich muss gleich weiter. Ich darf jetzt nicht fallen.
Der Maler hustet, richtet sich halb auf – wütend, gekränkt, aber auch vorsichtig – und starrt Hanma an. „Du“, sagt Leonard Falk, und seine Stimme wird wieder glatt. „Komm zu mir. Du und ich… wir könnten diese Welt beherrschen.“
Hanma lacht nicht. Er sieht ihn an, als wäre er eine Fliege auf Glas. „Ich beherrsche nichts“, sagt Hanma und wirft einen kurzen Blick zu Lia. „Ich brech nur, was sie bedroht.“
Der Maler zieht die Lippen zurück, weil er merkt: keine Tür. Seine Hand zuckt. Der Pinsel reißt eine Linie in die Luft – ein Riss. Er schaut Lia an, voller Hass. „Ich brech dich noch“, zischt er – dann verschwindet er. Der Geruch nach Terpentin bleibt einen Moment länger als er.
Stille. Nur der Schild „atmet“ weiter, als wäre nichts passiert.
Hanma dreht sich um, greift Lia ohne Zeremonie und hebt sie hoch, als wäre das Logik. „Ruh dich aus, Prinzessin.“
Lia atmet einmal aus, kurz, und sagt nur: „Hanma.“ Kein Schimpfen. Nur Erinnerung, dass sie da ist.
Hanma geht in den Schutz zurück, als wäre er der Besitzer des Bodens. Lia oben auf seiner Schulter hebt den Blick zur Gruppe. „Kommt“, sagt sie ruhig. „Jetzt rein.“
Law bleibt einen Herzschlag stehen, schaut sie an. Ohne sie wären wir Papier. Dann geht er. Weil sie geht. Und weil er längst weiß: Solange sie nicht allein steht, steht sie nicht allein.
Krankenhaus
Innenbereich, Treppe, Kellertür
Die automatische Tür fällt hinter ihnen zu, als würde das Krankenhaus den Lärm der Straße verschlucken. Der Geruch ändert sich sofort: weniger Desinfektion, mehr Metall und kühle Technikluft. Schritte hallen. Keine Fenster. Nur Struktur.
Hanma geht voran, als wären Flure für ihn gebaut. Lia sitzt noch auf seiner Schulter – ruhig, ohne Drama, aber nicht schwerelos: die Art von Ruhe, die man erst sieht, wenn man selbst nicht mehr ruhig ist.
Law hält sich einen halben Schritt seitlich. Nicht vorne. Aber so, dass er alles sieht: Eingang, Flur, Hanma – und vor allem Lia.
Gefällt mir nicht.
Nicht weil Hanma sie trägt. Sondern weil sie dadurch höher ist. Sichtbarer. Und weil Law gerade nichts hat außer Winkel.
Kein ROOM. Kein Eingriff. Nur Körper.
Die Heart Pirates rücken instinktiv nach. Bepo dicht hinter ihm, Shachi und Penguin in der Flanke, als wäre das alte Reflexlogik: Wenn der Captain die Linie verschiebt, verschiebt sich die Crew mit.
Lia spürt das. Nicht als Misstrauen. Als Muster. Er stellt sich so, dass er alles abfängt, ohne es zuzugeben.
Eine Frau aus Laws Crew lässt den Blick an Hanma hängen – einen Tick zu lange. Dann richtet sie ihn weg, als hätte sie nur den Fluchtweg geprüft.
Sie biegen in einen Servicetrakt. Türen mit NUR PERSONAL. Der Geräuschpegel fällt ab, als hätten sie eine andere Welt betreten. Die Treppe ist breit, Metallstufen, kaltes Geländer, gleichmäßiges Licht. Kein Platz für Chaos.
„Zu viele für den Aufzug“, sagt Viktor trocken.
„Gut“, sagt Zorro.
Ruffy will los, Nami packt ihn am Shirt.
„Du bleibst.“
„Hä?!“
„Du. Bleibst.“
Ruffy grummelt – und bleibt.
Zweiter Treppenabsatz. Dritter. Je tiefer, desto stiller. Und je stiller, desto mehr fällt Law auf, wie OMEGA spricht, ohne zu reden: ein Blick, ein Winkel, ein Schritt – und die Gruppe bleibt zusammen, ohne dass jemand schreien muss.
Das ist keine Truppe. Das ist ein System.
Unten: eine graue Tür. Schild: TECHNIK / LOGISTIK – ZUTRITT NUR AUTORISIERT. Keypad. Scanner.
Hanma bleibt stehen und dreht den Kopf minimal zu Law.
„Doktor.“
Law hebt den Blick.
„Hilf kurz.“
Kein Spott. Kein Test. Nur Logik.
Hanma senkt Lia kontrolliert. Law tritt näher, legt eine Hand an ihren Unterarm – nicht greifend, eher stabilisierend, wie bei jemandem, der nicht kippen darf. Hanma setzt sie ab.
Für einen Herzschlag schwankt Lia minimal.
Law fängt sie ab. Eine Sekunde. Fest genug. Sanft genug. Dann lässt er los, als wäre es nie passiert.
Zu nah.
Und trotzdem: richtig.
Lia richtet sich auf. Die rosafarbenen Ringe an ihrem Handgelenk sind sichtbar – mehr als vorhin. Und am Schienbein ebenfalls, dort, wo der Tritt gesessen hat.
Vier am Handgelenk… und zwei am Schienbein.
Law zählt sie, bevor er es verhindern kann. Sie war offensiv. Katana. Bogen. Kick. Und sie steht immer noch vorne.
Lia merkt seinen Blick. Natürlich zählt er. Natürlich merkt er’s.
Ihre Wangen werden für einen Moment warm – nicht peinlich, nicht gehasst, nur verräterisch menschlich.
Nicht jetzt. Konzentrier dich.
Sie sagt leise, nur für ihn:
„Hier bist du sicher.“
Law blinzelt einmal. Der Satz trifft nicht wie Romantik. Eher wie ein medizinischer Befund, der plötzlich persönlich ist.
Er nickt knapp.
Hanma tippt den Code ein, als wäre es seine Tür. Scanner piept. Schloss klickt.
„Weiter“, sagt Hanma.
Die Tür öffnet sich.
Kellerebene
Kontrollzentrale
Und dahinter ist kein Keller, der nach Lager riecht.
Es ist eine Kontrollzentrale.
Monitore. Karten. Live‑Feeds. Ein großer, langsam rotierender Globus auf einem Display, darüber Linien wie Atem – Bereiche, Routen, Zustände. Es sieht nicht nach „Geheimversteck“ aus. Es sieht nach Arbeit aus.
In der Mitte, auf einem Stuhl, barfuß, leicht gekrümmt, als würde sein Körper der Schwerkraft nicht trauen: L. Blick wach, still, zu ruhig für einen Raum voller Technik.
Er hebt nur minimal den Kopf.
„Ihr seid drin“, sagt er.
Kein Willkommen. Kein Pathos. Nur Status.
Auf einem Seitentisch steht ein Korb mit Orangen, so selbstverständlich, dass es fast absurd wirkt inmitten von Weltkarten und Alarmfeeds.
Nami bleibt einen Moment stehen, als hätte sie Angst, dass die Szene gleich wieder knickt. Dann nimmt sie eine Orange, vorsichtig, fast respektvoll.
„…Danke“, sagt sie und schaut zu Yahiko.
Yahiko antwortet sofort – für sie. Mit mehr Präsenz als eben.
„Wenn du zeig ich es dir später“, sagte Yahiko ruhig.
Ein winziger Moment, in dem ihre Schultern minimal weicher werden. Nicht viel. Aber echt.
Yahiko zieht sein Handy raus, geht zwei Schritte zur Seite.
„Ich telefoniere kurz“, sagt er knapp. „Essen. Organisation.“
Er ist schon halb aus der Tür, bevor jemand widersprechen könnte.
Lia sieht ihm nach.
Natürlich. Er plant schon die nächsten Stunden, als wären sie ein Stationsablauf. Weil es das ist. Weil Menschen sonst kippen.
L tippt mit zwei Fingern. Auf einem Bildschirm erscheint eine schematische Darstellung: „LEINWAND‑SIGNATUR / ANKERSTATUS / RISIKOFENSTER“.
Law registriert sofort den Ton: nicht „Erklärung“, sondern „Briefing“.
„Leonard Falk“, sagt L. „Der Maler. Wir haben das Originalbild.“
Ruffy hebt sofort den Kopf. „Dann kann er uns nicht mehr ziehen, oder?“
„Nicht nachziehen“, korrigiert L ruhig. „Er braucht die Leinwand als stabile Quelle.“
„Aber“, fügt er hinzu, und seine Stimme bleibt exakt gleich, „er hat gesehen, was drauf ist. Und er kann aus Erinnerung nachmalen. Teuer. Unpräzise. Aber möglich.“
„Teuer wie was?“, fragt Zorro.
L schaut nicht zu ihm. Er schaut auf das Modell.
„Lebenszeit“, sagt er trocken.
Law spürt, wie sich etwas in ihm festzieht. Also macht er es trotzdem, wenn er wütend genug ist.
„Und snip?“, fragt Kid schroff. „Er konnte draußen snipen.“
„Weil ihr nicht verankert seid“, sagt L. „Ihr hängt noch an der Leinwandlogik. Solange ihr das seid, kann er euch wie Papier behandeln.“
Ein kurzer Blick zu Lia – nur eine Zehntelsekunde, als würde er ihr den nächsten Satz überlassen.
Lia übernimmt ruhig.
„Solange ihr in meinem Schutzbereich seid, kann er euch nicht löschen“, sagt sie. „Und sobald ich euch verankere, ist dieser Zugriff weg.“
Law sieht, wie sie dabei automatisch wieder prüft. Nicht die Gruppe – ihn.
Und ich hasse, wie sehr ich will, dass sie sieht: Ich bleibe stabil.
L tippt erneut. Ein Countdown erscheint, klein in der Ecke: „Stabilisierung – 13 Tage 23:…“
„Das Zeitfenster endet in zwei Wochen“, sagt L. „Vorher wird er versuchen, die Kontrolle zurückzubekommen. Nicht, weil er sicher weiß, dass dann etwas passiert.“
Ein Atemzug
„Sondern weil er Muster hat. Er reagiert, wenn er Macht verliert.“
Law hört das und denkt nur: Er plant auf Wahrscheinlichkeit. Nicht auf Hoffnung. Gut.
Yahiko kommt zurück, steckt das Handy weg.
„Essen ist organisiert“, sagt er ruhig.
Lia nickt kaum sichtbar. Natürlich ist es das.
Yahiko macht einen Schritt nach vorn. „Bevor Lia euch verankert“, sagt er ruhig, „sagen wir euch, was wir können. Sie spürt gleich sowieso, was in euch steckt – aber ihr sollt es von uns hören.“
Er hebt die Hand. In der Luft entsteht eine Sanduhr – klar wie Glas, aber ohne echtes Gewicht. Der Sand darin fällt lautlos.
„Ich manipuliere Zeit“, sagt Yahiko. „Verlangsamen. Kurz beschleunigen. Und in einem begrenzten Raum anhalten, damit man entscheiden kann, statt zu sterben.“
Er lässt die Hand sinken.
„Grenzen: Je größer der Raum, je mehr Menschen, je länger – desto schneller bin ich am Ende. Dann wird es unpräzise. Dann wird’s gefährlich. Für mich.“
Viola tritt neben ihn, offener, aber nicht weich. Ein Portal entsteht, klein, sauber, schließt wieder.
„Portale“, sagt sie. „Transport. Umleitung. Evakuierung. Ich kann Winkel brechen, Leute rausziehen, Gegner in falsche Linien schicken.“
„Ich kann Angriffe umlenken – Portal rein, Portal raus – und notfalls jemanden kurz im Übergang festhalten. Aber je länger ich das halte, desto mehr frisst es Energie, Präzision… und irgendwann mich.“
„Ich kann Portale nur dahin setzen, wo ich gerade hinsehe – oder wo ich schon mal war.“
Sie schaut kurz zu den Monitorecken, als würde sie nebenbei schon Fluchtwege mitlesen.
„Grenzen: Halten kostet Energie. Zu lange hält mich kaputt. Präzision sinkt. Innere Schäden möglich.“
Viktor steht etwas versetzt, wie immer.
„Therapeut und Psychiater“, sagt er. „Und die Prüfung.“
Ein Atemzug.
„Wenn ich jemandem in die Augen sehe, sehe ich sein Leben. Motive. Brüche. Trauma. Auch böse Absicht.“
Der Raum wird einen Tick stiller.
Viktor hebt sofort die Hand – nicht beschwichtigend, sondern klar.
„Ich vermeide Blickkontakt, weil das invasiv ist“, sagt er ruhig. „Und weil ich daran gebunden bin.“ Ein Atemzug „Es gibt einen Vertrag. Wenn ich unterschreibe, darf ich nichts sagen ohne Zustimmung. Wenn ich ihn breche… sterbe ich.“
„Wenn jemand wirklich töten will, ist das die Ausnahme: Dann sehe ich hin – und dann stoppe ich ihn, bevor er handelt.“
Stille.
„Aber“, sagt Viktor, „wenn ich jemanden einmal gesehen habe, kann ich ihm danach jederzeit ins Gesicht schauen. Dann ist es kein Risiko mehr.“
Und dann hebt er den Blick – gezielt – und schaut Lia direkt in die Augen. Dann Yahiko. Dann Viola. Dann L. Dann Hanma.
Ein stilles Signal: Diese kenne ich. Diese sind geprüft.
L erklärt knapp:
„Keine Frucht. Technik. Logistik. Planung. Ich baue Abläufe, damit niemand improvisieren muss.“
Hanma lacht einmal leise.
„Und ich“, sagt er, „bin der Teil, der zuschlägt.“
Kein Stolz. Nur Natur.
