Tierladen
Notfall
Die Glocke über der Tür bimmelt — hart, viel zu schnell — als Lia mit einem kleinen, zusammengerollten Körper in den Armen in den Tierladen stürzt.
„Bitte—“ Ihre Stimme ist ruhig, aber da ist Druck dahinter. „Habt ihr hier irgendwas zum Desinfizieren? Verband? Irgendwas Sauberes.“
Die Katze ist grau-weiß, zittert, ein Vorderbein unnatürlich gehalten. Blut am Fell, nicht viel — aber genug, dass Lia sofort weiß: Das ist nicht nur ein Kratzer.
Hinterm Tresen reißt ein Mitarbeiter die Augen auf. „Äh— wir—“
„Ich bin Ärztin.“ Lia sagt es so, wie man sagt: Ich übernehme jetzt. Kein Stolz. Nur Fakt. „Ich brauche eine ruhige Ecke. Eine Decke. Und eine Schüssel Wasser.“
Der Mitarbeiter bewegt sich endlich, greift nach einer Decke. „Da hinten— bei den Käfigen—“
Lia nickt nur, läuft direkt durch, kniet sich ab. Ihre Hände sind bereits in Bewegung, bevor sie wirklich sitzt: Jacke aus, Ärmel hoch, Haare im Nacken weggestrichen.
Atmen. Du schaffst das.
Die Katze faucht schwach, als Lia das Bein vorsichtig berührt.
„Hey.“ Lia beugt sich näher, ihre Stimme wird weich, fast singend. „Ich weiß. Ich weiß. Du musst mich kurz lassen. Nur kurz.“
Sie tastet. Schnell, präzise. Schwellung. Fehlstellung. Kein massives Bluten. Fraktur oder Luxation. Aber stabilisierbar.
„Okay.“ Sie schaut zum Mitarbeiter. „Habt ihr Schienenmaterial? Irgendwas Festes. Pappe. Holz. Notfalls ein Lineal. Und Mullbinden.“
„Ja— ja!“ Er rennt los.
In dem Moment fällt Lia zum ersten Mal auf, dass sie nicht allein ist.
Vorne stehen drei Jungs, als hätte jemand sie in die Szene hineingeschnitten: Der Kleine mit den müden Augen und dem fast süßen Gesichtsausdruck (der nicht zu der Aura passt), der Blonde mit dem wachen Blick, und der Dritte ein Stück abseits, die Schultern angespannt, Hände in den Taschen, als wäre das hier viel zu nah an irgendwas.
Mikey sagt nichts. Er guckt nur — und irgendwie wirkt es, als würde er sofort verstehen, dass das hier echt ist.
Chifuyu ist der Erste, der sich bewegt. Nicht hektisch, nicht aufdringlich. Er kommt näher, bleibt aber auf Abstand, damit sie Platz hat. „Soll ich helfen?“ fragt er leise.
Lia hebt kurz den Blick. Sie nimmt ihn in einem einzigen, schnellen Scan auf: Hände ruhig, Haltung kontrolliert. Nicht laut. Nicht gaffend.
„Ja.“ Sie nickt. „Hol bitte eine Transportbox, wenn ihr eine habt. Oder einen Karton. Und Küchenpapier.“
Chifuyu dreht sich sofort um. Kein Kommentar, keine Extra-Fragen. Er läuft.
Der Dritte — Kazutora — beobachtet. Sein Blick bleibt an dem Blut am Fell hängen, dann an Lias Händen. Sein Kiefer arbeitet einmal, als würde er etwas runterschlucken.
Mikey geht in die Hocke, ohne gefragt zu werden. Nicht zu nah, aber so, dass Lia ihn im Augenwinkel hat. „Stirbt sie?“ Seine Stimme ist flach, aber nicht kalt.
Lia schüttelt den Kopf. „Nicht, wenn wir’s richtig machen.“
Mikey starrt die Katze an, als wäre das eine Prüfung. „Du bist schnell.“
„Ich bin geübt.“ Lia reißt ein Stück Stoff aus ihrer Tasche — ein sauberes Tuch, das sie offensichtlich immer dabeihat — und tupft vorsichtig. „Und sie ist tapfer.“
Die Katze zittert, aber sie versucht nicht mehr zu beißen. Lia merkt, wie der Körper minimal nachgibt, als würde er ihr glauben.
Danke. Bitte halt noch durch.
Der Mitarbeiter kommt zurück, keuchend, mit Mullbinden, Desinfektionsmittel, einer kleinen Schere, einem Holzspatel aus irgendeinem Set.
„Perfekt.“ Lia nimmt alles, als wäre sie in ihrem OP-Saal. „Ich desinfiziere kurz, dann stabilisieren wir. Kein Ziehen. Kein Druck auf die Fraktur.“
Sie arbeitet schnell, aber nicht brutal. Jeder Handgriff sitzt: Desinfektion, Kompression wo nötig, dann der Spatel als Schiene, sauber gewickelt, fest genug für Stabilität, locker genug für Durchblutung.
Mikeys Blick hängt an ihren Händen. Einmal blinzelt er, als wäre er überrascht, dass jemand so ruhig sein kann.
Kazutora tritt einen halben Schritt näher. Seine Stimme kommt tiefer, rauer, als er will. „Wer hat ihr das angetan?“
Lia schaut nicht mal hoch. „Weiß ich nicht. Ich hab sie am Rand der Straße gefunden. Vielleicht Auto. Vielleicht Sturz.“ Ein kurzer Atemzug. „Aber Schuldfragen später. Erst Versorgung.“
Kazutora nickt, als wäre das die einzige Sprache, die er gerade versteht.
Chifuyu kommt zurück, mit einer Transportbox, als hätte er sie irgendwo aus dem Nichts gezogen. Er stellt sie neben Lia, legt Küchenpapier rein, sauber, doppelt.
„Danke.“ Lia schaut ihn kurz an. Ein kleines echtes Lächeln. „Genau so.“
Sie hebt die Katze vorsichtig an — eine Hand unter Brust, die andere stabilisiert das geschiente Bein — und legt sie in die Box. Die Katze miaut heiser, dann rollt sie sich zusammen.
Lia schließt langsam, vorsichtig, damit keine Panik entsteht.
Dann atmet sie aus. Erst jetzt merkt man, wie sehr sie sich konzentriert hat.
„Tierarzt.“ Lia schaut zum Mitarbeiter. „Wo ist der nächste, der jetzt offen hat? Sofort. Ich komme mit.“
„Zwei Straßen weiter—“ stottert er, „aber—“
„Gut.“ Lia steht auf, wischt sich das Blut von den Fingern, ohne Ekel, ohne Drama. „Ich nehme sie.“
Mikey steht gleichzeitig auf, als wäre es selbstverständlich. „Wir kommen mit.“
Lia mustert ihn. Warum? Aber sie sieht keine Spielchen. Nur… Entschlossenheit.
„Okay“, sagt sie. „Dann eine Regel: Ihr bleibt ruhig. Kein Stress für sie.“
Chifuyu nickt sofort. „Klar.“
Kazutora sagt nichts. Aber sein Blick bleibt an der Box hängen — als wäre das kleine, verletzte Tier plötzlich das Einzige, was zählt.
Lia hebt die Box an, als wäre sie etwas Wertvolles.
Und als sie an ihnen vorbei Richtung Tür geht, trifft Mikeys Blick ihren.
„Du hast gesagt, sie stirbt nicht“, sagt er leise.
Lia nickt, ohne zu zögern. „Stand jetzt: nein.“
Mikeys Mundwinkel zucken. „Okay.“
Und Lia geht raus in die kühle Luft, die Box warm an ihrer Seite, drei Schritte hinter ihr drei Jungs, die sie noch nicht kennt — aber die gerade gesehen haben, wie sie rettet, statt zu reden.
Das ist das Kennenlernen.
Draußen ist die Luft kalt genug, dass Lia den Atem sieht. Die Transportbox liegt fest an ihrer Hüfte, die Katze darin macht keinen Laut mehr – nur dieses leise, unruhige Scharren, das sagt: Ich halte durch, aber ich hab Angst.
Mikey steht da, Hände in den Taschen, Blick an der Box. Chifuyu ist schon halb bereit, als hätte er automatisch eine Aufgabe gesucht. Kazutora steht einen Tick abseits, aber nicht so weit, dass man ihn „weg“ nennen könnte.
Sie gehen gemeinsam über den Parkplatz. Als Lia auf ihren Wagen zusteuert, fällt das Gelb-Schwarz sofort ins Auge: Chevrolet Camaro, tiefer, sportlich, wie ein Warnschild mit Stil.
Chifuyu pfeift leise durch die Zähne. „Krass.“
Lia öffnet die Beifahrertür, schiebt die Box vorsichtig auf den Sitz, sodass sie nicht rutscht. Dann schaut sie zu den Jungs. „Ihr steigt ein. Aber: ruhig. Keine plötzlichen Bewegungen, keine lauten Stimmen.“
Chifuyu nickt sofort. „Verstanden.“
Der Camaro schnurrt tief, als Lia vom Parkplatz zieht. Gelb-Schwarz blitzt zwischen den grauen Autos wie ein Ausrufezeichen, und für einen Moment fühlt es sich an, als würde die Welt draußen leiser werden.
Auf dem sitz hinten steht die Transportbox, mit dem Gurt gesichert. Drinnen liegt die Katze klein zusammengerollt, ihr Atem flach, aber da.
Mikey sitzt neben Lia. Nicht lässig, nicht geschniegelt — nur still. Seine Augen gehen immer wieder zur Box, als müsste er sich vergewissern, dass sie noch da ist.
Hinten hält Chifuyu die Box zusätzlich mit einer Hand fest, damit sie nicht rutscht. Kazutora sitzt auf der anderen Seite, Blick aus dem Fenster, aber sein Knie wippt minimal. Er tut so, als wäre er weg — und ist doch komplett da.
Lia schaltet, fährt sanft über die erste Bodenwelle. „Okay.“ Ihre Stimme ist ruhig. „Wir sind gleich da. Keine schnellen Bewegungen, kein Anfassen, kein Lärm.“
„Verstanden“, sagt Chifuyu sofort.
Mikey nickt nur.
Kazutora brummt ein leises „Mhm“, mehr Luft als Wort.
Lia wirft einen kurzen Blick in den Rückspiegel. „Und… danke, dass ihr nicht diskutiert.“
Chifuyu hebt die Schultern, als wäre das selbstverständlich. „Du hast einen Notfall. Was soll man da diskutieren?“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal. „Du bist schnell.“
„Ich bin geübt.“ Lia hält den Blick auf der Straße. Und ich kann’s nicht ertragen, wenn etwas leidet und keiner hilft.
Eine Ampel springt auf Rot. Lia bremst weich. Stille füllt den Innenraum, nur der Motor und das leise Scharren aus der Box.
Mikey spricht als Erster, ohne Lia anzusehen. „Wie heißt sie?“
Lia blinzelt. „Ich weiß es nicht. Ich hab sie gefunden.“
„Dann gib ihr einen Namen“, sagt Mikey, als wäre das eine Regel.
Chifuyu schaut kurz zu Mikey, dann zur Box. „Vielleicht… Mochi?“
Lia muss leise lachen, obwohl ihr der Magen noch fest sitzt. „Mochi ist meine Katze.“
„Dann… Yuki“, sagt Chifuyu schnell, ein bisschen verlegen. „Wegen… weiß.“
Kazutora schnaubt fast lautlos. „Sie ist grau.“
Chifuyu schaut ihn an. „Grau kann auch… kalt sein.“
Kazutora zuckt mit einer Schulter, aber da ist kein Spott, eher ein Reflex. „Schon.“
Mikey lehnt sich minimal vor. „Sie gehört jetzt dir“, sagt er zu Lia. Nicht besitzergreifend. Eher… entschieden.
Lia atmet ein, dann aus. „Ich nehme sie erst mal mit, ja.“ Sie sagt es sachlich — aber in ihrem Kopf ist es schon längst passiert. Wenn sie’s schafft, lasse ich sie nicht wieder allein.
Die Ampel wird grün. Lia fährt an.
Nach ein paar Sekunden fragt Mikey plötzlich: „Was machst du beruflich?“
„Ich leite ein Krankenhaus. Ich bin Chirurgin.“
Hinten wird es kurz stiller. Chifuyu zieht die Augenbrauen hoch. „Krass.“
Kazutora blickt zum ersten Mal direkt nach vorn, als hätte er sich verhört. „Du… leitest eins?“
„Ja.“ Lia sagt es ohne Stolz. Einfach wahr. „Und heute bin ich im Tierladen gelandet.“
Mikey sieht sie jetzt an. Seine Augen sind ruhig, als würde er sie abtasten. „Du lügst nicht“, stellt er fest.
Lia schaut kurz zurück, nur einen Moment. „Nein.“
Chifuyu merkt, wie sich etwas in seinem Brustkorb beruhigt, ohne dass er’s erklären könnte. Sie sagt einfach, was ist. Keine Maske.
Kazutora schaut wieder weg, aber Lia sieht im Spiegel, wie seine Finger sich an der Jeans reiben. Nervös. Als müsste er sich daran erinnern, nicht zu nah zu fühlen.
Die nächste Kurve. Der Tierarzt ist schon zu sehen.
Lia blinkt, zieht auf den Parkplatz. „Okay. Wir sind da.“
Sie stellt den Motor ab, und die Stille danach ist plötzlich groß.
Lia dreht sich halb zu den beiden hinten. „Ich gehe rein und sage, es ist ein Notfall. Chifuyu, du kommst mit und hältst die Box. Mikey—“ sie schaut kurz zu ihm, „du bleibst dicht bei mir, aber ruhig.“
Mikey nickt. „Okay.“
Lia sieht dann zu Kazutora. Nicht fordernd. Nur klar. „Du kannst mitkommen oder draußen bleiben. Wie du willst.“
Kazutora zögert. Eine Sekunde, in der man sieht, dass er’s will und gleichzeitig Angst davor hat.
Dann öffnet er die Tür. „Ich komm.“
Lia nickt, als wäre das genau die richtige Antwort.
Sie steigen aus. Kalte Luft, Asphaltgeruch, ein Schild „Tierarztpraxis“. Chifuyu hebt die Box vorsichtig, als würde er sie nicht erschüttern wollen. Mikey geht neben Lia, Schritt für Schritt, still wie ein Schatten. Kazutora bleibt eine Spur hinten — nicht weg, sondern… wachsam.
Lia legt die Hand auf die Tür, atmet einmal durch. Bitte halt durch.
Dann geht sie rein.
Die Tür klingelt leise, als Lia die Praxis betritt. Wärme schlägt ihnen entgegen — dieser sterile Mix aus Desinfektionsmittel, nassem Fell und Heizungsluft. Hinter dem Tresen sitzt eine Arzthelferin, hebt den Kopf, lächelt schon automatisch… bis sie die Transportbox sieht.
Lias Stimme ist sofort klar. „Notfall. Katze gefunden, vermutlich Beinfraktur. Schiene provisorisch, sie atmet flach.“
Chifuyu steht neben ihr, hält die Box ruhig, als wäre es etwas Zerbrechliches. Mikey ist dicht bei Lia, still wie eine zweite Wand. Kazutora bleibt einen Schritt hinter ihnen, Blick wandert über den Raum: Menschen, Tiere, Ausgänge, Distanz. Als würde er zählen, was gefährlich sein könnte — und was nicht.
Die Arzthelferin kommt sofort hoch. „Okay. Stellen Sie sie bitte hier—“
„Nicht auf den Boden“, sagt Lia ruhig, ohne Schärfe. „Sie erschrickt. Ich halte sie höher.“
Die Frau nickt sofort, als hätte sie verstanden, dass Lia nicht diskutiert. „Natürlich. Kommen Sie bitte mit.“
Sie öffnet eine Tür, die in einen kurzen Flur führt. Lia geht voran, Chifuyu direkt hinterher mit der Box, Mikey an Lias Seite, Kazutora schließt die kleine Gruppe ab.
Im Behandlungsraum ist es heller. Metall. Ein Tisch. Geräusche von Instrumenten.
Ein Tierarzt kommt rein, mittelalt, schnelles Gesicht. „Was haben wir?“
Lia übergibt in drei Sätzen: Fundort, Zustand, was sie gemacht hat. Keine Ausschmückung, nur Fakten. Dabei hält sie Blickkontakt, wie im OP.
Der Tierarzt nickt anerkennend. „Sehr gut stabilisiert. Wir röntgen sofort.“ Er schaut kurz zu den Jungs, die wie Statuen stehen. „Bitte warten Sie draußen.“
Lia zögert. Nicht, weil sie widersprechen will — sondern weil sie die Box ungern aus der Hand gibt. Dann zwingt sie sich zu einem ruhigen Ausatmen.
„Ich warte. Aber bitte sagen Sie mir direkt, wenn…“ Sie bricht ab, schluckt, fängt sich sofort. „…wenn etwas kippt.“
„Mache ich.“ Der Arzt legt eine Hand kurz auf die Box, beruhigend. „Sie hat gute Chancen.“
Lia nickt einmal. Ein kleines, hartes Nicken.
Chifuyu geht rückwärts aus dem Raum, als würde er die Box nicht aus den Augen lassen wollen. Mikey dreht sich erst um, als Lia sich umdreht. Kazutora ist der Letzte, der rausgeht, Blick kurz auf die Katze, dann weg, als hätte er sonst ein Problem.
Draußen im Wartezimmer ist es voller. Ein Hund jault leise. Ein Kaninchen in einem Korb bewegt sich kaum. Jemand blättert in einer Zeitschrift.
Lia setzt sich nicht sofort. Sie bleibt stehen, Hände aneinander, als wäre sie noch in „funktionieren“-Modus. Ihr Blick geht zur Tür, hinter der die Katze verschwunden ist.
Mikey stellt sich neben sie. Nicht zu nah — aber so, dass niemand zwischen sie treten würde.
„Du hast sie gerettet“, sagt er leise.
Lia schüttelt den Kopf. „Noch nicht.“
Chifuyu setzt sich auf den Stuhl neben Lia, aber er lehnt nach vorn, Ellenbogen auf den Knien. Bereit, sofort wieder aufzustehen. „Willst du Wasser? Oder—“ Er schaut zum Automaten. „Oder was zu essen?“
„Später.“ Lia reibt sich einmal über die Finger, als würde sie Blut abwaschen, das schon längst weg ist. Ich darf jetzt nicht kippen. Nicht hier.
Kazutora bleibt stehen. Nicht hinter Lia — neben dem Fenster, mit Blick auf die Tür und den Raum. Er wirkt angespannt, aber sein Fokus ist klar: keine Gefahr, keine dummen Blicke, kein Stress für Lia.
Eine Frau mit einem kleinen Hund schaut rüber. Ihr Blick bleibt an Lia hängen — an den rosa Haaren, den Tattoos, dem Camaro-Schlüssel in der Hand — und dann an den drei Jungs.
Kazutora merkt’s sofort. Sein Blick geht hoch, und die Frau schaut schnell wieder weg.
Chifuyu bemerkt das und schluckt ein trockenes Lachen runter. „Du bist… ein bisschen einschüchternd“, murmelt er in Kazutoras Richtung.
Kazutora antwortet nicht, aber sein Kiefer arbeitet kurz. Muss so.
Lia hört es nur halb. Ihre Gedanken sind bei der Katze, bei dem Geräusch von Röntgen, bei dem möglichen „es ist schlimmer“. Sie atmet langsam ein, langsam aus, zwingt Ruhe in den Körper.
Mikey setzt sich plötzlich auf die Kante des Stuhls neben ihr. Nicht ganz sitzend, eher bereit. Er schaut sie von der Seite an.
„Wenn sie überlebt,“ sagt er, „bleibt sie bei dir.“
Lia blinzelt. Ein Hauch Wärme flackert durch die Anspannung, weil der Satz so… selbstverständlich klingt.
„Ja“, sagt sie leise. „Wenn sie überlebt, bleibt sie bei mir.“
Chifuyu nickt, als wäre das entschieden. „Dann helfen wir dir, alles zu holen, was du brauchst.“
Lia schaut ihn an. „Wir?“
Chifuyu wird einen Tick rot, fast unmerklich. „Also— ich meine— wenn du willst.“
Kazutora sagt rau: „Ich geh nicht in einen Tierladen.“
Chifuyu dreht den Kopf. „Doch. Du gehst.“
Kazutora schnaubt. „Nein.“
Mikey sagt nur: „Du gehst.“
Kazutora presst die Lippen zusammen. Dann, widerwillig: „…Vielleicht.“
Ein winziger Moment, der Lia fast ein Lächeln klaut. Fast.
Dann öffnet sich die Tür.
Alle vier Köpfe gehen gleichzeitig hoch.
Der Tierarzt tritt raus, die Arzthelferin neben ihm. „Sie ist stabil. Das Bein ist gebrochen, ja — aber sauber. Wir können das schienen und versorgen. Sie bleibt heute hier zur Überwachung.“
Lia spürt, wie ihr Brustkorb endlich Luft bekommt. Es ist kein dramatisches Schluchzen, nur dieses leise Danke, das durch den ganzen Körper läuft.
„Darf ich sie sehen?“ fragt sie sofort.
Der Tierarzt nickt. „Kurz. Sie ist müde.“
Lia steht auf — und merkt erst da, dass ihre Knie weich sind.
Mikey steht sofort mit auf. Chifuyu ebenso, als wäre es Reflex. Kazutora bleibt einen halben Schritt hinter ihr, bereit, falls sie doch kippt.
Lia schaut nicht zu ihnen, aber sie spürt sie. Okay… sie sind da.
„Kommt“, sagt sie leise. „Nur kurz.“
Und zum ersten Mal, seit sie die verletzte Katze gefunden hat, klingt ihre Stimme nicht nur kontrolliert — sondern auch ein bisschen warm.
Sie geht als Erste rein. Nicht hastig — aber zielgerichtet. Mikey folgt dicht hinter ihr, ohne ein Wort. Chifuyu schlüpft als Dritter hinein, als würde er sich automatisch kleiner machen, damit er nicht stört. Kazutora bleibt einen Schritt hinter allen, Blick erst auf den Tisch, dann auf die Hände des Tierarztes, dann auf die Katze. Als würde er prüfen, ob hier wirklich alles okay ist.
Die Katze liegt auf einer weichen Unterlage, ein kleiner Verband um das Vorderbein, sauber, ordentlich. Ein winziger Pflasterstreifen am Fell, wo rasiert wurde. Ihre Augen sind halb offen, glasig, aber sie atmet ruhig. Lias Brustkorb zieht sich zusammen. Da bist du.
Sie tritt näher, sehr langsam, damit kein Schatten über das Tier fällt. Ihre Stimme wird weich, fast ein Flüstern. „Hey… du hast das gut gemacht.“
Der Tierarzt steht daneben, wäscht sich gerade die Hände. „Bruch ist sauber. Wir haben geschient, Schmerzmittel gegeben. Heute bleibt sie hier, damit wir sicher sind, dass sie stabil bleibt. Morgen können Sie sie mitnehmen, wenn alles gut aussieht.“
„Ich komme morgen“, sagt Lia sofort. Keine Frage. Eine Zusage.
Mikey schaut auf die Katze, dann kurz zu Lia. Sein Blick ist still, aber eindeutig: Natürlich kommst du.
Chifuyu beugt sich leicht vor, bleibt aber auf Abstand. „Sie sieht… kleiner aus, jetzt wo sie ruhig ist“, murmelt er, fast erschrocken darüber, wie zerbrechlich sie wirkt.
Kazutora sagt nichts. Aber seine Hand ballt sich einmal, löst sich wieder.
Lia streckt langsam zwei Finger aus, stoppt in der Luft. Sie schaut zum Tierarzt. „Darf ich sie berühren? Ganz kurz.“
„Ja. Nur am Kopf. Sanft.“
Lia nickt. Ihre Finger sinken in das Fell zwischen den Ohren — kaum Druck, nur Wärme. Die Katze macht ein leises Geräusch, nicht ganz ein Miauen, eher ein Atemhauch, und ihr Kopf schiebt sich minimal gegen Lias Hand.
Lias Augen werden für einen Moment feucht. Sie blinzelt es weg, weil sie nicht dramatisch sein will — aber sie ist ehrlich, auch mit sich. „Danke“, sagt sie leise. Zu wem, ist nicht ganz klar. Zur Katze. Zum Tierarzt. Zum Universum.
Mikey bewegt sich neben ihr, ganz langsam. „Wie heißt sie?“
Lia schluckt. „Noch… weiß ich’s nicht.“
Der Tierarzt lächelt kurz. „Sie braucht erst mal Ruhe. Namen können warten.“
Chifuyu schaut zu Lia, dann zur Katze, als würde er einen Gedanken vorsichtig anschieben. „Wenn du sie morgen holst… brauchst du alles. Decke, Napf, Streu…“
„Ja“, sagt Lia. „Ich weiß.“ Dann fügt sie, fast automatisch hinzu: „Ich krieg das hin.“
Mikey sagt, ohne zu zögern: „Wir helfen.“
Lia dreht den Kopf zu ihm. Ein ganz kurzer Blick. Warum seid ihr so… selbstverständlich? Aber es ist kein Misstrauen in ihren Augen. Eher Verwunderung. „Ihr müsst nicht—“
„Doch“, sagt Mikey, und es klingt wie eine Regel, die er gerade erfindet. „Du hast geholfen. Also helfen wir.“
Chifuyu nickt sofort. „Ja. Wirklich.“
Kazutora räuspert sich, als würde ihm die Kehle weh tun. „Ich—“ Er bricht ab. Blick weg. Dann kommt es rau: „Ich kann tragen.“
Chifuyu schaut ihn an, als hätte er gerade etwas Kostbares gehört.
Lia atmet aus, langsam. Ein kleines Lächeln zuckt an ihren Mundwinkeln. „Okay“, sagt sie. „Dann machen wir das effizient.“
Sie streichelt die Katze ein letztes Mal, so sanft, dass kaum Fell sich bewegt. Dann zieht sie die Hand zurück, als würde sie sich zwingen. „Ich komme morgen wieder“, flüstert sie an die Katze. „Ich lasse dich nicht allein.“
Die Katze blinzelt langsam.
Lia steht auf. Der Tierarzt öffnet die Tür. „Danke für Ihr schnelles Handeln. Viele hätten… gezögert.“
Lia schüttelt den Kopf. „Ich kann das nicht.“
Mikeys Blick geht kurz zu Lia, als hätte dieser Satz etwas in ihm festgeklickt.
Sie gehen zurück ins Wartezimmer. Und diesmal sind sie nicht nur vier Leute, die zufällig gleichzeitig helfen. Diesmal wirkt es, als wären sie… ein kleiner Kreis geworden.
Draußen im Flur bleibt Lia stehen, nimmt ihren Schlüsselbund fester in die Hand. „Morgen holen wir sie ab“, sagt sie, mehr zu sich als zu den Jungs.
Chifuyu antwortet sofort: „Wir sind da.“
Mikey: „Ja.“
Kazutora sagt nichts — aber er ist schon einen Schritt näher, als wäre das sein Ja.
Heimweg
Zuhause
Der Camaro rollt leise in die Einfahrt, gelb-schwarz wie ein Ausrufezeichen zwischen Grün und Blüten. Lia nimmt das Tempo raus, als würde sie die Ruhe hier nicht zerreißen wollen, stellt den Motor ab — und für einen Moment ist da nur das leise Klicken des abkühlenden Metalls.
Vor ihnen steht das Haus.
Zwei Stockwerke, klare Linien, riesige Glasfronten, warmes Licht innen auf Holz und helle Flächen. Man sieht die offene Küche, Stühle, Pflanzen, ein Wohnzimmer, das nach „hier muss niemand laut sein“ aussieht. Oben zieht sich ein Balkon entlang, voller Grün.
Davor der Garten: Blumenbeete wie gemalt, Trittsteine im Gras, kleine Laternen am Weg — und das Wasserbecken, das den Himmel spiegelt, als wäre es extra dafür da, den Puls runterzubringen.
Chifuyu bleibt beim Aussteigen kurz stehen. Sein Blick wandert automatisch über alles — und bleibt dann an der Glasfront hängen.
„Krass…“, rutscht es ihm leise raus.
Mikey sagt nichts. Er schaut einfach, still und lange, als würde er nicht das Haus sehen, sondern die Person dahinter. Ordnung. Ruhe. Kontrolle. Kein Chaos.
Kazutora steigt als Letzter aus, scannt zuerst wie immer: Ecken, Sichtlinien, Wege, Licht. Dann bleibt sein Blick doch am Wasser hängen. Etwas zieht in seiner Brust, unangenehm und… schön.
Lia schließt die Tür, wirft den Schlüssel in die Tasche und merkt den Blick der Jungs. Ihre Mundwinkel zucken.
„Es ist nur ein Haus“, sagt sie.
Chifuyu schüttelt leicht den Kopf, ehrlich. „Nein. Das ist… richtig schön.“
Lia hebt eine Braue, als würde sie sich ertappt fühlen. „Danke.“
Sie geht ein paar Schritte vor, dann bleibt sie stehen und deutet mit einer knappen Kopfbewegung nach links.
