Der Morgen
Dienstag, 06. März 2018
Das Haus steht ruhig zurückgesetzt in einer sauberen Seitenstraße, modern und warm zugleich: helle Putzflächen, dunkler Stein, ein paar Holzdetails am Balkon – und unten eine breite Einfahrt, die eher nach „hier lebt jemand, der ankommt“ als nach „hier will jemand gesehen werden“ aussieht. Neben der Garage steht der gelb-schwarze Camaro wie ein Statement ohne Lautstärke, direkt daneben das gelbe Motorrad, geschniegelt, bereit, als wäre Fahren für Lia genauso selbstverständlich wie Atmen.
Wenn ich etwas mag, dann richtig. Aber ich muss es niemandem beweisen.
Im Flur sitzt Mochi wie ein kleines Urteil mit Schnurrhaaren, Schwanzspitze zuckend, Blick direkt auf Lia gerichtet. Lia beugt sich runter, streicht über den Kopf, bekommt als Antwort ein beleidigtes „Mrrp“ und die klare Forderung nach Frühstück. „Ja, ja“, murmelt sie, füllt den Napf, stellt Wasser hin — und bleibt einen Moment stehen, als müsste sie sich selbst erinnern, dass sie auch ein Mensch ist.
Ich vergesse nichts. Und genau deshalb bleiben Worte und Momente manchmal zu scharf.
Ihr Handy vibriert: Lisa schickt ein Foto aus dem Kindergarten, zwei kleine Hände, die eine Papiersonne hochhalten. Darunter ein „Guck mal 😭“. Laura schreibt kurz: „OP später, ich meld mich.“ Mira schickt nur 🧘♀️, als wäre das eine Diagnose. Lia lächelt, zieht sich dann die Jacke über und schließt leise ab.
Die sind da. Immer. Und das ist mein Glück.
Das Krankenhaus empfängt sie mit hellem Licht und diesem vertrauten Rhythmus, in dem jede Sekunde zählt. Ren steht bereits im OP-Bereich, ruhig wie ein Fels, und Mika kommt mit Klemmbrett um die Ecke, die Energie von Struktur und Herz in einem. „Du bist zu früh“, sagt Ren trocken, ohne aufzusehen. „Du bist zu spät“, kontert Mika genauso trocken, und es klingt wie Liebe in ihrer Sprache.
Reich sein ist hier nie ein Charakter. Nur ein Hintergrundgeräusch.
„Heute keine eingebildeten Reichen“, murmelt Ren, während er die Handschuhe richtet. „Die, die denken, Geld wäre Persönlichkeit, machen mich müde.“ Mika schnaubt. „Hab ich schon aussortiert. Wir haben Arbeit, keine Bühne.“ Lia lacht kurz — und das Lachen sitzt genau da, wo ihr Zuhause ist.
Wenn ich so werde wie sie, wird alles gut.
Auf dem Weg zur Station vibriert ihr Handy. Ditoj: „Doc, ich brauch später deine Kit-Liste. Und iss was. Ich komme vorbei.“ Darunter, als Nachsatz: „Nicht allein.“ Lia bleibt einen Moment stehen, Bildschirm in der Hand, als hätte jemand eine Tür aufgestoßen, die sie noch gar nicht ansehen wollte.
„Nicht allein“ klingt harmlos. Und trotzdem fühlt es sich an, als würde gleich etwas anfangen.
Kennenlernen
Das Krankenhaus ist von außen ein moderner Block aus Glas und klaren Linien, warm beleuchtet, als würde es selbst im Morgenstress Ruhe ausstrahlen. Vor dem Eingang ist alles sauber, geordnet, kein Glamour – nur Funktion. Lia betritt die Lobby mit dem Kittel über dem Arm, als wäre sie exakt da, wo sie sein soll.
Arbeit ist mein Rhythmus. Und ich bin gut darin.
Ditoj kommt rein wie ein Stück Zuhause, Tasche über der Schulter. Hinter ihm Draken – groß, präsent – und Mikey, still, aber so, dass der Raum ihn merkt. Lia richtet sich automatisch professionell aus.
Okay. Fokus. Keine Fehler.
Mikey bleibt einen halben Schritt hinter Draken stehen, nicht aus Zurückhaltung, sondern weil er so besser sieht. Krankenhausluft, helle Flächen, Menschen, die schnell gehen. Und dann sie: ruhig im Schritt, sauber im Blick, als hätte sie den Ort längst im Griff.