„Keine Frucht“, ergänzt er. „Nur Training. Grenzen: Ich höre auf, wenn sie es sagt.“
Gut. Dann ist er berechenbar. Solange sie steht denkt Law
Sein Blick geht zu Lia – Respekt, nicht Besitz.
Dann tritt Lia einen halben Schritt vor. Nicht, um zu glänzen. Um zu halten.
„Meine Frucht ist die Welt‑Frucht“, sagt sie. „Schutz. Rahmen. Stabilisierung. Neutralisierung von gemaltem Einfluss.“
Sie hebt kurz die Hand. Die Ringe sind sichtbar.
„Und ja“, ergänzt sie ruhig, weil sie merkt, was die Gruppe sieht, „ich kann auch kämpfen.“
Sie zieht das Katana nicht – sie braucht die Show nicht. Aber ihre Hand liegt einen Moment an der Stelle, wo es eben war, als Erinnerung: Ich kann das.
„Katana“, sagt Lia. „Und Bogen.“
Ein Atemzug.
„Ich kann auch harte Schläge austeilen“, sagt sie. „Kicks. Schnitte. Druck.“
Sie schaut nicht stolz. Sie schaut ehrlich.
„Aber: Offensive kostet mich Ringe.“
Sie deutet kurz auf Handgelenk und Schienbein.
„Jeder wirklich harte Treffer – Katana, Bogen, Kick – zieht Energie. Und diese Markierungen zeigen, wie weit ich gehe.“
Law sieht, wie sie es bewusst klein hält. Nicht dramatisiert. Nicht versteckt.
Sie sagt es, damit wir nicht auf die Idee kommen, sie könnte das unendlich.
Und weil sie will, dass wir verstehen: Sie hat Grenzen… und sie ignoriert sie trotzdem für uns.
„Schutz halten kann ich lange“, sagt Lia weiter. „Angriff ist teurer. Und wenn ich überziehe, kommen Zittern, Kreislauf, Schmerzen… und irgendwann innere Verletzungen.“
Sie hebt den Blick.
„Heute war ich offensiv“, sagt sie ruhig. „Deshalb seht ihr mehr Ringe.“
Kein Rechtfertigen. Nur Fakt.
Dann wird ihre Stimme wieder wärmer.
„Menschen machen“, sagt Lia, „kostet weniger als Kämpfen. Das ist… Arbeit. Kein Zerstören.“
Und ich habe es versprochen, denkt sie. Also mache ich es.
Sie schaut in die Runde.
„Ich mache euch heute noch fest“, sagt Lia. „Ich verankere euch hier. Mit euren Fähigkeiten – aber sie kommen erst in zwei Wochen zurück. Komplett. Auf einmal.“
Ruffy schluckt, nickt aber.
Zorro sagt nichts – aber er steht so da, als wäre „ja“ längst entschieden.
Shanks bleibt ruhig. Rayleigh wirkt gelassen, aber wach. Mihawk steht wie ein stiller Schnitt im Raum.
Law sagt nichts.
Und trotzdem bin ich noch hier.
Lia atmet einmal aus, kurz.
„Danach zeige ich euch eure Zimmer für die zwei Wochen“, sagt sie. „Und heute Abend…“
Sie schaut zur Tür, als könnte sie Yahiko schon wieder hören, obwohl er gerade erst zurück ist. Yahiko nickt, als hätte er das längst eingetaktet.
„…um 20 Uhr treffen wir uns unten am Eingang“, sagt Lia ruhig. „Ich zeige euch die Grenzen des Schildes. Wo ihr euch bewegen könnt und wo nicht.“
Kurze Pause
„Dann gehen wir essen. Ihr habt Hunger.“
Yahiko ergänzt direkt, sachlich, als wäre es Stationsroutine:
„Frühstück um 7. Mittag um 13, wenn ihr wollt. Abendessen um 19. Für die zwei Wochen. Ohne Diskussion.“
Nami wiederholte die Uhrzeit einmal, als würde sie sie im Kopf festnageln. Sanji fragte sofort nach der Küche. Kid brummte nur – aber niemand ging weg.
Lia nickt, warm.
„Und ich möchte“, sagt sie ruhig, „dass wir abends zusammen sitzen. Nicht, weil ihr müsst. Sondern weil das hier nur funktioniert, wenn wir uns kennen.“
Sie schaut kurz zu Law. Wieder dieser eine Atemzug zu lange.
Nicht schauen. Doch. Schauen. Er ist… wichtig.
Und er merkt es.
Law merkt es.
Verdammte Frau.
Lia richtet sich wieder an alle.
„Morgen beginne ich mit einem Drei‑Tage‑Plan“, sagt sie. „Regeln. Welt. Arbeit. Optionen. Wer was kann. Wer was braucht.“
Ein kurzer Moment, fast beiläufig:
„Ich habe es bereits in die Wege geleitet.“
Kein Prahlen. Nur: Ich war nicht untätig.
Lia steht in der Mitte der Kontrollzentrale, dort, wo genug Platz ist, dass niemand gedrängt wird und trotzdem jeder sieht, was passiert. Ihre Hand ist ruhig, aber die Ringe an ihrem Handgelenk sind es nicht: vier rosafarbene Kreise, wie feine Markierungen unter der Haut. Am Schienbein blitzt die zweite Reihe kurz auf, wenn sie das Gewicht verlagert.
Menschen machen ist weniger brutal als Kämpfen, denkt sie. Aber es ist mehr Verantwortung. Und ich habe es versprochen.
„Wir machen das jetzt“, sagt Lia ruhig. „Gruppenweise. Jeder kommt kurz vor, sagt seinen Namen – und ich berühre euch. Das fühlt sich… schwerer an. Wärmer. Mehr Puls. Mehr hier.“
Sie hebt den Blick in die Runde.
„Wenn euch schwindelig wird: sagen. Ich halte euch.“
Law steht nicht ganz vorne, aber so, dass er ihre Hand sieht.
Berührung, denkt er. Und sie sagt es, als wäre es eine normale Maßnahme.
Als wäre Sicherheit etwas, das man verteilen kann.
„Strohhüte zuerst“, sagt Lia.
„Monkey D. Ruffy!“
Lia nimmt seine Hand – fest genug, dass sie ihn wirklich verankert, nicht zart.
Ruffy zuckt kurz zusammen. Sein Körper wirkt einen Herzschlag lang, als würde er „einrasten“.
„Woah…“ Er starrt auf seine eigene Hand. „Das fühlt sich… richtig an.“
Lia nickt kaum sichtbar. „Du ziehst Menschen mit“, sagt sie ruhig. „Das merkt man sofort.“
Ruffy grinst breit. „Hehe!“
Zorro ist der Nächste. Er kommt nicht schnell. Er kommt wie jemand, der nicht gern in fremde Regeln tritt, aber es trotzdem tut.
„Roronoa Zoro.“
Lia nimmt seine Hand. Im selben Moment spürt sie diese Linie: Kraft, Wille, ein Körper, der nie nachgibt.
Sie schaut ihn einen Atemzug zu lange an.
„Im reinen Schwertkampf“, sagt sie ehrlich, „bist du… sauber. Gegen dich würde ich nicht auf Kraft setzen.“
Zorro schnaubt nur. Aber sein Blick sagt: akzeptiert.
Nami tritt vor, wachsam, aber nicht feindselig.
„Nami.“
Lia berührt ihre Hand. Nami atmet scharf ein, weil ihr Herz plötzlich „lauter“ wird, als hätte jemand den Körper aufgedreht.
Lia lächelt kurz, warm.
„Wenn du Orangen magst“, sagt sie, „Yahiko hat eine Plantage.“
Namis Augen weiten sich. „…Ernsthaft?“
Yahiko sagt nichts, aber er ist da – und Nami merkt sich das.
Usopp kommt wie jemand, der Mut nur in Portionen hat.
„U-Usopp.“
Lia nimmt seine Hand, ohne Eile. „Du bist nicht so feige, wie du tust“, sagt sie ruhig. „Du bleibst trotzdem.“
Usopp wird rot. „I-Ich… ja—also—“
Sanji ist sofort neben ihm, elegant, übertrieben korrekt.
„Sanji.“
Lia berührt ihn – und spürt Schutzinstinkt, Geschwindigkeit, dieses ständige „ich stelle mich dazwischen“.
„Du denkst in Positionen“, sagt Lia ruhig. „Nicht nur in Tritten.“
Sanji richtet sich sichtbar auf. „Natürlich, meine Dame.“
Robin kommt, ruhig wie ein Kapitel, das sich selbst liest.
„Nico Robin.“
Als Lia ihre Hand nimmt, fühlt es sich nicht „wild“ an – eher tief. Stabil. Und gefährlich, wenn man sie falsch behandelt.
Lia schaut sie an und sagt ehrlich: „Deine Ausstrahlung ist… ruhig. Sympathisch.“
Robin lächelt minimal. „Danke.“
Chopper steht schon halb bereit und halb panisch.
„T-Tony Tony Chopper!“
Lia nimmt seine kleine Hand – und Chopper spürt dieses „Einrasten“ besonders stark. Er blinzelt, als würde er plötzlich seine eigenen Organe spüren, wie sie arbeiten.
Lia lächelt, weich.
„Du bist süß“, sagt sie.
Chopper explodiert sofort in Verlegenheit. „N-Nicht so direkt!!“
Lia bleibt ruhig, fast liebevoll-professionell.
„Und bevor du dich erschrickst: Deine Teufelskraft ist blockiert wie bei allen“, sagt sie. „Aber du kannst trotzdem sprechen. Dein Körper bleibt in der Form stabil, in der du hierhergerissen wurdest. Das ist… Teil der Verankerung.“
Chopper starrt sie an. „Also… ich bin trotzdem ich?“
„Ja“, sagt Lia. „Nur ohne Zugriff auf die Kraft. Zwei Wochen.“
Franky tritt vor, als wäre das eine Bühne.
„FRANKY!“
Lia nimmt seine Hand, und sie spürt sofort: Technik, Umbau, Wille.
„L wird dich mögen“, sagt Lia trocken.
Franky strahlt. „SUPER!“
Brook verbeugt sich.
„Brook.“
Lia berührt ihn, und Brook hält kurz den Atem an, als könnte er überhaupt noch.
„Du brauchst keine Angst haben wegen deiner Gestalt“, sagt Lia ruhig. „Hier haben Menschen Teufelkräfte gesehen. Du bist nicht ‘falsch’.“
Brook wirkt für einen Moment wirklich erleichtert. „Yohoho… danke.“
Jinbe tritt vor, groß, würdevoll.
„Jinbe.“
Lia nimmt seine Hand. „Und auch du“, sagt sie ruhig. „Fischmensch ist hier kein Grund, dich zu verstecken.“
Jinbe nickt langsam. „Ich danke dir.“
Als Jinbe zurücktritt, spürt Lia einen kurzen Stich hinter der Stirn. Warmes Ziehen. Nicht schlimm – aber da.
Ein fünfter Ring schiebt sich still an ihr Handgelenk, als würde der Körper mitzählen, was sie gerade trägt.
Lia atmet einmal aus, kontrolliert.
Fünf, denkt sie. Weiter. Ruhig.
Law hat es gesehen. Natürlich hat er es gesehen.
Sie zählt sich selbst in Ringen, denkt er. Und sie macht trotzdem weiter.
„Heart Pirates“, sagt Lia.
Der Bär tritt vor.
„Bepo.“
Lia lächelt – ehrlich, nicht ironisch.
„Du bist niedlich“, sagt sie.
Bepo erstarrt. „HÄ?!“
Ein paar Leute blinzeln. Nami muss sich sichtbar zusammenreißen, nicht zu grinsen.
Die Frau tritt vor, hält Lias Hand kurz fest. „Ikkaku“, sagt sie knapp. Ihr Blick geht dabei – nur für einen Moment – wieder zu Hanma.
Natürlich hat sie’s gemerkt denkt Law
Shachi und Penguin sagen ihre Namen, kurz, fast gleichzeitig.
„Shachi.“ – „Penguin.“
Lia verankert sie ohne Kommentar, aber ihre Hand ist dabei genauso sicher.
Jean Bart nennt seinen Namen wie eine Wand.
„Jean Bart.“
Lia spürt: Schild, Masse, Loyalität. Sie nickt ihm einfach zu.
Und dann tritt der Mann mit der Mütze vor.
Er bleibt einen Schritt zu weit weg – bis Lia die Hand ausstreckt und damit den Abstand definiert.
„Trafalgar D. Water Law“, sagt er.
In dem Moment, in dem sie seinen Namen hört, passiert das, was sie nicht steuern kann: Wärme in den Wangen. Verräterisch. Nur bei ihm.
Natürlich. Ausgerechnet jetzt.
Sie nimmt seine Hand – einen Tick anders als bei den anderen. Nicht schwächer. Sondern… bewusster. Als würde sie sagen: Ich weiß, wer du bist. Und ich freue mich, dass du noch hier bist.
Law spürt das sofort.
Verdammt.
Nicht, weil es „zu viel“ ist. Sondern weil es zu ehrlich ist.
Der Verankerungsschub trifft ihn: plötzlich Herz, Blut, Gewicht, ein Körper, der nicht mehr „Bild“ ist, sondern hier. Und gleichzeitig das Fehlen seiner Kraft wie eine amputierte Bewegung: kein ROOM, kein Echo – aber jetzt versteht er, warum.
Lia schaut ihn an, ruhig, und spricht leise – fachlich, aber weich.
„Du bist Arzt“, sagt sie, als wäre das das Natürlichste der Welt. „Und du trägst Verantwortung wie ein Skalpell. Sauber – aber schwer.“
Law sagt nichts. Seine Kehle arbeitet einmal.
Er nickt nur, minimal.
Sie sieht zu viel, denkt er. Und trotzdem macht sie kein Drama daraus.
Dann folgt die Crew. Einer nach dem anderen. Kurze Berührung, ein spürbarer Zug – als würde Gewicht ins Blut sinken. Die Stimmen nennen Namen. Lia nickt nur, speichert alles, ohne zu stocken.