„Und bevor ihr gleich denkt, ich spinne…“ Ein kurzer Beat. „Links, ein Stück weiter, steht das gleiche Haus.“
Chifuyu blinzelt. „Was?“
Lia zeigt jetzt nach rechts. „Und rechts auch. Etwas weiter.“
Mikeys Blick gleitet automatisch die Straße runter, als würde er das in einem einzigen Scan überprüfen. „Drei gleiche?“
„Ja“, sagt Lia trocken. „Familienproblem.“
Chifuyu starrt sie an, dann lacht er leise, weil sein Gehirn kurz aussetzt. „Ihr habt… drei Häuser?“
„Drei Häuser. Gleicher Stil. Gleiche Gegend.“ Lia zuckt mit den Schultern, als wäre das das Normalste der Welt. „Meine Schwestern wohnen da. Lisa links. Laura rechts.“
Kazutora murmelt, ohne nachzudenken: „Krass…“
Lia wirft ihm einen schnellen Blick, als hätte sie das Wort bei ihm nicht erwartet. „Ja.“
Mikey sagt ruhig: „Ihr macht das absichtlich.“
„Wir mögen’s ruhig“, antwortet Lia. Dann, ein Hauch Humor: „Und wir mögen kurze Wege zueinander, ohne aufeinander zu hocken.“
Chifuyu schaut wieder zum Haus, dann die Straße runter, als würde er versuchen, sich vorzustellen, wie zwei weitere Varianten davon aussehen.
„Sind die… exakt gleich?“
„Nicht exakt.“ Lias Ton wird weicher, weil das ihr echtes Thema ist: Zuhause. „Gleicher Stil, aber anders eingerichtet. Lisa hat mehr… cozy. Mehr Decken, mehr Kram, mehr Duftkerzen.“ Sie rollt minimal mit den Augen, liebevoll. „Und Laura ist sehr clean. Weniger Zeug, mehr Ordnung.“
Kazutora schnaubt leise, kaum hörbar. „Klingt passend.“
Chifuyu grinst. „Und du?“
„Ich bin…“ Lia schaut auf das Wasserbecken, als würde sie die Antwort darin sehen. „…die Mitte.“
Mikeys Mundwinkel heben sich minimal. Natürlich.
Lia geht den Weg aus Steinplatten entlang, vorbei an den Laternen. Das Wasser spiegelt ihr Rosa, ihre Tattoos, den Tag, der immer noch in ihren Schultern sitzt.
„Regel“, sagt sie, ohne sich umzudrehen. „Wenn ihr reinkommt: normal bleiben.“
„Ich bin immer normal“, sagt Mikey.
Chifuyu lacht leise. „Klar.“
Kazutora brummt. „Mhm.“
Lia bleibt vor der Tür stehen, Hand an der Klinke. Sie atmet einmal durch und schaut über die Schulter.
„Und… meine Schwestern sind da. Bitte keine Angst.“ Ein winziges, schiefes Lächeln. „Wir sehen uns ähnlich.“
Chifuyu richtet sich automatisch auf. „Okay.“
Mikey: „Wie ähnlich?“
„Sehr“, sagt Lia.
Kazutora murmelt: „Super.“
Lia drückt die Klinke runter.
Warmes Licht flutet in den Abend. Ein Zuhause, das still ist — und sicher.
Und irgendwo drin hört man Schritte, als würden zwei Menschen gerade auf „Lia ist zurück“ reagieren.
Die Klinke gibt nach, und warme Luft schwappt ihnen entgegen — Licht auf Holz, Glas, Pflanzen. Drinnen riecht es nach etwas Herzhaftem, als hätte jemand entschieden: Heute muss niemand allein runterkommen.
„Schuhe aus“, sagt Lia automatisch, und dann: „Und— seid nett.“
„Ich bin nett“, sagt Mikey.
Chifuyu murmelt: „Natürlich.“
Kazutora brummt nur.
Noch bevor Lia ganz im Flur steht, taucht Lisa auf. Rosa Haare, Sommersprossen, Augen wie Lia — aber der Vibe ist weicher, kuscheliger. Sie trägt eine Schürze, die Hände noch leicht mehlig, als hätte sie gerade irgendwas vorbereitet.
„Da bist du!“ Lisa kommt auf Lia zu, bleibt dann stehen, sieht die drei Jungs — und ihre Augen werden groß. Nicht ängstlich. Eher: Oh?
„Hi“, sagt sie schnell und warm. „Danke, dass ihr Lia geholfen habt. Wirklich.“
Hinter ihr erscheint Laura. Gleiche Grundzüge, gleiche Sommersprossen, rosa Haare — aber ordentlich gebändigt, sauberer Look. Ihre Aura ist ruhig, stabil, als würde sie erst fühlen, dann handeln. Sie mustert die Jungs kurz, nicht misstrauisch, sondern aufmerksam.
„Hallo“, sagt Laura.
Chifuyu blinzelt einmal, zweimal — sein Gehirn sortiert sichtbar. Dann verbeugt er sich leicht, höflich und echt. „Ich bin Chifuyu. Ähm… freut mich.“
Mikey sagt ruhig: „Mikey.“
Kazutora nickt nur. „Kazutora.“
Lisa grinst, als hätte sie den Witz schon in der Hand. „Okay. Bevor jemand denkt, er sieht doppelt: Ja, wir sehen gleich aus.“
Lia hebt eine Hand. „Lisa.“
„Was denn?“ Lisa kichert. „Ist doch wahr.“
Laura hebt eine Braue. „Sie hat’s ihnen gesagt.“
Chifuyu schaut von Lia zu Lisa zu Laura und wieder zurück. „…Das ist wirklich krass.“
Mikey schaut Lia an, als würde ihn das null aus der Ruhe bringen. „Familie.“
Lia nickt. Und in dem Wort liegt kurz etwas Weiches.
Sie landen in der offenen Küche, der Raum ist hell und warm. Man sieht durch die Glasfront den Garten und die Laternen draußen. Auf der Insel stehen Schüsseln, dampfende Töpfe, frisch geschnittenes Gemüse. Lisa stellt Teller hin, als hätte sie das längst entschieden.
„Setzt euch“, sagt sie. „Und keine Sorge: Es gibt genug.“
Chifuyu hilft sofort, ohne zu fragen, nimmt Besteck, Gläser, stellt sie ordentlich. Es wirkt so selbstverständlich, dass Lisa ihn kurz ansieht und lächelt, als hätte sie genau diesen Typ Mensch erkannt.
„Du bist… der, der einfach macht, oder?“ fragt Lisa leise.
Chifuyu hält kurz inne, ein winziges Lächeln. „Ich… ja. Irgendwie schon.“
Laura stellt sich neben Kazutora, nicht zu nah, nicht zu fern. „Du kannst da sitzen“, sagt sie ruhig und deutet auf den Platz am Rand, wo er nicht mitten im Raum steht.
Kazutora schaut sie an, überrascht. Sie hat ihn gelesen, ohne dass er was gesagt hat.
„…Danke“, kommt es rau.
Lia stellt eine Schüssel auf den Tisch, und Mikey beobachtet sie dabei. Sie bewegt sich ruhig, effizient — aber man merkt: Sie ist immer noch in diesem Modus, in dem sie die Welt festhält.
Lisa fragt: „Und die Katze?“
Lia atmet aus. „Stabil. Bein gebrochen, aber sauber. Sie bleibt über Nacht. Morgen hol ich sie.“
„Gott sei Dank“, sagt Lisa und drückt kurz Lias Arm. Nur ein kleiner Kontakt, der sagt: Ich bin da.
Mikey sieht das. Nicht eifersüchtig. Nur still registrierend.
Als das Essen steht, greift Mikey nach der Schüssel — und merkt, dass sie schwerer ist, als sie aussieht.
Lia greift gleichzeitig danach. Ihre Hand schiebt sich unter den Rand, stabilisiert, ohne Worte. Der Tisch wackelt nicht mal.
Mikeys Blick hebt sich.
„Du bist stark“, sagt er, nicht als Kompliment. Als Feststellung.
Lia zuckt mit den Schultern. „Muss ich sein.“
Lisa grinst. „Sie trainiert auch. Selbstverteidigung. Und zwar… krank.“
Chifuyu schaut auf. „Echt?“
Lia hebt die Braue zu Lisa. „Danke.“
„Was denn?“ Lisa lacht. „Ist doch wahr.“
Mikey lehnt sich minimal zurück. „Wie gut?“
Lia schaut ihn an. Kein Flirt, kein Spiel. Einfach ehrlich.
„Gut genug, dass ich mich nicht anfassen lassen muss, wenn ich’s nicht will.“ Sie legt die Hand flach auf den Tisch. Ruhig. „Und gut genug, dass ich jemandem sehr schnell die Hände leer machen kann.“
Kazutora hebt den Blick, kurz, scharf. „Entwaffnen?“
„Ja.“ Lia sagt es, als wäre es eine Technik wie Nähen. „Wenn’s sein muss.“
Chifuyu wirkt kurz beeindruckt, dann eher beruhigt. „Okay… das ist… gut.“
Mikeys Mundwinkel zucken. Nicht süß. Eher: Auf Augenhöhe.
„Zeig“, sagt er.
Lisa verschluckt sich fast. „Mikey—“
Laura sagt ruhig, ohne zu urteilen: „Nicht am Esstisch.“
Lia bleibt ruhig. Sie schaut Mikey an, und man merkt: Sie fühlt sich nicht herausgefordert, sie fühlt sich… gesehen.
„Nach dem Essen“, sagt Lia. „Draußen. Ohne Show.“
Mikey nickt sofort. „Okay.“
Und in diesem winzigen Austausch liegt schon alles: Keine Angst. Kein Ego-Drama. Nur Respekt.
hifuyu bemerkt, dass Lisa das Wasser vergessen hat. Er steht wortlos auf, holt es, stellt es neben sie hin.
Lisa schaut hoch, überrascht, als hätte sie das nicht erwartet. „Danke.“
Chifuyu kratzt sich kurz am Nacken. „Du wirkst… als würdest du dich um alle kümmern. Dann kümmer ich mich halt kurz um dich.“
Lisa wird einen Hauch rot. Nicht peinlich. Eher warm.
Laura sieht das im Augenwinkel und sagt nichts — aber ihre Mundwinkel zucken minimal.
Kazutora isst still, aber sein Bein wippt wieder. Laura stellt ihm wortlos ein Glas hin, ohne ihn anzusehen, als wäre das keine große Sache.
Nach ein paar Sekunden hört das Wippen auf.
Kazutora murmelt: „Du… bist ruhig.“
Laura nickt leicht. „Du bist laut, auch wenn du nichts sagst.“
Kazutora blinzelt. Ein kurzer, wacher Moment. Dann schaut er weg, aber nicht abweisend.
„Hmpf.“
Laura lässt ihn damit. Kein Druck.
Und genau das trifft.
Terrasse
Training
Die Gartenlaternen werfen warmes Licht auf die Trittsteine, das Wasserbecken spiegelt kleine goldene Inseln, und irgendwo in den Beeten raschelt es leise — als würde der Garten selbst ausatmen.
Lia zieht die Terrassentür hinter sich zu, streift sich die Ärmel ein Stück hoch. Mikey folgt ihr ohne Eile, aber mit diesem Blick, der sagt: Jetzt.
Chifuyu und Lisa bleiben am Rand der Terrasse stehen, nahe der Tür, ein bisschen wie Zuschauer, die nicht stören wollen. Laura steht ein paar Schritte abseits neben Kazutora, dort wo man alles sieht, ohne mitten drin zu stehen.
Mikey bleibt auf dem Steinweg stehen. „Zeig.“
Lia nickt nur. Kein Grinsen. Keine Show.
„Okay.“ Sie blickt sich um, als würde sie einen sicheren Ort markieren. „Hier. Genug Platz.“
Lisa verschränkt die Arme, stolz und genervt zugleich. „Sie ist krank. Wirklich.“
„Lisa.“ Lias Stimme ist ruhig, aber da ist diese „Chefin“-Kante drin, die man nicht diskutiert.
Mikey hebt eine Braue. „Was kann sie?“
Lisa grinst. „Sie hat die Prüfung abgeschlossen, dass sie es mit zehn gleichzeitig aufnehmen kann.“
Chifuyu macht ein Geräusch irgendwo zwischen beeindruckt und was zum… „Zehn?!“
Laura bleibt ruhig. „Unter Trainingsbedingungen.“
„Ja“, sagt Lisa sofort. „Aber trotzdem. Zehn.“
Kazutora sagt nichts, aber sein Blick ist plötzlich schärfer. Er beobachtet nicht Lia — er beobachtet Mikey. Als würde er prüfen, ob Mikey dumm wird.
Lia atmet einmal aus, stellt sich locker hin. „Ich mach das nicht, um Leute umzuhauen. Ich mach’s, damit ich nicht festgehalten werde.“
Mikeys Augen bleiben auf ihr. „Du schlägst?“
„Nur im Notfall.“ Lia deutet mit dem Kinn zu Lisa. „Und sie auch nicht.“
Lisa öffnet den Mund. Lia ist schneller.
„Lisa“, sagt Lia, ruhig wie ein Skalpell. „Das ist keine Option. Schlagen nur in Notfällen. Ansonsten abwehren.“
Lisa verzieht das Gesicht, als würde sie das jeden Sonntag hören. „Jaaa.“
Chifuyu lächelt kurz. Es ist das erste Mal heute, dass er wirklich entspannt wirkt. Sie hat Regeln. Sie ist klar. Das passt zu ihr.
Mikey streckt die Hand aus. „Was brauchst du?“
Lia greift in eine Schublade an der Terrassenbank — als hätte sie dort ganz normal Dinge liegen, die andere Leute nicht haben. Sie holt etwas raus, klein, schwarz. Trainingsgerät. Ein harmloser Übungs-“Messer“-Dummy aus Gummi.
Sie hält es Mikey hin.
„Das ist eine Waffe. Halt sie mir hin.“
Chifuyu atmet hörbar ein. Lisa flüstert: „Sie macht das so schnell, dass du’s nicht siehst.“
Mikey nimmt das Trainingsmesser. Kein Zögern. Er hält es so, dass es gefährlich aussehen könnte — aber seine Hand ist ruhig, kontrolliert. Er testet nicht, er kooperiert.
„So?“ fragt er.
„Ja.“ Lia tritt einen halben Schritt näher. Ihre Stimme bleibt sanft, aber fest. „Wichtig: Ich gehe nicht gegen deine Stärke. Ich gehe gegen deinen Winkel.“
Mikeys Blick verengt sich. „Okay.“
„Halt still“, sagt Lia.
Mikey hält still.
Und dann—
Es passiert so schnell, dass Chifuyu erst registriert, dass Lia sich bewegt hat, als das Trainingsmesser schon nicht mehr in Mikeys Hand ist.
Ein Schritt. Ein kleiner Dreh. Lias Hand schiebt Mikeys Handgelenk minimal nach außen, ihr Daumen setzt an, der Druckpunkt sitzt, und im gleichen Atemzug „kippt“ die Waffe weg — kontrolliert, nicht fliegend. Lia fängt sie sauber ab, als wäre es nichts.
Mikey blinzelt.
Mikey denkt: Sie bewegt sich wie jemand, der entschieden hat, dass niemand sie besitzen darf. Das ist richtig. Das ist selten.
Lia steht wieder genau da, wo sie eben war. Das Trainingsmesser locker in ihrer Hand.
„Nochmal“, sagt Mikey leise.
Lisa grinst so breit, dass man’s im Halbdunkel sieht. „Hab ich doch gesagt.“
Lia reicht Mikey das Messer zurück. „Nochmal.“
Mikey greift zu. Diesmal ist er wacher. Er spannt anders an, versucht, ihr Tempo zu lesen.
Lia lässt ihn den Moment haben — eine Sekunde, in der er denkt, er könnte’s sehen.
Dann: weg.
Nur dass sie diesmal nicht nur entwaffnet — sie steht plötzlich seitlich, Mikeys Arm sauber fixiert, ohne Schmerz, aber so, dass er genau weiß: Wenn sie wollte, wär ich am Boden.
Mikey denkt: Wenn jemand Lia anfassen will, der’s nicht darf… ist er tot. Und wenn jemand Lia schützen muss… will ich das sein.
Mikeys Mundwinkel zucken. Nicht verletzt. Eher… beeindruckt.
„Okay“, sagt er.
Mikey denkt: Sie ist nicht weich, weil sie schwach ist. Sie ist weich, weil sie stark genug ist. Das will ich in meiner Nähe.
Lia lässt sofort los. Sofort. Kein Machtspiel.
„Genau das“, sagt sie ruhig, „ist der Punkt. Nicht gewinnen. Enden.“
Chifuyu schaut Lia an, dann Mikey — und spürt, wie sich etwas sortiert: Das ist kein „starkes Mädchen“-Theater. Das ist Disziplin.
Lisa tippt Chifuyu mit dem Ellbogen an. „Und sie trainiert jede Woche.“
Chifuyu schaut zu ihr. „Echt?“
Lia antwortet selbst, ohne sich umzudrehen. „Sonntagmorgen. Drei Stunden. Damit ich nicht einroste.“
„Drei Stunden ist…“, beginnt Chifuyu, ehrlich beeindruckt.
„Normal“, sagt Lia.
Lisa schnaubt. „Sie sagt normal und kommt dann zurück und kann zehn Männer umhauen.“
Lia dreht den Kopf zu Lisa, nur einen Tick. „Lisa.“
Lisa hebt beide Hände. „Abwehren. Ja. Ich hab’s verstanden.“
Chifuyu lacht leise. „Du bist… gefährlich, aber nett.“
Lisa zwinkert. „Das ist die beste Kombination.“
Ein paar Schritte abseits stehen Laura und Kazutora im Schatten eines Baumes. Nicht weil sie sich verstecken — eher weil Kazutora automatisch Abstand hält, wenn er nicht weiß, was er fühlen darf.
Laura schaut ihm nicht direkt ins Gesicht. Sie schaut auf seine Hände. Auf die Spannung.
Dann stellt sie eine Frage, ganz ruhig, als wäre es die normalste Sache der Welt:
„Willst du auch lernen, wie man sich befreit — oder brauchst du eher jemanden, der dir sagt, dass du nicht weglaufen musst?“
Kazutora erstarrt.
Nicht wütend. Nicht schroff.
Nur… getroffen. Weil niemand so fragt.
Sein Blick geht kurz zu Lia und Mikey, dann weg. Sein Kiefer arbeitet.
„Ich…“, setzt er an, und es klingt wie etwas, das er selten sagt. „Ich lauf nicht weg.“
Laura nickt, als würde sie ihm glauben. „Gut. Dann musst du auch nicht so tun, als würdest du es wollen.“
Kazutora schluckt.
Ein Beat, in dem die Laternen surren und das Wasser leise plätschert.
Dann murmelt er, rau und ehrlich: „Du bist… komisch.“
Laura lächelt minimal. „Danke.“
Am Steinweg nimmt Mikey das Trainingsmesser nochmal, dreht es in der Hand. Er schaut Lia an, ruhiger als vorher.
„Du bist nicht nur stark“, sagt er. „Du bist schnell.“
Lia hebt eine Braue. „Das eine ohne das andere bringt nichts.“
Mikey nickt, als wäre das eine Sprache, die er versteht.
Und Chifuyu, der Lisa im Augenwinkel ansieht, merkt plötzlich, dass Lisa ihn beobachtet hat, ohne ihn zu fixieren — nur mit diesem warmen, echten Interesse.
„Du willst noch Tee?“ fragt Lisa leise.
Chifuyu nickt, und sein Lächeln ist weich. „Ja. Bitte.“
Und irgendwo, ganz still, macht der Abend etwas, das man nicht planen kann:
Er ordnet die Paare, ohne dass jemand es laut sagt.
Mikey dreht das Trainingsmesser einmal in der Hand, als würde er prüfen, wie viel Gewicht so ein kleines Ding im Kopf machen kann. Dann legt er es ruhig auf die Terrassenbank — nicht weggeworfen, nicht lässig. Kontrolliert.
Lia schaut ihn an. Ihr Blick ist offen, direkt.
„Und du?“ fragt sie. „Du bist auch stark, oder?“
Mikey denkt: Sie fragt nicht, um mich zu testen. Sie fragt, weil sie’s wissen will. Sie hat keine Angst. Sie will die Wahrheit. Ich mag das.
Mikeys Mundwinkel zucken. Fast ein Lächeln.
„Ja.“
Das ist alles. Kein Angeben. Kein Erklären. Nur die Wahrheit.
Lia nickt, als hätte sie’s schon geahnt. „Du hast früher… dich viel geprügelt?“
Chifuyu hält kurz die Luft an, weil er merkt: das ist ein Thema, bei dem Mikey sonst einfach abstellt. Kazutora bleibt still, Blick auf Mikeys Hände.
Mikey schaut Lia an, ohne auszuweichen. In der Laternenbeleuchtung wirken seine Augen ruhiger als sie sein sollten.
„Früher.“ Ein kurzer Beat. „Manchmal auch jetzt.“
Lia reagiert nicht schockiert. Kein moralischer Vortrag. Nur ein leises, sachliches: „Okay.“
Und genau das… gefällt Mikey.
Er sieht, wie sie das Wort nicht benutzt, um ihn zu definieren. Sie speichert es wie eine Information. Wie: Kaffee schwarz. Auto laut. Stark.
„Du hast Technik“, sagt Mikey dann. „Keine Wut.“
„Wut macht Fehler“, antwortet Lia.
Mikeys Blick wird minimal schärfer. Sie denkt wie ich. Nur sauberer.
Lia hebt die Hand. „Willst du probieren? Nicht kämpfen. Nur… ein Griff. Wie du dich stabilisierst.“
Chifuyu schaut zu Lisa, als würde er fragen: Ist das okay? Lisa grinst nur. Das ist Lia. Das ist ihr Flirt.
Mikey nickt. „Okay.“
Lia stellt sich vor ihn, nicht zu nah, aber nah genug, dass man Technik fühlen kann. „Hand hier.“ Sie tippt leicht gegen sein Handgelenk. „Nicht drücken. Nur halten.“
Mikey macht es.
Lia greift an seinen Arm — nicht hart, eher wie ein Test. „Wenn jemand dich so packt, willst du nicht dagegen ziehen.“ Sie führt seine Bewegung, ganz kurz. „Du drehst. Du nimmst den Winkel.“
Mikey folgt, schnell. Seine Koordination ist sofort da. Kein Zögern.
Lia merkt es und hebt die Braue. „Du lernst schnell.“
„Ich guck gut“, sagt Mikey.
Lia schnaubt leise. „Das glaube ich.“
Sie zeigt ihm noch einmal den Ablauf, dann lässt sie ihn selbst machen. Mikey fixiert ihren Arm — kontrolliert, ohne Schmerz. Lia bewegt sich, dreht sich raus, neutralisiert seine Hand. Es ist kein „Wer gewinnt“, es ist wie ein Dialog mit Körpern.
Chifuyu spürt, wie ihm ein kleines, trockenes Lachen entwischt. „Das ist… irgendwie süß.“
Lisa stupst ihn an. „Sag ich doch.“
Kazutora sagt nichts — aber er schaut jetzt hin. Und zwar richtig. Weil er sieht, dass Mikey Lia nicht klein macht, und Lia Mikey nicht provoziert. Es ist respektvoll. Gleich.
Laura beobachtet Kazutora im Augenwinkel, ohne ihn zu stören.
Lisa verschwindet in der Küche, als hätte sie dort ihren natürlichen Lebensraum. Wasserkocher an, Tassen raus, Tee-Dosen, Honig. Alles bewegt sich bei ihr warm und selbstverständlich.
Chifuyu bleibt stehen, hält kurz eine Schüssel, ohne dass Lisa ihn bitten muss. Er merkt erst nach zwei Sekunden, dass er schon hilft.
Lisa sieht es und lächelt, ohne ihn festzunageln. „Du musst nicht.“
„Ich… mach’s gern“, sagt Chifuyu leise und räuspert sich. Seine Ohren werden minimal warm.
Lisa stellt ihm eine Tasse hin, als wäre das die normalste Belohnung der Welt. „Dann rühr mal.“
Chifuyu rührt, schaut in den Tee, und irgendwas in ihm wird ruhig. Das ist nicht Spannung. Das ist… Alltag. Und ich will davon mehr.
Im Flur ist Laura schon dabei, Teller zusammenzustellen. Nicht hektisch. Keine Geräusche, die Stress machen. Sie räumt so, als würde sie sagen: Hier ist Platz. Auch für dich.
Kazutora steht in der Tür, Hände in den Taschen, Blick auf den Boden, dann auf Laura. Er erwartet irgendeinen Kommentar — wer bist du, was willst du, warum bist du so? — aber Laura sagt nichts Überflüssiges.
Sie hält ihm nur wortlos eine Schüssel hin.
Kazutora blinzelt. „Was?“
„Wenn du schon da stehst“, sagt Laura ruhig, „kannst du sie halten. Oder du gehst. Beides ist okay.“
Kein Druck. Kein „stell dich nicht so an“. Keine Falle.
Kazutora schluckt einmal, nimmt die Schüssel. Seine Finger sind kurz angespannt, dann lockern sie sich. Sie jagt mich nicht. Und das macht ihn gleichzeitig ruhiger und nervöser.
Im Wohnzimmer bleibt Mikey kurz stehen und lässt den Blick über alles wandern: Glasfront, warmes Licht, Pflanzen, Ordnung ohne Kälte. Macht Sinn. Lia baut sich Orte, die halten.
Lia steht am Fenster, schaut raus in den Garten, als würde sie prüfen, ob der Tag wirklich vorbei ist. Mikey tritt neben sie, nicht zu nah, aber nah genug, dass er da ist.
Er redet nicht sofort. Er wartet den richtigen Moment ab. Dann fragt er, ganz kurz, ganz ruhig: „Warum hilfst du immer sofort?“
Lia schaut ihn an. Einen Beat lang ist da nur Atmen.
„Weil ich’s kann“, sagt sie ehrlich. „Und weil ich’s nicht ertrage, wenn niemand hilft.“
Mikey nickt minimal. Keine Ausrede. Keine Story. Wahrheit. Sie ist wie ein Messer: klar, sauber, nötig.
Er fragt noch etwas, leiser: „Hast du Angst?“
Lia schüttelt den Kopf. „Nein.“ Dann fügt sie hinzu, ohne Pathos: „Ich bin vorsichtig. Aber ich habe keine Angst.“
Mikeys Blick bleibt an ihr hängen. Sie ist nicht mutig, weil sie nichts fühlt. Sie ist mutig, weil sie fühlt und trotzdem geht.
Er merkt, dass er sie nicht „beeindrucken“ muss. Dass er einfach… er sein kann. Und das ist selten genug, dass es ihm kurz den Atem nimmt. Mikey denkt: Wenn ich bei ihr bin, muss ich nicht lauter sein als ich bin. Und ich will, dass das so bleibt.
Aus der Küche ruft Lisa fröhlich: „Tee ist fertig!“
Chifuyu taucht mit zwei Tassen auf, als wäre es seine Idee gewesen. Lisa folgt, zufrieden. Laura kommt mit den Tellern, Kazutora hinter ihr, immer noch in der Tür — aber nicht mehr wie ein Fluchtweg. Eher wie ein Platz, den er testet.
Lia dreht sich um und hebt die Hand, als würde sie den Abend wieder zusammenfalten. „Kommt“, sagt sie. „Setzt euch.“
Und Mikey setzt sich so, dass er Lia sehen kann. Nicht, weil er aufpasst — sondern weil er’s will.
Morgen holen wir die Katze. Und ich komme wieder her.
Sie trägt das alles, als wäre es normal. Ich mag das nicht. Ich mag sie dafür.
Lia nimmt einen Schluck, stellt die Tasse ab, und ihre Stimme wird wieder die von vorhin: ruhig, klar, effizient. „Morgen. Zehn Uhr. Ich hole sie ab.“
Chifuyu nickt sofort, als wäre das keine Frage. „Ich komm mit.“
Lisa schiebt ihm eine zweite Tasse rüber, als hätte sie ihn dafür belohnt. „Du bist süß, du weißt das?“
Chifuyu wird minimal rot. „Äh… danke.“
Mikey sieht das, ohne zu kommentieren.
Laura räumt leise Teller zusammen, keine Geräusche, die nerven. Kazutora steht wieder in der Tür— aber diesmal hält er eine Schüssel in der Hand, als hätte er sich entschieden, dass „bleiben“ heute okay ist.
Laura sagt, ohne hinzusehen: „Du kannst die da hinstellen.“
Kazutora stellt sie hin. Ein winziges Nicken, das er nicht als Zustimmung verkauft— aber es ist eine.
Sie lässt ihm Raum. Das ist selten.
Lia schaut kurz zu Kazutora. „Danke.“
Er brummt nur. „Mhm.“
Dann dreht Lia sich wieder zu Mikey. „Du musst nicht mit.“
„Ich will“, sagt Mikey.
Lia hebt eine Braue. „Warum?“
Mikey zuckt kaum merklich mit den Schultern. „Weil du morgen nicht alles alleine tragen musst.“
Und weil ich sehen will, ob du wirklich immer so bist.