Ruhig. Klar. Kein Getue.
„Doc“, sagt Ditoj, grinst. „Das sind Draken… und Mikey.“ Draken nickt, höflich auf seine Art. Mikey sagt nichts sofort – er schaut nur, und Lia spürt diesen Blick wie einen Punkt, der sich setzt.
Warum schlägt mein Herz gerade schneller? Das ist dumm.
Mikeys Blick geht nicht über ihr Outfit, sondern über das, was zählt: Haltung, Hände, Augen. Sie wirkt nicht eingeschüchtert, nicht beeindruckt, nicht aufgesetzt freundlich. Einfach… da.
Sie ist echt.
Lia streckt die Hand aus. „Dr. Lethal. Unfallchirurgie.“ Sie bleibt ruhig, weil sie ruhig ist. Mikeys Blick fällt auf ihre Hand, dann auf ihr Gesicht. Ein winziger Zug am Mundwinkel, und seine Augen werden weich. „Krass.“
Der sagt wenig. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte er gerade „gesehen“ gesagt.
Mikey nimmt ihre Hand nur kurz, fest genug, nicht übertrieben. Sein Griff ist warm, seine Bewegung kontrolliert. Kein Flirt, kein Spiel. Nur ein ehrlicher Moment, der sich einprägt, obwohl er klein ist.
Merken.
Ditoj redet Kit-Liste, Safety – und Lia erklärt klar, nicht zu schnell, sauber strukturiert. Mikey steht einen Tick zu nah, ohne zu drängen, eher wie Interesse, das Platz braucht. Lia wird minimal warm in den Wangen, zart rosa – und schiebt sich reflexhaft eine Strähne hinter das Ohr.
Bitte nicht auffallen. Bitte nicht süß sein. Oh Gott.
Mikeys Blick bleibt genau einen Atemzug an dieser Geste hängen. Draken tut so, als hätte er’s nicht gesehen. Ditoj grinst in die Mappe, als wüsste er alles. Lia setzt den Stift an und schreibt weiter, weil Arbeit rettet.
Sie wird rot. Niedlich.
Mikey sagt nichts mehr. Er hört zu, merkt sich die Liste, die Worte, die Struktur – und das Gefühl, dass hier nichts laut sein muss, um stark zu wirken.
Passt.
Lia klappt die Mappe zu, als würde sie damit auch den Moment wieder in Ordnung bringen. „Ich schicke euch die Liste heute noch – mit Nachfüllplan und Empfehlungen. Und ich schreib euch dazu, was im Ernstfall in den ersten Minuten wirklich zählt.“
Bitte bleib professionell. Bitte bleib normal.
Ditoj nickt sofort, als hätte er genau darauf gewartet. „Ich schick dir gleich die Bike-Infos und was wir genau fahren. Größen, Team, alles.“ Er tippt sich kurz an die Tasche. „Dann kannst du’s perfekt machen.“
Er baut die Brücke, ohne dass es sich wie ein Brücke-bauen anfühlt. So macht er das immer.
Draken atmet einmal aus, als wäre der Deal damit geschlossen. „Gut. Dann kommen wir wegen der kurzen Einweisung nochmal vorbei.“ Sein Blick geht zu Ditoj, dann zu Lia. „Und… danke.“
Das ist echt. Keine Show. Nur Respekt.
Mikey sagt nichts dazu. Er schaut nur auf die Mappe, dann auf Lia, als würde er den Ablauf abspeichern: wie sie spricht, wie sie strukturiert, wie sie ruhig bleibt. Dann kommt ein einziger Satz, trocken, ohne Extra: „Passt.“
Und mein Herz nimmt das viel zu ernst, als hätte er gerade etwas entschieden.
Für einen Atemzug wirkt es, als würde Mikey die Welt um sie herum ausblenden – nicht romantisch, eher fokussiert. Sein Blick bleibt ruhig, aber da ist dieses kleine, echte Weicherwerden in den Augen, bevor es wieder verschwindet.
Ruhig. Echt. Merken.
Lia nickt, bringt ein sachliches Lächeln hin. „Passt“, wiederholt sie leise, mehr für sich als für ihn, und greift nach dem Stift, weil Schreiben sie rettet. Als sie kurz hochsieht, trifft sie Mikeys Blick noch einmal – und obwohl er nicht lächelt, wirkt er… weniger hart.
Das war nur ein Termin. Und trotzdem fühlt es sich an wie der Anfang von etwas, das ich nicht geplant habe.