„Red Hair Pirates“, sagt Lia.
Shanks tritt vor, als wäre auch das nur ein Gespräch, das man führt.
„Shanks.“
Als Lia seine Hand nimmt, spürt sie diese Präsenz wie eine ruhige Sturmfront. Kein Lärm. Nur Gewicht.
Sie hält einen Herzschlag länger.
„Du bist sehr stark“, sagt Lia ehrlich. „Aber du trägst es ruhig.“
Shanks lächelt leicht. „Du bist direkt.“
Ben Beckman folgt.
„Ben Beckman.“
Lia verankert ihn, und Beckman wirkt keinen Millimeter überrascht – aber sein Blick sagt: registriert.
Dann kommen die Namen wie eine kurze Reihe, knapp, ohne Theater: Lucky Roux, Yasopp, Hongo, Limejuice…übrigen folgten Lia nimmt jede Hand, verankert jede Kontur.
Kid Pirates.
Kid tritt vor, als würde er der Welt beweisen wollen, dass er sich nicht anfassen lässt.
„Eustass Kid.“
Lia nimmt seine Hand trotzdem – ohne zu drücken.
Sie spürt Wut wie Metall im Blut. Und darunter: Überleben.
„Du bist nicht leicht“, sagt Lia ruhig. „Aber du gibst nicht auf. Das ist… nützlich.“
Kid verzieht das Gesicht. „Tch.“
Killer folgt, leiser.
„Killer.“
Lia verankert ihn und spürt: Kontrolle, Struktur, eine Klinge, die denkt.
„Die übrigen folgten der Reihe nach. Namen fielen leise, Hände wurden kurz gehalten – und jeder wurde schwerer, echter.“
Rayleigh kommt allein.
„Silvers Rayleigh.“
Lia nimmt seine Hand, und für einen Moment wirkt es, als würde der Raum selbst respektvoller werden.
„Du trägst Ruhe wie Erfahrung“, sagt Lia leise.
Rayleigh lächelt kaum sichtbar. „Das nehme ich.“
Mihawk ist der Letzte.
Er tritt vor wie ein Urteil.
„Dracule Mihawk.“
Als Lia seine Hand nimmt, stockt sie einen Herzschlag – nicht aus Angst. Aus Anerkennung. Das ist Präsenz, die nicht „laut“ sein muss.
Sie schaut ihn an, wirklich an.
„Du verschwendest keine Bewegung“, sagt Lia ruhig. „Das ist… selten.“
Mihawk antwortet nicht – aber sein Blick wird einen Tick weniger kalt. Ein Millimeter. Für ihn ist das viel.
Als Mihawk zurücktritt, kommt der sechste Ring an Lias Handgelenk, still wie ein Abschlussstrich.
Lia atmet aus. Ihre Finger zittern nicht. Noch nicht. Aber der Körper hat gezählt.
Sechs, denkt sie. Gut. Ich halte das.
Law sieht den Ring. Und er merkt, wie sie sich trotzdem gerade hält.
Sie macht das… für uns, denkt er. Und sie fällt nicht.
Lia löst ihre Hand, schaut einmal in die Runde und wird wieder die ruhige Mitte.
„Gut“, sagt sie. „Ihr seid verankert.“
Kurze Pause.
„Eure Kräfte sind weiterhin blockiert“, sagt sie klar. „Zwei Wochen. Dann kommt alles auf einmal zurück. Komplett.“
Sie hebt den Blick.
„Heute“, sagt sie, „zeige ich euch die Zimmer. Und heute Abend treffen wir uns, wie gesagt. Essen. Regeln. Rahmen.“
Sie wird warm, ohne weicher zu werden.
„Und bevor jemand fragt: Nein. Ihr müsst hier nicht in einem Krieg leben“, sagt Lia ruhig. „Diese Welt funktioniert anders. Ihr werdet es lernen. Und ihr müsst es nicht allein lernen.“
Law sagt nichts.
Aber er bleibt stehen, als wäre das der einzige Beweis, den er gerade geben kann.
Krankenhaus Innenbereich
Struktur
Die kühle Luft der Kellerebene blieb hinter ihnen wie ein Schatten, als Lia die Gruppe zurück in den hellen Kern des Gebäudes führte. Mit jedem Schritt nach oben wurde das Krankenhaus wieder „Krankenhaus“: sauberes Licht, leise Schritte, die zurückfederten, Glas, Stahl, klare Linien – und dieses Gefühl von Ordnung, das nicht diskutiert, sondern funktioniert. Lia ging vorne, nicht hastig, nur zielgerichtet; und obwohl ihr Körper nach dem Kampf und der Verankerung müde sein musste, hielt sie die Mitte so ruhig, dass niemand auf die Idee kam, aus der Formation zu fallen.
Sechs Ringe, dachte sie, als sie kurz auf ihr Handgelenk sah. Nicht zittern. Nicht schwanken. Heute noch Zimmer – und heute Abend Struktur. Das reicht.
Law blieb nicht direkt neben ihr, aber so, dass er jeden Winkel gleichzeitig abdecken konnte: den offenen Raum, die Glasfronten, die Wege zu den Ausgängen – und sie. Seine Crew bewegte sich automatisch in seinem Rhythmus, ohne dass er etwas sagen musste. Shanks’ Leute hielten sich in diesem stillen Halbkreis, der nicht nach Kampf aussah und trotzdem jede Sekunde kippen konnte. Rayleigh ging, als würde er einen Spaziergang machen. Mihawk wirkte wie ein Schnitt im Raum, der sich aus Höflichkeit nicht bewegte.
Sie kamen in die große Lobby mit den Aufzügen – mitten im Gebäude ein massiver, breiter Lift wie ein Tor, links und rechts mehrere kleinere Aufzüge mit Glasfronten. Alles glänzte so hell, dass es fast unwirklich wirkte, nachdem draußen gerade Realität wie Papier geknackt hatte.
Lia stellte sich dem großen Aufzug gegenüber, sodass alle sie sehen konnten, ohne dass sie eine Bühne daraus machte. Sie hob die Hand und deutete ruhig nach links.
„Links ist der Haupteingang“, sagte sie. „Da, wo wir eben standen.“
Dann nach rechts.
„Rechts ist der Ausgang zur anderen Seite – und dahinten der Weg zum Restaurant.“ Sie ließ den Satz kurz stehen, als würde sie ihn absichtlich nicht größer machen. „Das alles machen wir später. Jetzt: Zimmer.“
Bitte keine neuen Fragen. Nicht jetzt. Erst Sicherheit, dann Erklärung, dachte sie – und merkte im selben Moment, wie ihr Blick ganz automatisch Law streifte, als würde ihr Körper prüfen wollen, ob er noch stabil steht.
Law bemerkte es sofort.
Sie prüft wieder, dachte er. Und ich hasse, wie sehr ich will, dass sie sieht: Ich bleibe stabil.
Lia atmete einmal ruhig ein. Dann kam das, was sie am besten konnte: Ordnung bauen, bevor Chaos eine Chance bekam.
„Wir teilen uns auf.“
Sie sah in die Menge, nicht zählend, sondern strukturierend.
„Shanks – du und deine Crew. Law – du und deine Crew. Rayleigh. Mihawk. Ihr kommt mit mir in den großen Aufzug.“
Ein kurzes, knappes Nicken von Shanks. Beckman stellte sich mit einer kleinen Bewegung so, dass seine Leute automatisch nachzogen. Law sagte nichts – er musste nicht. Bepo rückte dichter ran, Shachi und Penguin folgten.
Lia drehte sich zu Viola.
„Kid und deine Leute gehen mit Viola.“
Viola nickte sofort, schon halb in Bewegung.
„Kommt“, sagte sie schlicht – und Kid folgte nicht freundlich, aber folgsam genug, um den Raum nicht zu sprengen.
Dann sah Lia zu Viktor, Yahiko und Hanma.
„Strohhüte gehen mit euch.“
Yahiko hob nur kurz die Hand. Viktor blieb ruhig. Hanma grinste, als wäre das alles ein Spaziergang, und trotzdem stellte er sich so, dass niemand an ihm vorbei „aus Versehen“ falsch abbog.
Gut, dachte Lia. Drei Wege. Keine Reibung. So bleibt das Gebäude ruhig.
Die Türen des großen Aufzugs glitten lautlos auseinander. Innen war Platz – wirklich Platz. Keine enge Kabine, sondern ein Fahrstuhl, der gebaut war, um Betten und Teams zu bewegen.
„Kommt“, sagte Lia, und ihre Stimme blieb so normal, dass es fast entwaffnend war.
Shanks ging zuerst hinein, ohne Eile. Beckman folgte. Law trat danach ein, automatisch so, dass er die Tür im Blick behielt. Rayleigh kam wie ein Mann, der überall schon mal war. Mihawk betrat den Aufzug, als würde er einem Raum erlauben, ihn zu tragen.
Lia blieb als Letzte draußen, nur eine Sekunde, um zu sehen, dass Viola ihre Gruppe sicher hatte und dass die Strohhüte geführt wurden. Dann trat sie ein, und die Tür schloss.
Ein leises Summen. Ein Display über der Tür.
„Etage 6“, sagte Lia, während ihr Finger auf die Taste glitt.
Law registrierte die kleine Bewegung, wie sie stand, wie sie das Gewicht minimal verlagerte, um die Ringe nicht „weiter zu reizen“.
Sie macht das wie eine OP: Schritt für Schritt, kein Drama, keine Lücke, dachte er. Und trotzdem… wenn sie fällt, fällt hier alles.
Der Aufzug setzte sich in Bewegung.
„Das ist ab jetzt euer Bereich“, sagte Lia ruhig, während die Zahlen hochsprangen. „Sechster Stock ist für euch reserviert. Ohne eure Erlaubnis kommt niemand hoch – auch keiner von uns.“
Ein kurzes, kaum sichtbares Nicken von Beckman. Das klang nach einem Regelwerk, das man respektieren kann.
„Waffen“, fuhr Lia fort, sachlich. „Bitte in den Zimmern lassen. Nicht im Flur. Nicht in der Lobby. Nicht vor Türen.“
Sie sah niemanden anklagend an – eher so, als würde sie eine Brandvorschrift erklären.
„Wenn ihr unbedingt trainieren müsst: sagt Bescheid. Wir richten einen Raum ein. Aber nicht auf den Gängen.“
Sie nimmt ihnen nichts weg, dachte Law. Sie verschiebt es nur dahin, wo es niemanden gefährdet.
Der Aufzug hielt weich an. Die Türen öffneten sich.
Der sechste Stock war stiller. Nicht tot – nur gedämpft. Teppich, helles Licht, breite Flure. Türen mit Kartenschlitzen, sauber beschriftet. Ein Ort, der absichtlich „privat“ war.
Lia trat als Erste hinaus und drehte sich um, damit sie alle sie sehen konnten.
„Okay“, sagte sie. „Hier: Zimmerwahl.“
Sie deutete auf eine kleine Wandstation, in der Karten steckten – schlicht, funktional.
„An jeder Tür ist eine Karte. Wenn ihr euch ein Zimmer aussucht, nehmt ihr die Karte raus.“ Sie zog eine Karte heraus, hielt sie zwischen zwei Finger. „Dann haltet ihr sie hier dran.“
Sie ging zur nächsten Tür, hielt die Karte kurz an den Sensor.
Ein Klick. Die Tür öffnete sich.
Drinnen: ein ordentliches Zimmer. Bett, Sitzgelegenheit, Schreibtisch, Stauraum, kleines Bad. Licht, Strom, alles vorbereitet, als hätte das Krankenhaus schon seit Tagen gewusst, dass heute Gäste kommen.
Lia blieb im Türrahmen und zeigte nur so viel, dass niemand sich ausgestellt fühlen musste.
„Im Bad sind Handtücher. Duschzeug. Grundsachen.“ Sie sah kurz in die Runde. „Wenn euch etwas fehlt: unten an der Rezeption sagen. Ihr bekommt es.“
Sie schloss die Tür wieder, steckte die Karte zurück.
„Und: Raucht jemand?“
Ein kurzer Moment. Blicke, die sich bewegen.
„Wenn ja: nicht hier oben“, sagte Lia sofort, bevor irgendwer auf dumme Ideen kam. „Nicht im Zimmer. Nicht im Flur. Unten draußen. Sonst geht der Feueralarm an – und das will niemand.“
Sie sagte es nicht streng. Nur ehrlich.
Der Flur blieb still. Aber nicht leer. Die Gruppen wirkten… gesammelt. Wach. Wie Tiere, die entschieden haben, nicht zu rennen, solange sie den Käfig nicht kennen.
Sie sind nicht „brav“, dachte Lia. Sie sind kontrolliert. Das ist besser.
Lia trat einen Schritt zurück, damit der Flur wieder „ihr“ sein konnte – der Flur der Gäste, nicht der Flur, in dem sie als Ärztin Kommandos gab.
„Die kleinen Glasaufzüge“, sagte sie und deutete vage zurück Richtung Lobby, „sind für später: wenn ihr alleine oder in kleinen Gruppen irgendwohin müsst. Aber heute: nicht draußen rumlaufen.“
Sie hob die Hand, bevor Widerspruch kam.
„Ich weiß, ihr seid das anders gewohnt. Aber ihr habt zwei Wochen keine Kräfte. Und er ist noch da draußen.“
Ein Atemzug.
„Heute ist Samstag“, fügte sie hinzu, als wäre das nur ein Fakt – aber in ihren Augen lag kurz etwas Weiches. „Ich habe heute Abend ohnehin ein Event im Restaurant. Das war schon geplant, bevor ihr… gekommen seid.“
Vielleicht hilft Musik. Vielleicht hilft Normalität, dachte sie. Vielleicht hilft es ihnen, zu merken, dass diese Welt nicht jeden Tag Krieg ist.