Lia hält den Blick. Kein Flirt. Keine Ausrede. Dann nickt sie. „Okay.“
Lisa klatscht leise in die Hände, als würde sie den Abend damit „zusammenbinden“. „Gut. Dann machen wir nach dem Abholen direkt das Zeug. Streu, Napf, Futter, Decke—“
„Und eine ruhige Ecke“, sagt Lia automatisch. „Kein Trubel.“
Lisa hebt beide Hände. „Ja, Chefin.“
Lia lehnt sich endlich zurück. Für eine Sekunde wirkt sie nicht wie die, die alles hält— sondern wie jemand, der kurz gehalten wird.
Mikey merkt es sofort.
Da. Genau da. Da wird sie weich. Nicht weil sie muss. Weil sie kann.
Er fragt, ganz leise: „Schläfst du überhaupt?“
Lia blinzelt. „Genug.“
Mikey glaubt es nicht.
Sie lügt nicht. Also ist das „genug“ ihr Standard. Das ist zu wenig.
Er sagt nichts dazu. Nur: „Morgen früh dann.“
Lia nickt.
Später, im Flur, sind die Bewegungen ruhiger. Schuhe. Jacken. Kurze Sätze.
Lia hält die Tür auf. „Danke, dass ihr heute… da wart.“
Chifuyu schüttelt den Kopf. „Das war richtig.“
Lisa winkt ihnen nach, als wären sie längst Teil des Abends gewesen. Laura steht stiller daneben, aber ihre Augen sind weich.
Kazutora zieht die Jacke enger, Blick kurz in die Nacht, dann zu Lia. „Zehn.“
„Zehn“, bestätigt Lia.
Mikey bleibt einen Tick länger stehen. Der Garten hinter Lia leuchtet warm. Ihre Schwestern im Hintergrund. Und Lia selbst— mitten drin, wie der ruhige Kern.
Wenn ich hier reingehe, kann ich nicht mehr so tun, als wäre mir egal, was ich anrühre.
Er sagt nur: „Schließ ab.“
Lia mustert ihn. Ein kleiner Zug in ihren Mundwinkeln. „Mach ich.“
Mikey nickt, dreht sich um, geht. Aber sein Blick bleibt noch einen Moment an der Glasfront hängen.
Ich komme morgen wieder.
Tierarzt
Abholen
Am nächsten Morgen ist die Luft klar, die Straße noch still. Der Camaro brummt tief, aber Lia fährt sanft. Mikey sitzt neben ihr, Chifuyu hinten. Kazutora ist auch da— nicht, weil er’s angekündigt hat, sondern weil er pünktlich war.
Laura und Lisa kommen separat, kurz danach. Gleiche Gesichter, unterschiedliche Auren: Lisa warm wie ein Schal, Laura ruhig wie ein fester Boden.
Im Wartezimmer ist es schnell wieder ernst. Lia spricht mit dem Tierarzt, stellt die richtigen Fragen, notiert Medikamente, Pflege, Nachkontrolle. Ihre Stimme ist freundlich, aber unerschütterlich.
Mikey beobachtet, wie der Tierarzt Lia respektiert.
Sie ist keine „nette Frau“. Sie ist Autorität. Und trotzdem weich.
Dann wird die Katze gebracht— eingewickelt in eine Decke, Augen halb zu, Bein sauber geschient.
Lia nimmt sie so vorsichtig, als würde sie den ganzen Tag in ihren Händen tragen.
„Hey“, flüstert sie. „Ich bin da.“
Die Katze atmet ruhiger.
Chifuyu hält sofort die Transportbox auf. Lisa steht daneben, Hand am Mund, erleichtert. Laura scannt Lia kurz: Haltung, Atmung, Spannung— dann nickt sie fast unmerklich. Sie hält.
Kazutora schaut weg, als wäre es ihm zu viel. Aber er bleibt.
Mikey denkt: Sie rettet Dinge, ohne dafür Applaus zu brauchen. Das ist gefährlich. Weil man sie ausnutzen will.
Er sagt laut: „Wir machen’s jetzt schnell.“
Lia nickt. „Ja.“
Einkauf
Setup
Der Tierladen ist diesmal kein Notfall, sondern Mission. Streu. Napf. Futter. Decke. Kleine Wärmflasche. Kratzbaum. Spielzeug, das nicht zu laut ist.
Lisa schnappt sich den Einkaufswagen und redet in einem warmen Dauerfluss: „Okay, wir nehmen das hier, das ist gut für verletzte Katzen—“
Chifuyu geht neben ihr, und es passiert ohne Absicht: Er hört zu. Merkt sich Marken. Reicht ihr Dinge an. Fragt leise nach, statt zu übernehmen.
Lisa grinst irgendwann, weil es so leicht ist. „Du bist echt… zuverlässig.“
Chifuyu kratzt sich am Nacken. „Du auch.“
Er meint es ernst.
Mikey sieht das von der Seite.
Der hat schon entschieden, ohne es zu sagen.
Laura bleibt mit Kazutora etwas abseits. Sie liest Packungen, vergleicht ruhig, ohne Stress. Kazutora hält Tüten, kommentarlos. Niemand macht Witze über seine Stille.
Laura sagt irgendwann, als wäre es nur eine Beobachtung: „Du wirst ruhiger, wenn du eine Aufgabe hast.“
Kazutora blinzelt. „…Vielleicht.“
„Dann gebe ich dir Aufgaben“, sagt Laura.
Kazutora schnaubt. Kein Spott. Eher: überrascht, dass das nicht schlimm klingt.
Mikey bleibt nah bei Lia, während Lia die Katze in der Box im Blick hält und trotzdem die Liste abarbeitet. Lia ist effizient, aber Mikey merkt: Sie lässt ihn neben sich zu, ohne das Gefühl zu haben, Kontrolle zu verlieren.
Sie vertraut schnell, wenn man sie nicht drängt.
Lia legt ein weiches Körbchen in den Wagen. „Das hier.“
Mikey legt kommentarlos eine Decke dazu. „Noch was Warmes.“
Lia schaut ihn kurz an. „Du denkst mit.“
Mikeys Mundwinkel zucken. „Ja.“
Ich denke nur an dich.
Zurück bei Lia
Einzug
Wieder das Haus, die Glasfront, das warme Licht. Diesmal fühlt es sich weniger wie „Kennenlernen“ an und mehr wie: Wir machen das zusammen.
Lia richtet die ruhige Ecke ein— nicht mitten im Raum, nicht isoliert. Decke, Körbchen, Wasser, Futter in kleinen Portionen. Sie kniet sich hin, spricht leise mit der Katze, als wäre sie ein Patient, der Angst hat.
Chifuyu hält sich automatisch leiser, als würde er den Raum nicht stören wollen. Lisa reicht ihm eine Schere für Verpackungen, und ihre Finger streifen sich kurz— nur ein Hauch.
Chifuyu merkt, wie warm sich das anfühlt.
Oh. Das ist mein Mensch.
Kazutora stellt die Streu ab, schaut kurz auf die Katze, dann weg. Laura bleibt neben ihm stehen, ohne ihn anzusehen.
„Du musst nicht reden“, sagt sie ruhig. „Nur bleiben.“
Kazutora atmet aus. „Ich… bleib.“
Mikey steht hinter Lia, schaut zu, wie sie alles perfekt macht, und wie sie trotzdem eine Sekunde lang die Hand auf dem Körbchen liegen lässt, als müsste sie sich selbst beruhigen.
Sie ist die Stärkste— und sie fühlt alles. Genau deshalb passt sie zu mir.
Lia steht auf, wischt sich die Hände ab. „Okay. Sie schläft. Wir lassen sie.“
Lisa nickt. „Gut.“
Chifuyu flüstert: „Ich geh leiser als sonst.“
Lisa lächelt. „Ich auch.“
Laura schaut zur Uhr. „Ihr solltet auch essen.“
Lia will „später“ sagen. Mikey sieht es kommen.
Er denkt: Da ist es wieder. Sie verschiebt sich selbst.
Er sagt ruhig, ohne Druck: „Jetzt. Fünf Minuten. Dann wieder schauen.“
Lia blinzelt— dann nickt sie. „Okay. Fünf.“
Mikey bleibt stehen, als wäre das eine kleine, saubere Win.
Sie lässt mich mitentscheiden. Das ist… groß.
Auflösen
Heimweg
Später, an der Tür, ist die Stimmung anders als gestern. Weniger Zufall. Mehr Rhythmus.
Chifuyu zieht seine Schuhe an. Lisa steht daneben, hält ihm wortlos die Jacke hin, weil er sie gesucht hat.
„Du kommst morgen nochmal vorbei?“ fragt sie, als wäre es normal.
Chifuyu schaut hoch. „Wenn… wenn das okay ist.“
Lisa grinst. „Wäre komisch, wenn nicht.“
Chifuyu nickt, und sein Lächeln ist weich.
Kazutora steht schon halb draußen, als hätte er Angst, zu lange zu bleiben. Laura tritt neben ihn.
„Du musst nicht verschwinden, nur weil’s ruhig ist“, sagt sie leise.
Kazutora hält inne. Dann: „Ich… meld mich.“
Laura nickt. „Mach das.“
Mikey wartet, bis die anderen draußen sind. Ein Beat allein mit Lia im Flur. Warmes Haus. Leises Atmen aus dem Nebenraum.
Lia schaut Mikey an. „Danke.“
Mikey antwortet nicht sofort. Er schaut sie an, als würde er etwas ablegen, das er sonst nie zeigt.
Ich will nicht nur helfen. Ich will bleiben.
Er sagt nur: „Sag mir, wenn du Training hast.“
Lia blinzelt. „Sonntagmorgen. Drei Stunden.“
Mikey nickt. „Ich will sehen.“
Lia hebt eine Braue. „Zuschauen?“
Mikeys Mundwinkel heben sich minimal. „Vielleicht mitmachen.“
Lia schaut ihn einen Moment an— und da ist dieses kleine, gefährliche Lächeln, das sagt: Okay. Du bist wirklich so.
„Dann bring Sportsachen“, sagt Lia.
Mikey nickt einmal.
Deal.
Und als er zur Tür rausgeht, denkt er, ohne es zu wollen:
Frieden heißt nicht, dass ich nie wieder kämpfe.
Frieden heißt, ich kämpfe nur noch für das Richtige.
Und Lia fühlt sich… richtig an.
Krankenhauswelt
Reihenfolge
Morgens ist Lia wieder Lia.
Weißer Kittel, rosa Bluse darunter, Namensschild, Haare ordentlich gebunden. Die Welt im Krankenhaus läuft nach Regeln, nach
Reihenfolgen, nach „Was ist jetzt am wichtigsten?“ — und Lia schaltet sofort um, als hätte es den gestrigen Tag nie gegeben. Fast.
Fast.
Zwischen zwei Visiten, als der Flur einmal kurz still ist, bleibt ihr Blick an ihrem Handy hängen. Keine neuen Nachrichten. Natürlich nicht — sie haben ja keine Nummern.
Sie atmet aus, schiebt den Gedanken weg und geht weiter.
Trotzdem: In ihrem Kopf sitzt dieser kleine Haken. Heute Abend. Nicht als Date. Als Fortsetzung von etwas, das angefangen hat, ohne dass jemand es geplant hat.
Später, in einer kurzen Pause, sitzt Lia im Arztzimmer an einem Tisch, Kaffee kalt geworden, Papier vor sich. Kein Patientenkram — eine Skizze.
Eine rechteckige Raumform. Pfeile. Notizen.
„Spiel-Ecke“, murmelt sie, während der Stift kratzt. „Hier Futter. Hier Wasser. Kratzbaum in die Mitte… und Kletterwände…“
Sie hält kurz inne, tippt mit dem Stift an die Zeichnung.
„Nur wenn du wieder springen darfst“, sagt sie leise, als würde Mochi sie hören.
Und dann kommt dieser weiche Satz, den sie nicht groß macht, weil Lia keine großen Shows braucht:
Sie schaut kurz auf ein Foto von Mochi auf dem Handy und lächelt.
„Du heißt jetzt Mochi Lethal“, sagt sie sanft. „Du bist ein Familienmitglied. Und ich bin deine Mama.“
Ein Moment Ruhe.
Dann klappt sie das Notizbuch zu, steht auf, streift den Kittel glatt und ist wieder die Krankenhausleiterin, die alles im Griff hat.
Aber die Skizze bleibt in der Tasche.
Mikeys Vormittag
Präsenz
Mikey ist zur gleichen Zeit nicht im Krankenhaus.
Er sitzt irgendwo mit den Jungs, oder steht draußen, Hände in den Taschen, Blick zu ruhig für sein Alter — und der Gedanke an Lia hängt ihm wie ein Geruch in den Klamotten.
Sie arbeitet. Natürlich arbeitet sie.
Er hat keine Nummer. Das nervt ihn mehr, als er zugeben würde. Nicht, weil er Kontrolle braucht — sondern weil er keine offenen Enden mag.
Ich mag keine Lücken. Ich mag keine „vielleicht“.
Besuchen? Einfach so in ein Krankenhaus spazieren?
Mikey denkt kurz darüber nach — und verwirft es.
Zu laut. Zu viele Augen. Zu viele Regeln, die nicht meine sind.
Und Lia mag keine Umstände.
Er entscheidet sich für das, was zu ihm passt: Präsenz zur richtigen Zeit.
Ich komme abends. Ich komme ruhig. Ich komme wieder.
Und noch etwas, das er nicht laut sagt:
Wenn sie müde aussieht, sage ich nichts Dummes. Ich bleibe einfach da.
Mochis Zimmer
Kommandozentrale
Das Haus ist ruhig, aber nicht leer. Diese Art Ruhe, die nach Licht aussieht: Gartenlaternen draußen, warmes Leuchten auf Holz, Glas, Pflanzen. Mochi schläft im Nebenraum, das geschiente Bein sicher, als hätte sie beschlossen, dem Körper heute zu vertrauen.
Lia steht am Wohnzimmertisch, Notizbuch offen. Die Skizze ist sauber, fast zu ordentlich für etwas so Weiches.
„Okay“, sagt sie, mehr zu sich als zu den anderen. „Hier.“
Mikey ist schon da, als wäre es selbstverständlich. Schwarze Haare, ruhiger Blick. Chifuyu sitzt am Rand der Couch, Ärmel hochgekrempelt, als hätte er heute eh vorgehabt, irgendwo mit anzupacken. Kazutora steht nahe der Terrassentür — nicht Fluchtweg, eher Position.
Lisa und Laura sind auch da — nicht „ankommen“, sondern einfach rüber, wie Familie das macht. Lisa mit einer Tasse in der Hand, Laura mit diesem ruhigen Blick, der alles einsortiert, ohne es zu kommentieren.
Mikey denkt: Sie haben wieder ihren Kreis. Und Lia steht in der Mitte. Genau so.
Lisa stellt die Tasse ab und beugt sich über die Zeichnung. „Okay. Zeig.“
Lia tippt mit dem Stift auf die Skizze. „Spiel-Ecke hier. Futter und Wasser da. Kratzbaum in die Mitte. Und Kletterwände… später.“ Sie hebt den Blick. „Nur wenn sie wieder springen darf.“
Chifuyu nickt sofort. „Macht Sinn.“
Kazutora murmelt: „Ja.“
Mikey schaut auf die Linien, die Maße, die Pfeile.
Mikey denkt: Sie plant wie eine Anführerin. Für eine Katze. Das ist… Lia.
Lisa grinst schief. „Du übertreibst nicht mal, du machst einfach.“
Lia zuckt mit den Schultern, als wäre es kein großes Ding. „Ich will’s halt richtig machen.“
Laura deutet auf eine Markierung. „Das Zimmer… ist das unten oder oben?“
„Oben“, sagt Lia, und ihre Stimme bleibt ruhig, als würde sie über Lagerraum sprechen. „Ich hab da eh noch vier Zimmer frei.“
Chifuyu blinzelt. „Vier?!“
Lisa lacht leise. „Ja. Lia sammelt Räume wie andere Leute Kerzen.“
Kazutora schnaubt kurz.
Mikeys Blick hebt sich zu Lia.
Mikey denkt: Vier freie Zimmer. Und trotzdem bindet sie sich so hart an eine Katze. Sie will nicht Besitz. Sie will Familie.
Lia steht auf, nimmt die Skizze in die Hand und geht leise zum Nebenraum. Alle werden automatisch leiser. Nicht, weil Lia’s Regeln streng sind — weil sie funktionieren.
Im Türrahmen bleibt Lia stehen und schaut auf Mochi, die schläft. Für einen Moment ist sie nicht Krankenhausleiterin. Nur Lia.
Sie dreht sich halb zu den anderen zurück, Stimme ganz leise — damit es für die Katze ist, nicht fürs Publikum.
„Du bist jetzt Familienmitglied“, sagt sie. „Und ich bin deine Mama.“
Lisa wird still, die Wärme in ihrem Gesicht wird weicher. Chifuyu schaut kurz zu ihr — und spürt dieses kleine, ruhige Klick, weil Lisa nicht lacht, nicht überspielt. Sie fühlt es einfach.
Kazutora schaut weg, aber er bleibt. Laura bewegt sich nicht, und genau das ist ihre Art, da zu sein.
Mikey sieht Lia an.
Mikey denkt: Das ist kein Gerede. Das ist ein Schwur. Und sie macht ihn leise. Ich will so eine Stärke in meiner Nähe.
Lia atmet aus, schließt die Tür nur einen Spalt mehr, damit es ruhig bleibt, und kommt zurück an den Tisch.
„Okay“, sagt sie wieder praktischer. „Wenn ihr helfen wollt — dann planen wir jetzt. Und bauen am Wochenende.“
Chifuyu ist sofort drin. „Ich kann Samstag. Oder Sonntag.“
Lisa nickt begeistert. „Ich auch.“
Laura sagt ruhig: „Ich bring ein Maßband.“
Kazutora brummt: „Ich bring Werkzeug.“
Mikey lehnt sich minimal an den Tisch, Blick auf Lia. „Sag, was schwer ist.“
Lia hebt eine Braue. „Schwer?“
„Ja“, sagt Mikey. Einfach. „Ich mach das.“
Mikey denkt: Sie trägt alles. Ich nehm ihr wenigstens das Gewicht aus den Händen.
Und Lia — Lia sagt nicht „Nein“. Sie nickt nur einmal, weil sie gelernt hat, Hilfe zu nehmen, wenn sie ehrlich angeboten wird.
„Okay“, sagt sie. „Dann machen wir’s richtig.“
Der Wohnzimmertisch ist zur Kommandozentrale geworden: Notizbuch offen, Skizze in der Mitte, daneben ein Stift, ein Maßband und Lisas Tasse, die sie ständig irgendwo abstellt und sofort wieder sucht.
„Okay“, sagt Lisa und tippt mit dem Finger auf die Zeichnung. „Wenn Kratzbaum Mitte: dann brauchen wir drumherum mindestens… so.“ Sie misst in die Luft, als hätte sie den Raum schon gebaut.
Chifuyu lehnt sich dazu, ohne zu drängeln. „Dann ist die Spiel-Ecke besser da, wo kein Durchgang ist. Sonst tritt man aus Versehen drauf.“ Er zeigt auf eine Ecke und schaut Lisa kurz an, als würde er fragen, ob er darf.
Lisa grinst. „Du denkst wie ein Mensch, der wirklich mit Katze lebt.“
Chifuyu zuckt minimal mit den Schultern, aber seine Mundwinkel verraten ihn. „Ich mag’s, wenn’s… passt.“
Mikey steht nah bei Lia, nicht klebrig, eher wie ein stiller Pfosten, an dem man sich nicht stößt. Er schaut auf die Skizze, dann auf Lia, dann wieder auf die Skizze.
Mikey denkt: Sie lässt andere in ihren Plan. Das ist Vertrauen. Sie macht das nicht oft.
Laura sitzt nicht direkt am Tisch, sondern leicht seitlich, so dass sie alles sieht. Sie nimmt das Maßband, misst den Abstand zwischen Tischkante und Sofa, als wäre das schon Training für später.
„Wenn das Zimmer oben ist“, sagt Laura ruhig, „messen wir morgen die Türbreite. Kratzbäume sind manchmal breiter als man denkt.“
Kazutora steht bei ihr. Wenig Worte, aber er hat das Maßbandende gehalten, ohne dass es jemand sagen musste. Als Laura fertig ist, rollt er es sauber auf.
„Werkzeug“, brummt er. „Bohrer. Dübel. Wasserwaage.“
„Danke“, sagt Lia, und es ist nicht höflich, es ist echt.
Kazutora nickt nur.
Mikey denkt: Der da redet wenig. Aber er bleibt. Gut.
Lisa klatscht einmal leise. „Also. Samstag bauen?“
Chifuyu nickt sofort. „Ja. Ich kann. Ich bring auch— äh— so Filzgleiter und so. Damit’s leise ist.“
Lisa schaut ihn an, als hätte er gerade was Süßes gesagt, ohne es zu merken. „Du bist… gefährlich zuverlässig.“
Chifuyu kratzt sich kurz am Nacken. „Du bist… gefährlich motiviert.“
Lisa lacht. „Stimmt.“
Laura hebt kurz den Blick. „Samstag klingt gut. Sonntag hat Lia Training, oder?“
Lia hebt eine Braue. „Woher weißt du—“
„Weil du so guckst“, sagt Laura ruhig, als wäre das Erklärung genug.
Mikeys Blick geht zu Lia.
Mikey denkt: Sie trainiert, damit sie nicht einrostet. Ich will das sehen. Ich will wissen, wie sie sich bewegt.
„Okay“, sagt Lia und zeigt mit dem Stift auf die Skizze. „Lisa, du kümmerst dich um Körbchen/Decken/Spielzeug. Chifuyu, du organisierst die leisen Sachen, die man immer vergisst. Laura— Maßband, Liste, Ordnung. Kazutora— Werkzeug. Mikey…“
Sie stoppt kurz.
Mikey hebt den Blick, ruhig. Erwartet nichts, aber ist bereit.
„…die schweren Sachen“, sagt Lia.
Mikey nickt, als wäre das die einzige richtige Rolle.
Mikey denkt: Sie sagt’s, ohne mich zu testen. Sie nimmt Hilfe. Das ist selten. Das ist gut.
In dem Moment klingelt Lias Handy.
Ein alter Klingelton, der nicht hierher passt. Lia schaut nur einmal drauf— und ihr Gesicht verändert sich sofort. Nicht traurig. Nicht nervös. Eher… scharf. Als würde jemand ein Messer in ihre Augen legen.
Mikey sieht es sofort.
Mikey denkt: Das ist nicht „Stress“. Das ist etwas Altes.
Lia nimmt ab. Ihre Stimme ist kalt, kontrolliert.
„Was willst du?“
Lisa und Laura werden still. Chifuyu hält automatisch den Atem an. Kazutora steht wie eingefroren, als hätte er begriffen: Das ist gefährlich, aber nicht körperlich.
Am anderen Ende eine Stimme, geschniegelt, süßlich, als wäre sie ein Parfum, das zu stark aufgetragen ist.
„Lia. Wir müssen uns treffen. Du bist—“
„Nein“, sagt Lia. Kein Zittern. Kein Bitten.
„Du kannst nicht ewig—“
Lia lächelt nicht. Ihre Augen bleiben messerscharf.
„Doch.“
Ein winziger Beat.
„Schau dich an. Wie du wieder—“
„Genug“, sagt Lia. Dann, noch kälter: „Du bekommst keine Zeit von mir.“
Sie legt auf.
Ein Klick. Stille.
Lia bleibt einen Moment stehen, Handy in der Hand, als müsste sie ihren Körper wieder zurückholen. Dann atmet sie einmal aus und legt das Handy mit einer Ruhe auf den Tresen, die fast unheimlich ist.
Mikey bewegt sich nicht. Aber seine Präsenz wird dichter.
Mikey denkt: Wer auch immer das war… hat sie nicht verdient.
Lisa schaut Lia an, Augen weich, aber vorsichtig. „Oma?“
Lia nickt einmal. Mehr nicht.
Laura sagt nichts. Sie legt nur ganz kurz ihre Hand auf Lias Unterarm—kein Klammern, nur ein Signal: Wir sind hier.
Kazutora schaut weg, aber sein Kiefer arbeitet. Chifuyu wirkt wütend auf die leise Art, die nicht laut wird, sondern konzentriert.
Mikey denkt: Wenn jemand sie klein macht, will ich ihn aus ihrem Blickfeld entfernen. Für immer.
Lia räuspert sich einmal, als würde sie die Szene abschneiden. Ihre Stimme wird wieder normal—ruhig, klar.
„Okay“, sagt sie. „Essen.“
Lisa ist sofort da, wie ein Schalter auf Wärme. „Ja. Essen. Ich hol was aus der Küche.“
Chifuyu steht automatisch auf. „Ich helfe.“
Laura sammelt ruhig das Maßband ein. Kazutora nimmt wortlos die Tassen, stellt sie in die Nähe der Spüle, ohne zu fragen.
Mikey bleibt bei Lia, einen halben Schritt näher als vorher, ohne sie zu berühren.
Mikey denkt: Sie hat gerade etwas Abartiges weggeschnitten und steht trotzdem noch. Das ist Stärke. Und genau deshalb passt sie zu mir.
Und Lia? Lia schaut kurz zu ihm—nur ein Blick—und es reicht, dass Mikey weiß: Sie hat gemerkt, dass er geblieben ist, ohne etwas zu fordern.
Dann geht sie Richtung Küche.
„Los“, sagt sie leise. „Bevor ich doch noch sauer werde.“
Und die Gruppe bewegt sich mit—nicht laut, nicht dramatisch. Einfach da. Wie ein Kreis, der hält.
Küche und Mochi
Routine
Die Küche bleibt warm, aber leise. Lisa stellt Schüsseln hin, Laura ordnet Besteck, Chifuyu hilft automatisch, Kazutora trägt wortlos eine Schüssel rüber. Mikey bleibt bei Lia, ein halber Schritt hinter ihr, während sie noch einmal kontrolliert, dass die Tür zum Nebenraum nur angelehnt ist, damit Mochi ruhig bleibt.
Mikey denkt: Sie prüft alles. Nicht aus Angst. Aus Verantwortung. Ich will, dass sie mal nicht muss.
Sie setzen sich. Essen, das den Tag runterzieht, ohne dass es groß geredet werden muss. Lisa erzählt leise von Katzenkram, Chifuyu hängt sich ein, ohne laut zu werden. Laura sagt ab und zu einen Satz, der Ordnung macht. Kazutora reagiert darauf, ohne Widerstand, nur mit Präsenz.
Mikey beobachtet, wie Lia endlich isst.
Mikey denkt: Endlich. Sie muss essen. Sie muss schlafen. Sie kann nicht immer nur tragen.
Nach ein paar Minuten legt Lia die Gabel hin, schaut in die Runde.
„Morgen muss ich noch arbeiten“, sagt sie ruhig.
Lisa verzieht das Gesicht. „Natürlich.“
Laura nickt nur. „Okay.“
Chifuyu schaut Lia an, warm. „Alles gut.“
Kazutora brummt: „Mhm.“
Lia fährt fort, sachlich wie ein Plan. „Aber danach hab ich drei Wochen Urlaub.“
Lisa leuchtet auf, bremst sich aber wegen Mochi. „Endlich.“
Chifuyu lächelt. „Gut.“
Kazutora hebt kurz den Blick, als hätte das Wort „Urlaub“ etwas in ihm geöffnet. Mikey sagt nichts, aber seine Augen werden einen Tick wacher.
Mikey denkt: Drei Wochen ohne Klinik. Ich will sehen, wie sie ist, wenn sie nicht am Limit lebt.
Lia tippt mit dem Finger auf den Tisch, praktisch. „Samstag. Zehn Uhr. Wir treffen uns hier. Frühstück bei mir.“
Sie lässt keine Lücke, in die jemand „ich bring was“ packen kann — weil das Lia ist.
„Ich mach Frühstück“, sagt sie direkt, als wäre es eine Regel. „Und dann fangen wir an.“
Lisa grinst. „Natürlich machst du Frühstück.“
Laura sagt ruhig: „Dann können wir direkt starten.“
Chifuyu nickt, erleichtert von der Klarheit. „Okay.“
Kazutora brummt: „Werkzeug.“
Mikey schaut Lia an. „Was ist schwer?“
Lia hebt eine Braue. „Du willst das unbedingt.“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal.
Mikey denkt: Ja. Weil ich dann da bin. Und weil sie’s zulässt, ohne sich zu erklären.
„Ja“, sagt er schlicht.
Lia nickt einmal. „Gut.“
Ein Moment, in dem es sich nicht nach „Planen“ anfühlt, sondern nach: Routine entsteht.
Dann steht Lia auf, leise. „Ich schau noch einmal nach Mochi.“
Mikey steht gleichzeitig mit auf. Nicht aufdringlich, einfach… automatisch.
Mikey denkt: Ich gehe nicht vor. Ich dränge nicht. Ich bin da.
Und als sie Richtung Nebenraum gehen, ist es selbstverständlich, dass er bei ihr bleibt — nah genug, um präsent zu sein, weit genug, dass sie jederzeit frei atmen kann.
Der Nebenraum ist gedimmt. Nur das kleine Nachtlicht an der Steckdose brennt, warm genug, um Konturen zu zeichnen. Mochi liegt eingerollt im Körbchen, die Decke ordentlich, das geschiente Bein ruhig gelagert. Ihr Atem hebt und senkt sich gleichmäßig.
Lia bleibt im Türrahmen stehen. Sie sagt nichts. Sie schaut nur.
Mikey bleibt einen halben Schritt hinter ihr, seitlich versetzt. Etwa 30–40 cm Abstand. Nah genug, um da zu sein. Weit genug, dass sie sich nicht beobachtet fühlt.
Mikey denkt: Nicht rein. Nicht stören. Nur da.
Lia geht langsam hinein, kniet sich neben das Körbchen. Ihre Bewegungen sind kontrolliert, leise – dieselbe Ruhe wie im OP, nur ohne Handschuhe. Sie legt zwei Finger an Mochis Decke, prüft die Wärme.
„Hey“, flüstert sie. „Alles gut.“
Mochi rührt sich kaum. Nur ein langsames Blinzeln.
Mikey tritt nicht näher. Er bleibt im Türrahmen. Seine Hand liegt locker an der Wand, nicht aufgesetzt, nur abgestützt.
Mikey denkt: Sie macht das richtig. Sie überfällt nichts. Sie fragt mit den Händen.
Lia richtet die Decke einen Millimeter nach, dann zieht sie die Hand zurück. Sie bleibt einen Moment einfach da, als würde sie zuhören, ob alles passt. Dann atmet sie leise aus.
„Schläft“, sagt sie leise, mehr zu sich.
Mikey nickt einmal. Er sagt nichts.
Mikey denkt: Sie braucht keine Kommentare. Sie braucht Ruhe.
Lia steht auf. Als sie sich umdreht, ist Mikey schon so positioniert, dass sie an ihm vorbei kann, ohne ausweichen zu müssen. Er rückt minimal zur Seite – eine Bewegung, die Platz macht, ohne Distanz zu schaffen.
Mikey denkt: Immer Platz lassen.
Im Flur bleibt Lia kurz stehen. Nicht erschöpft, aber… weich. Der Tag sitzt ihr noch in den Schultern.
Mikey sagt nur einen Satz. Ruhig. Tief. Genau so, wie er ihn meint.
„Sie macht’s gut.“
Lia schaut ihn an. Kein Lächeln. Aber die Spannung in ihrem Gesicht lässt nach.
„Ja“, sagt sie leise. „Das tut sie.“
Mikey hält den Blick. Nicht drängend. Nicht prüfend.
Mikey denkt: Und du auch.
Er greift nicht nach ihr. Er lehnt sich nicht an. Er bleibt einfach da – genau nah genug, dass sie weiß: Wenn sie kippt, ist er da. Wenn sie geht, lässt er sie.
Lia dreht sich Richtung Wohnzimmer. „Komm.“
Mikey folgt. Einen halben Schritt hinter ihr.
Mikey denkt: Ich gehe mit. Nicht vor. Nicht hinter. Neben.
Es ist später geworden, ohne dass es sich nach „Zeit“ angefühlt hat. Mehr nach Ruhe.
Lia steht als Erste auf und sammelt Teller ein — nicht, weil sie muss, sondern weil ihre Hände gern etwas tun, wenn der Kopf noch voll ist. Lisa nimmt ihr sofort zwei Teller ab, Laura greift nach den Gläsern. Chifuyu hilft wortlos, stellt Besteck leise zur Spüle. Kazutora trägt die schwerste Schüssel, als wäre das die einzige Art von Hilfe, die sich für ihn sicher anfühlt.
Mikey bleibt nah bei Lia, ohne sie zu berühren. Ein halber Schritt, seitlich. Präsenz, kein Griff.
Mikey denkt: Sie räumt, obwohl sie müde ist. Samstag mach ich mehr. Sie soll weniger tragen.
Im Flur werden Schuhe angezogen, Jacken übergezogen. Alle sind automatisch leiser, weil der Nebenraum ein kleines Gesetz ist: Mochi schläft.
Lia öffnet die Tür. Kalte Luft kommt rein, Gartenlaternen glimmen draußen.
Sie schaut einmal in die Runde — klar, ruhig, erwachsen.
„Samstag“, sagt sie. „Zehn Uhr. Hier.“
Lisa nickt sofort. „Ja.“
Laura: „Ja.“
Chifuyu nickt ruhig. „Okay.“
Kazutora brummt leise: „Zehn.“
Mikey sagt nur: „Ja.“
Mikey denkt: Ich bin da. Nicht weil ich soll. Weil ich will.
Lia hält den Blick kurz auf Mikey, als würde sie registrieren, dass er das „Ja“ nicht leicht sagt. Dann schaut sie zu Chifuyu und Lisa.
„Danke“, sagt Lia schlicht. „Für heute.“
Chifuyu schüttelt leicht den Kopf. „War richtig.“
Lisa lächelt warm. „War gut, dass ihr da wart.“
Laura sagt nichts Großes. Sie legt nur kurz den Blick auf Lia, als würde sie prüfen: Alles stabil? Dann nickt sie minimal. Das reicht.
Kazutora bleibt einen Herzschlag länger im Türrahmen stehen, Blick kurz ins Haus, als würde er sich die Ruhe merken. Er sagt nichts. Aber er geht nicht hastig. Das ist bei ihm schon viel.
Chifuyu zieht die Jacke zurecht, schaut zu Lisa. „Bis Samstag.“
„Bis Samstag“, sagt Lisa, und ihre Stimme ist weich, ohne es zu übertreiben.
Mikey bleibt als Letzter. Lia hält die Tür offen, und für einen Moment ist es nur still zwischen ihnen.
Mikey denkt: Ich will sie berühren. Nicht ohne Zeichen. Ich will nur, dass sie sich nicht allein anfühlt.
Er sagt leise, ruhig: „Schlaf.“
Lia blinzelt einmal, dann nickt sie. „Du auch.“
Mikey hält den Blick einen Beat zu lang.
Mikey denkt: Ich schlafe besser, wenn ich weiß, du tust es.
Dann dreht er sich um und geht — langsam genug, dass es nicht nach Flucht aussieht, und nicht schnell genug, dass es Distanz wird.
Lia schließt die Tür leise, lehnt die Hand kurz gegen das Holz, als würde sie den Abend „ablegen“. Dann atmet sie aus, schaut Richtung Nebenraum und geht noch einmal zu Mochi — ein kurzer Blick, ein leises „Gute Nacht“ — bevor sie das Licht dimmt und den Tag endlich loslässt.
Nachts draußen
Lücken
Die Tür fällt leise ins Schloss hinter ihnen. Kalte Luft, klare Sterne, Gartenlaternen wie kleine Wachposten. Der Camaro steht still in der Einfahrt wie ein gelbes Warnschild im Dunkeln.
Für einen Moment bleiben sie alle drei einfach stehen, als müsste der Körper erst wieder lernen, dass der Abend vorbei ist.
Mikey schaut nicht zurück zur Tür. Noch nicht. Er schaut über das Glas, in das warme Licht hinein, als könnte er Lia dort noch sehen.
Mikey denkt: Sie hat „Samstag zehn“ gesagt, als wäre es sicher. Ich mag sicher.
Mikey denkt: Und sie hat mich angesehen, als wüsste sie, dass ich bleibe.
Chifuyu zieht die Jacke enger. Seine Stimme ist leise, damit es nicht bis zum Nebenraum trägt. „Samstag ist fix.“
Kazutora brummt zustimmend. „Ja.“
Mikey nickt nur.
Mikey denkt: Fix heißt: ich komme. Früher als nötig. Nicht für Kontrolle. Für Nähe.
Sie gehen den Steinweg runter Richtung Straße. Die Laternen werfen Schatten über ihre Schuhe.
Chifuyu schaut noch einmal hoch zum Haus. Nicht sehnsüchtig, eher warm. Das war… gut.
Er sagt nichts, aber sein Blick bleibt einen Beat zu lang.
Kazutora geht einen Schritt hinter den anderen, nicht weil er raus ist — sondern weil er so besser atmen kann. Der Abend war zu ruhig, zu gut. Das ist für ihn immer doppelt.
Dann fällt Chifuyu etwas auf. Er bleibt stehen, dreht sich halb zu Mikey.
„Wir haben keine Nummern.“
Kazutora schaut ihn an, als hätte ihn das auch genervt, aber er hätte es nie gesagt.
Mikey bleibt stehen. Der Wind bewegt sein Haar kaum.
Mikey denkt: Stimmt. Wir haben nichts. Nur „Samstag zehn“. Und irgendwie reicht das… aber ich mag keine Lücken.
Chifuyu kratzt sich am Nacken. „Würdest du… morgen fragen? Oder…“
Kazutora brummt, trocken: „Sie hätte sie uns gegeben, wenn sie’s wollte.“
Chifuyu blinzelt. „Das stimmt…“
Mikey sagt leise: „Samstag.“
Chifuyu schaut ihn an. „Samstag?“
Mikey nickt. „Dann fragen.“
Mikey denkt: Nicht jetzt. Nicht hinterher rufen. Keine Unruhe. Lia entscheidet, wann sie uns in ihren Alltag lässt.
Sie gehen weiter.
Links, ein Stück die Straße runter, brennt Licht in einem Haus mit ähnlichen Linien. Rosa-weißes Leuchten, cozy. Lisa.
Rechts, etwas versetzt, ist es dunkler, aufgeräumter. Ein einzelnes Licht im Flur. Laura.
Chifuyu merkt es zuerst. Er hält kurz inne, Blick nach links. Er sieht Lisa hinter der Glasfront kurz durchs Haus gehen — als würde sie noch etwas ordnen, bevor sie schlafen kann. Und in dem Moment zieht etwas Warmes durch ihn, leise und unerwartet.
Chifuyu denkt (sparsam, aber wichtig): Das fühlt sich… richtig an.
Kazutora merkt Laura eher über die Ruhe. Sie steht einen Moment in ihrem Türrahmen, schaut rüber, als würde sie prüfen, ob alle gut wegkommen — ohne es „aufdringlich“ zu machen.
Kazutora bleibt kurz stehen, schaut zu ihr. Nur ein Beat.
Laura hebt zwei Finger zum Gruß. Kein Lächeln, aber weich.
Kazutora hebt den Kopf minimal zurück. Kein Wort.
Und genau das ist ihr Ding: kein Druck. Nur da.
Mikey sieht beides, registriert es, aber sein Fokus bleibt auf dem warmen Haus hinter ihnen.
Mikey denkt: Sie haben Leute. Gut.
Mikey denkt: Und Lia hat Mochi. Und mich… vielleicht bald.
Am Ende der Straße trennen sie sich.
Chifuyu geht noch ein Stück in Richtung Lisa-Haus — nicht als „ich geh zu ihr“, sondern weil es der Weg ist, und weil er unbewusst langsamer wird, als er an dem Haus vorbeikommt. Er schaut nicht rein. Er respektiert Abstand.
Kazutora geht Richtung Laura-Haus, aber hält Abstand, bleibt auf der anderen Straßenseite. Er guckt kurz zu dem einen Licht, dann weg.
Mikey bleibt mitten auf der Straße stehen, schaut nochmal zurück.
Ich will wieder rein.
Nicht wegen Essen. Nicht wegen Plan. Wegen ihr.
Er dreht sich um und geht.
Seine Schritte sind ruhig, aber in seinem Kopf ist es laut.
Sie ist extrem attraktiv. Und sie weiß es wahrscheinlich nicht mal.
Sie hat die Dunkelheit gesehen, ohne zu zucken.
Wenn ich sie an mich ziehe… wird sie nicht kaputt gehen. Sie ist stark. Aber sie will Nähe. Das passt.
Er schiebt die Hände in die Taschen, atmet einmal tief aus.
Samstag zehn.
Dann frage ich nach der Nummer.
Und wenn sie sie mir gibt, heißt das: Ich darf in ihren Alltag.
Freitagabend
Runterkommen
Der Freitag zieht sich wie Kaugummi. Lia ist wieder im Modus: Kittel, klare Stimme, Entscheidungen, Verantwortung. Sie arbeitet sauber durch, als hätte sie keine Nacht gehabt, in der plötzlich ein „Samstag 10 Uhr“ im Kalender steht wie etwas, das nicht zur Klinik gehört.
Zwischen zwei Visiten denkt sie einmal an Mochi, prüft kurz die Uhr, schiebt den Gedanken wieder weg. Heute nur noch durchhalten. Dann Urlaub. Ihr Schritt bleibt gleichmäßig, ihr Blick klar, und trotzdem sitzt dieses leise Ziehen unter dem Brustbein, das sie nicht benennen will.
Als der Dienstwechsel kommt, macht Lia das, was sie immer macht: Übergabe wie ein Schnitt. Kurz, präzise, keine Lücken. Ditoj fängt sie am Ende noch ab, weil er ihren Blick kennt, wenn sie schon halb zu Hause ist, während sie noch im Flur steht.
„Du gehst pünktlich“, sagt er, nicht als Bitte, sondern als Feststellung.
„Ich gehe pünktlich“, bestätigt Lia, und das kleine Lächeln, das sie ihm schenkt, ist mehr Erlaubnis als Witz. Sie checkt noch einmal, ob alles abgedeckt ist, ob die Nummern stimmen, ob niemand „nur kurz“ noch etwas von ihr will — dann hängt sie den Kittel weg, als würde sie damit den ganzen Tag an einen Haken hängen.
Draußen ist es kalt genug, dass die Luft den Kopf freimacht. Der Camaro steht da wie ein Farbfleck in der Dämmerung, gelb-schwarz zwischen grauen Autos, und als Lia einsteigt, wirkt es fast so, als würde sie erst jetzt wieder atmen. Sie fährt ruhig, ohne Musik, nur mit dem Summen der Straße und diesem einen Gedanken, der immer wieder anklopft: Samstag. Zehn.
Zu Hause empfängt sie das warme Leuchten, das ihre Schwestern so lieben: Holz, Glas, Pflanzen, ein Haus, das nicht laut ist. Sie zieht die Schuhe aus, hängt die Jacke auf, und bevor sie irgendwas anderes tut, geht sie in den Nebenraum.
Mochi liegt eingerollt, das Bein ruhig gelagert, die Decke ordentlich, als hätte Lia sie schon dreimal zurechtgerückt und jedes Mal gedacht: So bleibt’s sicher. Lia kniet sich hin, prüft die Wärme, die Atmung, den Verbandrand. Keine Hektik, nur Routine. „Hey“, flüstert sie, mehr Beruhigung für sich als fürs Tier. Mochi blinzelt langsam.
In der Küche macht Lia sich etwas Kleines, das nicht diskutiert werden muss: Suppe oder Brot, irgendwas Warmes, das den Magen überzeugt, dass sie noch da ist. Sie trinkt Wasser, weil ihr Körper das braucht, nicht weil sie Durst hat, und sie stellt sich die Dinge für morgen in den Kopf wie eine Liste: Medikamente, Ruhe, kein Trubel.
Dann duscht sie. Heiß genug, dass die Schultern nachgeben. Sie zieht sich um, nicht hübsch, sondern weich: Hoodie, Leggings, Haare hoch, Gesicht sauber. Sie bleibt einen Moment vor dem Spiegel stehen, nicht eitel — nur prüfend, wie nach einer Schicht im OP. Okay. Noch ganz.
Im Wohnzimmer klappt sie das Buch auf, genau an der Stelle, an der sie gestern aufgehört hat. Lesen ist bei ihr kein Hobby, sondern ein Schalter. Ein paar Seiten lang wird der Kopf leiser, die Klinik rückt weg, und ihre Hände hören auf, nach Aufgaben zu suchen.
Nach zehn Minuten merkt sie, dass sie denselben Absatz zweimal gelesen hat. Sie legt den Finger ins Buch, schaut ins Leere, und da ist sie wieder, diese kleine Lücke, die heute nicht gefüllt wird: keine Nachrichten, keine Nummern, kein Ping. Ist okay. Es muss nicht immer sofort alles einen Namen haben.
Lia steht auf, holt das Notizbuch, das inzwischen mehr Planung kann als manche Menschen. Sie schreibt drei Zeilen: „Samstag 10: Frühstück“, „Werkzeug/Material“, „leise Sachen (Filzgleiter, Kabelbinder)“. Dann setzt sie einen Haken hinter „Mochi-Ruhezone“ und merkt erst dabei, wie sehr sie sich darauf verlässt, dass andere morgen mitdenken.
Bevor sie wieder ins Buch zurückfindet, geht sie noch einmal zu Mochi, nur kurz, nur ein Blick. Das Nachtlicht zeichnet Konturen, und Lia bleibt im Türrahmen stehen, als wäre das ihr persönliches „Alles unter Kontrolle“. „Gute Nacht“, flüstert sie.
Zurück im Wohnzimmer setzt sie sich wieder, liest weiter, diesmal langsamer. Die Müdigkeit kommt nicht wie ein Zusammenbruch, eher wie ein Gewicht, das sich auf ihre Augen legt. Sie kämpft nicht dagegen, nur gegen die falsche Art von Einschlafen — die, bei der man halb im Sitzen bleibt und am nächsten Morgen alles wehtut.
Am Ende klappt sie das Buch zu, stellt es ordentlich hin, als würde Ordnung den Schlaf leichter machen. Handy liegt stumm neben der Tasse. Keine neue Nachricht. Natürlich nicht. Sie schaltet das Licht runter, nimmt sich vor, wirklich zu schlafen, richtig zu schlafen, und im letzten klaren Moment denkt sie nur: Morgen ist Urlaub. Und Samstag ist fix.
Freitag in der Werkstatt
Routine
Mikey arbeitet auch. Und zwar so, wie Mikey arbeitet: ruhig, effektiv, ohne viel Worte.
Er ist tagsüber in seinem eigenen Laden/Workshop (in deinem AU z. B. eine legitime Werkstatt/Custom-Garage + „kleines Büro“ für Orga). Kein Gang-Showroom. Eher: Ort, an dem alles läuft, weil er da ist.
Er kommt morgens rein, prüft kurz, was offen ist, und setzt sich nicht lange hin.
Mikey denkt: Freitag. Lia arbeitet. Samstag zehn.
Er spricht wenig, aber alle hören, wenn er was sagt. Er delegiert:
-
Teile, Lieferungen, Termine
-
wer welche Karre abholt
-
wer Samstag frei bekommt (weil er Samstag frei ist)
Nicht offiziell. Aber es passiert.
Draken sieht Mikey kurz aufs Handy schauen (ohne Nachricht).
„Du wartest auf jemanden?“
Mikey: „Samstag hab ich was.“
Draken: „Ein ‘was’ oder eine Person?“
Mikey schaut kurz weg, dann: „Eine Person.“
Mehr sagt er nicht sofort.
Mikey denkt: Wenn ich ihren Namen sage, wird’s real. Und es ist schon real.
Draken lässt es stehen, weil er Mikey kennt. Dann, nach ein paar Minuten, kommt trotzdem:
„Ist sie gut für dich?“
Mikey antwortet nach einem Beat: „Sie ist… stabil.“
Draken nickt nur. „Dann pass auf, dass du das nicht kaputt machst.“
Mikey: „Ja.“
Mikey denkt: Ich kaputt mache nur, was mich nicht hält. Sie hält. Das ist der Punkt.
Die Straße ist ruhig, als Mikey nach Hause geht. Keine Eile. Keine Musik. Nur Schritte und kalte Luft.
Er denkt nicht in romantischen Sätzen. Er denkt in klaren Bildern.
Ihre Stimme, als sie „Samstag. Zehn.“ gesagt hat.
Wie sie leise wird, wenn sie bei Mochi ist.
Wie sie mich neben sich stehen lässt, ohne dass sie dichter wird.
Sie ist extrem attraktiv.
Und sie will Nähe. Ich will auch.
Er bleibt kurz stehen, atmet aus.
Ich darf sie nicht überfallen. Ich darf nur bleiben.
Wenn sie mich lässt, klebe ich. Wenn nicht, halte ich Abstand.
Zu Hause ist es stiller als draußen. Er zieht die Schuhe aus, setzt sich nicht mal richtig hin. Sein Blick geht ins Leere.
Sie hat vier freie Zimmer.
Und trotzdem baut sie für eine Katze ein Zuhause.
Das ist Loyalität. Das ist Familie.
Das ist der Punkt, wo ich bleibe.
Er schläft irgendwann ein. Nicht weil sein Kopf ruhig ist — sondern weil er beschlossen hat: Samstag kommt.
Samstag zehn
Mochi
Der Morgen ist still. Nicht leer — nur ruhig genug, dass Lia atmen kann.
Mochi schläft noch. Das Haus hält den Ton leise, als wäre das eine ungeschriebene Regel.
Lia steht barfuß im Wohnzimmer, Handy in der Hand, Kopfhörer drin. Techno, treibend, sauber. Nicht laut. Nur für sie. So, dass niemand es hört. So, dass niemand es bewertet.
Sie räumt den Teppich minimal zur Seite, prüft kurz den Boden — dann fängt sie an.
Shuffle. Präzise Schritte. Kontrolle. Flow.
Kein Show-Tanzen. Kein „guck mal“. Eher: Ich bin wieder in meinem Körper.
Sie ist gerade mitten in einer Sequenz, als draußen ein Auto leise hält.
Mikey steht vor dem Haus. Schwarze Haare, Jacke, ruhige Präsenz. Er war früh losgegangen, weil er das so macht, wenn etwas fix ist. Und als er zur Tür kommt, hört er… fast nichts. Nur ein ganz feines Geräusch von Bewegung über Boden. Kein Musikbass, nur Rhythmus.
Er hält kurz inne.
Mikey denkt: Was macht sie da?
Er klingelt einmal. Nicht laut. Nicht drängend.
Drinnen friert Lia für einen Herzschlag ein. Reflex: Kopfhörer raus, Musik aus, Teppich zurück. Ein Handgriff, als würde sie einen Geheimraum schließen.
Sie öffnet die Tür.
Mikey steht da. Zu früh. Natürlich.
„Du bist früh“, sagt Lia.
„Ja“, sagt Mikey.
Mikey denkt: Sie ist ein bisschen außer Atem. Ihre Wangen sind warm. Sie war in Bewegung.
Lia tritt zur Seite. „Komm rein.“
Mikey zieht die Schuhe aus, stellt sie ordentlich hin. Sein Blick bleibt ruhig, aber er schaut sie einen Tick länger an als nötig.
„Was hast du gemacht?“ fragt er, nicht neugierig wie ein Kind, sondern ruhig, direkt.
Lia blinzelt. Erwischter Moment. Sie könnte ausweichen — tut sie aber nicht.
„Getanzt“, sagt sie schlicht.
Mikeys Mundwinkel zucken minimal.
Mikey denkt: Natürlich. Sie hat etwas Eigenes. Etwas, das sie nur für sich macht.
„Was für ein Tanz?“ fragt er.
Lia nimmt ihm die Frage nicht übel. „Shuffle.“
Mikey nickt, als hätte das Sinn. „Machst du das oft?“
„Ja.“ Lia dreht sich Richtung Küche. „Aber nicht… so, dass Leute es unbedingt sehen.“
Mikey folgt ihr, nah, aber nicht klebend.
Mikey denkt: Sie schützt Dinge, die ihr gehören. Ich respektiere das.
Er bleibt kurz stehen, als sie den Kaffee ansetzt.
„Du tanzt in Clubs?“
„Manchmal“, sagt Lia. Dann, trocken: „In Gegenden, wo keiner mich kennt.“
Mikey schaut sie an.
Mikey denkt: Sie geht dahin, wo sie frei ist. Nicht weil sie flieht. Weil sie atmen will.
Er sagt nur: „Okay.“
Kein Urteil. Kein Kommentar. Einfach akzeptiert.
Und Lia spürt das.
Sie blickt kurz zu ihm, als würde sie prüfen, ob er’s wirklich so meint. Mikey steht einfach da, ruhig.
Dann sagt Lia: „Ich mach Frühstück. Es dauert noch ein bisschen. Die anderen kommen um zehn.“
Mikey nickt. „Ich weiß.“
Sie schauen kurz auf die Uhr. Noch Zeit. Nicht viel. Aber genug.
Lia geht in den Küchenmodus. Pfanne. Teller. Zutaten. Alles sitzt.
Mikey bleibt an der Kücheninsel stehen. „Soll ich helfen?“
Lia schaut kurz hoch. „Nur leise.“
„Ich bin leise“, sagt Mikey.
Sie schiebt ihm ein Brett hin. Mikey schneidet, ruhig, konzentriert.
Ein paar Minuten vergehen. Die Nähe passiert nicht als Sprung, sondern als Schwerkraft: Mikey ist irgendwann in Reichweite, weil die Küche klein ist und Lia sich bewegt. Er drängt nicht. Er weicht nicht. Er bleibt.
Mikey denkt: Wenn sie’s nicht will, geht sie weg. Wenn sie bleibt… ist Nähe okay.
Lia bleibt.
Sie greift nach einer Tasse, Mikey reicht sie ihr. Seine Finger streifen kurz ihren Handrücken. Ein winziger Kontakt.
Lia atmet ruhig aus. Kein Zurückzucken.
Mikey denkt: Okay.
Er testet Nähe auf Mikey-Art: ein halber Herzschlag Stirn an ihr Haar am Hinterkopf, kaum Druck — dann wieder normal. Kein Griff, keine Umarmung.
Mikey denkt: Nicht mehr. Lass sie entscheiden.
Lia murmelt, ohne sich umzudrehen: „Du klebst.“
„Ja“, sagt Mikey.
Und Lia… wirkt nicht genervt. Nur ruhig. Als würde sie genau das wollen.
„Dann kleb leise“, sagt sie.
Mikeys Mundwinkel zucken.
Mikey denkt: Sie erlaubt es. Das ist alles.
Sie stellt das Frühstück hin. Es riecht brutal gut, wie immer bei Lia. Warm, perfekt.
Noch bevor sie sich setzen, fragt Mikey leise, direkt, in einem Moment, wo sie beide die Hände frei haben:
„Gibst du mir deine Nummer?“
Lia schaut ihn an. Offen. Echt.
Ein Atemzug
Dann nickt sie. „Ja.“
Mikey denkt: Jetzt bin ich nicht nur Samstag. Jetzt bin ich Alltag.
Sie tauschen Nummern, ruhig, ohne großes Ding.
Und genau in dem Moment klingelt es draußen — fast zehn. Die anderen sind da.
Lia schaltet um, wischt sich die Hände ab, blickt Mikey kurz an.
Nicht romantisch. Nur: Okay. Wir sind bereit.
Und Mikey bleibt genau da, nah genug, dass sie ihn spürt.
Mikey denkt: Sie hat etwas, das sie nur für sich macht.
Mikey denkt: Und sie hat mich reingelassen. Ein bisschen.
Mikey denkt: Ich bleibe.
Es klingelt um Punkt zehn.
Lia wischt sich die Hände an der Schürze ab, stellt noch schnell eine Tasse beiseite und geht zur Tür. Mikey bleibt in der Küche stehen, genau dort, wo er eben war — als wäre das sein Platz geworden.
Mikey denkt: Nicht zurückweichen. Nicht vorpreschen. Einfach da bleiben.
Lia öffnet.
Lisa steht vorne, sofort mit diesem „Guten Morgen“-Lächeln, das eigentlich zu groß für die Uhrzeit ist. Laura daneben, ruhig, wach, als hätte sie die Liste im Kopf schon sortiert. Dahinter Chifuyu und Kazutora.
„Es riecht brutal“, sagt Lisa leise und grinst.
„Ist es auch“, sagt Lia trocken und tritt zur Seite. „Schuhe aus. Und leise. Mochi schläft.“
Chifuyu nickt sofort. „Okay.“
Kazutora brummt: „Mhm.“
Alle ziehen die Schuhe aus, stellen sie ordentlich hin — sogar Kazutora. Mikey registriert das und muss innerlich kurz schmunzeln.
Mikey denkt: Sie wirken hier automatisch besser. Das Haus macht das.
Lisa schaut kurz Richtung Küche — und sieht Mikey. Ein winziger Beat, dann grinst sie noch breiter, als hätte sie was verstanden, ohne dass jemand es ausgesprochen hat.
Laura sagt nichts. Sie sieht nur Lia an, ganz kurz, und in dem Blick liegt: Alles gut? Lia nickt minimal. Reicht.
Sie setzen sich nur kurz, damit es nicht kalt wird. Lia stellt Teller hin, und innerhalb von zwei Minuten ist klar: Es ist unfair, wie gut das schmeckt.
Chifuyu nimmt einen Bissen und schaut Lia ehrlich an. „Wow.“
Lisa lacht leise. „Sag ich doch.“
Kazutora isst still, aber er isst. Laura trinkt einen Schluck Kaffee und wirkt, als wäre das ihr „Start“-Knopf.
Mikey isst ruhig, Blick immer wieder zu Lia.
Mikey denkt: Sie hat gekocht, ohne Stress. Und sie hat mich dabei gelassen.
Mikey denkt: Das war… nah. Gut.
Lia stellt die Tassen ab. „Okay. Plan.“
Sie gehen nach oben. Laura nimmt sofort das Maßband, als hätte es ihr gehört. Sie misst Türbreite, Wandlänge, Steckdosen.