Sie richtete sich wieder gerade.
„Wir treffen uns um 20 Uhr unten vor den Aufzügen“, sagte Lia. „Ich zeige euch dann genau, wo das Schild beginnt und wo ihr euch bewegen könnt. Danach gehen wir zusammen essen.“
Sie sah zu Law – nicht lange, nur einen Hauch.
Sag nichts Dummes. Nicht jetzt, dachte sie, als sie merkte, wie ihr Körper bei ihm wieder viel zu schnell „warm“ werden wollte.
Law blieb reglos, als hätte er beschlossen, den Moment nicht anzufassen.
Zu früh, um das zu mögen, dachte er. Zu spät, um es zu ignorieren.
Lia klatschte nicht in die Hände, machte keine Ansage-Show. Nur ein letzter, klarer Satz:
„Wenn ihr jetzt keine Fragen habt: Sucht euch Zimmer aus. Frisch machen. Runter kommt ihr mit ‚EG‘.“ Sie zeigte kurz auf das Schild am Flurende, als ob irgendwo Unsicherheit wohnen könnte. „20 Uhr: unten.“
Shanks’ Blick ruhte einen Moment auf ihr, ruhig, aber aufmerksam. „Verstanden.“
Rayleigh lächelte kaum sichtbar. „Struktur. Das ist gut.“
Mihawk sagte nichts. Aber er ging bereits einen Schritt weiter, als hätte er akzeptiert, dass diese Regeln gerade die einzig sinnvollen sind.
Lia nickte einmal – dankbar, ohne es zu zeigen.
Sie drehte sich zum Aufzug zurück.
Zorro hebt den Blick – und bleibt einen Herzschlag zu lange an Mihawk hängen.
Mihawk erwidert es ohne Regung. „Verlier hier nicht deinen Kopf.“
Zorro verzieht den Mund. „Keine Sorge.“
„Gut“, sagt Mihawk. „Dann kannst du ihn mir später noch geben.“
Law ging nicht sofort. Er blieb einen Herzschlag länger stehen, und seine Crew blieb automatisch mit ihm.
Lia spürte es, noch bevor sie sich umdrehte.
Er bleibt, bis er sicher ist, dass ich wirklich gehe, dachte sie. Wie ein Arzt. Wie ein Kapitän.
Sie sah ihn an, kurz.
„Bis später“, sagte sie leise.
Law nickte minimal. Keine Worte. Aber der Blick blieb.
Als Lia im Aufzug verschwand und die Türen sich schlossen, löste sich der sechste Stock endlich in das auf, was er sein sollte: ein sicherer Zwischenraum, in dem niemand kämpfen muss, um zu atmen.
Und unten, in einem anderen Aufzug, warteten schon Viola, Yahiko, Viktor und Hanma – damit auch die anderen Gruppen dieselbe Regel bekamen, nur ohne dass Lia sich noch einmal doppelt aufreiben musste.
Etage Sechs
Angelehnt
Als die Türen hinter ihr zuglitten, blieb ein merkwürdiger Rest in der Luft: Der Eindruck, dass der Raum gerade ohne sie ein Grad kälter geworden war.
Law stand noch einen Herzschlag zu lange im Flur, als würde sein Körper prüfen, ob „weitergehen“ jetzt wirklich erlaubt war. Nicht weil jemand ihn aufhielt – sondern weil etwas fehlte, das eben noch da gewesen war: dieser ruhige Mittelpunkt, der alles zusammenhielt, ohne es festzuhalten.
Sie geht weg – und plötzlich merkt man, wie viel sie getragen hat.
Er zog den Blick von den geschlossenen Aufzugtüren ab und ließ ihn über die Etage laufen. Türen. Kartenleser. Fluchtwege. Keine unnötigen Winkel. Keine Überraschungen. Das hier war keine improvisierte Unterkunft – das war geplant. So geplant, wie man einen OP-Saal plant: damit niemand stirbt, nur weil jemand gestolpert ist.
Er nahm eine Karte aus dem Schacht einer Tür am Ende des Flurs. Nicht ganz am Treppenhaus, aber so, dass er es sehen konnte. Ein Platz, der nicht im Mittelpunkt lag und trotzdem Reaktionszeit hatte.
Ein Piepen.
Ein Klick.
Die Tür glitt auf, und die Stille dahinter war sauberer als die Stille draußen.
Bett. Tisch. Schrank. Bad. Ein Fenster. Alles in einer Ordnung, die keine Fragen stellte. Law trat ein, schloss die Tür nicht ganz – nur so weit, dass sie nicht offenstand. Angekippt. Ein Spalt, der Geräusche durchließ.
Alte Angewohnheit. Türen sind Grenzen. Grenzen sind Kontrolle.
Er stellte seine Tasche ab, als wäre sie schwerer als sonst. Nicht weil sie es war – sondern weil alles andere leichter geworden war, seit „Room“ fehlte. Er öffnete sie, sortierte Instrumente, als hätte jedes Metallteil einen festen Platz im Chaos zugewiesen. Skalpelle. Klemmen. Fäden. Verbände.
Die Routine war ein Geländer.
Er legte Kikoku erst auf den Stuhl, dann hielt er inne. Lias Stimme im Kopf: Waffen bitte im Zimmer.
In seiner Welt war das lächerlich. In dieser war es… Gesetz.
Er legte das Schwert schließlich auf das Bett, diagonal, griffbereit – aber so, dass es nicht sofort ins Auge fiel, wenn jemand die Tür aufriss. Kein Showpiece. Ein Werkzeug.
Er setzte sich nicht. Er stand kurz am Fenster, sah hinunter auf die Straße. Autos. Menschen. Licht. Eine Welt, die nicht wusste, wie knapp sie gerade an „Papier“ vorbeigeschrammt war.
Zwei Wochen ohne Kräfte.
Er dachte den Satz nicht gern zu Ende. Zwei Wochen waren in der Neuen Welt eine Ewigkeit. Zwei Wochen waren dort Krieg, Hunger, Blut, Entscheidungen. Hier waren zwei Wochen… Arbeit, Regeln, Essen um 20 Uhr, Feueralarm, Kameras.
Und trotzdem hatte sich draußen alles echt angefühlt. Nicht nur Asphalt. Nicht nur Beton.
Dieses Ziehen, als der Maler schnipste.
Das zweite Ziehen, stärker.
Und dann: nichts – weil sie da war.
Wenn sie nicht da gewesen wäre, wären wir weg.
Er rieb sich kurz über die Augen, als könnte man Gedanken damit löschen. Funktionierte nicht.
Also ließ er sie zu.
Verankerung.
Er erinnerte sich an den Moment, in dem Lia seine Hand genommen hatte. Nicht nur Wärme. Nicht nur Gewicht. Puls. Blut. Dieses „Einrasten“, als hätte jemand ihn aus einem schwebenden Zustand in einen Körper gedrückt, der jetzt wirklich zu dieser Welt gehörte.
Und dass sie… dabei rot geworden war.
Nicht viel. Nicht dramatisch. Aber genug, dass es nicht Zufall war.
Sie wird nur bei mir rot.
Es war kein Satz, den er gern dachte. Zu direkt. Zu persönlich. Fakten dieser Art zogen Konsequenzen nach sich, egal wie sehr man sie ignorierte.
Er hörte Stimmen im Flur. Türen. Kartenpiepen. Gedämpftes Reden. Auf der Etage verteilten sich Menschen, die in ihrer eigenen Welt als Legenden durchgingen – und hier gerade Zimmerkarten in der Hand hielten wie normale Leute.
Law blieb im Türspalt stehen, ohne sich zu zeigen. Nicht, weil er misstraute – sondern weil Beobachten ihm schneller Sicherheit gab als Fragen.
Ein Lachen, das zu laut war, um nicht Ruffy zu sein.
Ein „Tch“, das zu aggressiv war, um nicht Kid zu sein.
Sanji irgendwo dazwischen, der Ton zu scharf, wenn es um Regeln ging, und zu weich, wenn es um Frauen ging.
Und dann: Stille, die sich wieder setzte. Nicht bedrohlich – nur… ungewohnt friedlich.
Law schloss die Tür ein Stück weiter, bis sie nur noch einen schmalen Spalt hatte. Gerade genug, um zu hören. Nicht genug, um gesehen zu werden.
Er ging zurück zum Tisch, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und atmete langsam aus. Seine Hände waren ruhig. Sein Puls nicht ganz.
Du bist hier. Du bist stabil. Du bist nicht tot.
Er dachte an Lia, wie sie vor dem Krankenhaus stand, zwischen ihnen und dem Maler, als wäre das eine normale Entscheidung. Nicht heroisch. Nicht dramatisch. Einfach Verantwortung.
Er hasste an sich selbst, wie schnell sein Körper darauf reagiert hatte – dieser Reflex, den er nicht „Gefühl“ nennen wollte: eine Art inneres Vorziehen, ein unbewusstes Mitgehen, als müsste man sie abdecken, obwohl man nicht konnte.
Kein ROOM. Kein Schnitt. Keine Kontrolle.
Nur Position.
Nur Körper.
Nur Timing.
Er ballte die Finger einmal, ließ wieder los.
Wenn das wieder passiert, brauchst du trotzdem eine Rolle. Ohne Kräfte.
Er sah zu Kikoku.
Und sie braucht keinen zweiten Menschen, der vor ihr steht und so tut, als wäre das normal.
Er hörte sich selbst innerlich knirschen.
Ich kenne sie seit… Stunden.
Und doch blieb da diese klare Linie: Sie hatte ihnen einen Rahmen gegeben, ohne sie zu kaufen. Sie hatte die Tür offen gelassen. Sie hatte angeboten – nicht gefordert.
Existenz als Angebot.
Das war in seiner Welt selten. In seiner Welt war Existenz etwas, das man sich nimmt oder verliert.
Er stand auf, ging ans Bett, strich die Decke glatt, als müsste auch Stoff sich an Regeln halten. Er legte sich nicht hin. Zu früh. Zu wach.
Stattdessen setzte er sich an den Rand, Ellenbogen auf die Knie, Blick auf die Tür. Die Geräusche draußen wurden weniger. Türen fielen ins Schloss. Schritte wurden leiser.
Die Etage wurde bewohnt.
Und irgendwo unten war sie – müde, mit Ringen an der Haut, mit einem Versprechen im Kopf, das sie wirklich halten wollte.
Law starrte einen Moment lang auf seine Hände, als wären sie fremd.
Zu früh, um das zu mögen.
Zu spät, um es zu ignorieren.
Er hob den Blick, entschied sich, nicht zu schlafen, und ließ die Tür wieder einen Spalt offen.
Nicht aus Angst.
Aus Bereitschaft.
Falls irgendwer heute Nacht vergisst, dass Ruhe hier nicht Schwäche ist – und dass sie nicht alleine sein sollte, wenn es wieder bricht.
Siebter Stock
Runterfahren
Als die Aufzugtüren im Erdgeschoss aufglitten, schlug Lia sofort diese andere Luft entgegen – kühler, steriler, nach Desinfektion und Metall, nach einem Gebäude, das nie wirklich schläft. Stimmen hallten gedämpft über den Empfang, ein Monitor piepte irgendwo zu regelmäßig, als wäre das hier ein eigener Herzschlag.
Sie trat hinaus, ein
Den Schritt, dann noch einen – und merkte erst dann, wie sehr ihr Körper „zu Ende“ sein wollte. Die rosafarbenen Ringe an ihrem Handgelenk standen wie feine Mahnungen unter der Haut, als hätte ihr Blut mitgezählt.
Sechs. Nicht mehr. Nicht heute.
Im Foyer warteten sie bereits, als hätten sie sich instinktiv an denselben Punkt zurückgezogen: Viola am Rand, bereit, jeden Raum zu schneiden, Yahiko still, gerade, die lilafarbenen Augen wach ohne Unruhe, Viktor mit dem Blick konsequent nicht auf Gesichtern, sondern auf Händen, Wegen, Türen. Und Hanma – als wäre die Architektur für ihn nur ein Vorschlag.
Hanma sah sie einmal an, von den Ringen bis zu ihren Schultern, und sagte nichts. Das reichte.
„Gut“, sagte Lia leise, mehr zu sich als zu ihnen, und zwang den eigenen Atem in Ruhe. Dann hob sie den Blick. „Wir schlafen heute alle hier.“
Viola blinzelte. „Im Krankenhaus?“
„Siebter Stock“, antwortete Lia. „Penthouse‑Ebene.“
Yahiko sagte nur: „Macht Sinn.“
Viktor nickte minimal. „Kurze Wege. Mehr Kontrolle.“
Hanma verschränkte die Arme, als wäre das längst beschlossen. „Dann bist du nicht allein.“
Lia ignorierte, wie sehr der Satz sie gleichzeitig beruhigte und wütend machte – weil er recht hatte. Sie zeigte mit dem Kinn Richtung Aufzüge.
„Oben sind zwanzig Notfall‑Wohnungen“, erklärte sie, während sie losgingen. „Mittlere Apartments. Damals geplant, für Fälle, in denen Leute im Krankenhaus bleiben müssen. Manche Stationen nutzen sie tatsächlich schon – wenn’s lange wird, wenn’s zu spät wird, wenn’s keinen Sinn mehr macht, nach Hause zu fahren.“
Sie hielt kurz inne, damit die Worte nicht zu hart klangen.
„Und bevor ihr fragt: Ich mache hier nicht alles allein. Jede Station hat leitende Ärztinnen und Ärzte. Die tragen mit.“ Ein kurzer Atemzug. „Aber Chirurgie… gehört mir.“
Viola schnaubte leise, mehr Anerkennung als Kommentar. Yahiko sagte nichts, aber er ging einen halben Schritt näher an Lia heran, so unauffällig, dass es wie Zufall wirkte.
Wenn wir heute nicht schneller gewesen wären, wären sie… entweder Papier. Oder Handschellen. Und niemand hätte sie gerettet.