„Tür ist schmaler als gedacht“, sagt Laura ruhig.
Kazutora steht daneben, hält das Bandende, rollt es exakt auf. „Kratzbaum muss in Teilen hoch.“
„Ja“, sagt Lia. „Oder wir nehmen ihn über den Balkon.“
Lisa reißt die Augen auf. „Über den Balkon?!“
Chifuyu schaut sofort zum Geländer. „Das… ist möglich.“
Mikey sagt nichts, aber sein Blick geht kurz zum Balkon und wieder zurück.
Mikey denkt: Natürlich ist das möglich. Das ist sogar einfacher. Solange niemand dumm wird.
Laura notiert. Lisa beugt sich über die Skizze, zeigt auf die Spiel-Ecke. „Hier kommt die Kuschelecke hin. Und hier Spielzeug. Und hier—“
„Nicht zu viel“, sagt Lia ruhig. „Sie soll Ruhe haben.“
Lisa macht ein Gesicht. „Du bist so streng.“
„Ich bin Mama“, sagt Lia trocken.
Chifuyu lacht leise. Lisa auch. Laura seufzt minimal, aber da ist Humor.
Kazutora murmelt: „Mama.“
Mikeys Mundwinkel zucken.
Mikey denkt: Sie sagt das ohne Scham. Stark.
Unten, im Flur, steht der Karton mit dem Kratzbaum. Lisa reißt ihn auf wie Weihnachten.
„Okay, das ist easy.“
Fünf Minuten später hält sie ein Teil in der Hand, das offensichtlich nicht dort hingehört, und starrt es an, als hätte es sie verraten.
„Warum… sieht das aus wie ein Tischbein?“
Chifuyu nimmt die Anleitung, dreht sie einmal, zweimal, und sein Gesicht sagt: Oh nein.
„Das ist…“, er räuspert sich, „Teil C. Also… eigentlich Teil F. Aber hier steht C.“
Lisa stöhnt leise. „Ich hasse Anleitungen.“
Laura nimmt sie, schaut drei Sekunden drauf, völlig ruhig. „Die Seiten sind vertauscht.“
Kazutora brummt, fast genervt: „Natürlich.“
Lia lacht kurz — echt. „Okay. Neu.“
Mikey nimmt wortlos den Karton, kippt ihn so, dass alle Teile sauber sichtbar sind.
Mikey denkt: Keiner wird laut. Gut. Ich mag das.
Chifuyu und Lisa knien nebeneinander, sortieren Schrauben. Ihre Köpfe sind nah, ohne dass es sich peinlich anfühlt. Chifuyu reicht ihr eine Schraube, Lisa nimmt sie, Finger berühren sich kurz.
Lisa sagt leise: „Danke.“
Chifuyu: „Ja.“
Und beide tun so, als wäre nichts passiert — aber es war was.
Laura misst derweil schon den Platz im Zimmer aus. Kazutora trägt Bretter hoch, als wären sie Federgewicht. Kein Wort. Nur Arbeit.
Lia steht im Türrahmen zum Katzenzimmer, Skizze in der Hand, und teilt Aufgaben zu. Sie wirkt ruhig, aber wach, als würde sie alles gleichzeitig sehen.
Mikey bleibt nah bei ihr — 40–60 cm, seitlich. Er berührt sie nicht, aber er ist da, wie ein stiller Schatten.
Mikey denkt: Sie organisiert. Ich entlaste. So ist es richtig.
Lia zeigt auf die Wand. „Da kommt später die Kletterwand. Nicht jetzt. Erst wenn sie springen darf.“
Mikey nickt. „Okay.“
„Und der Kratzbaum kommt hier.“
Mikey schaut den Punkt an, dann den Kratzbaum-Karton. „Ich mach.“
Lia schaut kurz zu ihm. Ein Hauch von Lächeln. Kein Flirt, nur Anerkennung.
Mikey denkt: Sie sieht mich. Und sie lässt mich.
Er hebt den schweren Teil hoch, trägt ihn, als wäre es nichts. Lia macht keinen Kommentar über Stärke — sie ist selbst stark. Sie nimmt es einfach als selbstverständlich an, und das ist für Mikey fast intimer als ein Kompliment.
Kazutora trägt ein langes Brett die Treppe hoch, dreht sich minimal — und bleibt mit dem Ende am Türrahmen hängen. Nicht schlimm, aber es macht dieses dumpfe „tok“.
Alle frieren ein.
Lia flüstert sofort: „Leise.“
Kazutora hält inne, als wäre er ertappt. „…Ja.“
Lisa presst die Hand vor den Mund, damit sie nicht laut lacht. Chifuyu zittert vor unterdrücktem Lachen. Laura schaut Kazutora nur an.
„Du bist größer als die Tür“, sagt sie ruhig.
Kazutora blinzelt. „Hmpf.“
Mikeys Mundwinkel zucken.
Mikey denkt: Er hat’s nicht mal absichtlich gemacht. Gut. Trotzdem lustig.
Kazutora dreht das Brett in einem perfekten Winkel durch die Tür, als wäre es jetzt eine persönliche Mission. Laura nickt minimal. Chifuyu und Lisa kichern leise, als wären sie 16.
Nach einer Stunde sieht man schon Form:
-
weiche Decke in der Kuschelecke
-
Wasser und Futter an der richtigen Stelle
-
Kratzbaum in der Mitte (endlich!)
-
Spielzeug in einer kleinen Box, nicht überall
-
der Raum wirkt ruhig, nicht überladen
Lia steht in der Tür, schaut rein, und man merkt: sie ist glücklich. Nicht laut. Aber echt.
Mikey denkt: Das ist ihr Zuhause. Sie baut es nicht für sich. Sie baut es für Liebe.
Mikey denkt: Genau deshalb liebe ich sie so tief, wenn es soweit ist.
Lia dreht sich zu Mikey. „Danke.“
Mikey antwortet nicht groß. Er tritt einen halben Schritt näher — nicht übergriffig, einfach näher, weil es passt. 20–30 cm.
Mikey denkt: Jetzt. Nur kurz. Nähe.
Er berührt sie nicht. Er bleibt nur da, so nah, dass sie ihn fühlt.
Und Lia bleibt auch. Kein Ausweichen. Kein Abstand.
Lisa ruft leise aus dem Raum: „Okay, das ist jetzt wirklich süß!“
Laura: „Lisa.“
Chifuyu lacht leise. Kazutora schnaubt.
Und Lia… lächelt. Ganz klein.
„Okay“, sagt sie. „Pause. Dann machen wir unten weiter.“
Als wäre sie gerufen worden, kommt aus dem Nebenraum ein leises Rascheln.
Alle erstarren gleichzeitig.
Lia hebt sofort den Finger an die Lippen. „Shh.“
Lisa hält sich schon die Hand vor den Mund, als wäre das Kichern eine Naturkatastrophe. Chifuyu bleibt mitten in der Bewegung stehen, Schraube zwischen zwei Fingern. Kazutora friert ein, Brett in der Hand. Laura senkt den Blick, ruhig, damit der Raum nicht „groß“ wird.
Mikey bewegt sich gar nicht.
Mikey denkt: Wenn ich jetzt irgendwas mache, stört es. Also nichts.
Dann erscheint Mochi im Türrahmen.
Langsam. Wacklig. Das geschiente Bein wird vorsichtig nachgezogen. Ihre Augen sind halb müde, aber neugierig genug, dass sie trotzdem kommt. Sie blinzelt einmal — dieses „Wo bin ich?“ — und schaut in den Raum, der gerade für sie entstanden ist.
Lia kniet sich sofort hin, ohne Hektik. Ihre Stimme ist kaum ein Flüstern.
„Hey“, sagt sie. „Ganz langsam.“
Mochi macht ein kleines, heiseres Miau. Mehr Luft als Ton.
Lisa schmilzt sichtbar. Sie starrt, als würde sie gleich weinen und lachen gleichzeitig. Chifuyu ist so still, dass man merkt: Er will auf keinen Fall der sein, der das zerstört.
Kazutora schaut weg — aber nicht, weil er’s egal findet. Eher, weil es zu viel fühlt. Laura bleibt ruhig neben ihm, sagt nichts, und genau dadurch kann er bleiben.
Mikey schaut auf Lia und die Katze.
Mikey denkt: Sie kniet sofort. Sie wird weich für etwas Kleines. Das ist… selten schön.
Mochi macht zwei kleine Schritte in den Raum, bleibt stehen und schnuppert. Erst an der Decke. Dann an der Spielzeugbox. Dann am Kratzbaum, als würde sie prüfen: Ist das wirklich für mich?
Lia lächelt, ganz klein.
„Siehst du“, flüstert sie. „Das ist jetzt deins.“
Mochi blinzelt langsam, dann schnuppert sie an Lias Fingern. Lia berührt sie nicht sofort. Sie bietet nur die Hand an. Mochi drückt den Kopf minimal dagegen.
Lisa atmet geräuschlos ein. Chifuyu schließt kurz die Augen, als hätte ihn das in der Brust getroffen.
Chifuyu denkt (sparsam): Das ist Zuhause.
Mikey denkt: Sie ist Mama für eine Katze. Und ich will das nicht lächerlich finden. Ich finde es richtig.
Lia beugt sich einen Tick näher, ganz leise, sodass es wirklich für Mochi ist, nicht für die anderen.
„Du bist ein Familienmitglied“, sagt sie. „Und ich bin deine Mama.“
Mochi miaut wieder leise, dann setzt sie sich — ganz vorsichtig — mitten auf die Decke, als hätte sie entschieden: Okay. Ich akzeptiere.
Lisa presst die Lippen zusammen, damit sie nicht quietscht. Laura legt ihr kurz eine Hand auf den Arm, nur um sie zu bremsen. Lisa nickt hektisch.
Kazutora murmelt, so leise, dass es fast keiner hört: „…Okay.“
Und das ist bei ihm ein riesiges Wort.
Leise Hilfe
Kontakt
„Okay“, flüstert Lia, „wir lassen sie jetzt. Noch kein Trubel.“
Alle nicken.
Sie bewegen sich wie ein Team, das plötzlich gelernt hat, wie leise man sein kann:
-
Laura klebt Filzgleiter unter eine kleine Kiste, damit nichts kratzt
-
Chifuyu sammelt Verpackungen ein, knüllt sie nicht, faltet sie leise
-
Lisa stellt das Spielzeug so hin, dass es nicht überall rumliegt
-
Kazutora trägt die übrig gebliebenen Bretter runter, ohne an Türrahmen zu stoßen (diesmal)
-
Mikey nimmt den Karton vom Kratzbaum und stellt ihn weg, als wäre er nie da gewesen
Mikey bleibt dabei in Lias Nähe, ohne sie zu stören.
Mikey denkt: Sie will Ruhe. Also mache ich Ruhe.
Unten im Wohnzimmer wird der Rest sortiert: Werkzeug in eine Ecke, Müll weg, Maßband eingerollt, Notizen ordentlich aufeinander.
Laura schaut auf die Uhr. „Wir sind gut.“
Lisa seufzt zufrieden. „Das sieht so schön aus.“
Chifuyu nickt leise. „Ja.“
Kazutora brummt zustimmend. „Mhm.“
Lia steht kurz still und schaut Richtung Treppe, als würde sie hören, ob Mochi wieder eingeschlafen ist. Dann atmet sie aus.
„Danke“, sagt sie ruhig. „Das… ist wirklich perfekt.“
Langsam löst es sich auf: Jacken, Schuhe, leise Abschiede. Lisa und Laura gehen nach links und rechts rüber, fast hinter dem Haus entlang. Chifuyu folgt Lisa noch ein Stück bis zum Weg und bleibt dann stehen, als würde er nicht wissen, ob er schon gehen will.
Kazutora geht mit Laura in Richtung ihres Hauses, ein paar Schritte nebeneinander, ohne Worte.
Im Flur bleiben Lia und Mikey einen Moment allein.
Nur das warme Licht, das leise Haus, das Wissen, dass oben eine Katze in einem neuen Zimmer liegt.
Mikey steht nah. 30–40 cm, seitlich. Er schaut Lia an, ruhig.
Mikey denkt: Jetzt ist es ruhig. Jetzt kann ich Nähe geben, ohne zu stören.
Lia wirkt müde, aber zufrieden. Ihre Augen sind weich. Und sie steht nicht im „Chef“-Modus, sondern einfach nur da.
Mikey hebt langsam die Hand — nicht an ihr Gesicht, nicht zu intim — sondern legt sie kurz an ihren unteren Rücken, über dem Stoff, ganz leicht. Ein Kontakt, der mehr „ich bin da“ ist als „ich nehme“.
Er hält sie eine Sekunde. Dann lässt er wieder los.
Lia atmet aus, und es ist eindeutig: Sie wollte das.
Sie schaut ihn an und wird ganz leicht rot.
„Du bist… leise anhänglich“, murmelt sie.
Mikeys Mundwinkel zucken. „Ja.“
Mikey denkt: Sie lässt mich. Das ist alles.
Dann sagt Mikey ruhig, als wäre es das Normalste der Welt:
„Schreib mir, wenn Mochi was braucht.“
Lia blinzelt kurz, dann erinnert sie sich — sie haben ja jetzt Nummern. Sie nickt. „Mach ich.“
Mikey bleibt noch einen Beat stehen, nah genug, dass sie ihn spürt. Nicht länger, als er darf.
Dann dreht er sich um und geht.
Und Lia schließt die Tür leise, schaut nochmal Richtung Treppe und lächelt.
Oben ist es ruhig.
Und das ist gerade das schönste Geräusch der Welt.
Mikey danach
Bleiben
Mikey geht allein die Einfahrt runter. Der Kies knirscht leise unter seinen Schuhen, der Morgen ist hell, aber kalt genug, dass der Atem sichtbar ist. Hinter ihm bleibt das Haus warm.
Er schaut nicht lange zurück. Nur einen kurzen Blick zur Glasfront, wo das Licht anders wirkt als draußen.
Sie hat ein Zuhause gebaut. Und ich war drin.
Nicht als Gast. Als jemand, der helfen darf.
Er steckt die Hände in die Taschen. Das Handy liegt schwer darin, obwohl es kaum Gewicht hat.
Die Nummer ist da. Das heißt: Ich kann.
Das heißt nicht: Ich muss.
Ich benutze das nur, wenn es Sinn macht.
Er geht weiter. Kein Tempo, das flieht. Kein Tempo, das drängt. Ruhig.
Vor seinem Auto bleibt er kurz stehen, als würde er noch einmal den ganzen Vormittag sortieren.
Sie hat gekocht. Sie hat getanzt. Heimlich.
Sie ist stark. Und sie hat etwas, das nur ihr gehört.
Ich will das nicht nehmen. Ich will, dass sie es behält.
Ein Bild kommt ihm wieder: Lia in der Küche, der winzige Moment, in dem sie nicht weggeht, als er nah hinter ihr steht. Nicht, weil sie muss. Weil sie will.
Sie will Nähe.
Ich auch.
Und wenn wir das falsch machen, wird’s gefährlich.
Also mache ich’s ruhig.
Er denkt an seine Dunkelheit, wie sie manchmal einfach da ist, ohne Anlass. Und daran, wie Lia nicht gezuckt hat, als sie ihn angesehen hat. Als hätte sie entschieden: Ich sehe dich, und ich laufe nicht.
Wenn sie bleibt, muss ich besser werden.
Nicht für die Welt.
Für sie.
Er öffnet die Autotür, setzt sich rein, lässt den Motor noch aus. Nur sitzen.
Dann denkt er an Mochi, wie sie im Türrahmen stand, wacklig und tapfer. Und daran, wie Lia „Mama“ gesagt hat, ohne zu lachen, ohne sich zu verstecken.
Sie bindet sich mit Absicht.
Ich auch. Wenn ich’s tue.
Er startet den Motor. Das Geräusch ist kurz laut, dann wieder normal. Er fährt los, ohne Radio.
An der Ecke nimmt er das Handy raus, schaut auf den Kontakt. Nicht, um zu schreiben. Nur, um zu sehen, dass es real ist.
Ich schreibe nicht, weil ich nervös bin.
Ich schreibe, wenn es passt.
Er steckt es wieder weg.
Und während die Straße an ihm vorbeizieht, ist es kein romantisches Chaos in ihm — eher ein ruhiger, tiefer Satz, der sich wie eine Entscheidung anfühlt:
Ich komme wieder. Und ich bleibe.
Sonntagtraining
Disziplin
Der Morgen ist klar und kalt. Lia hat bereits umgezogen, Haare fest gebunden, Tasche über der Schulter. Bevor sie geht, sitzt sie kurz am Boden neben Mochis Zimmer, beobachtet, wie die Katze mit der Nase an der Spielzeugbox schnuppert und dann wieder müde in die Decke sinkt.
„Ich bin gleich wieder da“, murmelt Lia leise. Keine großen Worte. Nur echt.
Draußen steht Mikey bereits am Camaro, schwarzes Haar, ruhige Haltung, Sporttasche in der Hand. Nicht geschniegelt, nicht „ich will beeindrucken“. Einfach da.
Sie hat Platz gelassen. Also bin ich da. Und ich mach keinen Lärm daraus.
Lia öffnet, sieht ihn, und ihre Mundwinkel zucken.
„Du bist wirklich gekommen.“
„Ja“, sagt Mikey.
Sie steigen ein. Keine Musik. Nur Straße.
Im Auto wirft Lia ihm einen kurzen Blick zu, nicht prüfend, eher interessiert. „Du wolltest sehen, wie ich trainiere.“
„Ja.“
Mikey denkt: Und wie sie sich bewegt, wenn sie nicht trägt. Wenn sie frei ist.
Lia nickt. Mehr braucht es nicht. Sie fährt.
Die Halle ist schon wach.
Holzboden, matte Geräusche von Schritten, Stockspitzen, die kontrolliert aufsetzen. In der Mitte steht der Meister — nicht laut, aber sofort spürbar. Disziplin ohne Geschrei.
Auf der einen Seite trainieren sie mit Langstock: Linie, Distanz, Timing. Auf der anderen Seite laufen Entwaffnungsdrills: Handgelenk, Winkel, Hebel — kein Theater, nur saubere Abläufe.
Als Lia reinkommt, wird es nicht still, aber es verschiebt sich. Leute sehen sie. Manche grinsen schon.
„Lia ist da“, murmelt einer. „Heute versuchen wir’s wieder.“
Ein anderer lacht: „Diesmal packen wir sie.“
Lia reagiert nicht mit Spott. Sie nickt nur kurz, als wäre das ein normaler Trainingstag.
„Okay“, sagt sie ruhig.
Mikey bleibt einen Schritt hinter ihr, Blick ruhig über den Raum. Er scannt nicht nach Gefahr, sondern nach Struktur. Regeln. Hierarchie.
Mikey denkt: Das ist nicht Straße. Das ist Disziplin. Sie gehört hierher.
Der Meister tritt näher, Augen kurz auf Lia, dann auf Mikey.
„Wen hast du da mitgebracht?“
Lia dreht den Kopf. „Ein Bekannter.“
„Name?“ fragt der Meister, ohne Schärfe.
„Mikey.“
Der Meister mustert ihn einen Atemzug lang. Dann nickt er, als würde er entscheiden: Okay.
„Willst du heute mitmachen?“
Mikey antwortet nicht sofort. Er schaut nicht groß. Er sagt nur, ruhig:
„Wenn es passt.“
Mikey denkt: Ich spiel hier nicht den Boss. Ich respektiere den Raum.
Der Meister nickt. „Dann schauen wir zuerst, was du kannst.“
Lia holt ihren Langstock. Luk Dim Boon Gwun. Kein Schwingen für Show. Der Stock sitzt in ihrer Hand wie eine Linie.
Die Männer stehen schon bereit. Zehn insgesamt. Nicht alle gleichzeitig — eher hintereinander, manchmal zu zweit, manchmal zu dritt. Genau so, wie es realistisch Sinn macht.
„Okay“, sagt Lia noch einmal, sachlich. Und geht an ihre Position.
Der Erste kommt rein — zu schnell, zu direkt. Lia tritt minimal aus der Linie, der Stock schließt den Zugang, ein kontrollierter Stop auf Unterarm/Hände, dann ein Winkelwechsel. Der Mann verliert Balance, landet am Boden, bevor er merkt, dass er schon raus ist.
Mikey denkt: Sie arbeitet nicht gegen Kraft. Sie arbeitet gegen Linie. Kaum Fehler.
Der Zweite versucht es über Seite. Lia „stackt“ die Position, so dass er nicht um sie herum kommt. Der Stock diktiert Distanz, Lia bleibt ruhig, nimmt Raum weg, nicht den Menschen.
Der Dritte und Vierte kommen zu zweit. Einer will rein, der andere flankieren.
Lia bewegt sich so, dass einer blockiert wird durch den anderen. Ein Schritt, ein Dreh, Stockspitze auf Schienbein/Knie als Stop, der erste knickt weg, der zweite rutscht in den falschen Winkel und findet plötzlich Boden.
Es ist nicht brutal. Es ist effizient. Ein Ende nach dem anderen.
Die Männer lachen irgendwann nicht mehr. Nicht beleidigt — eher außer Atem und ernst.
„Noch mal!“ ruft einer, der aufsteht und gleich wieder rein will.
„Okay“, sagt Lia.
Mikey denkt: Sie ist ruhig, selbst wenn alle schauen. Das ist Führung.
Ein stärkerer im Raum tritt vor. Schultern breit, Timing besser.
Lia bleibt gleich. Kein Ego.
Er kommt explosiv, will ihren Rhythmus brechen. Lia geht minimal aus der Linie, nimmt Kontakt, leitet um. Der Stock bleibt zwischen ihnen wie ein Gesetz. Sie drückt nicht, sie lenkt. Er verliert die Mitte, Lia nimmt seinen Winkel, und dann liegt er. Nicht verletzt. Aber klar: raus.
Stille.
Dann ein paar schwere Atemzüge.
Lia schaut zu ihnen, ohne Spott. Ihre Stimme bleibt ruhig, aber hart genug, dass es hängen bleibt.
„Ihr müsst noch viel üben.“ Sie tippt mit dem Stock ganz leicht auf den Boden. „Wie wollt ihr denn mal eure Frau schützen, wenn ihr so reinrennt?“
Der Meister lacht — kurz, zufrieden.
Ein paar Männer stöhnen, einer murmelt: „Aua…“
Der Meister wendet sich Mikey zu. „Und du? Was kannst du?“
Mikey steht ruhig. Keine Pose.
„Kämpfen“, sagt er.
Ein paar Blicke gehen zu ihm. Interesse. Skepsis. Respekt.
Der Meister nickt. „Gegen sie versuchen?“
Lia ist gerade noch mit einem Partner in einem kurzen Drill — sie hört es, aber sie dreht sich nicht sofort um. Erst als sie den Partner sauber beendet und der Mann zurücktritt.
Dann schaut Lia rüber.
Sie sieht Mikey. Sie sieht seine Haltung. Wie ruhig er ist. Und sie will, ohne es zuzugeben, wissen, wie er sich bewegt.
Mikey denkt: Sie schaut. Sie will lesen. Das ist gut. Ich will auch lesen.
Der Meister hebt die Hand. „Regeln.“
Er zählt ohne Theater auf, klar und knapp:
„Nichts am Kopf. Nichts in die Weichteile. Nichts am Hals. Kein Ernst. Erst langsam. Ich will Kontrolle sehen.“
Mikey nickt einmal. „Okay.“
Der Meister deutet auf eine Puppe/Sandsack-Station. „Erst da. Zeig mir deine Bewegung.“
Mikey stellt sich hin. Kein Aufwärm-Show. Ein Atemzug. Dann ein kurzer, sauberer Schlag. Noch einer. Fußarbeit minimal, aber exakt. Nicht wild. Effektiv.
Die Puppe wackelt deutlich.
Im Raum wird es stiller.
Mikey denkt: Nicht zeigen. Nur sein.
Lia beobachtet. Nicht fasziniert wie ein Fan — eher wie eine Chirurgin, die eine Hand bewertet.
Lia denkt (sparsam): Explosiv. Andere Kapitel. Nicht nur Technik. Timing ist gefährlich.
Sie sagt leise, mehr zu sich: „Ich könnte ausweichen… aber nicht die ganze Zeit.“
Mikey hört das nicht wirklich. Oder doch — er nimmt es auf, aber macht kein Ding draus.
Mikey denkt: Sie unterschätzt sich nicht. Gut.
Der Meister nickt. „Gut. Jetzt langsam.“
Mikey und Lia stehen sich gegenüber.
Mikey ist groß genug, dass seine Präsenz den Raum verändert. Lia ist ruhig genug, dass sie ihn nicht größer macht, als er ist.
Mikey geht nicht sofort rein. Er wartet den Moment.
Mikey denkt: Nicht pressen. Ich will sehen, wie sie löst.
Er greift an — nicht hart, aber sauber. Lia tritt minimal aus der Linie, setzt einen Frame, lenkt die Hand weg, schiebt ihn seitlich, Position statt Kraft.
Mikey lässt sich schieben, weil das der Drill ist.
Mikey denkt: Sie nimmt Winkel, nicht Arme. Sauber.
Nochmal. Mikey variiert den Rhythmus. Lia bleibt kontrolliert, aber man sieht: sie muss mehr lesen.
Sie leitet um, packt kurz sein Handgelenk, schickt ihn zur Seite — nicht brutal, nur „weg aus der Linie“.
Mikey nickt fast unmerklich.
Mikey denkt: Sie ist schnell. Und ruhig. Das ist gefährlich.
Der Meister lässt sie ein paar Sekunden laufen, dann hebt er die Hand. „Weiter.“
Mikey erhöht minimal die Dynamik. Immer noch kontrolliert. Lia bewegt sich, weicht nicht nur zurück — sie repositioniert, zwingt ihn, neu anzusetzen.
Dann passiert es in einem einzigen, sauberen Moment:
Mikey versucht, über den Winkel reinzukommen. Lia lenkt, Mikey setzt nach, Lia dreht, beide verlieren für einen Herzschlag den perfekten Stand — nicht chaotisch, eher weil zwei sehr kontrollierte Bewegungen sich kreuzen.
Und sie fallen.
Nicht hart. Aber unerwartet.
Lia landet oben, ihr Gewicht abgefangen durch ihre Hände, Mikey unter ihr, der Boden kalt unter dem Rücken. Ein Herzschlag absolute Stille.
Zu nah.
Lias Haare haben sich gelöst. Rosa Strähnen fallen nach vorn — und streifen Mikeys Gesicht.
Lia friert. Nicht aus Angst. Aus Nähe.
Lia denkt: Scheiße. Zu nah.
Und gleichzeitig: …nicht schlimm.
Mikey bewegt sich nicht sofort. Er könnte. Aber er tut es nicht, weil er spürt, dass Lia gerade einen Moment hat.
Mikey denkt: Sie ist leicht. Warm. Und sie hält sich zurück.
Mikey denkt: Wenn ich jetzt bewege, erschrecke ich sie. Also still.
Lia blinzelt, fängt sich, und ein kleines, süßes Lachen entkommt ihr, weil es so absurd ist.
„Du sollst mich besiegen“, murmelt sie leise, „nicht dass ich dich besiege.“
Mikeys Mundwinkel zucken.
Mikey denkt: Sie lacht. Hier. Mit mir. Das ist… gefährlich gut.
Er hebt eine Hand langsam — nicht um sie zu greifen. Er streicht nur eine Strähne aus seinem Gesicht weg, ganz ruhig.
Dann sagt er, trocken:
„Du bist schwerer als du aussiehst.“
Lia schnaubt leise, immer noch über ihm. „Frech.“
Mikeys Blick bleibt an ihrem Gesicht hängen.
Extrem attraktiv. Und sie ist rot.
Ich will kleben.
Nicht hier. Nicht vor allen. Später.
Der Meister räuspert sich einmal. Disziplin.
Lia ist sofort wieder professionell, schiebt sich sauber runter, steht auf, reicht Mikey eine Hand. Mikey nimmt sie und steht auf, ohne Show.
Der Meister nickt. „Gut. Kontrolle.“
Auf der anderen Hallenseite beginnt Entwaffnung.
Lia nimmt wieder die Haltung an, die sie dort hat: Winkel, Handgelenk, Linie. Kein Kraftkampf. Sauber.
Mikey bleibt in ihrer Nähe, nicht als Schatten, eher als Beobachter, der lernt.
Sie kann hier alles. Und trotzdem macht sie’s leise.
Wenn ich sie anfasse, muss es später sein. Wenn sie es will. Und sie will Nähe. Ich merke das.
Lia arbeitet einen Drill: Angriff → Kontakt → Umlenken → Kontrolle → Entwaffnen. Immer wieder. Präzise.
Mikey schaut auf ihre Füße, nicht auf ihre Hände.
Alles kommt aus dem Stand. Aus der Linie. Aus dem Timing.
Und während Lia trainiert, ist da etwas, das er nicht laut macht, aber das in ihm sitzt wie ein fester Punkt:
Sie ist nicht nur stark.
Sie ist sauber.
Und sie lässt mich das sehen.
Die Halle riecht nach Holz, Schweiß und Disziplin. Nicht unangenehm — eher wie ein Raum, der Regeln hat.
Die letzte Runde endet sauber. Kein Applaus, kein „wow“. Nur Nicken, kurzes Durchatmen, Partner wechseln. Lia steckt den Stock weg, streicht sich eine Strähne aus der Stirn und wirkt dabei nicht erschöpft, nur… angenehm warm. Leicht verschwitzt, ruhige Atmung, klare Augen.
Mikey steht ein Stück seitlich, nicht mitten drin. Er sagt nichts. Er schaut nur.
Sie ist stark, wenn sie kocht.
Aber hier… ist sie frei. Und sie macht kaum Fehler.
Der Meister klatscht einmal kurz in die Hände — nicht laut, eher als Schlusszeichen. Die Leute lösen sich auf, Wasserflaschen, Handtücher, leise Gespräche.
Der Meister tritt zu Lia, Blick streng, aber nicht kalt.
„Du bist wieder sauber geworden“, sagt er. „Nicht weich.“
Lia nickt. „Ich hab wenig Zeit.“
Der Meister schnaubt, fast wie ein Lachen. „Ausreden kenne ich.“
Er wendet sich halb an den Raum, halb an Mikey, als wäre das eine Erklärung, die man nicht ausschmückt.
„Sie trainiert hier, seit sie sechs ist.“ Seine Stimme ist ruhig, aber da ist Stolz drin, den er nicht zeigen muss. „Früher viermal die Woche. Strukturiert. Kein Chaos.“
Ein paar der Männer schauen zu Mikey, als wollten sie sagen: Jetzt verstehst du’s.
Der Meister nickt Richtung Lia. „Heute macht sie’s meist sonntags. Drei Stunden. Manchmal spontan, wenn sie zu viel im Kopf hat.“
Lia sagt nichts dazu. Sie nimmt nur ihr Handtuch, wischt sich ruhig über den Nacken.
Mikey denkt: Seit sechs.
Mikey denkt: Sie hat sich das aufgebaut wie ein Fundament. Deshalb steht sie so.
Der Meister dreht sich zu Mikey. Sein Blick ist direkt, aber fair.
„Du bist gut“, sagt er schlicht. Kein Kompliment, eher ein Urteil. „Willst du weiter machen — oder war das nur Probe?“
Mikey antwortet nicht sofort. Er schaut kurz zu Lia. Nicht als „darf ich?“ — eher als „ich nehme dich ernst“.
Wenn ich hier bleibe, ist das ein Teil ihres Lebens.
Ich will das. Aber ich drücke es nicht.
Dann sagt Mikey ruhig: „Weiter. Wenn es okay ist.“
Der Meister nickt einmal. „Dann komm wieder. Aber du lernst zuerst Disziplin, nicht Ego.“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal. „Okay.“
Lia tritt jetzt dazu, Wasserflasche in der Hand. Sie wirkt warm und ruhig, nicht geschniegelt. Ihre Haare sind nicht mehr perfekt. Und genau das macht sie noch attraktiver.
Mikey denkt: Sie ist… gefährlich schön, wenn sie nicht perfekt sein muss.
Der Meister sieht Lia an. „Du bringst ihn nicht um.“
Lia hebt eine Braue. „Ich bring niemanden um.“
„Gut.“ Der Meister schaut Mikey an. „Und du lässt deinen Kopf an.“
Mikey: „Ja.“
Ein paar Männer lachen leise, aber nicht spöttisch. Eher erleichtert.
Lia nimmt einen Schluck Wasser. „Wir fahren.“
Der Meister nickt. „Geh.“
Lia verbeugt sich kurz, respektvoll. Mikey macht es ihr nach, nicht übertrieben, einfach korrekt.
Mikey denkt: Ich mach das richtig. Für sie.
Heimfahrt
Erlaubnis
Draußen ist die Luft kalt genug, dass der Schweiß auf der Haut kurz brennt. Lia zieht die Jacke an, Haare wieder halbwegs gebändigt. Sie geht zum Camaro, als würde sie den Tag abschließen.
Mikey steigt ein, sitzt ruhig, wartet. Er redet nicht sofort. Er hat Respekt vor dem Nachbeben des Trainings.
Lia startet den Motor, fährt los, sanft. Wie immer.
Ein paar Minuten passiert nichts außer Straße und Motor.
Mikey denkt:
Sag nichts Dummes.
Sag etwas Echtes.
„Du bist gut“, sagt Mikey dann.
Lia wirft ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Du auch.“
Mikey nickt, als würde das reichen.
Mikey denkt: Sie lobt nicht leicht. Also ist das echt.
Sie fahren an einer roten Ampel ran. Lia hält, Finger locker am Lenkrad. Ihr Atem ist ruhig, aber ihr Körper hat noch dieses warme, aufgeladene Gefühl vom Training.
Mikey schaut auf ihre Hände. Dann auf ihr Gesicht.
Mikey denkt: Sie mag Nähe. Jetzt ist sie offen. Nicht im Kopf. Im Körper.
Er bewegt sich nicht plötzlich. Kein Griff. Er hebt nur langsam die Hand und legt sie kurz auf ihren Oberschenkel, nahe am Knie — leicht, über dem Stoff, nicht fest.
Ein Kontakt wie ein Satz: Ich bin da.
Lia erstarrt nicht. Sie atmet einmal aus, und man sieht, wie ihre Schultern einen Millimeter sinken.
Sie lässt es zu.
„Du klebst auch im Auto“, murmelt sie leise.
Mikeys Mundwinkel zucken. „Ja.“
Mikey denkt: Sie will es. Gut.
Die Ampel wird grün. Lia fährt weiter, und Mikey nimmt die Hand nicht sofort weg — aber er hält sie still. Keine Bewegung, die ablenkt. Nur Wärme.
Lia sagt nach ein paar Sekunden, ruhig: „Das ist okay.“
Mikey nickt, ohne sie anzusehen.
Mikey denkt: Das ist Erlaubnis. Ich missbrauche das nicht.
Sie fahren weiter, Straße fließt, und für einen Moment ist der Camaro nicht gelb-schwarz, nicht laut, nicht „Bumblebee“.
Er ist nur ein Raum, in dem zwei Menschen atmen.
Und Lia… lehnt sich einen winzigen Tick näher in seinen Bereich, ohne es groß zu machen.
Mikey merkt es sofort.
Mikey denkt:
Genau so.
Nicht laut. Nicht schnell. Nur echt.
Filmabend
Weihnachten
Der Camaro rollt in die Einfahrt, und Lia stellt den Motor ab, als würde sie die Stille nicht zerbrechen wollen. Training hängt noch warm in ihren Muskeln, aber ihr Blick ist schon wieder bei Zuhause.
„Ich schau kurz nach Mochi“, sagt sie leise.
Mikey nickt.
Mikey denkt: Sie kommt heim und prüft zuerst die Katze. Nicht sich. Nicht mich. Die Katze.
Drinnen ziehen sie die Schuhe aus. Lia geht direkt zum Katzenzimmer, kniet sich in den Türrahmen, ohne reinzustürmen. Mochi liegt auf der Decke, blinzelt langsam, als wäre sie beleidigt, dass jemand ihr beim Schlafen zuguckt.
„Alles gut“, murmelt Lia. „Brav.“
Mochi schnuppert nur kurz und legt den Kopf wieder ab.
Lia atmet aus. Erst dann merkt man, wie sehr sie es gebraucht hat, das zu sehen.
Sie steht auf, dreht sich zu Mikey. Die Haare kleben ein bisschen vom Training, ein paar Strähnen sind aus dem Bund gerutscht. Sie wirkt nicht geschniegelt – aber echt.
„Willst du noch hier bleiben?“ fragt sie ruhig, als wäre das nichts Großes. „Ich geh duschen. Danach… mach ich nichts mehr. Lesen vielleicht.“
Mikeys Blick bleibt an ihr hängen.
Mikey denkt:
Sie fragt nicht aus Höflichkeit. Sie lässt mir Platz.
Und sie schickt mich nicht weg.
„Ja“, sagt er.
Lia nickt nur, als hätte sie genau damit gerechnet. „Okay. Mach’s dir bequem. Ich bin gleich zurück.“
Sie verschwindet Richtung Bad.
Die Tür fällt zu, Wasser läuft an – und plötzlich ist Mikey allein in ihrem Haus.
Er steht einen Moment still, als wäre das ein Raum, den man respektiert. Kein Herumlaufen wie ein Besucher. Kein Neugier-Getue.
Mikey denkt: Das hier ist ihr Ort. Ich fasse nichts an, was nicht meins ist.
Dann fällt sein Blick auf eine kleine Fotowand bzw. ein Sideboard mit Rahmen. Nicht protzig, nicht „reich“. Eher… Familie.
Er tritt näher, langsam.
Das erste Bild: Lia mit Lisa und Laura – alle drei zusammen, Herbstlicht, rosa Haare, gleiche Gesichter, unterschiedliche Aura. Lia in der Mitte, eindeutig der Kern.
Mikey denkt:
Sie sehen gleich aus. Aber man weiß sofort, wer wer ist.
Lia ist der Mittelpunkt. Nicht weil sie will. Weil sie’s ist.
Daneben ein Foto, auf dem die drei Schwestern mit zwei Männern stehen – es wirkt wie ein Moment, der „Team“ sagt. Kein gestelltes Prestige, eher: wir gehören gerade zusammen.
Mikeys Blick bleibt kurz an den Männern hängen, aber nicht eifersüchtig. Er registriert nur.
Mikey denkt:
Sie lässt Leute in ihren Kreis. Aber nicht jeden.
Wenn du drin bist, bist du drin.
Und dann sieht er das dritte Bild.
Ein Familienfoto im Garten vor dem Haus: ein Mann und eine Frau als Eltern, warm, nah, als würde das Bild nach Schutz riechen. Davor Kinder – die rosa-haarigen Mädchen, jünger. Alles daran wirkt… echt. Nicht geschniegelt. Nicht „Geldfoto“. Eher: Wir halten uns.
Mikeys Brust wird kurz schwer.
Mikey denkt:
Da kommt das her.
Nicht das Haus. Nicht das Geld.
Dieses „ich halte dich, egal was passiert“.
Er schaut ein bisschen länger hin als nötig. Nicht sentimental. Eher still.
Wenn das weg ist, bleibst du trotzdem stehen.
Sie ist so geworden.
Er hört das Wasser im Bad, hört die Bewegung dahinter, und er dreht sich wieder weg, bevor es sich anfühlt, als würde er in etwas Privates zu tief reinsehen.
Er setzt sich aufs Sofa – nicht breit, nicht respektlos. Nur da. Blick Richtung Flur, als würde er warten, ohne zu warten.
Mikey denkt: Sie kommt gleich zurück. Und ich bin noch hier.
Mikey denkt: Das ist… gut.
Oben ist es weiterhin ruhig. Mochi schläft.
Und Mikey sitzt im warmen Licht, schweigend, als wäre das das Normalste der Welt.
Wenn du willst, schreibe ich direkt weiter: Lia kommt aus der Dusche (cozy, frisch, Haare feucht), setzt sich zum Lesen – und Mikey rückt näher, ganz selbstverständlich, weil Lia Nähe will und er genau so ist.
Während das Wasser im Bad läuft, fällt Mikeys Blick auf den Couchtisch.
Ein Schachbrett. Nicht als Deko. Es liegt so da, als wäre es benutzt worden. Figuren sortiert, aber nicht geschniegelt – eher: jemand spielt hier wirklich. Denkt hier wirklich.
Mikey bleibt einen Moment stehen.
Sie plant wie beim Training. Wie beim OP.
Kein Chaos. Züge. Konsequenzen.
Er geht nicht sofort ran. Er nähert sich langsam, als würde er erst prüfen, ob er das darf. Dann setzt er sich ans Sofa, Blick weiter auf das Brett.
Er erkennt die Stellung nicht perfekt – aber er erkennt Muster. Wer kontrolliert die Mitte. Wer hat Raum. Wer wartet.
Sie spielt nicht, um zu gewinnen. Sie spielt, um nicht überrascht zu werden.
Das ist Lia.
Er greift nicht nach einer Figur. Er lässt alles, wie es ist. Respekt.
Ein paar Sekunden später hört er oben Bewegung, ein Türgeräusch, dann wieder Schritte. Das Wasser läuft noch. Mikey bleibt still.
Sie ist im Haus. Ich bin im Haus. Und es ist ruhig.
Das fühlt sich gefährlich gut an.
Sein Handy vibriert nicht. Er schaut auch nicht drauf. Er wartet nicht auf Ablenkung. Er wartet auf sie.
Er denkt an den Trainingstag. An den Moment im Auto, ihre Stimme: „Das ist okay.“ An das Bild ihrer Eltern. An Mochi in ihrem Zimmer.
Sie bindet sich. Und sie lässt mich näher.
Ich will kleben. Ich will bleiben.
Aber ich mache es so, dass sie atmen kann.
Er schaut wieder zum Schachbrett.
Ich würde nie gegen sie spielen.
Nicht, weil ich verliere.
Weil ich bei ihr nicht gegeneinander sein will.
Dann wird das Wasser abgestellt.
Ein paar Minuten später öffnet sich die Badezimmertür. Lia kommt den Flur entlang, Haare noch feucht, Hoodie/Cozy-Sachen, frisch, entspannt auf diese seltene Art. Nicht geschniegelt. Einfach Lia.
Mikey hebt den Blick.
Mikey denkt: So sieht sie aus, wenn niemand etwas von ihr will. Ich will mehr davon.
Lia bleibt kurz stehen, als sie das Schachbrett sieht, dann schaut sie zu Mikey. Ihre Stimme ist ruhig.
„Du spielst?“
Mikey schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich.“
Lia nickt, als wäre das okay. Dann geht sie ohne Zögern zum Sofa und setzt sich direkt neben ihn – nicht mit Abstand, sondern so, dass ihre Oberschenkel sich fast berühren.
Mikey rückt nicht hektisch ran. Es passiert einfach: ein kleiner Shift, als würde er sich an ihre Temperatur anpassen. Schulter näher. Knie näher.
Mikey denkt: Sie ist die, die Nähe erlaubt. Also bleibe ich nah.
Lia lehnt sich minimal zurück, schaut ihn von der Seite an. Ein Hauch Rot in den Wangen – vielleicht vom Duschen, vielleicht auch nicht.
„Sollen wir… einen Film schauen?“ fragt sie, als wäre das das Normalste der Welt.
Mikeys Mundwinkel zucken.
„Ja“, sagt er.
Ein Beat.
Dann, trocken: „Du entscheidest.“
Lia schnaubt leise. „Natürlich.“
Sie greift zur Fernbedienung, scrollt durch, murmelt irgendwas wie „nicht zu laut wegen Mochi“. Mikey beobachtet sie dabei – wie sie nicht rumfummelt, sondern schnell findet, was sie will.
Mikey denkt:
Sie macht sogar Film-Auswahl wie eine OP-Liste.
Und trotzdem ist sie süß dabei.
Lia legt den Film an, stellt die Lautstärke runter, und als sie sich wieder hinsetzt, tut sie es noch ein Stück näher – als hätte sie beschlossen, dass Abstand heute nicht nötig ist.
Mikey bewegt sich nicht groß. Er lässt sie kommen. Aber als Lia sich an ihn lehnt, hebt er den Arm ganz ruhig und legt ihn locker um sie. Kein Festhalten. Nur ein Rahmen.
Lia atmet aus, als hätte sie darauf gewartet.
Mikey denkt: Kleben. Okay. Ich klebe.
Und während der Film startet und das Haus still bleibt, sitzt Lia an Mikey, als wäre es selbstverständlich – und Mikey bleibt genau so, als hätte er das sein ganzes Leben gekonnt.
Der Film läuft leise weiter, aber Mikeys Blick bleibt einen Moment zu lange auf Lia hängen. Nicht fordernd. Nur still.
Lia merkt es — und weil sie ihn wirklich attraktiv findet, wird sie ein bisschen rot. Nicht knallrot. Nur dieses warme Rosa, das sie nicht verstecken kann, wenn sie sich gesehen fühlt.
Mikey sieht es sofort.
Er sagt es nicht süß. Er sagt es ruhig, trocken:
„Du wirst rot.“
Lia blinzelt einmal, erwischt. Dann schnaubt sie leise, als würde sie sich selbst dafür auslachen wollen — klappt aber nicht.
„Ja“, sagt sie ehrlich. Ein kleiner Atemzug. „Weil ich dich extrem attraktiv finde.“
Mikey blinzelt einmal. Das ist alles. Aber sein Blick wird ruhiger, tiefer, als hätte etwas in ihm eingerastet.
Mikey denkt:
Okay.
Dann ist das nicht nur in meinem Kopf.
Dann darf ich nah bleiben.
Er sagt nicht „ich auch“. Nicht groß. Stattdessen zieht er sie minimal näher an seine Seite, so dass sie besser in seinen Arm passt — ein stilles „gut“.
„Okay“, murmelt er.
Und Lia — Lia lächelt leise, noch ein bisschen rot, und bleibt genau da, wo sie ist: nah. Gewollt.
Der Film läuft weiter.
Aber das Wichtigste passiert längst nicht mehr auf dem Bildschirm.
Der Film läuft noch, aber Lia hört ihn nur halb. Sie sitzt dicht an Mikey, seine Wärme ist ruhig, konstant. Und weil sie rot geworden ist und es ausgesprochen hat, fühlt sich alles… ehrlicher an.
Mikey bewegt sich nicht viel. Er hält sie einfach. Und genau das ist sein „Antworten“.
Mikey denkt:
Sie hat’s gesagt. Also bleibe ich.
Nicht mehr Abstand. Nur Ruhe.
Lia atmet aus, lehnt den Kopf ein Stück gegen ihn. Nicht dramatisch. Einfach so, als wäre das schon lange erlaubt.
Mikeys Arm wird einen Tick fester — nicht einengend. Mehr wie: Ja.
Dann tippt Lia mit dem Finger gegen seine Hand, als würde sie prüfen, ob er noch da ist.
„Du sagst nicht viel“, murmelt sie leise.
„Ich bin da“, sagt Mikey.
Lia blinzelt. Und genau dieser Satz trifft sie mehr als jedes „du bist schön“.
Sie bleibt still, schaut wieder zum Bildschirm, aber ihr Körper rutscht noch einen Millimeter näher, bis sie wirklich „klebt“.
Mikeys Mundwinkel zucken.
Mikey denkt: Sie klebt auch. Gut.
Ein paar Minuten später flackert auf dem Bildschirm irgendeine Szene, die eigentlich witzig sein soll. Lia lacht leise — und dieses Lachen macht Mikey kurz weicher, ohne dass er’s zeigen will.
Er hebt die Hand und streicht ihr eine Strähne aus dem Gesicht, die vom Duschen noch nicht ganz trocken war. Ein kurzer, einfacher Griff. Nichts Dramatisches.
Lia friert kurz ein, weil Berührung manchmal mehr ist als Worte. Dann entspannt sie sich sofort wieder, weil sie es will.
„Das ist unfair“, murmelt sie.
„Was?“
„Dass du so ruhig bist“, sagt sie. „Und trotzdem… so nah.“
Mikey schaut sie an, nur kurz.
„Du hast gesagt“, sagt er leise. „Extrem.“
Lia wird wieder ein bisschen rot. „Ja.“
Mikey sagt nichts mehr. Aber seine Hand bleibt dort, wo sie war — an ihrem Arm, an ihrer Schulter, als würde er sich merken: Hier ist richtig.
Mikey denkt:
Wenn ich sie küsse, dann nicht, weil ich’s nehme.
Sondern weil sie bleibt.
Der Film läuft zu Ende. Der Abspann startet, leise Musik.
Lia streckt sich kaum, weil sie nicht weg will. Sie bleibt einfach liegen — Kopf an ihm, Beine halb auf dem Sofa eingeklappt.
„Bleibst du noch?“ fragt sie, als wäre es eine Nebensache.
Mikey antwortet sofort. „Ja.“
Mikey denkt: Sie fragt. Ich bleibe.
Oben ist Mochi still.
Und im Wohnzimmer ist es ruhig genug, dass Nähe plötzlich nichts Großes mehr ist — nur das Normalste der Welt.
Der nächste Film läuft schon, noch leiser als der erste. Lia bleibt auf dem Sofa, als hätte sie beschlossen: Heute bewege ich mich nicht mehr viel. Mikey bleibt genauso selbstverständlich neben ihr, Arm locker um sie, Nähe ruhig und konstant.
Mikey denkt: Sie hat nicht aufgestanden. Sie bleibt. Ich bleibe auch.
Lia dreht den Kopf ein Stück zu ihm, ihre Wangen noch leicht warm.
„Was machst du eigentlich, wenn du zuhause bist?“ fragt sie leise. „Magst du Stille? Oder wird dir das… zu langweilig?“
Mikey blinzelt einmal. Er überlegt nicht lange, weil er nicht lügt.
„Ich mag Stille“, sagt er.
Lia hebt eine Braue. „Echt?“
„Ja.“ Mikey schaut kurz zum Bildschirm, dann wieder zu ihr. „Wenn’s ruhig ist, ist alles… unter Kontrolle.“
Mikey denkt: Und wenn Lia da ist, ist Stille nicht leer.
Lia atmet aus, als würde sie das verstehen. „Ich auch. Aber manchmal…“ Sie sucht kurz nach dem Wort. „…manchmal denke ich, für andere ist es zu wenig.“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal. „Nicht für mich.“
Lia wird wieder ein bisschen rot und schaut schnell zurück zum Film, ohne wegzurutschen. Sie bleibt nah.
Mikey denkt: Sie wird rot und bleibt. Gut.
Nach ein paar Sekunden spricht sie wieder, fast nebenbei:
„Weihnachten ist bald.“
Mikey sagt nichts sofort. Nicht weil er nicht weiß, sondern weil das Thema Gewicht hat. Seine Augen werden ruhiger.
„Was machst du da?“ fragt Lia.
Mikeys Blick bleibt auf dem Bildschirm, aber er sieht ihn nicht wirklich. „Kommt drauf an.“
Lia nickt langsam. Sie drängt nicht. Sie fragt nur weiter, sanft: „Und… was würdest du gern machen?“
Mikey antwortet ehrlich, aber knapp: „Ruhig.“
Mikey denkt:
Kein Lärm. Keine Pflicht.
Wenn ich irgendwo sein will, dann dort, wo es warm ist.
Lia dreht sich ein Stück und deutet mit dem Kinn auf die Fotowand, die Mikey vorhin schon gesehen hat. „Da.“ Ihre Stimme ist weicher, fast stolz.
Mikeys Blick folgt.
„Mein bester Freund“, sagt Lia, und man merkt: dieses Wort ist bei ihr kein leichtes. „Seit wir Babys sind. Unsere Mütter waren befreundet, seit dem Kindergarten.“
Sie zeigt auf den Mann auf dem Bild.
„Und Yahiko…“ Lia deutet auf den anderen, der bei ihnen steht. „Das ist unser Bruder. Adoptivbruder. Mit drei zu uns gekommen.“ Sie hält kurz inne, als würde sie das in der richtigen Form sagen wollen. „Aber er ist unser richtiger Bruder.“
Mikey schaut länger auf das Bild, als würde er die Information nicht nur hören, sondern einordnen.
Mikey denkt:
Sie nennt ihn Bruder, ohne Zusatz.
Das heißt: Familie ist Entscheidung. Nicht Blut.
Lia lehnt sich wieder an ihn, als wäre das ein natürlicher Abschluss ihrer Erklärung.
„Wir essen an Weihnachten zusammen“, sagt sie leise. „Ich… Lisa und Laura. Mein bester Freund. Und Yahiko.“
Mikey nickt einmal.
Mikey denkt:
Sie hat einen Kreis. Einen echten.
Und sie hat mich gerade reingucken lassen.
Lia lehnt noch an Mikey, der zweite Film läuft, aber die Szene auf dem Bildschirm ist nur Hintergrundrauschen. Ihr Thema ist jetzt echt.
„Und du?“ fragt Lia leise. „Hast du… jemanden?“
Mikeys Arm um sie wird einen Tick fester. Nicht festhalten. Nur da.
Mikey denkt: Nicht ausweichen. Sie fragt ehrlich.
„Emma“, sagt er ruhig.
Lia blinzelt, als würde sie kurz prüfen, ob sie richtig gehört hat. „Deine Schwester.“
Mikey nickt. „Ja.“
Mikey denkt: Emma ist mein Licht. Und sie bleibt.
Lia lächelt leise, warm.
Mikeys Mundwinkel zucken minimal. Er nimmt das Kompliment an, ohne es groß zu machen.
„Und Draken“, fügt er hinzu, so selbstverständlich, dass es wie ein zweiter Atemzug klingt.
Lia nickt sofort. „Natürlich.“
Mikey denkt: Sie sagt nicht ‘komisch’. Sie sagt nicht ‘gefährlich’. Sie sagt ‘natürlich’.
Lia deutet noch einmal auf das Foto an der Wand, auf ihren besten Freund und Yahiko. „Bei mir sind’s Lisa, Laura… mein bester Freund… und Yahiko. Wir essen zusammen. Ganz ruhig.“
Mikey schaut sie an, kurz.
„Ruhig ist gut“, sagt er.
Lia wird wieder ein bisschen rot, weil er sie dabei ansieht, als würde „ruhig“ plötzlich nach „Zuhause“ klingen.
„Weihnachten bei dir… wie ist das?“ fragt sie leise.
Mikey denkt einen Moment nach, nicht dramatisch, eher sachlich.
Weihnachten ist Emma. Und Essen. Und Draken meckert, aber bleibt.
„Emma mag’s, wenn’s normal ist“, sagt Mikey. „Essen. Nicht viel reden. Kein Stress.“
Lia lächelt, weil das genau nach dem klingt, was sie versteht. „Das klingt… gut.“
Mikey sagt nichts Süßes. Aber er rückt minimal näher, sodass Lia noch besser in seinen Arm passt.
Mikey denkt: Sie baut Familie. Ich auch. Vielleicht… zusammen.
Der Film läuft weiter. Lia bleibt einfach da, warm an ihm, als wäre das die Antwort auf alles, was man noch nicht laut sagen will.
Der Film läuft weiter, aber Lia schaut nicht wirklich hin. Sie bleibt an Mikey gelehnt, ruhig genug, um zu sagen, was ihr durch den Kopf geht, ohne es groß zu machen.
„Also…“, beginnt sie leise, als würde sie einen Gedanken testen. „Wenn du willst, könnten wir an Weihnachten zusammen essen. Hier.“
Mikeys Blick geht zu ihr. Still. Wach.
„Mit deiner Schwester“, fährt Lia fort, „und Draken. Wenn ihr mögt.“ Ein kleiner Atemzug. „Aber nur, wenn es sich gut anfühlt. Du musst nicht.“
Mikey denkt:
Sie lädt ein, ohne zu ziehen.
Das ist selten.
Lia ergänzt, ehrlich und offen: „Ich dachte nur… vielleicht ist es schön, sich richtig kennenzulernen. Alle.“
Ein kurzer Halt. „Vielleicht bringt Lisa Chifuyu mit. Und Laura… Kazutora.“ Sie zuckt minimal mit den Schultern. „Aber das weiß ich noch nicht.“
Mikey sagt nichts sofort. Er denkt.
Mikey denkt:
Emma hier. In diesem Haus.
Lia kocht. Ruhe. Kein Lärm.
Draken würde bleiben. Emma würde lächeln.
Er schaut Lia an. Nicht prüfend. Eher dankbar.
„Das klingt gut“, sagt er ruhig.
Lia blinzelt. „Echt?“
Mikey nickt einmal. „Ja.“
Mikey denkt: Sie öffnet ihren Kreis.
Wenn ich ja sage, heißt das etwas.
Und ich will, dass es etwas heißt.
Er fügt hinzu, genauso ruhig: „Ich frag Emma. Und Draken.“
Lia lächelt — nicht breit, nicht laut. Dieses kleine Lächeln, das sagt: Okay. Das zählt.
„Mach das“, sagt sie. „Und wenn irgendwas nicht passt, sagen wir’s einfach.“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal. „Ja.“
Er zieht sie einen Tick näher an sich, nur so viel, dass es bequemer ist. Lia lässt es zu, ohne nachzudenken.
Mikey denkt: So fühlt sich richtig an.
Nicht groß. Nicht laut. Nur gemeinsam.
Der Film läuft weiter, und zum ersten Mal klingt „Weihnachten“ nicht nach Pflicht, sondern nach etwas, das man gern erlebt.
Lia sagt es halb im Spaß, halb ernst, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen:
„Dann muss ich mich extra anstrengen beim Kochen.“
Mikeys Blick bleibt einen Moment auf ihr liegen. Nicht am Film. An ihr.
Mikey denkt:
Sie kocht immer gut. Sie meint nicht das Essen.
Sie meint: Es ist ihr wichtig.
Er schnaubt leise. Kein Lachen, eher dieses trockene Mikey-Geräusch.
„Du musst dich nicht anstrengen.“
Lia dreht den Kopf ein Stück zu ihm. „Doch. Wenn Leute mir wichtig sind, dann—“
„Dann bist du sowieso gut“, unterbricht er sie ruhig. Nicht hart. Sicher.