Lia drückte auf den Knopf der Service‑Zone neben dem großen Aufzug, nicht vorne im offenen Empfang, sondern dort, wo Personalwege beginnen. Wo Portale weniger auffallen, wo ein Riss in der Luft nicht sofort Handys zieht.
„Einer nach dem anderen“, sagte sie. „Wir holen nur das Nötigste. Kleidung. Hygiene. Medikamente, falls ihr was braucht. Und ich…“ Sie schluckte den Rest nicht. „…ich hole meine Violine.“
Hanma hob eine Braue. „Violine.“
„Ja“, sagte Lia knapp. „Später.“
Viola hob die Hand, und der Raum schnitt auf – ein Portal, dunkel, glatt, leise. Sie sah Lia kurz an.
„Ich geh zuerst.“
„Okay“, sagte Lia. „Zehn Minuten. Maximal.“
Viola grinste schief, trat hinein – und war weg.
In der Stille danach hörte man erst, wie sehr das Krankenhaus lebte. Ein Rollbett irgendwo. Schritte. Eine entfernte Durchsage. Nichts Dramatisches. Nur Realität.
Yahiko stellte sich so, dass er die Tür zum Flur und den Serviceeingang gleichzeitig im Blick hatte. Viktor blieb einen halben Schritt hinter Lia, als würde er die Umgebung „halten“, ohne sie zu berühren. Hanma stand einfach da – und machte damit den Raum kleiner.
Viola kam zurück, als wäre Zeit bei ihr nur ein Konzept: Sporttasche über der Schulter, Haare leicht zerzaust, als hätte sie unterwegs mit dem Spiegel diskutiert.
„Bin da.“
„Gut“, sagte Lia. „Hanma.“
Hanma bewegte sich, bevor sie den Satz ganz beendet hatte. Viola öffnete ein zweites Portal.
„Zehn Minuten“, wiederholte Lia.
Hanma trat hinein, ohne sich umzudrehen.
Kaum war er weg, ging Yahikos Blick kurz zu Lia, nicht ins Gesicht, eher an ihre Schulter, an die Ringe.
„Du willst auch, dass wir hierbleiben“, stellte er fest. Kein Vorwurf. Nur Fakt.
„Ich will“, sagte Lia leise, „dass wir sie schützen können. Und dass Falk keine zweite Chance bekommt.“
Yahiko nickte minimal.
Viola ließ das Portal offen, genau so lange, wie es sinnvoll war – dann schloss es sich wie ein Augenlid.
Hanma kam zurück, als hätte er die Entfernung beleidigt: eine Tasche, der Rest egal. Er stellte sie ab, ohne zu fragen, wo, und sah Lia an.
„Weiter.“
„Yahiko“, sagte Lia.
Viola öffnete. Yahiko trat durch, so ruhig, als wäre das eine normale Tür.
Als er zurückkam, hatte er nicht nur eine Tasche dabei, sondern auch einen kleinen Korb.
Orangen.
Lia sah es – und ein winziger Teil in ihr wurde weich, ohne dass sie es wollte.
Natürlich. Das lässt er nicht.
„Du musst nicht…“, begann sie.
„Doch“, sagte Yahiko ruhig. „Morgen.“
Er stellte den Korb ab, als wäre das Logistik, nicht Gefühl.
Viktor sagte nichts, aber seine Schultern wurden einen Millimeter leichter, als würde selbst er sich von solchen Dingen an die Erde binden lassen.
„Jetzt ich“, sagte Lia.
Viola machte das Portal. Lia trat hinein – und der kurze Schnitt durch Raum fühlte sich an, als würde man einmal blinzeln und in einem anderen Kapitel landen.
Zu Hause roch es nach Holz und Ruhe. Nach einem Leben, das eigentlich normal sein sollte. Lia ging automatisch direkt zum Schrank, zog zwei Sets Kleidung heraus, Unterwäsche, Socken, ein Hoodie. Dann blieb ihr Blick an der Violine hängen.
Sie nahm den Kasten, prüfte den Verschluss mit dem Daumen, als wäre das eine zweite Art von Waffe – nur für andere Schlachten. Sie griff noch nach Kleinigkeiten: Ladekabel, Haargummis, Schmerzmittel, ein Notizbuch.
Wenn ich heute nicht eingegriffen hätte… wäre das hier egal. Und sie wären weg.
Sie atmete einmal durch und trat zurück ins Portal.
Im Krankenhaus stand Viola bereit, Viktor am selben Punkt wie zuvor, als hätte er sich nicht bewegt. Hanma nickte nur.
„Viktor“, sagte Lia.
Viola öffnete. Viktor ging, ohne Hast, ohne ein einziges Gesicht anzusehen. Und kam mit einer kleinen Tasche zurück, als hätte er seit Stunden gepackt. Perfektion war bei ihm keine Pose – nur Kontrolle.
„Gut“, sagte Lia. „Siebter Stock.“
Sie gingen nicht durch die öffentliche Lobby, sondern über den Personalweg. Lia kannte jede Abkürzung, jede Tür, jeden Winkel, in dem man nicht auffällt. Oben im siebten Stock öffnete sich ein Flur, der eher nach Wohnhaus als nach Krankenhaus aussah – dezentes Licht, dickere Türen, Teppich, der Schritte frisst.
Zwanzig Türen. Zwanzig Kartenleser. Zwanzig Möglichkeiten, einen Krieg in zwei Wochen auszuhalten, ohne sich gegenseitig zu zerreiben.
„Jeder nimmt ein Apartment“, sagte Lia. „Nicht zusammenquetschen. Ihr braucht Schlaf. Und wenn nachts was ist, will ich nicht erst suchen müssen, wer wo liegt.“
Viola deutete auf Lia. „Und du?“
„Ich auch“, sagte Lia. „Aber ich will eine Tür, die ich höre.“
Hanma grinste schief. „Ich nehm gegenüber.“
„Nein“, sagte Lia sofort.
Hanma hob eine Augenbraue.
Lia hielt seinen Blick. „Nebenan. Nicht gegenüber. Ich will, dass du in einer Bewegung da bist, nicht in zwei.“
Hanma blinzelte – und nickte dann, als hätte sie gerade etwas sehr Vernünftiges gesagt.
Yahiko wählte das Apartment auf der anderen Seite von Lia. Viktor nahm eines, das so lag, dass er den Flur “lesen” konnte, ohne jemanden anzusehen.
Als Lia ihre Tür öffnete, traf sie diese leise Normalität mit voller Wucht: Bett. Bad. Kleiner Wohnbereich. Ein Fenster, hinter dem die Stadt tat, als wäre heute nichts passiert.
Sie stellte die Tasche ab, stellte die Violine vorsichtig an die Wand und zog die Schuhe aus. Ihre Finger zitterten nicht – noch nicht. Aber ihr Körper wollte.
Gut, dass wir schneller waren.
Sie setzte sich auf die Bettkante, lehnte den Kopf kurz zurück und schloss die Augen. Nur ein Moment.
Dann griff sie zum Handy, stellte einen Alarm.
19:30.
Sie musste nicht viel schlafen. Nur genug, um nicht zu kippen, wenn sie um 20:00 wieder vor allen stehen musste.
Lia zog die Decke über die Beine, atmete langsam aus und ließ ihren Körper endlich das tun, was sie ihm seit Stunden verboten hatte.
Runterfahren.
Nur bis 19:30.
Dann ging es weiter.
Grenzen
Nicht mit den Augen
Samstagabend. Lia wachte auf, als wäre sie nur kurz aus der Welt gefallen und wieder zurückgezogen worden. Nicht erholt – aber funktionierend. Das Rosa ihres Rocks lag noch genauso über ihren Knien wie vorher, das weiße Top saß noch ordentlich. Sie ließ es an.
Wenn ich heute Violine spiele, ziehe ich mich nicht noch dreimal um.
Die sechs rosafarbenen Ringe an ihrem Handgelenk waren noch da – wie feine, warme Markierungen unter der Haut. Nicht schmerzhaft. Nur… Erinnerung daran, was sie heute schon getragen hatte.
Sie richtete sich auf, strich einmal über den Stoff, atmete durch, nahm den Geigenkasten und ging los.
Unten, im hellen Atrium beim großen Aufzug, war es still genug, dass man die Lüftung hörte und das entfernte Rollen eines Wagens irgendwo im Klinikflur. Lia stellte sich so hin, dass sie alles sehen konnte: die Glastüren zum Haupteingang, die Aufzüge, die Ecken.
Keine Überraschungen. Nicht heute.
19:55.
Viola kam zuerst, als hätte sie die Minute auf der Zunge. Kurz danach Yahiko, dann Viktor – und Hanma, der so ging, als könnte man Türen beleidigen, wenn man sie normal benutzt.
„Fünf Minuten“, sagte Yahiko ruhig.
„Perfekt“, antwortete Lia.
Hanma musterte den Aufzug, dann Lia. „Du spielst wirklich?“
„Ja“, sagte Lia. „Das Event war geplant, bevor…“ Sie ließ den Satz liegen, weil alle wussten, wie er enden würde.
Viola grinste kurz. „Samstag ist Samstag.“
19:59.
Die Anzeige sprang, die großen Aufzugtüren glitten auf – und plötzlich war da wieder dieses Gewicht von zu vielen Menschen, zu vielen Stimmen, zu vielen Blicken.
Die One‑Piece‑Gruppen kamen, wie sie eben kommen:
Shanks’ Crew in einem ruhigen Halbkreis, als wäre „Restaurant“ nur ein anderes Wort für „Lagebesprechung“.
Kids Leute mit dieser Art von stiller Aggression, die eher nach „nicht anfassen“ als nach „Angst“ aussah.
Die Strohhüte als dichtes Paket, das sich automatisch um seine eigenen Schwächeren schob – ohne dass jemand es aussprechen musste.
Und die Heart Pirates… eng. Nah. Loyal. Wie eine kleine Wand um ihren Captain herum.
Law trat mit ihnen raus, Blick oben, Blick unten, Blick links, Blick rechts.
Noch immer keine Kräfte. Also sind Winkel alles.
Er blieb einen Schritt zurück, nicht aus Unsicherheit, sondern aus Kontrolle – und weil er so Lia sehen konnte, ohne direkt vor ihr zu stehen.
Unpraktisch, das gerade zu registrieren. Trotzdem registriert.
Lia bemerkte, wie sein Blick kurz an ihr hängen blieb, und zwang sich, nicht darauf zu reagieren.
Konzentrier dich. Ich zeig ihnen Grenzen. Dann essen. Dann Musik. Dann erst… Luft.
„Alles klar“, sagte Lia ruhig, laut genug für alle. „Wir gehen jetzt einmal die Schild‑Grenzen ab. Damit niemand aus Versehen drüber geht.“
Ruffy hob die Hand, als wäre das ein Unterricht. „Kann man das Schild sehen?“
„Nicht mit den Augen“, sagte Lia. „Aber ihr werdet es merken.“
Zorro schnaubte. „Aha.“
„Und falls jemand raucht“, fügte Lia hinzu, und ihr Blick ging einmal automatisch zu Sanji. „Ich zeig euch gleich einen Bereich, wo das okay ist. Nicht in den Zimmern, nicht im Gebäude.“
Sanji hob zwei Finger. „Verstanden.“
Lia ging los. Alle folgten.
Draußen war die Nacht weich und glänzend; das Licht der Klinikfenster lag warm auf den Blumenbeeten, und die großen Glastüren machten ein Geräusch, das nach „normal“ klang, obwohl nichts normal war.
Lia stellte sich dem Haupteingang gegenüber und zeigte geradeaus über den Vorplatz.
„Hier“, sagte sie, „bis zum Ende dieses Vorbereichs – alles Schild.“ Sie ließ den Blick die Linien abfahren: Lampen, Beete, Weg, die Kante, an der sich die Luft minimal anders anfühlte. „Wenn ihr zu weit geht, merkt ihr’s. Es ist… ein Druck. Als würdet ihr gegen eine unsichtbare Glasscheibe laufen.“
Law spürte es tatsächlich, als Lia näher an die Grenze trat – nicht als Schmerz, eher als Widerstand in der Brust, als wäre der Raum selbst ein bisschen „dichter“.
Sie hat das wirklich im Boden verankert. Nicht als Trick. Als Struktur.
Shanks sah sich das an, ruhig. „Interessant.“
Rayleigh wirkte, als würde er sich innerlich ein kleines Häkchen setzen. Mihawk sagte nichts – aber sein Blick blieb auf der Stelle hängen, an der die Luft anders wurde, als würde er sie schneiden wollen und feststellen: geht nicht.
Kid machte einen halben Schritt, nur um zu testen – und blieb stehen, als er den Widerstand fühlte.
„Tch…“ war alles, was er dazu sagte.
„Links“, sagte Lia dann und ging los.
Der Weg öffnete sich in Grün, Wasser und Licht: ein kleiner Park, ein Teich, eine Fontäne, Bänke, Blumen, Laternen – friedlich genug, dass es fast respektlos wirkte, hier über Kämpfe zu reden.
„Hier ist Park“, erklärte Lia. „Spazieren ist okay. Rauchen ist hier okay.“ Sie nickte Richtung Bänke und den langen Weg, der sich weiter nach hinten zog. „Wenn ihr runterkommen müsst – macht es hier. Nicht im Gebäude.“
Sanji sah einen Moment lang wirklich erleichtert aus. „Danke.“
Nami blieb kurz stehen, weil die Orangenfarben in den Beeten sie erwischten, ohne dass sie es wollte. Sie sagte nichts – aber Lia merkte es.
Sie merkt sich Orte über Gefühle. Genau wie er.
Ruffy beugte sich vor Richtung Fontäne. „Das ist voll schön.“
„Ja“, sagte Lia. „Und es bleibt schön, wenn niemand es zerlegt.“
Zorro grinste schief. „Schade.“
Lia drehte sich halb um, deutete weiter nach hinten. „Da hinten würde man auch irgendwann zum Restaurant kommen – aber wir gehen heute nicht über den Park. Ich zeig euch den direkten Weg.“
Sie gingen zurück.