„Auch ohne extra.“
Lia blinzelt. Und ja — sie wird ein bisschen rot. Wieder dieses ehrliche Rot, das nichts spielen will.
„Du weißt, dass ich dann trotzdem alles plane“, murmelt sie.
Mikeys Mundwinkel zucken.
„Ich weiß.“
Mikey denkt: Und genau das mag ich.
Er rückt einen Tick näher, so selbstverständlich, dass es sich anfühlt wie ein Nachjustieren auf dem Sofa. Lia passt sich an, lehnt sich mehr an ihn. Kleben, aber ruhig.
Mikey denkt:
Emma wird das mögen.
Draken auch.
Und ich mag, dass Lia sich kümmert, ohne sich zu verbiegen.
Lia atmet aus, legt den Kopf minimal an seine Schulter.
„Okay“, sagt sie leise. „Dann koche ich einfach gut. Nicht perfekt.“
Mikey senkt den Kopf einen Hauch näher zu ihr. Kein Kuss. Kein großes Ding.
Nur Nähe, die bleibt.
„Gut“, sagt er. „Perfekt ist anstrengend.“
Lia lächelt. Und der Film läuft weiter — während im Hintergrund etwas sehr Ruhiges Form annimmt: ein Weihnachten, das sich nicht nach Müssen anfühlt, sondern nach Wollen.
Lia bleibt an Mikey gelehnt, der Film läuft weiter, aber sie schaut nicht wirklich hin. Sie zögert kurz, dann fragt sie leise, ohne Drama, ohne Hintergedanken:
„Und Chifuyu und Kazutora… sind das deine Freunde?“
Mikey antwortet nicht sofort. Nicht, weil er ausweicht — sondern weil er bei solchen Worten genau ist.
Mikey denkt: Freund ist kein leichtes Wort.
„Ja“, sagt er dann ruhig. „Sind sie.“
Lia dreht den Kopf ein Stück zu ihm. „Beide?“
Mikey nickt einmal. „Ja. Unterschiedlich. Aber ja.“
Mikey denkt: Chifuyu ist loyal. Kazutora bleibt, auch wenn’s schwer wird.
Mikey denkt: Das reicht.
Lia lächelt leise. Kein neugieriges Lächeln, eher erleichtert.
„Man merkt“, sagt sie. „Sie fühlen sich… sicher an.“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal.
„Sind sie auch.“
Er legt den Arm einen Tick fester um sie — nicht beschützend, eher bestätigend. Lia rutscht automatisch näher, als wäre das die logische Antwort.
Mikey denkt: Sie sieht meine Leute. Und sie erschrickt nicht.
Mikey denkt: Das ist wichtig.
„Dann“, murmelt Lia nach einem Moment, „würde das mit Weihnachten vielleicht wirklich passen.“
Mikey schaut sie an, ruhig, ernst.
„Ja“, sagt er. „Würde es.“
Der Film läuft weiter, aber zwischen ihnen ist es jetzt noch stiller — nicht leer, sondern klar.
Lia bleibt noch einen Moment an Mikey, dann sagt sie leise, ehrlich:
„Ich freu mich, wenn’s klappt.“
Mikey schaut sie an, und dieses ruhige „Ja“ in seinem Blick ist da, auch wenn er nichts sagt.
Lia atmet kurz aus, als würde sie sich dann doch an etwas erinnern.
„Aber… ich sag’s dir lieber vorher“, murmelt sie und hebt den Kopf minimal. „Mehrere Gesichter.“
Mikey blinzelt einmal. „Hm?“
„Lisa und Laura“, sagt Lia trocken. „Wir sehen uns sehr ähnlich. Nicht dass Emma denkt, sie sieht dreifach.“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal.
Mikey denkt: Emma wird’s witzig finden. Draken auch.
Lia fährt fort, ruhiger: „Und mein Bruder… und mein bester Freund.“ Sie deutet mit dem Kinn zur Fotowand. „Ditoj. So heißt er.“
Mikey nickt langsam.
Mikey denkt: Name merken. Wichtig.
„Und Yahiko“, ergänzt Lia, und ihre Stimme wird dabei einen Tick ernster. „Er ist adoptiert, aber unser richtiger Bruder. Und er ist… sehr beschützend bei uns Schwestern.“
Mikeys Blick bleibt ruhig. Keine Angst. Kein Überraschtsein.
„Okay“, sagt er.
Mikey denkt:
Beschützend kenn ich.
Wenn er sie schützt, ist er richtig.
Lia schaut Mikey kurz von der Seite an, als würde sie prüfen, ob ihn das abschreckt.
Mikey sagt, ganz schlicht: „Dann soll er mich kennenlernen.“
Und Lia wird ein bisschen rot, weil das nicht nach Kampf klingt — sondern nach ich bleibe ruhig und echt.
„Okay“, murmelt sie.
Mikey zieht sie einen Tick näher an sich, als wäre das die einzige Antwort, die er geben will.
Weihnachten. Kreis. Familie.
Ich geh da rein. Und ich benehme mich.
Lia bleibt kurz still, als würde sie abwägen, ob sie’s sagen soll. Dann sagt sie es doch — ruhig, ehrlich, ohne Drama:
„Und noch was… Yahiko hat Angst um uns.“
Mikeys Blick bleibt auf ihr. Wach.
„Wenn wir Schwestern dann plötzlich mit einem Mann auftauchen“, fährt Lia leise fort, „ist er erst mal… komisch.“ Sie zuckt minimal mit der Schulter. „Nicht böse. Er prüft einfach. Ob wir gut behandelt werden.“
Mikey nickt einmal, als wäre das komplett logisch.
Mikey denkt: Guter Bruder.
„Okay“, sagt Mikey ruhig. „Soll er prüfen.“
Lia blinzelt. „Echt?“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal.
„Ja.“ Seine Stimme bleibt flach, aber sicher. „Wenn er dich schützt, macht er’s richtig.“
Mikey denkt:
Ich hab nichts zu verstecken.
Und wenn jemand Lia bewertet, will ich, dass er sieht, dass ich’s ernst meine.
Lia atmet aus, und man merkt: Es beruhigt sie, dass Mikey nicht defensiv wird.
„Gut“, murmelt sie. „Dann sag ich ihm vorher, dass er sich benehmen soll.“
Mikey schaut sie an. „Er muss sich nicht benehmen.“
Lia wird ein bisschen rot und lacht leise. „Doch. Sonst wird’s anstrengend.“
Mikeys Blick bleibt ruhig.
„Ich bin ruhig“, sagt er.
Mikey denkt: Und wenn Yahiko Druck macht, bleibe ich noch ruhiger.
Lia lehnt sich wieder an ihn, zufrieden, als hätte sie gerade die letzte große Variable abgelegt.
Der Film läuft weiter, aber in ihrem Kopf ist Weihnachten jetzt klarer: nicht perfekt — aber möglich.
Der Film läuft weiter, leise genug, dass das Haus nicht „wach“ wird. Lia liegt dicht an Mikey, Decke über den Beinen, ihr Kopf an seiner Schulter. Keine großen Worte. Nur Nähe, die bleiben darf.
Mikey macht sonst nicht viel — und genau das ist bei ihm das Besondere.
Er ist nicht der Typ, der in Ruhe plötzlich nervös wird. Er wird eher… stiller. Konzentrierter auf Kleinigkeiten.
Mikey denkt:
Sie ist müde.
Und sie lässt mich hier.
Also bleibe ich ruhig.
Er schaut immer wieder ganz kurz Richtung Treppe, nicht paranoid — eher automatisch, weil er weiß: Mochi. Lia wird unruhig, wenn sie Geräusche hört. Also hält er den Raum leise.
Wenn Lia sich minimal bewegt, reagiert er sofort, aber ohne Theater: Er rückt so, dass sie bequemer liegt. Zieht die Decke höher, wenn sie verrutscht. Legt die Fernbedienung so hin, dass sie nicht runterfällt. Kleines Zeug.
Und er macht etwas Süßes, ohne es „süß“ zu meinen: Er stellt ihr Wasser in Reichweite auf den Tisch, ohne zu sagen warum.
Lia merkt es. Sie schaut kurz hin, dann zu ihm.
„Du machst das einfach so?“
Mikey zuckt kaum merklich mit den Schultern. „Ja.“
Mikey denkt: Wenn sie trinkt, muss sie nicht aufstehen. Dann bleibt sie hier. Bei mir.
Lia wird ein bisschen rot, aber sie lächelt. Sie nimmt einen Schluck und lehnt sich wieder an ihn, als wäre das die Antwort.
Eine Szene im Film wird lauter. Lia greift zur Fernbedienung. Mikey ist schneller, aber nicht kontrollierend — eher hilfreich. Er reduziert die Lautstärke sofort.
Mikey denkt:
Mochi soll schlafen.
Und Lia soll sich nicht sorgen.
Lia schaut ihn an, ganz kurz, dieses „du hast’s verstanden“-Gesicht.
„Du merkst dir viel“, murmelt sie.
Mikey antwortet ruhig: „Ich seh’s.“
Und das stimmt. Mikey merkt sich nicht Zahlen — er merkt sich, was für Lia wichtig ist.
Lia bleibt still, streicht einmal mit den Fingern über seinen Ärmel, als würde sie prüfen, ob er echt ist. Mikey reagiert, indem er seine Hand über ihre legt. Nicht fest. Nur Kontakt.
Mikey denkt:
Kleben. Ja.
Aber ruhig.
Nach einer Weile fragt Lia leise, ohne Drama:
„Wirst du später zu Emma?“
Mikey nickt. „Ja. Noch kurz.“
Lia macht keine traurige Miene. Sie nickt nur, verständig. „Okay.“
Mikey denkt:
Sie nimmt’s nicht persönlich. Gut.
Das macht’s einfacher, bei ihr zu bleiben.
Er bleibt noch sitzen, obwohl er gehen könnte. Weil Lia nicht gesagt hat, dass er gehen soll. Und das reicht.
Der Film läuft. Lia wird schwerer in seinem Arm, nicht einschlafend, aber kurz davor. Mikey merkt es und bewegt sich gar nicht mehr.
Mikey denkt:
Wenn sie einschläft, bleibe ich noch.
Weil sie dann nicht allein ist.
Und das ist das, was Mikey sonst noch macht:
Er hält einen Raum so ruhig, dass Lia sich erlaubt, weich zu werden.
Lia bleibt noch einen Moment an Mikey gelehnt, dann hebt sie den Kopf ein kleines Stück und schaut ihn an.
„Wenn du gleich zu Emma gehst…“, sagt sie leise, „dann koche ich noch was. Dann können wir zusammen essen, und du hast wenigstens was gegessen.“
Mikey blinzelt einmal. Er sagt nicht „musst du nicht“. Er kennt das: Wenn Lia sich kümmert, ist das keine Pflicht, sondern Liebe in praktisch.
Mikey denkt:
Sie gibt, weil sie will.
Und wenn ich’s annehme, heißt das: ich nehme sie ernst.
„Okay“, sagt er ruhig.
Lia steht auf, bindet sich die Haare schnell zusammen, als würde sie in einen vertrauten Modus kippen. Küche. Messer. Pfanne. Öl, das leise heiß wird. Nichts Lautes. Alles kontrolliert.
Mikey bleibt sitzen, aber nicht wie ein Gast. Er stellt ihr Wasser hin. Holt zwei Teller. Legt Besteck hin, ohne dass sie es merkt.
Mikey denkt: Ich helfe leise. Damit sie nicht alles alleine trägt.
Lia sagt nichts dazu. Sie kocht einfach — und es riecht innerhalb von Minuten wieder so, als wäre das hier kein „Snack“, sondern ein kleines Zuhause-Ritual. Brutal gut. Warm. Genau richtig.
Als sie sich setzen, isst Mikey ohne Theater. Ohne Coolness. Er nimmt das Essen an, so wie er früher das Kinderessen angenommen hat: als Zeichen.
Mikey denkt:
Sie füttert nicht meinen Körper.
Sie füttert „bleib noch“. Und ich bleibe.
Lia beobachtet ihn kurz, unauffällig, als würde sie prüfen, ob es ihm schmeckt. Dann sieht sie, wie er weiterisst, ruhig, konsequent.
„Schmeckt?“, fragt sie leise.
Mikey nickt. „Ja.“
Mehr braucht es nicht. Aber Lia wird trotzdem ein bisschen warm im Gesicht.
Sie essen in Ruhe. Kein Stress. Keine großen Worte. Nur Besteck und Atem und ein Haus, das still bleibt.
Als Mikey fertig ist, stellt er den Teller hin, schaut Lia kurz an.
„Danke.“
Lia blinzelt. Sie lächelt klein. „Gern.“
Er steht auf, zieht die Jacke an, nimmt seine Tasche. Lia bleibt an der Tür stehen, wie vorhin — nicht festhaltend, nur da.
Mikey bleibt einen Herzschlag länger, als müsste er sich selbst daran erinnern, dass er wirklich gehen muss.
Mikey denkt:
Ich will bleiben.
Aber Emma wartet.
Und Lia lässt mich gehen, ohne Drama. Das ist… stark.
Er sagt leise: „Ich schreib dir später.“
Lia nickt. „Okay.“
Mikey geht. Ruhig. Ohne Eile.
Und Lia schließt die Tür leise hinter ihm.
Abfahrt
Anfang
Draußen ist es kalt. Mikey atmet aus, der Dampf steht kurz vor ihm, dann ist er weg.
Er schaut einmal zurück zur Glasfront. Warmes Licht. Ruhe. Kein Lärm.
Sie hat gekocht, damit ich nicht hungrig zu Emma gehe.
Sie kümmert sich… ohne mich zu besitzen.
Und ich will genau da wieder hin.
Er steigt ins Auto, fährt los. Ohne Musik.
Ich bin noch nicht „fertig“ mit ihr.
Ich bin erst am Anfang.
Weihnachten
Zusage
Lisa sitzt bei Laura auf der Couch, Beine untergeschlagen, Handy in der Hand. Chifuyu steht am Fenster, schaut raus, ohne wirklich zu schauen. Kazutora lehnt an der Wand, Arme locker verschränkt.
„Also…“, sagt Lisa und hebt den Blick. „Weihnachten.“
Chifuyu dreht sich um. „Ja?“
„Lia hat gefragt, ob ihr mitmachen wollt“, sagt Lisa locker, aber man merkt: das ist keine Höflichkeitsfrage. „Ganz ruhig. Essen. Familie.“
Laura ergänzt ruhig: „Und sie meinte auch, dass eventuell Emma und Draken kommen.“
Ein kurzer Beat.
Chifuyu blinzelt einmal, dann lächelt er leicht. Kein Zögern.
„Ja. Klar.“
Lisa grinst. „Echt?“
„Ja“, sagt Chifuyu. „Wenn Lia fragt, dann ist das… kein Pflichttermin.“
Er denkt kurz nach und fügt hinzu: „Und Mikey ist okay. Also… ja.“
Kazutora sagt nichts sofort. Sein Blick geht kurz zur Tür, dann zurück. Weihnachten. Viele Leute. Nähe.
Laura schaut ihn nicht an. Sie lässt ihm Raum.
„Du musst nicht“, sagt sie ruhig.
Kazutora atmet einmal aus. Dann nickt er. „Ich komm.“
Lisa schaut überrascht, aber sie macht kein großes Ding draus. „Okay.“
Kazutora fügt leise hinzu: „Wenn Emma da ist… ist das gut.“
Ein Schulterzucken. „Sie ist… normal.“
Laura nickt minimal. „Ja.“
Chifuyu schiebt die Hände in die Taschen. „Dann sagen wir Lia Bescheid.“
Lisa tippt schon. „Mach ich.“
Emma und Draken
Weihnachten
Als Mikey bei Emma ankommt, ist es warm und laut auf die gute Art: Topfdeckel, Stimmen, dieses leichte Chaos, das nur entsteht, wenn man sich sicher fühlt.
Emma steht im Flur, Arme verschränkt, Blick direkt auf ihn. „Du bist spät.“
Mikey zieht die Schuhe aus, stellt sie ordentlich hin. „Ich bin normal.“
Emma schnaubt. „Du bist nie normal.“
Draken kommt aus der Küche, Handtuch über der Schulter, grinst kurz. „Lass ihn. Wenn Mikey ‘normal’ sagt, war er irgendwo, wo’s ihm gut ging.
Mikey wirft Draken einen Blick zu, der fast ein Lächeln ist. „Red nicht.“
Draken lacht leise. „Zu spät.“
Mikey denkt: Hier ist einfach. Emma nervt. Draken grinst. Das ist Familie.
Emma folgt ihm ins Wohnzimmer und setzt sich direkt neben ihn aufs Sofa, als wäre er noch immer ihr kleiner Bruder. „Okay. Sag’s.“
Mikey lehnt sich zurück. „Was?“
„Du warst bei Lia“, sagt Emma.
Mikey blinzelt einmal. „Ja.“
Emma zeigt mit dem Finger auf ihn. „Und du hast gegessen.“
Mikey: „Ja.“
Draken setzt sich gegenüber, schaut Mikey ruhig an. „Sie kocht gut?“
Mikeys Mundwinkel zucken. „Brutal.“
Emma quietscht fast. „OH MEIN GOTT. Er sagt ‘brutal’! Er ist verliebt!“
„Nein“, sagt Mikey sofort. Zu schnell.
Draken lacht. „Mhm.“
Mikey denkt: Vielleicht nicht verliebt. Aber… es klickt.
Emma lehnt sich vor. „Ist sie nett zu dir?“
Mikey schaut Emma an. „Ja.“
„Und bist du nett zu ihr?“ Emma kneift die Augen zusammen. „Ich mein wirklich nett. Nicht Mikey-normale nett.“
Mikey schnaubt leise. „Ja.“
Draken nickt zufrieden, als wäre das die einzig wichtige Antwort. „Gut.“
Emma grinst. „Wann darf ich sie kennenlernen?“
Mikey zuckt mit den Schultern. „Vielleicht Weihnachten.“
Emma reißt die Augen auf. „WAS?“
Draken hebt eine Braue. „Weihnachten bei ihr?“
Mikey nickt. „Sie hat gefragt. Bei ihr. Mit ihren Schwestern. Bruder. Bester Freund.“
Emma wird sofort weich. „Das klingt voll schön.“
Draken schaut Mikey an. „Willst du das?“
Mikey antwortet ohne Zögern. „Ja.“
Emma klatscht einmal zu laut und hält sich dann den Mund. „Oh ups.“
Mikey sieht sie an. „Emma.“
„Sorry“, flüstert sie und grinst weiter.
Draken lehnt sich zurück. „Dann gehen wir. Aber ruhig. Kein Stress.“
Mikey nickt. „Ja.“
Mikey denkt: Wenn Draken ‘ruhig’ sagt, meint er’s. Gut.
Emma stupst Mikey mit der Schulter an. „Und du?“ Sie grinst frech. „Bringst du ein Geschenk mit oder lässt du Lia wieder alles machen?“
Mikey: „Ich bring was.“
Emma: „Ohhh. Mikey bringt was.“
Draken grinst. „Wunder gibt’s.“
Mikey rollt minimal die Augen. „Ihr seid nervig.“
Emma strahlt. „Ja.“
Draken steht auf. „Ich hol was zu trinken.“
Mikey bleibt sitzen, lässt den Rücken ins Sofa sinken. Für einen Moment ist er einfach nur da.
Mikey denkt: Das ist gut. Das ist ruhig. Das ist… möglich.
Da vibriert sein Handy.
Ein Blick auf den Bildschirm:
Lia: „Hey. Chifuyu und Kazutora kommen auch.“
Mikeys Augen bleiben einen Beat zu lange auf der Nachricht hängen. Dann zucken seine Mundwinkel. Ein echtes kleines Lächeln, das er nicht versteckt.
Emma beugt sich sofort rüber. „WAS hat sie geschrieben?“
Mikey hält das Handy weg. „Nichts.“
Emma: „Du LÜGST.“
Mikey: „Ich lüge nicht. Ich sag nur nichts.“
Draken kommt mit den Gläsern zurück und sieht Mikeys Gesicht. Er bleibt kurz stehen. „Okay… du lächelst. Das ist neu.“
Mikey schaut nicht mal hoch. „Halt’s Maul.“
Draken lacht. „Ja.“
Emma klatscht wieder fast, diesmal leise. „Sie kommen alle. Das wird ein richtiges Essen!“
Mikey tippt kurz zurück. Keine Romane. Mikey halt.
Mikey: „Gut. Sag ihr: wir sind dabei.“
Er steckt das Handy weg, aber die Ruhe in seinem Gesicht ist anders als vorher.
Mikey denkt:
Sie baut einen Kreis. Und ich bin drin.
Und meine Leute kommen. Das ist… richtig.
Emma lehnt sich an Mikey, zufrieden wie ein Kind. „Das wird schön.“
Mikey sagt leise: „Ja.“
Und diesmal klingt es nicht wie ein Wort.
Sondern wie eine Entscheidung.
Als Mikey später aufsteht, ist es nicht abrupt. Keine Flucht. Eher ein ruhiges „genug“.
Emma steht gleich mit ihm auf, als wäre es ihre Pflicht. „Schreib ihr, wenn du zuhause bist.“
Mikey zieht die Schuhe an, schaut Emma an. „Du bist anstrengend.“
Emma grinst. „Ja. Schreib trotzdem.“
Draken lehnt am Türrahmen, Arme verschränkt. „Fahr ruhig. Und mach nichts Dummes.“
Mikey schnaubt leise. „Mach ich nie.“
Draken hebt eine Braue. „Mhm.“
Mikey geht raus. Kalte Luft. Dunkelheit. Die Straße ist still, als würde die Stadt auch langsam schlafen.
Er bleibt einen Moment am Auto stehen, bevor er einsteigt. Nicht weil er zögert — weil er denkt.
Mikey denkt:
Emma freut sich.
Draken ist dabei.
Und Lia hat geschrieben, als wäre das normal.
Er startet den Motor, fährt los. Ohne Musik.
Die Straßenlaternen ziehen Linien über die Windschutzscheibe. Mikey hält das Lenkrad ruhig, und in seinem Kopf ordnet sich alles so, wie er es mag: klar.
Mikey denkt:
Weihnachten bei Lia.
Ihre Schwestern. Ihr Bruder. Ditoj. Yahiko.
Und Chifuyu und Kazutora.
Mein Kreis und ihr Kreis… im selben Raum.
Ein Teil in ihm wird wachsam, automatisch. Nicht aus Angst, eher aus Verantwortungsgefühl.
Mikey denkt:
Wenn das schief geht, liegt es an mir.
Also wird es nicht schief gehen.
Er sieht Lia vor sich, wie sie in der Küche steht. Wie sie leise tanzt, wenn keiner guckt. Wie sie Mama zu einer Katze sagt, ohne sich zu schämen.
Mikey denkt:
Sie ist extrem attraktiv.
Und sie ist… ernst.
Das ist das Gefährliche. Weil ich dann auch ernst werde.
Er denkt an die Nachricht: „Chifuyu und Kazutora kommen auch.“
Kein Drama. Kein „hoffentlich“. Einfach gesetzt.
Mikey denkt:
Sie plant.
Und ich mag, dass sie plant.
Weil ich dann bleiben kann, ohne zu rennen.
An einer roten Ampel nimmt er kurz das Handy raus, sieht Lias Kontakt. Er tippt nicht sofort. Er wartet einen Beat, weil er nicht impulsiv werden will.
Mikey denkt:
Nicht schreiben, um zu kleben.
Schreiben, um da zu sein.
Dann tippt er kurz:
„Bin auf dem Weg. Alles ruhig bei euch?“
Er legt das Handy weg, Ampel wird grün, er fährt weiter.
Die Dunkelheit draußen fühlt sich heute anders an. Nicht weg. Aber weniger schwer.
Mikey denkt:
Vielleicht, weil ich einen Ort habe, wo ich weich sein darf.
Und weil Lia Nähe will.
Und ich darf.
Als er in seine Straße einbiegt, ist sein Kopf nicht voller Lärm, sondern voller Klarheit:
Mikey denkt:
Samstag war Anfang.
Heute war echt.
Und Weihnachten… wird wichtig.
Er parkt, steigt aus, atmet einmal aus.
Und bevor er die Tür hinter sich schließt, schaut er noch einmal auf das warme Licht in seinem eigenen Zuhause — und merkt, dass er gerade zum ersten Mal seit langem denkt:
Mikey denkt: Ich bin nicht allein.
Das Handy vibriert, als Mikey gerade die Tür hinter sich schließt.
Er schaut drauf.
Lia: „Ich freu mich auf Weihnachten. Gut. Schlaf gut Mikey :)“
Mikey bleibt einen Moment stehen.
Nicht weil er überrascht ist, dass sie schreibt. Sondern wegen dem Smiley. Wegen dem Schlaf gut Mikey. Das ist weich. Persönlich. Und Lia ist nicht leicht weich, wenn es nicht echt ist.
Mikey denkt:
Sie schreibt meinen Namen.
Und sie freut sich wirklich.
Das ist… gefährlich schön.
Seine Mundwinkel zucken. Ein echtes kleines Lächeln, das er nicht wegdrückt.
Er tippt nicht sofort hektisch. Mikey macht das ruhig. Dann schreibt er kurz zurück — kein Roman, aber klar:
Mikey: „Du auch. Schlaf gut.“
Er hält kurz inne, Daumen über der Tastatur.
Mikey denkt:
Smiley? Nein.
Noch nicht.
Dann fügt er trotzdem etwas hinzu. Etwas, das Mikey ist:
Mikey: „Danke für heute.“
Er steckt das Handy weg. Der Raum ist still.
Und Mikey merkt, dass er heute leichter atmet als sonst — nicht weil irgendwas gelöst ist, sondern weil etwas angefangen hat, das sich richtig anfühlt.
Weihnachtsfest
Vorbereitung
Der Morgen fühlt sich anders an, noch bevor Lia die Augen öffnet.
Kein Wecker.
Kein inneres „Du musst“.
Nur Stille – echte Stille.
Lia bleibt einen Moment liegen und hört auf das Haus. Nichts. Kein Stress. Kein Krankenhaus in ihrem Kopf. Dann erst steht sie auf, zieht sich langsam etwas Bequemes über und geht barfuß nach oben.
Mochi liegt eingerollt in ihrem Zimmer, blinzelt verschlafen, als Lia sich hinkniet.
„Guten Morgen“, murmelt Lia.
Mochi antwortet mit einem leisen, zufriedenen Laut. Das geschiente Bein liegt ruhig. Alles okay.
Lia atmet aus. Urlaub. Wirklich Urlaub.
Unten macht sie Kaffee, setzt sich ans Fenster, liest ein paar Seiten – nicht konzentriert, eher zum Ankommen. Ihr Handy liegt neben der Tasse. Kein Diensthandy. Nur ihres.
Es vibriert.
Mikey:
„Morgen. Urlaubstag eins.“
Lia lächelt, ohne es zu merken, und tippt zurück.
Lia:
„Ja. Noch ungewohnt.“
Ein paar Sekunden später:
Mikey:
„Gut.“
Mehr nicht. Und genau das reicht.
Lia legt das Handy weg, nimmt einen Schluck Kaffee – und in ihrem Kopf klickt der nächste Punkt auf der Liste ganz automatisch ein.
Weihnachten.
Sie steht auf, geht kurz noch einmal zu Mochi, prüft Wasser und Decke, dann holt sie ihre Tasche. Kein Stress, kein Rennen – nur Planung.
Im Flur zieht sie sich Schuhe an, nimmt den Schlüssel, und bevor sie die Tür schließt, sagt sie leise Richtung Treppe:
„Ich bin gleich wieder da, Mochi.“
Dann fährt sie los – einkaufen.
Nicht nur „ein bisschen“. Richtig. Alles für Weihnachten: Zutaten, Getränke, Kleinkram, den man sonst vergisst. Lia mit Einkaufszettel im Kopf, weil sie so ist.
Und diesmal hat sie Zeit dafür.
Der Camaro steht wieder in der Einfahrt, als Lia vom Einkaufen zurückkommt. Tüten, Ordnung, alles verstaut. Weihnachten ist im Haus, noch bevor es da ist.
Mochi ist ruhig, schläft viel, schaut kurz hoch, als Lia am Zimmer vorbeigeht. Lia prüft automatisch Wasser und Decke, dann lässt sie sie in Frieden.
Lia und Mikey
Alltag Rhythmus
Mikey ist früh wach, wie immer. Auch wenn Lia jetzt Urlaub hat – er bleibt im Rhythmus. Er ist kurz in der Werkstatt, erledigt Kleinkram, delegiert den Rest. Kein voller Tag.
Mikey denkt:
Sie hat frei. Ich dräng mich nicht rein.
Aber ich bin da, wenn sie will.
Er schreibt ihr nicht dauernd. Er weiß: Lia genießt Ruhe. Also lässt er Platz – bewusst.
Lia und Mikey
Urlaub Kreis
Lia räumt ein bisschen, ohne Ziel. Sie sortiert Bücher, stellt eine Pflanze um, bleibt immer wieder stehen, um Mochi zu beobachten. Zwischendurch denkt sie an Weihnachten, an Emma, an Draken, an Ditoj, Yahiko – und daran, dass Mikey dazugehören wird.
Nicht als Gast.
Als jemand, der bleibt.
Ihr Handy vibriert erneut.
Mikey:
„Ich bin später kurz in der Nähe. Soll ich vorbeikommen oder lieber nicht stören?“
Lia liest die Nachricht zweimal. Nicht weil sie unsicher ist – sondern weil sie mag, wie er fragt.
Sie antwortet ehrlich:
Lia: „Du störst nicht, gerne kannst du kommen wenn du willst.“
Kurzer Beat.
Mikey: „Okay.“
Mikey denkt: Sie lädt ein. Ohne Druck. Das heißt: Ich darf.
Es klingelt.
Lia öffnet, und Mikey steht da — schwarze Haare, ruhige Augen, diese stille Präsenz, die nicht drängt und trotzdem alles füllt. Er zieht die Schuhe aus, stellt sie ordentlich hin. Wie immer.
Mikey denkt: Urlaubstag eins. Und sie hat mich reingelassen.
Lia bleibt einen Herzschlag stehen, als würde sie etwas abwägen, das sie sonst nicht abwägt. Dann fragt sie leise, ehrlich:
„Darf ich dich umarmen?“
Mikey blinzelt einmal, und seine Antwort ist nicht groß. Nur ein kleines Nicken.
„Ja.“
Mikey denkt:
Sie fragt.
Gut.
Lia tritt näher und legt die Arme um ihn. Zärtlich. Kein festes Klammern. Nur warm. Ihre Hand findet seinen Nacken, streicht kurz darüber, als würde sie dort Ruhe ablegen.
Mikey hält einen Moment still — dann hebt er die Arme und legt sie ruhig um sie. Nicht fest. Aber echt.
Mikey denkt:
Sie will Nähe.
Ich auch.
Lia löst sich zuerst, ganz weich, bleibt aber nah stehen, als hätte sie keine Lust auf Abstand.
„Kaffee?“ fragt sie.
„Ja“, sagt Mikey.
Lia geht in die Küche, macht Kaffee, als wäre das ein Ritual. Mikey folgt nicht direkt hinterher, aber er bleibt in ihrer Nähe, lehnt sich an den Türrahmen, schaut zu, ohne zu stören.
Mikey denkt:
Sie wirkt leichter.
Urlaub steht ihr.
Mit zwei Tassen geht Lia ins Wohnzimmer. Sie setzt sich aufs Sofa — direkt wieder neben Mikey, als wäre das inzwischen der Normalzustand. Knie berühren sich fast, Schulter dicht.
Mikey rückt nicht dramatisch näher. Er passt sich einfach an.
Mikey denkt:
Kleben ist okay.
Ruhig kleben.
Lia nimmt einen Schluck, dann sagt sie ganz nebenbei, als wäre es eine kleine Trophäe:
„Ich war einkaufen. Ich hab schon alles besorgt. Für Weihnachten.“
Mikey schaut sie an. Ein kurzer Blick, der mehr sagt als Worte.
Mikey denkt:
Sie plant. Sie hält.
Und sie freut sich.
„Gut“, sagt Mikey.
Lia lächelt, ein bisschen stolz, ein bisschen erleichtert. „Ja.“
Dann wird es wieder still. Nicht unangenehm — eher so, dass man merkt, wie sehr Lia genau das gebraucht hat: Urlaub, Kaffee, Sofa… und Mikey, der einfach da ist.
Lia stellt die Kaffeetasse ab, lehnt sich zurück und schaut Mikey kurz von der Seite an.
„Fernsehen?“ fragt sie ruhig.
Mikey nickt. „Ja.“
Mikey denkt:
Ruhig.
Gut.
Lia nimmt die Fernbedienung, stellt die Lautstärke automatisch niedrig, wegen Mochi, und wählt etwas aus, ohne lange zu suchen. Dann rutscht sie wieder dicht an Mikey — nah genug, dass ihre Knie sich fast berühren. Es wirkt nicht mutig. Es wirkt richtig.
Mikey passt sich an, locker, selbstverständlich. Arm um sie, ohne sie festzuhalten.
Mikey denkt:
Kleben.
Ja.
Nach ein paar Minuten sagt Lia leise, als wäre es ein Plan, den man nebenbei setzt:
„Morgen würde ich vorschlagen… 18 Uhr.“ Sie schaut kurz zu ihm. „Du kannst Emma und Draken Bescheid geben.“
Mikey nickt. „Okay.“
Lia zögert einen Herzschlag, dann fügt sie ehrlich hinzu:
„Und… wenn du noch jemanden dabei haben willst, der dir wichtig ist, sag’s einfach.“ Ein kleiner Atemzug. „Ich kenn die Leute noch nicht, aber… ich möchte, dass es für dich passt.“
Mikeys Blick bleibt ruhig auf ihr.
Mikey denkt:
Sie macht Platz.
Ohne zu kennen.
Das zählt.
„Okay“, sagt Mikey leise. „Ich sag’s dir.“
Lia nickt. Und weil Mikey sie dabei ein bisschen zu lange ansieht, wird sie leicht rot — nicht knallrot, nur dieses feine Rosa, das verrät: Ich find dich süß. Und attraktiv.
Mikey merkt es sofort.
Er sagt nichts dazu. Stattdessen zieht er die Decke ein Stück höher über ihre Beine. Ein kleiner Handgriff, ganz Mikey.
Lia atmet aus und wird noch einen Tick röter.
„Du bist…“, murmelt sie.
„Was?“
„…süß“, gibt sie zu, leise, und schaut schnell wieder zum Fernseher, ohne wegzurutschen.
Mikeys Mundwinkel zucken.
Mikey denkt:
Sie sagt’s.
Sie bleibt.
Er rückt einen Millimeter näher, so dass sie noch bequemer in seinem Arm liegt.
Der Fernseher läuft weiter.
Und der Plan für morgen steht, ohne dass er schwer wird:
18 Uhr. Lia. Emma. Draken.
Und der Rest… kommt, wenn Mikey sagt, wer dazugehört.
Der Film läuft weiter, aber nach einer Weile wird er nur noch Hintergrund. Lia bleibt nah an Mikey, warm unter der Decke, und ihre Wangen sind immer noch leicht rosa, weil sie „süß“ gesagt hat und nicht weggerutscht ist.
Mikey sagt nichts Großes dazu. Er hält einfach.
Mikey denkt:
Sie bleibt nah.
Ich auch.
Lia gähnt leise, blinzelt, und schaut kurz Richtung Treppe, als würde sie Mochi „hören“, obwohl es still ist.
„Ich geh kurz schauen“, murmelt sie.
Mikey nickt. „Okay.“
Lia ist nicht lange weg. Nur ein kurzer Check, dann kommt sie wieder, setzt sich wieder genau dorthin, wo sie war — als wäre das inzwischen ihr Platz.
Und Mikey? Mikey rückt nicht dramatisch ran. Er ist schon da.
Nach ein paar Minuten nimmt Mikey sein Handy raus. Keine Show. Nur eine Entscheidung. Er tippt eine kurze Nachricht.
Lia schaut nicht direkt hin. Sie ist nicht neugierig, nicht kontrollierend. Aber sie merkt, dass er etwas „setzt“.
Mikey denkt:
Jetzt klären.
Ruhig.
Er schreibt Takemichi:
„Morgen 18 Uhr Essen. Kommst du mit Hina? Ich sag dir die Adresse.“
Dann legt er das Handy wieder weg.
Lia blinzelt. „Das war… dein Freund?“
„Ja“, sagt Mikey.
Lia nickt. Kein Nachfragen. Nur ein leises: „Okay.“
Mikey schaut sie einen Moment an, als würde er prüfen, ob sie wirklich okay ist damit.
Mikey denkt:
Sie sagt nicht nein.
Sie wird’s aushalten.
Dann vibriert sein Handy.
Er schaut drauf.
Takemichi: „Ja! Wir kommen! Danke! 😭🙏“
Mikeys Mundwinkel zucken minimal.
Mikey denkt:
Typisch.
Gut.
Er tippt nur kurz:
„18 Uhr. Sei pünktlich.“
Dann schaut er zu Lia. „Sie kommen.“
Lia blinzelt einmal, dann nickt sie. „Okay.“
Und diesmal wird sie nicht rot aus Verlegenheit, sondern weil sie spürt, dass Mikey ihr gerade einen Teil seines Kreises anvertraut.
„Dann… sag ich Lisa und Laura auch nochmal Bescheid“, murmelt sie.
Mikey nickt.
Mikey denkt:
Mein Kreis.
Ihr Kreis.
Ein Tisch.
Der Film läuft leise. Lia liegt halb an Mikey, die Decke über ihren Beinen, und ihre Hand hat sich unbewusst an seinem Hoodie-Ärmel festgefunden. Nicht ziehen, nicht nervös — einfach dieses kleine Fummeln, als wäre der Stoff ein Anker.
Mikey denkt:
Sie sucht Kontakt.
Ich bleib.
Er lässt sie machen. Keine Bewegung, die sie aus dem Rhythmus bringt. Aber er ist nicht passiv.
Mikey nimmt die Fernbedienung, stellt die Lautstärke noch einen Tick runter, als im Film plötzlich Musik lauter wird. Er schaut dabei nicht zu ihr, als wäre es ein „für dich“. Er macht’s einfach.
Lia merkt es trotzdem. Ihre Mundwinkel zucken.
Sie fummelt weiter am Ärmel, diesmal etwas höher, bis sie seine Hand auf dem Sofa erreicht. Ihre Finger streifen kurz seine Knöchel, dann bleiben sie dort liegen — so, als hätte sie sich entschieden: Okay, jetzt echt Kontakt.
Mikey dreht seine Hand langsam um, ganz ruhig, und legt sie über ihre. Nicht fest. Nur warm.
Mikey denkt:
So.
Genau so.
Lia wird ein kleines bisschen rot, aber sie rutscht nicht weg. Sie bleibt, schaut wieder zum Film, tut so als wäre es nichts.
Ein Charakter im Film macht irgendeinen dummen Spruch. Lia lacht leise. Mikey schaut sie kurz an, nur einen Beat, und seine Mundwinkel zucken minimal.
„War schlecht“, sagt er trocken.
Lia schaut zu ihm. „Du lachst nicht mal richtig.“
„Doch“, sagt Mikey, völlig ernst.
Lia schnaubt leise und wird wieder ein bisschen röter, weil er sie dabei ansieht, als würde er sich das merken.
Mikey denkt:
Sie ist süß.
Und sie bleibt.
Nach einer Weile, als der Film in eine ruhigere Szene kippt, dreht Lia den Kopf zu ihm. Ihre Stimme ist leise, fast vorsichtig — nicht weil sie Angst hat, sondern weil es sich wichtiger anfühlt als Smalltalk.
„Morgen…“ beginnt sie, dann stoppt sie kurz, als würde sie sich nicht blöd anhören wollen. „Sitzt du dann neben mir? Beim Essen.“
Mikey antwortet sofort. Kein Zögern.
„Ja.“
Lia blinzelt. „Echt?“
Mikeys Blick bleibt ruhig. „Ja.“
Mikey denkt:
Neben ihr ist richtig.
Ich lass sie nicht allein im Raum.
Lia atmet aus, als wäre das genau die Antwort, die sie gebraucht hat. Ihre Finger spielen noch einmal kurz mit seinem Ärmel, dann lassen sie los — und wandern stattdessen unter seine Hand, so dass ihre Handfläche richtig in seiner liegt.
Mikey macht nichts Großes daraus. Er hält sie einfach.
Lia murmelt, halb zum Film, halb zu ihm: „Ich hab wirklich alles eingekauft. Es wird genug sein.“
„Ich weiß“, sagt Mikey.
„Woher?“
Mikey schaut sie an. „Weil du so bist.“
Lia wird wieder leicht rot und dreht den Kopf weg, aber sie lächelt. Und Mikey merkt: Sie versteckt sich nicht. Sie genießt es.
Mikey denkt:
Sie lässt mich näher.
Langsam.
Gut.
Dann greift Mikey zu seinem Handy, nicht hektisch, nur kurz. Er tippt eine Nachricht — ohne dass Lia fragen muss, an wen.
„Emma und Draken“, sagt er ruhig, als er’s weglegt. „Ich sag ihnen 18 Uhr.“
Lia nickt. „Okay.“
Sie schauen weiter, Hand in Hand, als wäre das inzwischen normal. Und obwohl sie sich erst seit sieben Tagen kennen, fühlt es sich nicht nach „fremd“ an — eher nach: Wir lernen uns gerade in Echtzeit.
Lia schaltet den Fernseher leiser, als wäre es nebenbei. Dann dreht sie den Kopf zu Mikey, noch in seiner Nähe, Decke über den Beinen.
„Wollen wir ein bisschen spazieren?“ fragt sie ruhig. „Draußen was essen.“
Mikey schaut sie an.
Mikey denkt:
Sie fragt.
Also ja.
„Ja“, sagt er.
Lia steht auf, zieht sich etwas Warmes an. Mikey macht das Gleiche, ohne Hektik. Als sie rausgehen, ist es kalt genug, dass Lia die Hände in die Manteltaschen schiebt. Mikey geht neben ihr, nah, ohne sie zu schieben.
Hand und Herz
Wir
Sie laufen durch die ruhige Straße, vorbei an Lichtern in Fenstern, an Menschen, die schon nach Feiertagen aussehen. Lia wirkt leichter als sonst, aber sie bleibt Lia: wach, ruhig, organisiert.
Nach ein paar Minuten bleibt sie vor einem Buchladen stehen, als hätte ihr Blick ihn schon längst gesehen.
„Ich geh kurz rein“, sagt sie. „Nur kurz.“
Mikey nickt. „Okay.“
Mikey denkt:
Sie kommt wieder.
Ich warte.
Lia verschwindet im Laden. Mikey bleibt draußen, Hände in den Taschen, Blick ruhig über die Straße.
Dann passiert es.
Eine Frau bleibt neben ihm stehen, deutlich zu nah für Zufall. Lächeln, Blick, diese sichere Stimme.
„Hey… du bist doch Mikey, oder?“
Mikey schaut sie an. Ruhig. Keine Überraschung.
„Ja“, sagt er.
Sie lächelt breiter. „Du bist echt hübsch. Hast du—“
Mikey unterbricht nicht hart. Nur klar.
„Nein.“
Ein Beat.
„Nein was?“ fragt sie, als wäre sie es nicht gewohnt.
Mikeys Blick bleibt flach. „Kein Interesse.“
Mikey denkt:
Keine Diskussion.
Nicht meine Person.
Sie lacht, als wäre das ein Spiel. „Oh komm, nur kurz—“
Mikey bewegt sich minimal zur Seite. Nicht aggressiv, aber eindeutig. Seine Stimme bleibt ruhig.
„Geh.“
Das Wort ist nicht laut. Aber es ist endgültig.
Die Person zieht sich zurück, beleidigt oder verwirrt. Mikey schaut ihr nicht nach. Er wartet weiter.
Mikey denkt:
Lia sieht das.
Gut.
Denn in der Schaufensterscheibe spiegelt sich kurz: Lia an der Kasse. Sie hat es gesehen. Sie sagt nichts. Sie bezahlt nur, ganz ruhig.
Als Lia rauskommt, hat sie eine kleine Tüte in der Hand. Sie stellt sich neben Mikey, als wäre nichts passiert. Aber ihr Blick ist einen Tick anders: aufmerksam, kurz kühl, dann wieder normal.
Sie sagt kein Wort darüber.
Mikey auch nicht.
Stattdessen rückt Mikey einen halben Schritt näher an ihre Seite, als würden sie sich automatisch „sortieren“.
Mikey denkt:
Sie hat’s gesehen.
Sie bleibt.
Gut.
Lia atmet einmal aus. Dann sagt sie trocken: „Okay. Essen.“
Und Mikey merkt: Das war ihre Art von „ich hab’s registriert“. Kein Drama. Nur Fakt.
Sie holen sich draußen etwas Warmes zu essen, irgendwo, wo es nicht laut ist. Ein kleiner Laden, gedämpftes Licht, leise Stimmen, der Geruch von heißem Essen in kalter Luft. Lia wählt einen Platz, der ruhig ist — nicht mitten im Raum. Mikey setzt sich ganz selbstverständlich neben sie, nicht gegenüber. Als wäre es klar, wo er hingehört.
Lia isst ruhig, ohne Eile. Mikey auch. Für ein paar Minuten ist es einfach nur angenehm — dieses seltene „nichts muss jetzt“.
Mikey denkt:
Ruhig.
Neben ihr.
Lia nimmt einen Schluck, legt die Stäbchen/ Gabel kurz ab. „Ich geh kurz auf Toilette.“
Mikey nickt. „Okay.“
Mikey denkt:
Ich warte.
Immer.
Sie geht, und Mikey bleibt sitzen. Er schaut nicht aufs Handy. Er schaut nicht „wachsam“ in jede Ecke. Er ist einfach da — still, konstant. Der Platz neben ihm bleibt frei, als wäre es ein Versprechen.
Als Lia aus dem Toilettenbereich kommt, steht da jemand, der sich zu lang in ihren Weg stellt. Ein Lächeln, ein Blick auf ihre Haare, auf ihre Tattoos.
„Hey… du bist wunderschön.“
Lia bleibt stehen. Nicht erschrocken. Nicht geschmeichelt. Nur ruhig.
„Danke“, sagt sie höflich.
„Hast du Lust—“ der Typ/die Person lehnt sich minimal näher, „—mit mir—“
Lia lächelt freundlich. Aber es ist dieses Lächeln, das eine Tür schließt. „Nein“, sagt sie.
„Warum denn nicht?“
Lia antwortet nicht mit Erklärung. Sie antwortet mit Wahrheit — kurz, klar, ohne Show.
„Weil ich das nicht will.“
Sie geht an der Person vorbei, ohne Eile, ohne Angst. Kein Drama, kein Flirt zurück.
Als Lia zurückkommt, sieht Mikey es sofort an ihr, noch bevor sie überhaupt am Tisch ist: ein minimal anderes Tempo, ein klein wenig Spannung in den Schultern, die sie normalerweise nicht hat.
Sie setzt sich wieder neben ihn. Genau dort. Kein Zögern.
Mikey hebt den Blick. Er fragt nicht. Aber seine Hand bewegt sich ganz langsam unter dem Tisch, dorthin, wo ihr Knie ist — eine Sekunde Kontakt. Nicht possessiv. Eher: Ich bin hier.
Mikey denkt:
Jemand war zu nah.
Sie ist zurückgekommen.
Lia atmet leise aus. Und erst jetzt merkt man, dass sie überhaupt etwas hatte.
Sie sagt nichts sofort. Sie greift nur nach der Serviette, so als wäre alles normal. Aber Mikey spürt an ihrem Atem, dass sie gerade bewusst normal spielt.
Er rückt nicht näher, sagt nichts, zieht keine Szene. Er hält nur den Kontakt, ruhig.
Lia legt ihre Hand unter dem Tisch auf seine — ganz kurz, ein Druck, der mehr sagt als Worte: Ich hab’s gesehen. Ich hab’s beendet. Ich bin hier.
Mikeys Daumen bewegt sich einmal, minimal, über ihren Handrücken. Kein Streicheln fürs Publikum. Nur dieses kleine „okay“.
Mikey denkt:
Sie lässt niemanden rein.
So wie ich.
Lia schaut ihn einen Herzschlag lang an. Keine Erklärung. Nur dieser Blick, der sagt: Ich wollte nur zurück.
Mikey antwortet nicht mit Worten. Er nickt minimal, als wäre das alles, was nötig ist.
Die Hand bleibt noch einen Moment unter dem Tisch. Dann löst sie sich langsam, weil Lia wieder essen will, wieder normal sein will.
Aber der Platz neben Mikey bleibt nicht „frei“ — er bleibt ihr Platz. Und beide wissen es, ohne dass es jemand laut machen muss.
Sie essen weiter.
Und dieses kleine, stille „wir“ sitzt zwischen ihnen wie Wärme.
Als sie fertig sind, gehen sie langsam nach draußen. Kalte Luft, warmer Atem. Lia wirkt ruhig, aber irgendetwas an ihr ist klarer — nicht angespannt, eher entschieden. Mikey bleibt dicht bei ihr, ohne sie zu ziehen. Einfach neben ihr, Schritt für Schritt.
Nacht und Atem
Zuhause
Im Flur ist es warm. Leises Licht. Das Haus atmet ruhig, und oben schläft Mochi.
Lia schließt die Tür, legt den Schlüssel ab. Der Abend liegt noch in der Luft — nicht als Kitsch, eher als etwas, das man nicht wegschieben will. Mikey steht nah genug, dass sie ihn spürt, aber er drängt nicht.
Mikey denkt:
Ich will bleiben.
Aber ich dränge nicht.
„War schön“, sagt Lia leise.
Mikey nickt. Sein Blick bleibt einen Moment auf ihr liegen. Ruhig. Schwer.
„Ja“, sagt er.
Lia lächelt klein. Und in ihr zieht es gleichzeitig warm und nervös. Zu schnell? Zu viel? Sie hasst, dass sie überhaupt darüber nachdenkt, weil ihr Körper längst „ja“ sagt.
Sie beobachtet Mikey, wie er sich zur Tür dreht. Nicht abrupt. Langsam. Als würde er Zeit lassen.
Er zieht die Schuhe an — nicht hastig. Fast absichtlich langsam. Dann steht er mit der Hand am Türgriff, schaut nochmal zurück.
Kein Drama. Nur dieses stille „ich kann gehen… oder bleiben“.
Mikey denkt:
Wenn sie mich hält, bleibe ich.
Wenn nicht, gehe ich ruhig.
Lia bleibt stehen. Ein Herzschlag zu lang. Sie kämpft innerlich, nicht gegen ihn — gegen den Gedanken „es ist erst eine Woche“. Gegen dieses alte Verantwortungsding in ihr, das immer korrekt sein will.
Mikey denkt:
Sie überlegt.
Ich warte.
Mikey öffnet die Tür, kalte Luft schiebt sich in den warmen Flur. Er macht einen Schritt raus.
Und genau da — in dem Moment, in dem die Entscheidung droht zu fallen, ohne dass Lia sie wirklich getroffen hat — tut Lia etwas, das so klein ist, dass es niemand außer Mikey merken würde.
Sie macht die Tür wieder ein Stück weiter auf und greift ganz leicht nach seinem Ärmel.
Nicht ziehen. Nicht festhalten. Nur Fingerspitzen. So, dass er jederzeit gehen könnte.
Mikey bleibt sofort stehen.
Mikey denkt:
Okay.
Lia hebt den Blick zu ihm. Ihr Gesicht ist ruhig, aber ihre Wangen sind minimal warm. Sie atmet einmal leise aus.
„Willst du… bleiben?“ fragt sie. Keine Spielchen. Keine Ausrede. Nur ehrlich.
„Auch über Nacht. Wenn ja… dann bleib hier.“
Ein Beat Stille.
Mikey dreht sich langsam zu ihr um. Seine Augen werden ruhiger, tiefer — als hätte sie gerade etwas ausgesprochen, das er die ganze Zeit gehalten hat.
Mikey denkt:
Ja.
Nur bei ihr.
„Ja“, sagt er.
Ein einziges Wort. Aber es sitzt wie eine Entscheidung.
Lia blinzelt einmal, und die Anspannung in ihren Schultern fällt ein Stück ab — als hätte ihr Körper nur darauf gewartet, dass er nicht „kompliziert“ wird.
„Okay“, murmelt sie leise. Mehr bringt sie gerade nicht raus, weil es plötzlich echt ist.
Mikey zieht die Schuhe wieder aus, stellt sie ordentlich hin, als wäre er nie gegangen. Dann bleibt er vor ihr stehen, nah, aber nicht über ihr.
Er hebt die Hand nicht sofort. Er fragt nicht. Er wartet, ob Lia Nähe will.
Lia tritt den winzigen Schritt näher, den sie vorhin nicht geschafft hat.
Mikey legt seine Hand ruhig an ihren unteren Rücken, nur warm, nur da.
Mikey denkt:
Jetzt bleibe ich.
Und ich bin ruhig.
Lia atmet aus — und lehnt sich an ihn, als wäre das die richtige Lösung für alles, was zu früh sein könnte.
Oben bleibt es still.
Und im Flur ist es warm genug, dass „über Nacht“ nicht nach Risiko klingt, sondern nach Zuhause.
Mikey steht noch immer nah bei Lia. Schuhe wieder aus, Tür geschlossen, der Flur warm. Sie ist es, die ihn hier behalten hat. Das sitzt.
Mikey denkt:
Sie will mich hier.
Ich will sie.
Er hebt langsam die Hand, nicht hastig, nicht zögerlich. Seine Finger finden ihr Kinn nicht sofort — erst streifen sie ihren Unterarm, dann ihre Taille, als würde er prüfen, ob sie bleibt.
Lia bleibt.
Sie hebt den Blick zu ihm, kein Zurückweichen, kein Unsicheres. Ihre Wangen sind leicht warm, dieser ehrliche Ton, der verrät, dass sie ihn will.
Mikey kommt näher. Langsam genug, dass sie jederzeit gehen könnte. Sie tut es nicht.
Er küsst sie.
Kein Druck. Kein Erobern. Ein ruhiger, tiefer Kuss, der eher sagt Ich bin hier als Ich nehme. Er bleibt einen Herzschlag länger, löst sich minimal, um zu sehen, ob sie es will.
Lia bleibt nah. Ihre Hand findet seinen Nacken, hält ihn dort. Ein klares Ja.
Mikey denkt:
Gut.
Genau richtig.
Der Kuss wird nicht wilder. Nur sicherer. Dann löst Mikey sich, Stirn kurz an ihre, Atem ruhig.
Er sagt nichts Großes. Nur leise: „Okay.“
Lia lächelt, dieses kleine Lächeln, das ihn jedes Mal trifft. „Okay.“
Sie gehen nicht direkt ins Schlafzimmer. Sie gehen zurück aufs Sofa, als wäre das der Ort, an dem Nähe heute hingehört. Lia setzt sich zuerst, Mikey folgt, zieht sie an sich, selbstverständlich. Sie klebt, er auch.
Mikey denkt:
Ich bleibe.
Und ich halte das ruhig.
Lia lehnt sich an ihn, zufrieden, nicht nervös. Sie ist nicht abgeneigt — sie ist entschieden. Und Mikey bleibt genau so nah, wie sie es will.
Zurück auf dem Sofa bleibt es still. Nicht leer — gut. Lia sitzt nah bei Mikey, Schulter an Schulter, ihre Hand noch immer an seinem Hoodie-Ärmel. Dieses kleine Fummeln, das sagt: Ich bin da.
Mikey denkt:
Bleiben.
Nicht treiben.
Er macht genau das, was er fühlt: Er zieht die Decke ein Stück höher über sie, rückt minimal näher, bis ihre Wärme selbstverständlich ist. Kein Nachfassen, kein Drängen. Nur Nähe halten.
Lia lehnt sich an, zufrieden. Ihr Blick bleibt eine Sekunde zu lange auf seinem, und sie lächelt.
„Schlafen?“ fragt sie leise.
Mikey nickt. „Ja.“
Sie steht auf, zeigt ihm ruhig das Bad. „Hier. Handtuch. Zahnbürste hab ich eine frische.“ Kein Drama, keine Hast. Alles klar.
Mikey denkt:
Sie macht Platz.
Ich geh rein.
Er richtet sich leise her, bleibt respektvoll im Raum, während Lia sich auch fertig macht. Als sie ihm kurz zeigt, wo das Schlafzimmer ist, bleibt er einen Beat stehen — nicht aus Unsicherheit, eher aus diesem Jetzt ist es echt.
Als Lia zurückkommt, wirkt sie ruhig, frisch, ohne Schutz. Sie sieht ihn einen Moment an — lang genug, dass man merkt: sie ist froh, dass er da ist.
Mikey denkt:
Sie schaut.
Gut.
Sie legt sich hin. Ohne Zögern. Neben ihm. Nähe als Entscheidung.
Mikey legt sich dazu, langsam, damit sie Zeit hat. Er dreht sich so, dass sie bequem an ihn passt, ein Arm locker um sie. Nicht festhalten. Nur Rahmen.
Mikey denkt:
So.
Lia rückt näher, legt den Kopf an seine Schulter, ihre Hand findet seine Brust — ruhig, sicher. Sie schaut ihn noch einmal an, dieses lange Schauen, das mehr sagt als Worte.
Mikey hebt die Hand, streicht ihr eine Strähne aus dem Gesicht, ganz leicht. Dann küsst er sie noch einmal ruhig — nur Lippen, kurz, gesetzt. Kein Weitergehen.
Mikey denkt:
Genug.
Sie lächelt, zufrieden, und bleibt. Mikey bleibt auch. Er passt den Griff an, so dass sie gut liegt, und hält den Raum still. Sein Atem wird langsamer, synchroner mit ihrem.
Mikey denkt:
Hier.
Bleiben.
Das Licht ist aus. Oben bleibt alles ruhig. Und im Schlafzimmer ist es warm genug, dass Schlaf sich nicht wie ein Ende anfühlt — sondern wie Ankommen.