Rechts war es offener, mehr Weg, mehr Übersicht. Man sah die Klinikfront, die Stadtlichter in der Ferne, und einen klaren Pfad, der nach hinten führte.
„Hier“, sagte Lia, „geht ihr Richtung Restaurant. Ihr könnt entweder außen rum – über diesen Weg – oder durch den Haupteingang und geradeaus hinten raus.“
Robin sah sich die Wegführung an, als würde sie ein Gebäude wie eine Karte lesen. Franky starrte auf die Glasfronten. „SUPER modern…“
Usopp flüsterte: „Hier ist alles so… sauber. Das macht mir Angst.“
„Das macht dir immer Angst“, murmelte Zorro.
Lia blieb stehen, zeigte in die Richtung, in der der Weg breiter wurde. „Kommt. Ich zeig euch die hintere Grenze.“
Je weiter sie nach hinten gingen, desto mehr sah man es: das Restaurant – ein mehrstöckiger Glaskörper, warm beleuchtet, mit Blumenbändern an den Kanten und einem Licht, das wie Feierabend aussah.
Für einen Moment wurde es still, weil selbst Leute, die Paläste gesehen hatten, anerkennen mussten: das war nicht „irgendein“ Gebäude. Das war ein Ort, den jemand geliebt hatte, bevor er ihn gebaut hat.
Law registrierte, wie Lia einen Tick langsamer ging, als das Restaurant ganz in ihrem Blickfeld lag.
Da ist etwas. Nicht Angst. Etwas Älteres.
Lia blieb stehen und zeigte mit der Hand auf den Bereich rund ums Restaurant – bis zu den Blumenbeeten, die sich wie ein natürlicher Rand zogen.
„Bis dahin“, sagte sie ruhig. „Und noch ungefähr… fünfzig Meter darüber hinaus. Das ist Schild.“ Sie sah in die Runde. „Ihr merkt den Punkt. Wenn ihr das Gefühl habt, eure Brust wird schwerer – dann seid ihr am Rand. Dann bleibt ihr davor.“
Ruffy hob den Kopf. „Also können wir hier rumlaufen.“
„Ja“, sagte Lia. „Ihr habt Platz. Mehr als genug.“
Shanks’ Blick glitt über die Glasscheiben. „Das ist… eindrucksvoll.“
„Ist es“, sagte Lia nur. Kein Stolz. Eher Zustimmung.
Yahiko trat neben sie, die Hände in den Taschen. „Dann gehen wir jetzt rein. Ihr könnt bestellen, was ihr wollt. Wie viel ihr wollt. Zwei Wochen lang.“
Sanji drehte den Kopf sofort Richtung Eingang. „Sag mir bitte, dass das hier gute Küche ist.“
Viola grinste. „Yahiko.“
Yahiko antwortete völlig trocken: „Ja.“
Law sah, wie Lia kurz zu Yahiko sah – und in dem Blick war Wärme, die nicht diskutiert werden musste.
Die kennen sich nicht nur. Die sind Familie.
Und dann gingen sie.
Restaurant
Nur wie ein Abend
Schon im Eingangsbereich blieben die Blicke an den Aushängen hängen.
Ein Foto: Daisy Lethal – lächelnd, in Arbeitskleidung, Namensschild. Daneben die Traueranzeige. Und darunter die Information, sauber gerahmt: Übergang. Verantwortung. Namen. Ein kurzer, sachlicher Hinweis darauf, dass das Haus weitergeführt wird – und dass „Lethal“ nicht nur ein Name ist, sondern eine Aufgabe. Darunter ebenfalls: Yahiko P. Lethal, mit aufgeführt. Offiziell. Unübersehbar.
Lia ging nicht einfach vorbei – aber sie blieb auch nicht stehen wie jemand, der zerbricht. Ihre Finger glitten kurz über den Rahmen, als wäre das ein stilles „Hallo“, das nur sie hörte.
Ich trag das. Ich hab’s gelernt.
Ihre Mundwinkel hoben sich minimal. Nicht fröhlich – eher dankbar, dass sie überhaupt noch lächeln konnte. Dann drehte sie sich zur Gruppe, und die Wärme in ihrer Stimme war wieder da.
„Das ist meine Mutter“, sagte sie ruhig. Nicht als Erklärung. Als Fakt. Als Teil von ihr.
Yahiko stand einen halben Schritt näher, ohne Drama – nur Präsenz. Viola streifte Lias Arm mit den Fingerspitzen, so kurz, dass es fast niemand bemerkte.
Lia sah zu Nami, als hätte sie den richtigen Menschen für diesen Moment intuitiv gefunden. „Und bevor du fragst: ja. Sie hatte auch eine Orangen-Phase.“ Ein echtes, kurzes Lächeln. „Yahiko hat das geerbt. Übertrieben.“
Yahiko hob die Brauen. „Ich nenne es: professionell.“
Lia lachte leise auf – nicht laut, aber ehrlich genug, dass der Raum einen Tick weicher wurde.
Chopper blinzelte zu dem Foto, dann zu Lia. „Du… bist trotzdem okay.“
Lia beugte sich ein Stück zu ihm runter. „Ja“, sagte sie warm. „Danke, dass du das sagst.“
Law registrierte, wie schnell sie wieder bei ihnen war. Nicht gespielt. Nicht aufgesetzt. Sie hatte den Aushang gesehen – und trotzdem war sie sofort wieder die, die den Raum zusammenhält.
Sie lässt es zu. Und dann lässt sie’s los.
Ein paar Schritte weiter blieb Sanji abrupt stehen, starrte in Richtung Küche, als würde er die Temperatur der Welt messen. „…Das riecht… heilig.“
„Sanji“, sagte Lia automatisch, freundlich, aber mit genau dem richtigen Ton, „wenn du heute Abend die Küche übernimmst, krieg ich Ärger. Also… bitte benehmen.“
Sanji legte eine Hand ans Herz. „Für Sie, meine Dame, bin ich ein Musterbeispiel an—“
„Nein“, sagte Lia trocken, und das Lächeln war sofort wieder da. „Versuch’s wenigstens.“
„Zweiter Stock“, schnitt Yahiko den Moment sauber ab, wie er es immer tat. „Oben ist ruhiger.“
Lia nickte. Dann, zu allen, herzlich: „Kommt. Ich verspreche, oben ist’s noch schöner – und da starrt euch keiner im Eingang an.“
Sie ging voran – nicht wie jemand, der befiehlt, sondern wie jemand, der Gäste führt.
Oben öffnete sich der Raum: Glasfront, warmes Licht, genug Platz, dass niemand sich eingeengt fühlen musste. Die Gruppen ordneten sich instinktiv, ohne es zu besprechen. Still – aber nicht hilflos. Wach – aber nicht aggressiv.
Law setzte sich nicht in die Mitte. Er wählte einen Platz, von dem aus er Tür, Raum und Lia im Blick behalten konnte, ohne selbst zum Mittelpunkt zu werden.
Lia ließ sich an den großen Tisch setzen, so dass alle verteilen konnten. Ihr Blick ging – nur kurz – dahin, wo Law sich hinsetzte. Wärme, ganz leicht. Sie fing sich sofort.
Nicht auffallen. Nicht jetzt.
Ein Kellner trat an den Tisch, professionell ruhig. Sein Blick ging zuerst zu Lia – nicht devot, sondern respektvoll, als kenne er die Regeln dieses Hauses.
„Frau Lethal“, sagte er freundlich. „Wie immer?“
Lia nickte. „Ja, bitte.“
„Whisky“, sagte Yahiko direkt.
„Bier“, ergänzte Viktor trocken.
Der Kellner schrieb es, als wäre das eine vertraute Reihenfolge, und ließ Menükarten auf dem Tisch gleiten – schwere Karten, hochwertig, sauber gedruckt.
Sanji nahm seine Karte in die Hand wie ein Manifest.
Ruffy klappte seine auf, zeigte irgendwo drauf und strahlte. „Ich nehm alles.“
Nami zog die Karte sofort näher zu sich und scannte Preise, als würde sie instinktiv nach Fallen suchen – dann blinzelte sie, weil ihr klar wurde, dass Lia genau diese Sorge bereits weggenommen hatte.
Zorro schob seine Karte wieder weg. „Fleisch.“
Kid lehnte sich zurück. „Tch.“
Kid klappt die Karte zu, als wäre sie beleidigend. „Luxus-Quatsch.“
Law schaut nicht mal hoch. „Dann iss trotzdem. Ohne Kräfte bist du nur laut.“
Kid grinst schief. „Und du ohne ROOM bist nur… ein Typ mit Hut.“
Law hebt endlich den Blick – ruhig. „Immer noch besser als du ohne Metall.“
Killer hustet einmal, als wäre das ein Lachen, das er nicht zugeben will.
Shanks schaute ruhig über die Karte, als wäre sie nur ein weiterer Gegenstand – und trotzdem ließ sein Blick alles mitlaufen.
Law beobachtete Lia mehr als die Karte. Nicht, weil er romantisch war. Sondern weil sie der Faktor war, der den Abend überhaupt möglich machte.
Unpraktisch, wie leicht sie einem die Härte aus dem System zieht.
Die Bestellungen gingen raus, ohne Theater. Der Service bewegte sich so ruhig, dass selbst jemand wie Zorro instinktiv verstand: Hier kippt nichts „aus Versehen“. Gläser klirrten nicht, sie setzten auf wie Punkte am Satzende.
Und zum ersten Mal seit dem Riss fühlte sich Zeit nicht an wie ein Feind.
Nur wie ein Abend.
Die ersten Teller kamen. Routine. Wärme. Normalität, die fast zu groß war, um sie anzufassen.
Nami bekam etwas Leichtes – Zitrusnote, ein Dressing, das nach „teuer“ schmeckte. Sie starrte den Teller an, als würde sie überlegen, ob das Essen sie gleich verhaftet.
Robin probierte, und ihr Blick sagte: Aha. Kein Lob – Robin lobte nicht schnell. Aber sie registrierte Qualität wie Text.
Zorro bekam Fleisch. Natürlich bekam Zorro Fleisch. Er schnitt ab, probierte – und sagte nichts.
Das war sein größtes Kompliment.
Ruffy bekam zu viel. Drei Teller gleichzeitig, plus etwas, das eigentlich zum Teilen gedacht war.
„YES!“ Ruffy griff zu, als hätte er Angst, dass ihm das Essen wieder weggefaltet wird.
„Ruffy“, zischte Nami reflexhaft.
„Ich esse doch nur!“
„Du isst gerade das Budget einer Kleinstadt!“
Lia hob kurz die Hand, ohne Drama. Wie eine Ärztin, die eine Panikreaktion erkennt und sie abfängt, bevor sie groß wird. „Nami“, sagte sie warm, „atmen. Das geht heute auf mich.“
Nami blinzelte. „…Auf dich?“
„Ja“, sagte Lia, als wäre das keine große Sache. „Heute ist Ankommen. Nicht Rechnen.“
Nami sah sie an, als würde sie Lia gerade neu einsortieren.
Shanks hob sein Glas ein paar Zentimeter. Kein großes Toasten, keine Show.
„Auf…“ Er sah kurz in die Runde, als würde er das richtige Wort suchen, ohne pathetisch zu werden. „…dass wir heute nicht gestorben sind.“
Shanks sieht Ruffy einen Moment an, ruhig, fast nachdenklich.
„Du bist groß geworden“, sagt er schließlich.
Ruffy hält mitten im Kauen inne. „Häh? Klar!“
Shanks’ Lächeln wird minimal wärmer. „Und du hast Leute um dich gesammelt, die bleiben.“
Zorro schnaubt, als wäre das selbstverständlich.
Nami wird einen Tick stiller – und isst weiter, aber langsamer.
Ruffy grinst wieder. „Natürlich! Das sind meine Freunde!“
Ben Beckman hob sein Glas minimal. Lucky Roux kaute bereits, als wäre das hier ein normaler Samstag. Yasopp ließ den Blick einmal durch den Raum gleiten – ruhig, wachsam.
Rayleigh trank langsam, als wäre Zeit für ihn schon immer Material gewesen. Mihawk hielt sein Glas Rotwein, trank einen Schluck – und sah dabei aus, als könnte er ein Restaurant mit Blicken einschüchtern.
Lia bemerkte das, und ihre Mundwinkel zuckten.
„Wenn du so guckst, bekommt mein Service gleich Angst“, sagte sie zu Mihawk, freundlich-trocken.
Mihawk sah sie an. „Dann sollen sie besser werden.“
Ein Satz. Keine Erklärung.
Lia ließ ein kurzes Luft-Lachen hören. „Fair.“
Law beobachtete nicht Mihawk. Er beobachtete, wie Lia mit ihm umging, ohne sich klein zu machen. Ohne Theater. Ohne Angst.
Sie behandelt selbst den gefährlichsten Mann im Raum wie einen Gast. Und er akzeptiert es.
Das war selten.
Zwischen den Gängen passierte leises Leben: Viola stichelte Kid, Kid tat so, als wäre ihm alles egal, und aß doch. Yahiko sagte Nami in einem Satz zu viel, dass er sie morgen zur Plantage bringen könnte, und Nami tat so, als wäre sie nur neugierig – aber ihre Augen verrieten kurz, dass es sie traf.
Und irgendwo dazwischen schob sich in den Raum etwas, das nicht geplant war:
Normalität.
Lia lehnte sich einen Tick nach vorn, sah über den Tisch, so wie jemand, der eine Gruppe führen kann, ohne sie zu dirigieren.
„Nur, damit ihr’s wisst“, sagte sie freundlich, „heute Abend ist normalerweise Musik hier.“ Sie deutete mit dem Kinn Richtung einer kleinen Ecke, wo Bühne und Instrumente standen. „Wenn euch das zu viel ist, sagen wir ab. Wenn nicht… bleibt’s normal.“
Ruffy hob den Kopf. „Musik?!“
Brook richtete sich auf, als hätte jemand seinen Beruf gerufen. „YOHOHO—“
„Brook“, sagte Lia sofort, und sie grinste, „nicht heute. Heute bist du Gast.“
Brook stoppte, verneigte sich tief. „Wie Sie wünschen.“
Sanji sah auf die Bühne, dann auf Lia. „Du spielst?“
Lia nickte, ganz unaufgeregt. „Manchmal.“
Und heute will ich’s. Weil ich es brauche.
Sie sagte es nicht laut. Aber Law sah es in der Art, wie sie den Satz abschloss.
Er sah sie einen Herzschlag länger an, als er wollte. Dann zwang er sich wegzuschauen, als wäre Blickkontakt schon ein Versprechen.
Lia merkte es, und ihre Wangen wurden einen Hauch warm.
Reiß dich zusammen.
Sie atmete aus. Ließ den Abend weiterlaufen.
Weil das gerade das Wichtigste war: dass er läuft. Normal. Echt.
Der Kellner kam leise an den Tisch, beugte sich zu Lia. „Frau Lethal?“
Lia nickte. „Ja.“ Dann sah sie in die Runde, offen, warm. „Ich mach’s kurz. Wenn’s euch zu viel ist, sagt’s. Wirklich.“
Ruffy strahlte. „Musik!!“
Brook hatte beide Hände schon halb oben – fing sich sofort, als Lia ihn ansah.
„Heute bist du Gast“, erinnerte sie ihn, und da war dieses kleine Grinsen, das nicht streng war. Eher liebevoll.
Lia stand auf und ging zur Bühne. Der Raum wurde nicht still, weil jemand es verlangte – er wurde still, weil sie ging, als wäre das normal. Als wäre „Welt gerissen“ nur ein Satz, der irgendwo in einer Ecke liegt, während Menschen essen.
Law sah ihr nach, ohne sich zu bewegen.
Lia holte den Geigenkasten aus dem Schrank neben der Bühne. Routinebewegung. Kein Zittern. Kein Zögern. Sie setzte sich nicht – sie stellte sich hin. Schultern locker. Kinn minimal nach rechts, als würde sie das Instrument begrüßen, nicht benutzen
Ein, zwei Töne – leise, sauber. Ein Atemtest.
Sanji sagte fast ehrfürchtig: „…Sie meint das ernst.“
„Natürlich meint sie das ernst“, murmelte Nami – aber ohne Schärfe. Mehr wie jemand, der gerade begreift, dass diese Frau nicht nur „Chef“ ist.
Lia setzte an.
Der erste Ton war nicht „schön“. Er war klar – und so dunkel, dass er sich an den Raum legte wie Samt, der plötzlich Gewicht hat. Kein Zögern. Kein Herantasten. Sie spielte, als hätte sie sich längst entschieden, dass heute Abend niemand auseinanderfällt.
Law merkte, wie sein Blick unwillkürlich auf ihre rechte Hand ging. Auf den Bogen. Auf den Winkel ihres Handgelenks.
Keine Show. Kontrolle.
Sie spielt nicht, um zu gefallen. Sie spielt, um den Raum zu halten.
Er hasste, wie schnell sein Körper darauf reagierte: die Schultern einen Tick tiefer, der Atem einen Tick langsamer. Als hätte jemand einen inneren Alarmknopf leiser gedreht.
Lia nannte das Stück nicht. Sie gab ihm nur Form — ein Nocturne, das sich anfühlte wie „Einsamkeit, die keiner hören soll“.
Als der letzte Ton auslief, blieb die Stille nicht peinlich stehen. Sie blieb… geordnet.
Brook presste beide Hände vor die Brust. „Yohoho… das war… erstaunlich traurig.“
Sanji schluckte einmal. „Das ist Profi.“
Nami atmete aus. „…Okay.“
Shanks hob sein Glas minimal. Beckman sagte nichts, aber sein Blick blieb einen Moment länger auf Lia.
Law klatschte nicht. Er machte nichts, was nach Zustimmung aussah.
Trotzdem dachte er:
Das war gut.
Und es macht mich wütend, dass es gut war.
Lia lockerte die Schultern — und sah kurz zu Law rüber, als würde sie prüfen, ob er noch da ist.
Law hielt den Blick nicht fest. Er gab ihr nur einen Herzschlag.
Warum ausgerechnet mich.
Ein warmer Hauch stieg ihr in die Wangen. Sie tat so, als wäre es nur die Luft.
„Okay“, sagte sie leiser, und in der Stimme war jetzt ein Stück mehr Lebendigkeit. „Dann… weiter.“
Das zweite Stück kam schneller. Rhythmischer. Der Boden unter der Musik wurde federnd, und Lia blieb nicht stehen. Sie bewegte sich dazu — sauber, bewusst, als würde sie Linien im Raum ziehen, die nur sie sieht.
Ruffy rutschte auf seinem Stuhl nach vorn. „WOAH!“
Usopp flüsterte: „Wie—wie macht sie das?!“
Franky grinste. „SUPER!“
Law sah nicht auf Ruffy. Nicht auf Franky. Er sah auf Lias Füße. Auf Gewichtsverlagerung. Auf Timing.
Das ist nicht Tanzen.
Das ist Körperdisziplin. Wie im Kampf – nur ohne Blut.
Mitten in einer Drehung ließ Lia den Blick einmal um den Tisch gehen – und streifte ihn zuletzt. Nur kurz.
Law hob eine Braue um einen Millimeter. Mehr gab er nicht her.
In ihm zog es sich trotzdem zusammen.
Sie verlangt nichts. Genau das macht’s gefährlich.
Spätere Stücke: mehr Weite, dann Schatten, dann Meer. Brook wollte mitspringen und wurde mit einem Blick wieder zum Gast. Kid tat so, als wäre es Gift, und sah nicht weg. Robin registrierte alles, inklusive Law, und Law blieb reglos.
Zu viele Augen.
Zu schnell, dass sich hier Rollen bilden.
Und er hasste, dass er Lia trotzdem weiter ansah.
Das letzte Stück schnitt alles auf einen Punkt: ruhiger, kälter, präziser. Als würde der Ton nicht glänzen, sondern zielen.
Das ist die Version von ihr, die draußen vor uns stand.
Nur ohne Katana.
Als sie den Schluss setzte, dauerte es einen Moment, bis Körper wieder normal atmeten.
Dann klatschte Ruffy. Laut. Voll.
Brook sprang halb auf. „BRAVO! SIE HABEN MEIN SKELETT-HERZ—“
„Brook“, sagte Lia, und diesmal lachte sie wieder — kurz, warm, echt.
Sanji klatschte korrekt. Zorro sagte nur: „Ja.“
Shanks blieb ruhig, aber sein Blick sagte eindeutig: Respekt. Rayleigh lächelte, als hätte er etwas wiedergefunden, das er nicht gesucht hat. Mihawk sah Lia direkt an — und senkte den Blick als Erster. Ein Millimeter. Für ihn war das viel.
Law klatschte nicht. Er nickte nicht auffällig.
Er atmete nur einmal aus.
Und das war bei ihm schon fast Applaus.
Lia ging zurück zum Tisch. Neben Law war ein Platz frei – nicht perfekt „direkt“, aber nah genug, dass es ruhig ist.
Sie blieb einen Moment stehen.
Frag einfach. Du bist erwachsen.
„Ist hier frei? Darf ich?“
Law sah sie an. Kurz. Präzise.
Dann zog er den Stuhl einen Tick zurück — nicht galant, nicht übertrieben. Einfach eine klare Einladung.
„Wenn du willst“, sagte er trocken.
Lia setzte sich.
Die Wärme stieg ihr trotzdem in die Wangen, nur ein Hauch.
Law registrierte es sofort.
Nur bei mir. …warum.
Er sagte nichts.
Aber er ließ sie neben sich sitzen, als wäre das selbstverständlich.
„War das… okay?“, fragte Lia leise, fast beiläufig. Nicht Fishing for Compliments – eher wie jemand, der einen Wert abfragt, um den Abend zu halten.
Law hielt den Blick auf den Raum gerichtet.
„Ja.“
Ein Wort. Trocken. Ehrlich.
Lia lächelte, als wäre das mehr, als sie erwartet hatte. Klein. Echt. Und sie versteckte es nicht.
Der Abend glitt weiter. Teller kamen, Stimmen wurden normaler – nicht nur überleben, sondern da sein. Yahiko setzte später noch einmal ruhig Regeln für morgen, Viktor bestätigte, Hanma blieb Wand.
Irgendwann stand Lia auf.
„Ich geh schlafen“, sagte sie. „Ihr müsst nicht sofort mit. Aber bleibt in Reichweite, ja? Und wenn’s euch zu viel wird: sagt’s. Wirklich.“
Sie lächelte in die Runde. Offen. Lebendig.
„Danke für den Abend.“
Dann glitt ihr Blick trotzdem noch einmal zu Law. Nicht als Fixpunkt. Eher wie ein stilles Abzählen: alle noch da.
Law blieb ruhig.
Aber als sie sich schon drehen wollte, sah er im Vorbeigehen ihre Handgelenke. Die feinen, rosafarbenen Ringe, die das Licht manchmal verrieten.
„Dein Handgelenk“, sagte er leise.
Lia blieb stehen, drehte den Kopf zu ihm. Kein Schock, kein Drama.
„Ich bin okay“, sagte sie ebenso leise. „Danke.“
Law nickte minimal. Ein einziges, knappes Zeichen: verstanden.
Lia lächelte noch einmal – klein – und ging.
Und der Abend blieb zurück, warm genug, dass man fast vergessen konnte, wie nah Papier heute gewesen war.
Als die Türen hinter ihr zuglitten, blieb ein merkwürdiger Rest in der Luft: der Eindruck, dass der Raum ohne sie ein Grad kälter geworden war.
Law rührte sich nicht. Er folgte ihr nicht mit dem Blick bis zum Ende des Flurs – er tat nur so, als würde er den Raum beobachten.
Sie ist weg. Und trotzdem steht hier alles noch… nur anders.
Am Tisch brach die Spannung nicht in Worte aus, sondern in Bewegung: Gläser wurden neu gestellt, Stühle rückten, jemand lachte zu laut und fing sich wieder.
Shanks hob sein Glas einen Tick an.
„Gute Hand“, sagte er ruhig. Kein übertriebenes Lob. Eher Anerkennung.
Rayleigh lehnte sich zurück, als hätte er nie etwas anderes erwartet.
„Sie spielt, als würde sie Ordnung setzen“, murmelte er.
Mihawk sagte nichts. Aber sein Blick blieb einen Moment länger dort, wo Lia gestanden hatte.
Sanji schnalzte leise mit der Zunge, halb beleidigt, halb beeindruckt.
„Wer so spielt, hat Disziplin.“
„Und Geschmack“, ergänzte Brook sofort und verbeugte sich in Richtung Bühne, obwohl Lia schon weg war. „Yohoho.“
Ruffy hatte währenddessen eine neue Grenze entdeckt: Nachtisch.
„Noch mehr!“, verkündete er.
„TRAFO, wenn das vorbei ist, kämpfen wir wieder!“
„Strohhut… iss erst mal.“
Zorro brummte nur zufrieden und sah auf das, was von seinem Fleisch übrig war – als könnte er den Teller dafür verantwortlich machen.
Der Kellner kam erneut an den Tisch, die gleiche lautlose Präzision wie zuvor.
„Noch etwas zu trinken?“
Hanma sagte nichts.
Viktor hob zwei Finger. „Noch eins.“
Yahiko nickte einmal. „Auch.“
Law hob nicht mal den Blick.
„Nein.“
Kurz. Fertig.
Der Kellner bestätigte mit einem kleinen Nicken und ging weiter, als wäre das eine Routineantwort.
Ich hab keine Lust, mich in dieser Welt auch noch an Alkohol zu gewöhnen.
Am anderen Ende des Tisches blieb Viola sitzen – nicht direkt neben Kid, aber nah genug, dass man nicht so tun konnte, als wäre es Zufall. Kid tat, als würde er das nicht merken. Viola ließ ihn damit durchkommen.
Sie sagte leise, ohne Publikum:
„Ich wollte dich nicht festnageln.“
Kid stieß Luft aus. „Tch.“
„Ich hab’s gesagt“, fuhr sie fort, ruhig. „Mehr nicht.“
Kid hielt den Blick auf seinen Teller, als wäre da noch etwas, das er beenden musste.
„Du bist verrückt“, murmelte er schließlich.
Viola lächelte nur minimal. „Kann sein.“
„Du kennst mich nicht.“
„Noch nicht.“
Kid hob den Kopf, als würde er gleich knallen – und entschied sich dann dagegen. Das war… fast mehr als ein Satz.
„Mach mir keinen Ärger“, sagte er stattdessen.
Viola lehnte sich zurück, als hätte sie genau darauf gewartet.
„Mach du dir keinen. Dann muss ich keinen machen.“
Kid schnaubte.
„Tch.“
Das war sein verstanden, ohne dass er’s je so nennen würde.
Yahiko stand auf, stellte sein Glas ab, so sauber, als wäre selbst das eine Form von Kontrolle. Er sah kurz in die Runde, dann zu Lias leerem Platz – und blieb da keine Sekunde hängen.
„Ich telefonier kurz“, sagte er. „Organisation.“
Nami sah sofort hoch. „Organisation von was?“
Yahiko antwortete sofort – schneller als nötig, nur bei ihr hörte man es.
„Essen. Frühstück. Für morgen und die nächsten Tage.“ Ein kurzer Atemzug. „Und… ich klär noch, was ihr braucht.“
Nami blinzelte. Dann wurde ihre Stimme ein bisschen weicher, obwohl sie es nicht wollte.
„Okay… danke.“
Yahiko nickte nur, als wäre das nichts. Dann ging er raus, ohne Drama, ohne Blick zurück.
Law beobachtete, wie Yahiko die Tür nahm: nicht hastig, nicht zögerlich. Als hätte er tausendmal Menschen durch zu viel geführt.
Die hier sind nicht einfach nur stark. Die sind trainiert… im Umgang mit Chaos.
Am Tisch füllten sich die Minuten wieder mit Essen und kleinen Stimmen. Ruffy bestellte tatsächlich „alles“, und Sanji schimpfte tatsächlich, aber kochte gleichzeitig vor Stolz, weil ein Restaurant auf diesem Niveau ihm sichtbar Spaß machte.
Law ließ die Geräusche an sich vorbeiziehen, ohne sie wegzudrücken.
Seine Crew blieb automatisch in seiner Nähe. Bepo rutschte jedes Mal ein Stück nach, wenn Law nur minimal die Haltung wechselte. Shachi und Penguin taten das Gleiche, wie Spiegel.
Law stand schließlich auf. Kein großes Zeichen – nur ein Ende.
Bepo war sofort da. „Captain?“
„Wir gehen hoch.“
Kurz. Klar.
Bepo nickte.
Shachi hob die Hand einmal in Richtung Tisch, als stummes „wir sind weg“.
Penguin folgte einfach.
Law ließ den Blick noch ein Mal über den Raum gehen – Rothaar-Crew ruhig und wach, Strawhüte auffällig normal für das, was passiert war, Kid-Piraten wie ein Block, der jederzeit kippen könnte, wenn man ihn falsch ansieht.
Und dann – ganz automatisch – blieb sein Blick einen Moment an der Stelle hängen, an der Lia gesessen hatte.
Sie hat sich verabschiedet, als wäre es ein normaler Abend.
Und das macht es schwerer, das hier als Ausnahme zu behandeln.
Er drehte sich weg, bevor irgendjemand es als „zögern“ lesen konnte.
Auf dem Weg nach draußen war die Luft kühler. Krankenhausluft in der Ferne. Straßenluft dazwischen. Der Schutzraum war kein Gefühl mehr im Brustkorb wie im Kampf – eher wie ein Rahmen, der einem sagt, wo man aufhören sollte.
Law ging mit seiner Crew Richtung Aufzugbereich, ohne Eile, aber ohne Umwege.
Zwei Wochen ohne ROOM. Dann ist jede dumme Entscheidung endgültig.
Also überlebe ich die zwei Wochen. Und halte meine Leute zusammen.
Mehr Plan brauchte es gerade nicht.
Unter dem Rahmen
Heute Nacht sicher
Der Park lag still zwischen Krankenhaus und Restaurant, als hätte jemand den Lärm des Tages an der Kante des Schildes abgestellt. Luft, die nach Winter roch. Nach sauberem Gras. Nach Nacht, die noch nicht wusste, ob sie gefährlich werden durfte.
Lia ging langsam, nicht weil sie nicht mehr konnte, sondern weil sie es sich erlaubte. Schuhe auf Kies, leise. Der rosa Rock schwang bei jedem Schritt, die kurze Hose darunter war nur ein Detail – eine Gewohnheit aus „falls ich plötzlich rennen muss“. Heute rannte sie nicht mehr.
Sie setzte sich auf die Bank am Rand des Weges, dort, wo man den Haupteingang sehen konnte, aber nicht mitten im Licht stand. Hinter dem Glas lag das Krankenhaus wie ein Organismus: Nachtschicht, saubere Linien, Bewegung ohne Drama.
Lia atmete aus. Lang. Kontrolliert.
Ich trag das. Ich trag’s wirklich.
Ihre Hand glitt kurz über das Handgelenk. Die rosafarbenen Ringe waren nicht weg, aber sie brannten auch nicht mehr. Sechs. Ein ganzer Tag in sechs Markierungen.
Und ich hab’s versprochen.
Sie hob den Blick. Der Himmel über der Stadt war dunkel, aber nicht leer. Irgendwo draußen waren Menschen, die nichts davon ahnten, dass gerade ganze Crews aus einer anderen Welt in ihren Grenzen schliefen.
Sie musste morgen funktionieren. Plan. Regeln. Stabilität. Und trotzdem blieb ihr Körper einen Moment lang einfach nur… Mensch.
Schritte auf Kies.
Nicht hastig. Nicht laut. Ein Rhythmus, der nicht zu jemandem passte, der sich verirrt hatte.
Lia drehte den Kopf – und sah Law.
Er kam nicht direkt auf sie zu, als würde er sie „abholen“. Er blieb erst kurz stehen, scannte automatisch den Weg, den Rand des Parks, den Übergang zum Schild. Dann erst ging er näher.
Er trug keine Waffe in der Hand. Das allein war in seiner Welt schon fast ein Kompliment an den Rahmen hier.
„Du bist noch wach“, sagte er. Kein Vorwurf. Kein Smalltalk. Nur Feststellung.
Lia lächelte klein. „Du auch.“
Law blieb vor der Bank stehen, nicht zu nah, nicht zu weit. Als wäre Abstand eine Disziplin, die man nicht verlernt.
„Du sitzt allein draußen“, sagte er.
„Im Schild“, erwiderte Lia ruhig.
Law blinzelte einmal. „Gewohnheit.“
Sie nickte. Sie verstand das, ohne dass er es erklären musste. Dann klopfte sie kurz neben sich auf die Bank. Eine Einladung, keine Forderung.
Law setzte sich nicht. Er blieb stehen, Schulter entspannt, aber der Blick wach. Als müsste er erst beweisen, dass er hier nicht einschläft.
Lia ließ ihm das. Sie schaute wieder nach vorn, auf das Glas, das Licht, die Ruhe.
„Wie viele?“ fragte Law.
Lia wusste sofort, was er meinte. Sie hielt das Handgelenk einen Moment hoch – nicht wie „schau her“, eher wie „damit du’s nicht raten musst“.
„Sechs“, sagte sie.
Law atmete durch die Nase aus, fast unhörbar. „Zu viel.“
Lias Mundwinkel hoben sich, diesmal wärmer. „Für heute, ja.“
„Und für morgen?“
Sie legte den Kopf leicht schief. „Morgen kämpfe ich nicht. Morgen erkläre ich. Das kostet weniger.“
Law schwieg einen Herzschlag, als würde er entscheiden, ob er dieser Antwort trauen darf.
„Sag’s, wenn’s kippt“, sagte er dann.
Kein „bitte“. Kein Drama. Nur eine Anweisung, die nach Sorge roch, ohne dass er das Wort benutzen musste.
Lia wurde einen Hauch warm im Gesicht – nicht knallrot, nicht auffällig. Nur dieses verräterische „ich merke, dass du dich kümmerst“.
Nur ruhig. Nicht draus machen, was er nicht geben will.
„Ich sag’s“, antwortete sie leise. „Danke.“
Law reagierte nicht sichtbar, aber seine Haltung verschob sich minimal. Als hätte er den Satz registriert, ohne ihn anzunehmen.
Stille.
Nicht unangenehm. Eher… brauchbar.
Der Wind zog einmal durch die Bäume. Lia sah kurz hoch, und für einen Moment war sie nicht Ärztin, nicht Omega, nicht Schild. Nur eine 24-Jährige, die einen Tag zu viel getragen hatte.
Dann stand sie auf, glatt, ohne zu stöhnen, ohne Show. „Komm“, sagte sie. „Wir sollten schlafen. Morgen wird lang.“
Law nickte einmal.
Sie gingen nebeneinander zurück, nicht Arm in Arm, nicht wie ein Paar. Wie zwei Menschen, die denselben Flur kennen: der eine aus Krieg, die andere aus Verantwortung.
Im Foyer glitt die automatische Tür auf. Die sterile Luft schluckte die Kälte. Ein paar Nachtschicht-Leute warfen Lia einen Blick zu, der mehr Respekt als Neugier war. Sie nickte kurz, als würde sie sagen: Alles unter Kontrolle.
Bitte lass es heute Nacht so bleiben.
Der Aufzug wartete wie ein neutraler Kasten aus Licht. Lia stellte sich davor, drückte erst auf „6“, dann auf „7“. Kein Kommentar. Nur Logik: erst Law, dann sie.
Law sah auf die Anzeige, dann zu ihr. „Du schläfst wirklich noch im Krankenhaus.“
„Heute ja“, sagte Lia. „Alle Omega-Leute auch. Wir bleiben in Reichweite.“
Law sagte nichts. Aber sein Blick blieb einen Tick länger auf ihrer Hand, auf dem blassen Rosa unter der Haut, als würde er sich merken, was „zu viel“ aussieht.
Der Aufzug fuhr an. Summen. Stockwerke. Stille.
Lia stand mit dem Rücken zur Wand, Hände locker vor sich. Law stand diagonal, so, dass er Tür und Spiegelung gleichzeitig im Blick hatte, ohne es offensichtlich zu machen.
Nach ein paar Sekunden sagte er, trocken: „Du spielst gut.“
Lia blinzelte. Ein echtes Kompliment, unverpackt – und gerade deshalb traf es.
„Danke“, sagte sie, und ihre Stimme wurde automatisch weicher. „Ich… mach das nicht für Applaus. Eher… um den Raum zu halten.“
Law sah kurz zur Decke. „Hat funktioniert.“
Okay. Nicht rot werden. Nicht jetzt.
Der Aufzug bimmelte leise, Türen glitten auf.
„Sechs“, sagte Lia automatisch.
Law trat raus, blieb aber einen Moment im Rahmen stehen. Er sah sie an, als würde er etwas sagen wollen und es gleichzeitig hassen.
Dann kam nur: „Ruh dich aus.“
Kein „Gute Nacht“. Kein Lächeln.
Aber es war das, was er geben konnte, ohne sich zu verraten.
Lia nickte. „Du auch.“
Die Türen schlossen sich, und der Aufzug stieg weiter.
Law ging den Flur entlang, fand sein Zimmer ohne zu suchen – Zahlen, Orientierung, Struktur. Er schloss hinter sich, drehte den Schlüssel zweimal, obwohl das hier wahrscheinlich lächerlich war.
Gewohnheit.
Er stellte Kikoku so ab, dass er sie im Bett mit einer Bewegung erreichen konnte. Scannte Fenster, Ecken, Türspalt. Einmal alles. Dann erst ließ er die Schultern einen Millimeter fallen.
Er setzte sich auf die Bettkante, starrte auf seine Hand, als würde sie ihm gleich erklären, warum sie sich anders anfühlt.
Schwerer. Echter.
Er hob sie minimal. „Room.“
Nichts.
Leere.
Nicht einmal ein Echo.
Law schluckte den Reflex runter, als könnte man Wut einfach abstellen. Er atmete langsam aus, kontrolliert, so wie man Schmerzen aus einem Körper schiebt, indem man ihnen keinen Raum gibt.
Zwei Wochen.
Er dachte an Lia, wie sie die Ringe gezählt hatte, als wären es Blutwerte. Wie sie „Morgen erkläre ich“ gesagt hatte, als wäre das eine Therapieform.
Und daran, wie sie „Danke“ gesagt hatte, ohne ihn festzuhalten.
Sie ist gefährlich für mein System.
Er legte sich hin, nicht komplett entspannt, aber horizontal. Eine Hand blieb nahe der Klinge, nicht aus Angst – aus Reflex.
Wenn es kippt, geh ich dazwischen.
Und er hasste, wie selbstverständlich dieser Satz in ihm war.
Im siebten Stock roch es anders. Weniger nach Klinik, mehr nach „Wohnraum, der nur im Notfall genutzt wird“. Teppich. Wärme. Ein Hauch von frisch gewaschener Bettwäsche.
Lia schloss die Tür hinter sich, ließ die Schuhe fallen, als wäre das das erste echte Ende dieses Tages. Sie stellte den Geigenkasten an die Wand, strich einmal über das Holz, als würde sie sagen: Danke, dass du heute auch gehalten hast.
Sie zog sich um, schlicht, bequem. Wusch sich das Gesicht, band die Haare nicht mehr zusammen – ließ sie fallen, wie ein Vorhang, der endlich nicht mehr gebraucht wird.
Vor dem Spiegel blieb sie kurz stehen und betrachtete die Ringe am Handgelenk.
Sechs.
Nicht gefährlich. Aber deutlich.
Ich hab sie durchgebracht. Heute.
Sie setzte sich aufs Bett, atmete tief ein, und in ihr kam der Gedanke, der den ganzen Tag nicht durfte:
Wenn ich zu spät gewesen wäre… wären sie weg.
Sie schob ihn nicht weg. Sie ließ ihn einmal kurz da sein. Dann ließ sie ihn gehen, wie Viktor es ihr beigebracht hatte.
Der zweite Gedanke kam trotzdem, leiser, wärmer:
Er hat gefragt, wie viele.
Nicht, weil er musste. Nicht, weil es seine Aufgabe war.
Weil er es wissen wollte.
Lia lächelte, ganz klein, nur für sich. Keine Romantik, keine Träumerei. Nur dieses stille Wissen: Da ist jemand, der versteht Verantwortung – und der sie erkennt, wenn er sie sieht.
Sie legte sich hin, zog die Decke hoch, ließ den Körper endlich schwer werden.
Morgen erkläre ich. Morgen baue ich Struktur. Morgen halte ich wieder.
Ihre Augen fielen zu.
Und für einen Moment, bevor Schlaf sie nahm, war da nur noch ein warmes, ruhiges Gefühl:
Heute Nacht sind sie sicher.
Im sechsten Stock blieb Law noch ein bisschen länger wach. Im siebten schlief Lia früher ein, als sie gedacht hätte.
Und beide wussten es nicht – aber zum ersten Mal seit sehr langer Zeit schliefen sie unter einem Rahmen, der nicht aus Angst gebaut war, sondern aus Schutz.